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Über Anmut und Würde – Friedrich Schillers Abrechnung mit der Philosophie Immanuel Kants

Scientific Study, 2005, 24 Pages
Author: Dr. Manfred Klein
Subject: Philosophy - Philosophy of the 19th Century

Details

Category: Scientific Study
Year: 2005
Pages: 24
Bibliography: ~ 18  Entries
Language: German
Archive No.: V123092
ISBN (E-book): 978-3-640-27423-9
ISBN (Book): 978-3-640-27428-4

Abstract

Friedrich Schiller gilt als einer der bedeutendsten Dramatiker, darüber hinaus beschäftigte er sich auch mit philosophischen Fragestellungen. Diese Untersuchen widmet sich seiner Abhandlung "Über Anmut und Würde", in der der Autor u. a. die Ethik Immanuel Kants einer harten Kritik unterwirft. Diese Linien werden nachgezeichnet und gefragt, wie weit sich Schiller mit dieser Arbeit wirklich von Kant entfernt hat.


Excerpt (computer-generated)

Manfred Klein

Über Anmut und Würde ­ Friedrich Schillers Abrechnung mit

der Philosophie Immanuel Kants


Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung 3

II. Die Philosophie Kants 3

1. Die Entstehung der Sittlichkeit 5

2. Die Divergenz von Pflicht und Neigung 7

3. Das Schöne 8

III. Anmut 10

1. Die bewegliche Schönheit 10

2. Freiheit und Grazie 12

3. Entstehung der schönen Seele 15

IV. Würde 18

V. Zusammenfassung 20

VI. Literaturverzeichnis 22


I. Einleitung

Friedrich Schiller gilt bis in unsere Zeit als einer der bedeutendsten Dramatiker. Darüber

hinaus war er, bedingt durch seine Studien, Historiker und auch in der Medizin ausgebildet. In

dieser Untersuchung wende ich mich aber einem ganz anderen Fach zu, dass Schiller im

Grunde sein ganzes Künstlerleben begleitet hat: nämlich dem der Philosophie. ,,Schillers

philosophische Überlegungen sind relativ umfassend. Sie liegen auf den Gebieten der

Ästhetik, der Geschichts- und Moralphilosophie, sowie der Erkenntnistheorie."1 Ich

beschäftige mich genauer gesagt, mit seiner Abhandlung

Über Anmut und Würde

, die 1793, in

nur sechs Wochen entstanden ist. Bereits vor Veröffentlichung dieses Aufsatzes hat Schiller

kleinere philosophische Schriften entstehen lassen, die aus dem Studium der kantischen

Philosophie resultieren. Darunter befinden sich auch die sogenannten

Kallias ­ Briefe

, die

Schiller an Körner, im Winter 1792/93, geschrieben hat. Diese sind für die Entstehung von

Über Anmut und Würde

insofern wichtig, da er in diesen glaubt, die objektive Schönheit

gefunden zu haben. Zusammengefasst ist es in der berühmten Formel: ,,Schönheit also ist

nichts anders als Freiheit in der Erscheinung."2 Schiller wollte das bloße Geschmacksurteil

Kants über das Schöne hinaus erweitern, was ihm schließlich auch gelang. Die Schönheit

breitete sich so über das ganze Naturreich aus, nur fehlte sie noch sozusagen als

Veredelung

des Menschen inklusive seines Werkes. Möglich werden sollte dies in Gestalt der Anmut und

Würde.3 ,,Er behaftet das Kunstwerk selber mit der Idee der Freiheit, die sich im Spiel der

Einbildungskraft vergegenständlicht."4 Damit ist die Schönheit nicht mehr im Subjekt

verankert, sondern kommt dem schönen Gegenstand zu. In ,,Über Anmut und Würde" wendet

sich Schiller diesem Thema nicht mehr direkt zu; er analysiert die beiden Titelbegriffe

hinsichtlich des Verhältnisses von sinnlichen und sittlichen Anreizen des menschlichen

Handelns. Seine Beschäftigung mit Kants Schriften nahm Schiller im Jahre 1791 auf, worüber

ein Brief vom 3. 3. an Körner Auskunft gibt:

1 Lindner, Margit: Zur philosophischen Leistung Friedrich Schillers. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie

32/2 1984. S. 865-873. S. 865.

2 Schiller, Friedrich: Nationalausgabe, im Auftrag des Goethe-Schiller-Archivs, des Schiller-Nationalmuseum

und der Deutschen Akademie. Hg. v. Julius Petersen u. Gerhard Fricke, (seit 1948) Julius Petersen u. Hermann

Schneider, (seit 1961) Lieselotte Blumenthal u. Benno von Wiese, (seit 1981) Norbert Oellers u. Siegfried

Seidel. Weimar 1943ff. Die Nationalausgabe wird mit NA abgekürzt und die betreffende Bandnummer genannt.

NA Bd. 26 S. 183.

3 Vgl. Safranski, Rüdiger: Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus. 12. Aufl. München: Hanser

2004. S. 368.

4 Brittnacher, Hans Richard: Über Anmut und Würde. In: Schiller Handbuch. Hg. v. Helmut Koopmann.

Stuttgart: Kröner 1998. S. 587­609. S. 589.

3


Seine Critik der Urteilskraft, die ich mir selbst angeschafft habe, reißt mich hin durch

ihren neuen lichtvollen geistreichen Inhalt und hat mir das größte Verlangen

beygebracht, mich nach und nach in seine Philosophie hinein zu arbeiten."5

Er beschäftigte sich einige Jahre mit dieser, eignet sich einige ihrer Inhalte an und schreibt am

1.1. 1792 an Körner: ,,Mein Entschluß ist unwiderruflich gefaßt, sie nicht eher zuverlaßen,

biss ich sie ergründet habe, wenn mich dieses auch 3 Jahre kosten könnte. Uebrigens habe ich

mir schon sehr vieles daraus genommen und in mein Eigenthum verwandelt."6

Erstaunlicherweise begann er mit Kants letzter ,,Kritik", weil ihn besonders die Kunst in

ästhetisch-philosophischer Ausarbeitung interessierte. Die Arbeit mit der kantischen

Philosophie führt im Frühjahr 1793 zu einer Kontroverse mit der Ästhetik Kants. Diese

Auseinandersetzung soll Gegenstand meiner Ausführungen sein. Dazu ist es notwendig, die

Philosophie Kants in den Bereichen darzustellen, die Schiller zu ,,Anmut und Würde"

rezipierte. Dies geschieht in Kapitel II. im ersten und zweiten Teil, die jeweils die theoretische

und praktische Philosophie Kants behandeln, unter Punkt drei folgt die Ästhetik. Der

Abschnitt III. beschäftigt sich mit dem ersten Stück von Schillers Abhandlung, der Anmut.

Ich stelle in den Unterpunkten jeweils die wichtigsten Begriffe heraus: die bewegliche

Schönheit, Freiheit und Grazie und schließlich die Entstehung der schönen Seele. Im Kapitel

IV. wird der Würdebegriff erläutert. Aus den einzelnen Textteilen ergibt sich ferner eine

Explikation von

Über Anmut und Würde

, die dem besseren Verständnis meines Anliegens

dient. Die Abhandlung Schillers hat aber nicht nur den Zweck, sich mit kantischer

Philosophie zu befassen, sondern bringt einen Freiheitsbegriff, der nicht die politische

Unabhängigkeit zum Thema hat. Dieser Freiheitsgedanke ist auf ein moralisches,

anthropologisches und ästhetisches Fundament gestellt. Er ist moralisch,

weil er Freiheit nicht politisch als Befreiung von Unterdrückung definiert, sondern als

Zustimmung zur Freiheit des Vernunftgesetzes. Anthropologisch erweitert ist er, weil

er die Freiheit nicht schon von der Beseitigung des Despotismus erwartet, sondern an

eine Harmonisierung der entzweiten menschlichen Vermögen bindet, das heißt, an

eine geschichtlich erst noch zu erbringende Aussöhnung des Menschen mit sich

selbst, die der politischen voranzugehen hat. Und ästhetisch vermittelt schließlich ist

Schillers Freiheitsbegriff, weil er dem Zivilisationsgang des Menschengeschlechts

den Umweg über die ästhetische Autonomie vorschreibt.7

Zeigen wird sich dies im Aufkommen der schönen Seele. Schiller stellt diese schließlich, in

seinem Aufsatz, der Pflichtenethik Kants gegenüber. Zu bemerken bleibt noch, dass Schiller

5 Ebd. S. 77.

6 Ebd. S. 127.

7 Brittnacher, Hans Richard: Über Anmut und Würde. In: Schiller Handbuch. Hg. v. Helmut Koopmann. S. 588.

4


noch andere Quellen für seine Ausführungen verwandt hat. Genannt seien exemplarisch u. a.

Home, Shaftesbury, Mendelsohn und Wieland.

Zuerst erschien

Über Anmut und Würde

Mitte Juni im 2. Stück der

Neuen Thalia

, für die

Schiller unbedingt Beiträge brauchte und andere Autoren zu wenig dazu beitrugen, leistete er

selbst diese Arbeit. Sie wurde 1800 in die Sammlung ,,Kleinere prosaische Schriften"

aufgenommen.

II. Die Philosophie Kants

Die philosophischen Gedanken, die Schiller von der kritischen Denkweise Kants

übernommen, bzw. als Basis für seine Arbeit für

Über Anmut und Würde

verwendet hat,

werden an dieser Stelle erläutert. Für alle drei zu besprechenden Werke gilt die folgende

Feststellung: ,,Der Ausdruck ,sittliche Schönheit′ oder ,sittlich schön′ findet sich freilich bei

Kant in der kritischen Periode nirgends..."8 Sie finden sich aber in den Schriften Schillers.

1. Die Entstehung der Sittlichkeit

Die ,,Geburtsstunde" der kantischen Moralphilosophie liegt in Kants

Kritik der reinen

Vernunft

. In ihr zeigt Kant, dass Gott, Freiheit und Unsterblichkeit der Seele nicht beweisbar

sind. Sie sind der Erfahrung nicht zugänglich, aber der Verstand drängt dennoch danach, in

diesen Regionen zu einer Erkenntnis dieser Sachverhalte zu gelangen. In der Auflösung der

dritten Antinomie sieht Kant eine Möglichkeit, in der die menschliche Freiheit wirksam

werden könnte. In dieser dritten Antinomie geht es um die Frage nach der Kausalität durch

die Naturgesetzlichkeit auf der einen, und um die Aussicht der Freiheit auf der anderen Seite.

Wo strenge Kausalität herrscht, ist Freiheit undenkbar. Kant findet dennoch eine Lösung des

Problems:

Und da würden wir an einem Subjekte der Sinnenwelt erstlich einen empirischen

Charakter haben, wodurch seine Handlung, als Erscheinungen, durch und durch mit

anderen Erscheinungen nach beständigen Naturgesetzen im Zusammenhange ständen,

und von ihnen, als ihren Bedingungen, abgeleitet werden könnten, und also, mit

diesen in Verbindung, Glieder einer einzigen Reihe der Naturordnung ausmachten.

Zweitens würde man ihm noch einen intelligibelen Charakter einräumen müssen,

8 Vorländer, Karl: Kant ­ Schiller ­ Goethe. Gesammelte Aufsätze. 2. Aufl. Leipzig 1923. Neudr. Aalen:

Scientia 1984. S. 96 ­ 97.

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