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Anti-Stigma Projekte in der Psychiatrie

Doktorarbeit / Dissertation, 2004, 129 Seiten
Autor: Dr. med. Kerstin Wundsam-Gollwitzer
Fach: Medizin

Details

Kategorie: Doktorarbeit / Dissertation
Jahr: 2004
Seiten: 129
Note: 1,0 (magna cum laude)
Literaturverzeichnis: ~ 62  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V123079
ISBN (E-Book): 978-3-640-27998-2


Zusammenfassung / Abstract

„Ich wünsche mir, als Mensch wahrgenommen zu werden und nicht nur als ein unberechenbarer Irrer.“ Die Aussage eines von Schizophrenie Betroffenen beschreibt eine häufige Erfahrung, die psychisch kranke Menschen machen. Die Reaktionen der Allgemeinbevölkerung auf Patienten mit psychiatrischen Krankheiten und speziell mit der Diagnose „Schizophrenie“ sind geprägt von dem der Krankheit anhaftenden Stigma. Man schreibt den Betroffenen negative Eigenschaften zu, wie erhöhte Aggressivität, Gefährlichkeit, Unberechenbarkeit und reduzierte Intelligenz, gepaart mit mangelnder Selbstkontrolle und geringer Disziplin. Gesunde begegnen den Kranken deshalb oft mit Unverständnis, Unsicherheit, Ängstlichkeit, Misstrauen und daraus resultierender Ablehnung. Die beschriebenen negativen Eigenschaften werden zu Stereotypen, die Erkrankte etikettieren („die Schizophrenen“). Konsequenz ist eine Herabsetzung ihres sozialen Status und eine daraus resultierende Diskriminierung. Die negative Diskriminierung aufgrund einer psychiatrischen Erkrankung bedeutet eine erhebliche Reduktion der Lebensqualität für die Betroffenen und stellt einen bedeutenden Hemmfaktor für Therapieerfolge dar, weil die Erkrankten sich zu spät oder gar nicht in psychiatrische Behandlung begeben. Und weiter trifft die Stigmatisierung in unserer Gesellschaft nicht nur Erkrankte, sondern auch ihre Angehörigen und Helfer. Diese Dissertation beschäftigt sich mit Aufklärungsprojekten für die Allgemeinbevölkerung, aktiven Protesten gegen Diskriminierung und mit Möglichkeiten, wie aktiv die Einstellung und das Verhalten von Zielgruppen (z.B. Schülern und Polizisten) positiv beeinflusst werden kann.


Textauszug (computergeneriert)

Anti-Stigma Projekte in der Psychiatrie

1

Abkürzungsverzeichnis

11 GB 51

Großhandelskaufleute, Klasse 11

12 AT 52

Automobilkaufleute, Klasse 12

AG Polizei

trialogische Arbeitsgruppe für das Anti-Stigma Projekt

für Polizeibeamten

AG Schule

trialogische Arbeitsgruppe für das Lernpaket ,,Psychisch

Kranke"

AH1

Arzthelferinnen, Klasse 1

BASTA

Bayerische Anti-Stigma Aktion

E-FB

Einstellungsfragebogen

FFB

Fürstenfeldbruck

HTML

Hypertext

HW 2a

Hauswirtschaft, Klasse 2a

HW 2b

Hauswirtschaft, Klasse 2b

HW 3

Hauswirtschaft, Klasse 3

ID-Nummer

Identifikationsnummer

MHM

Mental Health Media

MK

Klasse für Medienberufe

PHP

Personal Home Page Tools

PIP

Psychosen-Informations-Projekt

SANE

Stigma-Alarm Netzwerk

Soz 2a/2b

Sozialpflege, Klasse 2a/2b

UE

Unterrichtsevaluation

UFOiu

UFOiu Internet Service (Firmenname)

W-FB

Wissensfragebogen

WHO

World Health Organisation

WPA

World Psychiatric Association


Anti-Stigma Projekte in der Psychiatrie

2

Inhaltsverzeichnis

I

EINLEITUNG

4

I.1

STIGMATISIERUNG UND DISKRIMINIERUNG PSYCHIATRISCHER PATIENTEN IN UNSERER
GESELLSCHAFT

4

I.2

SOZIALPSYCHOLOGISCHE GRUNDLAGEN UND BEGRIFFSDEFINITIONEN

5

I.3

HISTORISCHER HINTERGRUND DER STIGMATISIERUNG

8

I.4

WELTWEITE ANTI-STIGMA KAMPAGNEN IN DER PSYCHIATRIE

10

I.5

DIE BAYERISCHE ANTI-STIGMA AKTION BASTA

12

I.5.1 ZIELE, AUFGABEN UND PROJEKTE DER BASTA

12

I.6

FRAGESTELLUNG

14

II

MATERIAL, METHODEN UND ERGEBNISSE

15

II.1

LITERATURÜBERSICHT ZIELGRUPPENORIENTIERTER ANTI-STIGMA PROJEKTE

15

II.1.1 MATERIAL UND METHODIK

15

II.1.2 ERGEBNISSE

17

II.2

WELTWEITE RECHERCHE NACH ZIELGRUPPENORIENTIERTEN ANTI-STIGMA PROJEKTEN

29

II.2.1 MATERIAL UND METHODIK

29

II.2.2 ERGEBNISSE

30

II.3

SEMINAR ZUR SENSIBILISIERUNG VON POLIZEIBEAMTEN IM UMGANG MIT PSYCHISCH
ERKRANKTEN UND DEREN ANGEHÖRIGEN

35

II.3.1 PROJEKTPLANUNG UND ZIELE

36

II.3.2 MATERIAL UND METHODIK

37

II.3.3 ERGEBNISSE

39

II.4

DAS LERNPAKET ,,PSYCHISCH KRANKE" FÜR SCHULEN

45

II.4.1 PROJEKTPLANUNG UND ÖFFENTLICHKEITSARBEIT

45

II.4.2 MATERIAL UND METHODIK

47

II.4.3 ERGEBNISSE

51


Anti-Stigma Projekte in der Psychiatrie

3

III

DISKUSSION

63

III.1

LITERATURRECHERCHE UND W ELTWEITE SUCHE NACH ANTI-STIGMA PROJEKTEN

63

III.1.1 DISKUSSION DER METHODEN

63

III.1.2 DISKUSSION DER ERGEBNISSE

64

III.2

SEMINAR ZUR SENSIBILISIERUNG VON POLIZEIBEAMTEN IM UMGANG MIT PSYCHISCH
ERKRANKTEN UND DEREN ANGEHÖRIGEN

69

III.3

DAS LERNPAKET ,,PSYCHISCH KRANKE" FÜR SCHULEN

72

III.3.1 DISKUSSION DER METHODIK

72

III.3.2 DISKUSSION DER ERGEBNISSE

73

III.3.3 LIMITATIONEN DES LERNPAKETS

78

III.4

SCHLUSSFOLGERUNGEN UND KONSEQUENZEN FÜR ZUKÜNFTIGE PROJEKTE

80

IV

ZUSAMMENFASSUNG

81

V

LITERATURVERZEICHNIS

83

VI

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

88

VII

ANHANG

89

VIII DANKSAGUNG

128


Anti-Stigma Projekte in der Psychiatrie

4

I

Einleitung

I.1

Stigmatisierung und Diskriminierung psychiatrischer
Patienten in unserer Gesellschaft

,,Ich wünsche mir, als Mensch wahrgenommen zu werden und nicht nur als ein

unberechenbarer Irrer." Die Aussage eines von Schizophrenie Betroffenen beschreibt eine

häufige Erfahrung, die psychisch kranke Menschen machen.

Die Reaktionen der Allgemeinbevölkerung auf Patienten mit psychiatrischen Krankheiten und

speziell mit der Diagnose ,,Schizophrenie" sind geprägt von dem der Krankheit anhaftenden

Stigma. Man schreibt den Betroffenen negative Eigenschaften zu, wie erhöhte Aggressivität,

Gefährlichkeit, Unberechenbarkeit und reduzierte Intelligenz, gepaart mit mangelnder

Selbstkontrolle und geringer Disziplin. Gesunde begegnen den Kranken deshalb oft mit

Unverständnis, Unsicherheit, Än gstlichkeit, Misstrauen und daraus resultierender Ablehnung.

Die beschriebenen negativen Eigenschaften werden zu Stereotypen, die Erkrankte etikettieren

und es der Allgemeinheit möglich machen, sie bestimmten Kategorien zu zuordnen (,,die

Schizophrenen"). Konsequenz ist eine Herabsetzung ihres sozialen Status und eine daraus

resultierende Diskriminierung.

Die negative Diskriminierung aufgrund einer psychiatrischen Erkrankung bedeutet eine

erhebliche Reduktion der Lebensqualität für die Betroffenen und stellt einen bedeutenden

Hemmfaktor für Therapieerfolge dar, weil die Erkrankten sich zu spät oder gar nicht in

psychiatrische Behandlung begeben.

Aber die Stigmatisierung trifft in unserer Gesellschaft nicht nur Erkrankte, sondern auch ihre

Angehörigen und Helfer. Schulze und Angermeyer (53/S.80) untersuchten das Stigma aus Sicht

schizophren Erkrankter, ihrer Angehörigen und von Mitarbeitern der psychiatrischen

Versorgung. Dabei konnten sie in einer Fokusgruppenstudie vier Dimensionen des

Stigmaerlebens feststellen: die interpersonelle Interaktion, die strukturelle Diskriminierung, das

Bild psychischer Erkrankungen in der Öffentlichkeit und den erschwerten Zugang zu sozialen

Rollen.

Bei der interpersonellen Interaktion wird die Stigmatisierung im Kontext sozialer Beziehungen

erlebt. Dies beinhaltet Kontakte zu Verwandten, Freunden, Kollegen, Arbeitgebern, Vermietern

und professionellen Helfern. Solche Erfahrungen führen zur Vermeidung und Reduzierung

sozialer Kontakte, bis hin zur sozialen Isolation.

Die strukturelle Diskriminierung wird in Form von Ungerechtigkeiten und Ungleichgewichten in

gesellschaftlichen Strukturen, politischen Entscheidungsprozessen und gesetzlichen

Regelungen wahrgenommen. Die suboptimale Situation in der psychiatrischen Versorgung wird

durch eine unausgewogene Verteilung von Ressourcen im Gesundheitssystem mit verursacht,

was sich in der Qualität der Versorgung psychiatrischer Patienten unvorteilhaft widerspiegelt.


Anti-Stigma Projekte in der Psychiatrie

5

Das Bild psychischer Erkrankungen in der Öffentlichkeit wird geprägt durch die Vorstellung,

dass Kranke grundsätzlich zu Gewalttätigkeiten neigen und daher gefährlicher sind als die

Normalbevölkerung. Vor allem die Medien werden für die Aufrechterhaltung negativer

Stereotypen, das Schüren der Ängste in der Bevölkerung und die Falschdarstellung

psychischer Krankheiten durch reißerische Berichterstattung verantwortlich gemacht.

Die Behinderung des Zugangs zu sozialen Rollen wird in Arbeit und Beruf, Familie und

Partnerschaft sowie der Wohnungssuche erlebt. Die Erfahrungen in diesen Bereichen werden

geprägt durch Misstrauen und Ängste, vermehrte Kritik und die Aberkennung von vorher unter

Beweis gestellten Fähigkeiten. Solche konfliktbeladenen Erlebnisse führen zum Verschweigen

und Verheimlichen der Krankheit.

Ein Bericht von Christian Horvath, Psychiatrie Erfahrener aus Wien und engagierter Leiter einer

Selbsthilfegruppe, geht Hand in Hand mit den Inhalten der Forschung von Schulze und

Angermeyer. Zusätzlich zu den obig genannten vier Dimensionen nennt Horvath das

Phänomen der Selbststigmatisierung, bei der Betroffene ohne das Zutun Außenstehender sich

selbst ausgrenzen. Er beschreibt diese ,,Eigenstigmatisierung" als Produkt der medizinischen

und gesellschaftlichen Stigmatisierungen, die eine persönliche Färbung besitzen und dadurch

tiefer in individuelle Lebenssituationen reichen. Der Betroffene hat in der Eigenstigmatisierung

eine ,,tiefe Wunden schlagende" negative Bewertung von sich selbst. (26/S.27)

Katschnig beschreibt den Prozess der Selbststigmatisierung als Internalisierung des Stereotyps

durch den Betroffenen, der dabei die Rolle des psychisch Kranken und ein negatives und

unrealistisches Selbstbild annimmt. Der Vorgang der Identifizierung mit dem Stereotyp durch

den Erkrankten, besonders bei langen Aufenthalten in psychiatrischen Einrichtungen,

überschneidet sich zum Teil mit dem Phänomen des Hospitalismus. (31/S.16)

,,Das Stigma beschädigt die Identität der von psychischer Erkrankung Betroffenen.

Entmutigung, Selbstentwertung, sozialer Rückzug können eine `zweite Erkrankung´ bewirken,

die mit der ursprünglichen Erkrankung nichts zu tun hat, jedoch die soziale Integration und die

Lebensqualität der Betroffenen negativ beeinflusst. Bereits vor etwa einem halben Jahrhundert

hat der Soziologe Goffman darauf hingewiesen, dass dem ,,Stigma-Management", d.h. der

individuellen Bewältigung des Stigmas eine große Bedeutung zukommt. Die Behandlung des

Stigmas und seiner persönlichen Folgen muss ­ als eine wichtige Anti-Stigma Strategie ­ in der

Therapie berücksichtigt werden." (37/S.2)

I.2

Sozialpsychologische Grundlagen und Begriffsdefinitionen

,,

Stereotype

sind allgemein definiert als Überzeugungen oder Annahmen über die

Eigenschaften und Merkmale einer Gruppe von Personen. Diese beziehen sich entweder auf

alle Angehörigen dieser Gruppe oder zumindest auf deren Mehrheit." Entscheidend ist dabei

der Aspekt der Generalisierung, d.h. die Verallgemeinerung bestimmter Meinungen über

typische Zusammenhänge zwischen Personen und deren Eigenschaften. Die Generalisierung


Anti-Stigma Projekte in der Psychiatrie

6

trifft alle oder die meisten der Personen, die einer bestimmten sozialen Gruppe oder Kategorie

zugeordnet werden. Stereotype müssen also keine Verknüpfung mit Emotionen aufweisen und

können auch positiv gefärbt sein, z.B. ,,Die Deutschen sind ordentlich und fleißig" oder ,,Die

Italiener sind temperamentvoll". (21)

Der Begriff des ,,

Vorurteils"

bezeichnet Einstellungen, die ebenfalls allgemein dadurch

gekennzeichnet sind, dass sie sich auf alle oder die meisten Personen beziehen, die einer

Gruppe oder Kategorie zugeordnet werden. Anders als bei Stereotypen, sind Vorurteile ,,(a) mit

Bewertungen verbundene Überzeugungen und Meinungen über die Eigenschaften und

Merkmale bestimmter Personengruppen (...), (b) emotionale Reaktionen in der Beziehung zu

bestimmten Personengruppen (z.B. Misstrauen oder Furcht) und (c) daran orientierte

Verhaltensdispositionen (z.B. Kontaktvermeidung)." Über diese Charakteristika von

Einstellungen im Allgemeinen und Vorurteilen im Besonderen besteht in der

sozialwissenschaftlichen Forschung inzwischen eine weitgehende Übereinkunft. Häufig wird

allerdings der Vorurteilsbegriff auf negative und abwertende Einstellungen gegenüber

Personengruppen eingegrenzt, was weitestgehend dem alltäglichen Sprachgebrauch

entspricht. Durch diese Eingrenzung werden positive Einstellungen, zum Beispiel gegenüber

Angehörigen der ,,Eigengruppe", automatisch ausgeschlossen, obwohl sie die gleichen

Charakteristika aufweisen - allerdings mit jeweils umgekehrten Vorzeichen. (21)

Aus sozialpsychologischer Sicht beschreibt Zimbardo das ,,

Vorurteil"

als diejenige der

menschlichen Schwächen, die am zerstörerischsten auf die Würde des Einzelnen und die

sozialen Beziehungen unter den Menschen einwirkt. ,,Vorurteile sind ein Beispiel für eine

Fehlentwicklung der subjektiven sozialen Realität und für eine Situation, die lediglich in den

Köpfen bestimmter Menschen vorhanden ist und dennoch das Leben anderer beeinträchtigen

und zerstören kann." Als Vorurteil wird eine erlernte Einstellung gegenüber einem Zielobjekt

bezeichnet, bei der Annahmen (Stereotype) und negative Gefühle (Abneigung oder Angst)

beteiligt sind, die als Rechtfertigung für diese Meinung dienen. Eine falsche Einstellung wird

dann zum Vorurteil, wenn sie auch angesichts angemessener Gegenbeweise gegenüber

Änderungen resistent ist. Vorurteilsbeladene Überzeugungen ermöglichen der gesunden

Bevölkerung bestimmte Personen voreingenommen zu behandeln, sobald diese einmal einer

,,Zielgruppen-Schublade" zugeordnet wurden. Durch das Vorurteil entwickelt sich die Neigung,

Mitglieder dieser Zielgruppe auf der Verhaltensebene zu kontrollieren, zu dominieren, zu

meiden oder zu eliminieren. (62/S.419)

,,Stigma

" ist das griechische Wort für ,,Stich" oder ,,Brandmal". Der Begriff des Stigmas ist im

allgemeinen Wortsinn ein Zeichen oder eine Markierung der Schande. Dieses ,,Zeichen"

ermöglicht es der Gesellschaft, bestimmte Einzelpersonen zu Gruppierungen zuzuordnen. In

der Soziologie versteht man darunter sichtbare (oder) soziale Merkmale, mit denen Menschen

aus der Gruppe der ,,Normalen" ausgesondert werden. Im psychologischen Kontext beziehen

sich Stigma und Stigmatisierung auf die negativen Einstellungen zu einer Person mit


Anti-Stigma Projekte in der Psychiatrie

7

psychischen Auffälligkeiten, welche dazu führen, dass die Person als unerwünscht ausgegrenzt

wird. (10/S.290)

Was als Stigma gilt, ist von Gesellschaft zu Gesellschaft verschieden. Ein Stigma ist aber immer

mit einer Diskriminierung verbunden.

Während Stereotype also hauptsächlich generalisierte Überzeugungen und verallgemeinerte

Meinungen darstellen, bedeuten Vorurteile darüber hinaus auch allgemeine Bewertungen,

gefühlsmäßige Reaktionen und Verhaltensdispositionen. Unter ,,

Diskriminierung"

wird nun die

konkrete Handlung und Verhaltensweise gegenüber Personen mit einem entsprechenden

Stigma verstanden. Die Verhaltensweise orientiert sich daran, ob die Personen zu einer

bestimmten Gruppen dazugehören (z.B. ,,die Schizophrenen"). Zu solchen Handlungen im Zuge

der Diskriminierung zählen zum Beispiel Benachteiligungen beim Zugang zu begehrten

Arbeitsplätzen, Wohnungen und Bildungsinstitutionen, die Verweigerung bestimmter Rechte

und politischer Beteiligungsmöglichkeiten, aber auch gewalttätige Angriffe oder eher subtile

Formen der Kontaktvermeidung gegenüber Personen aufgrund ihrer Zugehörigkeit oder

Zuschreibung zu einer bestimmten Gruppe. (62/S.421)

Stereotype, Stigmata und Diskriminierungen sind folglich voneinander abhängig und

miteinander verknüpft. Laut Schulze und Angermeyer

(53/S.79)

beginnt der

Stigmatisierungsprozess mit der Wahrnehmung und Benennung eines Unterschieds. In der

Folge wird das vergebene Etikett, wie beispielsweise die Diagnose ,,Schizophrenie", mit

negativen, kulturell geprägten und aus Vorurteilen entstammenden Eigenschaften verbunden.

Die negativen Stereotype dienen wiederum als Rechtfertigung, um die etikettierten Personen

aus der Allgemeinheit herauszulösen: sie werden zu einer Kategorie zusammengefasst (z.B.

,,die Schizophrenen") und die Betroffenen erfahren in der Konsequenz eine Herabsetzung ihres

sozialen Status und Diskriminierung. (53/S.79)

Finzen (17/S.316) zitiert zu diesem Thema den amerikanischen Soziologen Erwin Goffmann, der

sich in seinem viel gerühmten Buch ,,Stigma. Notes on the Management of spoiled identity" mit

dem Stigmakonzept der ,,sozialen und personalen Identität" innerhalb der sozialen

Gemeinschaft beschäftigt. Dabei stellt Goffmann fest, dass wir Menschen bestimmte

Vorstellungen davon haben, wie sich unsere Mitmenschen verhalten, wie sie leben und sein

sollen. Ob bewusst oder unbewusst stützen wir uns - nach einem ersten Blick auf einen

Fremden - auf spontane Einschätzungen bezüglich seiner Kategorie, Eigenschaften und seiner

,,sozialen Identität" und entwickeln eine Erwartungshaltung bezüglich dieser Person. Laut

Goffmann antizipiert der Mensch Charaktereigenschaften und Merkmale seines Gegenübers

nach kürzester Zeit, wobei diese Antizipation dann zu Anforderungen und ,,normativen

Erwartungen" werden. Goffmann bezeichnet diese Erwartungen als ,,virtuale soziale Identität".

Im Gegensatz dazu steht die ,,aktuale soziale Identität" mit den Eigenschaften und Merkmalen,

die der Mensch tatsächlich besitzt. Anspruch und Wirklichkeit unterscheiden sich voneinander,

was leider sozialer sowie soziologischer Alltag ist. (17/S.317)


Anti-Stigma Projekte in der Psychiatrie

8

Des weiteren trennt Goffmann drei Stigmatypen: Stigma durch angeborene Merkmale, Stigma

durch Krankheit oder durch Minderheitenzugehörigkeit. Personen mit angeborenen Stigmata

lernen von Kindesbeinen an, mit der Behinderung und Reaktionen der Umwelt auf diese

Behinderung umzugehen. Kommt es zur ,,Beschädigung der Identität" im Laufe der Entwicklung,

dann waren die Vorurteile der ,,Normalen" bis dahin ein Teil seiner eigenen Identifizierung. Der

Mensch hat bis zu diesem Zeitpunkt selbst zwischen den ,,Normalen" (zu denen er gehörte) und

den ,,Stigmatisierten" unterschieden und findet sich nun in einer Situation wieder, in der er ,,die

Seiten gewechselt hat". Ein besonderes Problem wird nun die neue Identifizierung sein und mit

einer gewissen Wahrscheinlichkeit wird er ,,eine Missbilligung seiner selbst entwickeln". Mit

dieser Situation sehen sich psychisch Kranke konfrontiert, und das um so mehr, je stärker sie

im alltäglichen Leben zurückgewiesen, geächtet, ausgeschlossen oder verhöhnt werden. Laut

Finzen wird auf diese Weise das Stigma zu einer ,,zweiten Krankheit", die ebenso belastend wie

die Erste sein kann und ein großes Hindernis für Therapie und Gesundung darstellt. (17/S.317)

I.3

Historischer Hintergrund der Stigmatisierung

Die Vergangenheit der Psychiatrie hat unter Umständen einen wesentlichen Anteil an der Art

und Weise der heute vorherrschenden Stigmatisierung. Mythen und Überlieferungen von

menschenverachtenden Behandlungsmethoden sowie der Unheilbarkeit und

Unberechenbarkeit psychisch Kranker sind in den derzeit anzutreffenden Vorurteilen verankert.

Im Mittelalter kam es zur inhumanen Verwahrung psychisch Kranker in Gefängnissen oder gar

zu ihrer Verfolgung als Hexen bzw. Hexenmeister durch die Inquisition. (40/S.18) Unruhige und

aggressive Kranke wurden vor die Stadttore und dort in dafür aufgestellte Holzkisten gesperrt.

(34/S.150) Im 17. und 18. Jahrhundert wurden psychisch Kranke zusammen mit Behinderten,

Armen, Landstreichern und Prostituierten als ,,Asoziale" in verschiedenen Zuchthäusern

untergebracht. Dort waren sie oft angekettet, wurden geprügelt und erfuhren keine Behandlung

durch Ärzte. (40/S.18)

Wilhelm Griesinger (1817-1868) setzte sich als erster deutscher Psychiater für die gewaltfreie

Behandlung psychiatrischer Patienten ein. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts waren trotz einiger

Ausnahmen Zwang und Gewalt bei der Behandlung und Unterbringung psychisch Kranker an

der Tagesordnung. Schläge mit Ruten, Stöcken und Peitschen gehörten ebenso zu den

üblichen Maßnahmen, wie Drehstühle, Sturzbäder mit kaltem Wasser, Zwangsstehen oder das

Einreiben der Kopfhaut mit Brechweinstein, wodurch sich schmerzhafte Geschwüre bildeten.

Griesinger setzte sich ebenfalls für Stadtasyle ein und seine Bemühungen zeigten Früchte in

Form von Universitätskliniken, die psychiatrische Patienten nach seinem Vorbild behandelten.

(34/S.154)

Diese Errungenschaften und Fortschritte wurden durch den ersten Weltkrieg und den

Nationalsozialismus stark zurückgeworfen. Im Zuge der Euthanasie und Eugenik wurden bis


Anti-Stigma Projekte in der Psychiatrie

9

1945 mehr als 150.000 psychisch Kranke vergiftet, vergast oder durch ,,Hungerkuren" ermordet.

(34/S.158)

Die Betonung der negativen Elemente der Geschichte der Psychiatrie bis 1945 soll aufzeigen,

mit welchen Informationen und Überlieferungen die Allgemeinbevölkerung bis vor nicht allzu

langer Zeit versorgt wurde. Die hinreichend bekannte Vergangenheit der Psychiatrie könnte das

tief verankerte Misstrauen und die vorherrschenden Vorurteile gegenüber den psychiatrischen

Einrichtungen, den Psychiatern, deren Behandlungsmethoden und damit unweigerlich

verknüpft, den psychiatrischen Patienten, mit erklären.

Aber auch diagnostische und theoretische Konzepte der Psychiatrielehre könnten zum

Stigmatisierungsprozess beigetragen haben. Katschnig (31) beleuchtete die Wege der

Stigmatisierung in seinem Aufsatz über die stigmarelevanten historischen Wurzeln unter dem

Blickwinkel der Schizophreniekonzepte Kraepelins, Bleulers und Schneiders.

,,Der deutsche Psychiater Emil

Kraepelin

(1856 ­ 1926) begründete die Systematik psychischer

Erkrankungen auf der Basis der Beobachtungen des Gesamtverlaufs und beschrieb als Erster

die Krankheitsdefinition der späteren ,,Schizophrenie"." Auf ihn geht die Zweiteilung der großen

Psychosen zurück, die er in das ,,manisch-depressive Irresein" und die ,,Dementia präcox"

einteilte, die sich bis heute als roter Faden (mit inhaltlichen Veränderungen) in den

psychiatrischen Klassifikationsschemata erhalten hat. Kraepelin beschrieb mit der ,,Dementia

präcox" eine Erkrankung, die bei einer Gruppe von jugendlichen Patienten auftrat, die unter

geistigem Schwächezustand, Halluzinationen und Wahnideen litten und nicht mehr gesund

wurden. Er sah hier eine Analogie zur unheilbaren senilen Demenz, die ,,vorzeitig" im Leben

auftrat, aber für Kraepelin genauso unheilbar war wie die senile Demenz selbst. Auch wenn

Kraepelins Begriff der ,,Dementia präcox" obsolet ist und auch wenn durch die Forschung klar

belegt ist, dass nur ein Bruchteil der Patienten ,,chronisch" erkrankt bleibt, ist die Idee ,,einmal

schizophren, immer schizophren", also Kraepelins Vorstellung der Chronizität und Progredienz,

noch weit verbreitet. ,,Und die Eigenschaft der Unheilbarkeit haftet dann jedem an, der einmal

die Diagnose ,,Schizophrenie" erhalten hat." (31/S.13)

Der Begriff ,,Schizophrenie" wurde von dem Schweizer Psychiater Eugen

Bleuler

(1857 ­ 1939)

geprägt, der sich ausdrücklich auf die psychopathologischen Erscheinungen und nicht auf den

Verlauf bezog. Ein Anliegen Bleulers war es, die Idee der Chronizität durch die neue

Bezeichnung aufzuheben. Mit ,,Schizophrenie" meinte Bleuler nicht ,,gespaltene Persönlichkeit",

sondern ,,die Auflockerung der inneren Zusammenhänge der seelischen Vorgänge". Leider hat,

laut Katschnig, der Begriff ein Eigenleben entwickelt und in der Öffentlichkeit eine andere als

die von Bleuler zugedachte Bedeutung erhalten. ,,Zumindest seit den 50er Jahren des vorigen

Jahrhunderts hat das Wort `einen unpassenden Sinn´, in Form einer zweiten Bedeutung

erhalten (Pfeifer 1995): neben der genannten fachlichen Definition der `Auflockerung der

seelischen Zusammenhänge´ nämlich die Laienbedeutung der `Zwiespältigkeit´ und

`Widersprüchlichkeit´, die man gut dokumentiert in der Zeitung findet (Hoffmann-Richter 2001).

Seit damals wirkt diese bildungssprachliche Alltagsverwendung unbarmherzig auf die Kranken


Anti-Stigma Projekte in der Psychiatrie

10

zurück, denen man unterstellt, sie hätten zwei oder auch mehrere Persönlichkeiten. Robert

Louis Stevensons Roman `Dr. Jekyll and Mr. Hyde´ ist der allgemein bekannte Prototyp für

diese `gespaltene Persönlichkeit´ ­ in diesem Fall einmal Helfer der Menschheit, dann wieder

mordende Bestie." (31/S.14)

Eine völlige Kehrtwendung vollzog Ende der 30er Jahre der deutsche Psychiater Kurt

Schneider

(1887 ­ 1967), bei dem Halluzinationen und Wahnideen im Zentrum der Diagnostik

standen. Es war ihm ein Anliegen, dem Praktiker im Alltag ein einfach anzuwendendes

diagnostisches Instrumentarium zur Verfügung zu stellen. Er teilte die Krankheitssymptome in

Krankheitszeichen ersten und zweiten Ranges ein, wobei die Liste der psychotischen

Symptome des ersten Ranges von jedem Laien wohl sofort als ,,verrückt" eingestuft werden. Da

gerade diese Symptome (wie z.B. Wahnideen und Halluzinationen) vom Diagnosesystem als

essentiell angesehen werden ­ obwohl es dafür keine Begründung außer der einfacheren

diagnostischen Handhabbarkeit gibt ­ tragen sie leider zum Stigmatisierungsprozess bei. (31/S.15)

Katschnig fasste das Vorausgeschickte überspitzt in einem Absatz zusammen (31/S.16): das

öffentliche Stereotyp einer an Schizophrenie erkrankten Person besteht in der Annahme, dass

die Krankheit unheilbar ist (Kraepelin), dass der Betroffene plötzlich jemand ganz anderer

(vielleicht gefährlicher) sein kann, weil er an einer ,,Persönlichkeitsspaltung" leidet (falsch

verstandenes Schizophreniekonzept Bleulers), und dass er ein ,,Verrückter" mit Wahnideen und

Halluzinationen ist (Schneider).

I.4

Weltweite Anti-Stigma Kampagnen in der Psychiatrie

Vorurteile und Stigmata verhindern eine adäquate Versorgung für psychisch Erkrankte, was die

Heilungschancen nachhaltig beeinträchtigt. Sie behindern das ,,Hilfesuchverhalten" (die

Kontaktaufnahme mit einer adäquaten psychiatrischen Versorgungseinrichtung in Krisenfällen)

(18/S.269), eine Früherkennung und somit eine frühzeitige Behandlung (2/S.327), sie beeinflussen die

,,Compliance" in der Therapie (3/S.358) und erhöhen damit folglich die Rückfallrate.

Die World Health Organisation (WHO) publizierte 2001 Ergebnisse, die in diesem

Zusammenhang auf eine mögliche globale Stigmatisierung hinweisen könnten. Der Bericht

zeigte umfassend, dass psychische Krankheiten in den meisten Ländern der Welt nicht ernst

genommen werden. Ungefähr ein Zehntel aller Erwachsenen waren zum Publikationszeitpunkt

weltweit von psychischen Erkrankungen betroffen. Die staatlichen, medizinischen,

versorgungstechnischen und finanziellen Reaktionen auf diese Entwicklung waren bislang

allerdings international gering. Trotz der offensichtlichen Notwendigkeit wurde eine

weitreichende Unterstützung zur Bekämpfung und Behandlung psychischer Krankheiten nach

wie vor vernachlässigt.

Im Gegensatz zu diesen Daten zeigte der Bericht der WHO allerdings auch, dass sich die heute

existierenden Versorgungssysteme im psychiatrischen Sektor in den vergangenen zehn Jahren

verdoppelt haben und ein Viertel dieser Systeme allein in den letzten fünf Jahren entstanden



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