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Subtitle: "Juha" (Aki Kaurismäki, 1998) & "Der die Tollkirsche ausgräbt" (Franka Potente, 2006)
Termpaper, 2008, 21 Pages
Author: Thomas Ochs
Subject: Film Science
Details
Institution/College: University of Vienna (Theater-, Film- und Medienwissenschaft)
Tags: Berechtigung, Stummfilms, Theorien, Methoden, Filmwissenschaft
Year: 2008
Pages: 21
Grade: 1
Bibliography: ~ 16 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-28078-0
ISBN (Book): 978-3-640-28931-8
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Abstract
Blickt man in die Kinosäle der heutigen Zeit bzw. der letzten Jahrzehnte wird man im Falle eines auf der Leinwand erscheinenden Stummfilms vielleicht in ein ähnliches Staunen geraten, wie der Kinozuschauer in den Entstehungsjahren dieses Mediums (beispielsweise bei einer Filmaufführung der Brüder Lumières). Aber es gibt diese Filme auch heute noch. Jedoch hat der Stummfilm seit der Einführung des Tonfilms in den 30er Jahren rapide an Bedeutung verloren. Die goldene Stummfilmära ist lange vorbei. Möchte man eine wissenschaftliche Arbeit über die Filmästhetik des Stummfilms schreiben, liegt es im Regelfall nahe, dass man sich auf einflussreiche Beispiele aus der „klassischen“ Stummfilmzeit bezieht. Dies möchte ich jedoch nicht. Im Grunde geht es mir darum die Berechtigung, sowie den ästhetischen Reiz des Gegenwartsstummfilms herauszukristallisieren. Ich möchte herausfinden und feststellen wie ein/e Regisseur/in mit den Mitteln und Merkmalen eines Stummfilms umgeht. Diesbezüglich wird natürlich zu klären sein, was überhaupt das Spezifische am Stummfilm ist bzw. was ihn überhaupt vom Tonfilm abgrenzt. In diesem Zusammenhang möchte ich mich vor allem, im Sinne eines Vergleiches, auf die Funktion, Bedeutung des Tons und der Musik stürzen, also betrachten wie mit den heutigen technischen Möglichkeiten bzw. musikalischen Strömungen umgegangen wird. Die Ästhetik eines heutigen Stummfilms unterscheidet sich, meiner Meinung nach - was natürlich noch wissenschaftlich zu ergründen wäre - sehr markant von einem klassischen Stummfilm; was sich vor allem in Bezug auf die Selbstreflexion des stummen Films zu manifestieren scheint. Für die bessere Verständlichkeit und spezifischere Betrachtung der Ästhetik eines „modernen“ Stummfilms, möchte ich mich auf zwei sehr unterschiedliche Werke des letzten Jahrzehnts beziehen. Zum einen auf Juha von Aki Kaurismäki aus dem Jahre 1998 und zum anderen auf Der die Tollkirsche ausgräbt von Franka Potente aus dem Jahre 2006. Letzten Endes möchte ich in meiner wissenschaftlichen Arbeit herausarbeiten, was den Stummfilm selbst in der heutigen Zeit für den Zuschauer interessant und ästhetisch wertvoll macht, also festzustellen warum der Stummfilm durchaus eine ästhetische Berechtigung im Zeitalter des digitalen Film und Ton hat. Es wird interessant zu sehen und herauszuarbeiten sein, wie sich diese technischen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters spielerisch in die Ästhetik eines heutigen Stummfilms integrieren.
Fulltext (computer-generated)
FilmeVerstehen.de
Ästhetische Berechtigung
des modernen Stummfilms in
einer Welt des Digitalen
,,Juha"
(Aki Kaurismäki, 1998)
&
,,Der die Tollkirsche ausgräbt"
(Franka Potente, 2006)
von Thomas Ochs
(September 2008)
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Einführung in die Thematik
3. Klassifizierung des Gegenwartsstummfilms in direktem Vergleich und Bezug zu
seinem klassischen Vorbild
4. Filmästhetischer Vergleich: ,Juha′ & ,Der die Tollkirsche ausgräbt′
4.1. Bezüge zur Stummfilmära und eine stummfilmästhetische Selbstreflexion
4.2. Funktionen der Musik
5. Ästhetische Berechtigung im digitalen Zeitalter
6. Schlussbemerkung
7. Literatur- und Quellenverzeichnis
8. Filmverzeichnis
2
1. Einleitung
Blickt man in die Kinosäle der heutigen Zeit bzw. der letzten Jahrzehnte wird man im Falle
eines auf der Leinwand erscheinenden Stummfilms vielleicht in ein ähnliches Staunen
geraten, wie der Kinozuschauer in den Entstehungsjahren des Mediums Film. Aber es gibt
diese Filme auch heute noch. Jedoch hat der Stummfilm seit der Einführung des Tonfilms in
den späten 1920er Jahren rapide an Bedeutung verloren. Die goldene Stummfilmära ist lange
vorbei. Möchte man eine wissenschaftliche Arbeit über die Stummfilmzeit schreiben, liegt es
im Regelfall nahe, dass man sich auf einflussreiche Beispiele aus der
klassischen
Stummfilmepoche bezieht. Doch warum immer alte, schon viel zu oft diskutierte Klassiker
neu bewerten; ihnen eine neue Sichtweise verpassen?
Ich möchte mit dieser wissenschaftlichen Arbeit unterschwellig einen Beweis dafür anstellen,
dass es Not tut auf das gegenwärtige Kino zu blicken und die durchaus, wenn auch in kleiner
Stückzahl, vorhandenen Stummfilme wissenschaftlich und argumentativ zu beleuchten.
Freilich ist es mir in diesem Rahmen nur zu einem Teil möglich eine Klassifizierung heutiger
Stummfilme vorzunehmen, weshalb es mir wichtig erscheint mein Thema ausschließlich auf
die Filmästhetik dieser
modernen
Stummfilme - der Begriff modern sei hier keinesfalls als
widersprüchlich, sondern durchaus im Sinne einer zeitgemäßen Stummfilmbewegung zu
verstehen - und ihre Berechtigung in einer digitalen, sowie schnelllebigen Gesellschaft zu
beschränken. Der Stummfilm ist nicht wirklich tot, hat nur sein Gesicht verändert. Es bedarf
einer neuen Kategorisierung der Ästhetik des Gegenwartsstummfilms, denn diese
unterscheidet sich schon deshalb signifikant von der eines
klassischen
Stummfilms, weil sie
unter völlig anderen technischen Voraussetzungen entsteht. Genau das ist mein Anliegen:
Was heißt überhaupt Stummfilm und inwieweit muss dieser Begriff aufgrund der
gegenwärtigen Ästhetik erweitert werden? Wie grenzt sich der Stummfilm überhaupt von
einem Tonfilm ab? Welche Rolle spielt der Ton bzw. die Musik in diesem Zusammenhang?
Aufgrund einer besseren Verständlichkeit und spezifischeren Betrachtung der Ästhetik eines
modernen
Stummfilms, werde ich mich primär auf zwei sehr unterschiedliche Werke des
letzten Jahrzehnts beziehen. Zum einen auf
Juha
von Aki Kaurismäki aus dem Jahre 1998 und
zum anderen auf
Der die Tollkirsche ausgräbt
von Franka Potente aus dem Jahre 2006.
Letzten Endes möchte ich also durch meine wissenschaftliche Arbeit herausarbeiten, was den
Stummfilm selbst in der heutigen Zeit für den Zuschauer interessant und ästhetisch wertvoll
macht, also feststellen warum der Stummfilm durchaus eine ästhetische Berechtigung im
Zeitalter des digitalen Film und Ton verdient.
3
2. Einführung in die Thematik
Meine Vorstellung vom idealen Kino sieht folgendermaßen aus: Eine Mauer. Davor sitzen
zwei Personen. Licht und Schatten. Man nimmt eine Person weg: Es bleiben eine Person, die
Mauer, das Licht und der Schatten. Man nimmt die zweite Person weg: Es bleiben die Mauer,
das Licht und der Schatten. Man nimmt das Licht weg: Es bleibt Schatten. Das ist es, das
Kino.1
Analysiert man diese Aussage ist das, was das Kino ausmacht, nicht unmittelbar abhängig von
dem Ton. Die Möglichkeit Musik, Sprache und Geräusche mit einem Filmbild zu
kombinieren, hat nicht zwangsläufig die Folge, dass das Filmbild nur mit diesen akustischen
Mitteln funktioniert und dadurch erst zu seinem Eigensten wird. Wichtig ist, dass die
technische Möglichkeit des Tons oder auch der Farbe noch lange nicht die Voraussetzung für
einen Film ist, sondern eben diese Dinge als ,,filmische Ausdrucksmittel"2 anzusehen sind.
Immer wieder wird betont, daß ein Tonfilm ganz anders gemacht werden müsse als ein
stummer Film, weil er eine neue Kunst sui generis sei. Das ist richtig und falsch. Richtig ist,
daß ein Tonfilm anders gemacht werden muß als ein stummer Film. Falsch ist, daß Stummfilm
und Tonfilm zwei getrennte Künste mit verschiedenen Gesetzen seien. Denn es gibt nur
eine
Filmkunst, und ihre Gesetze gelten für den stummen wie für den tönenden Film.3
Natürlich unterscheidet sich ein
klassischer
Stummfilm schon aufgrund des Fehlens einer
synchronen Tonspur vom Tonfilm und des Weiteren werden sich im Laufe dieser
wissenschaftlichen Betrachtung einige zusätzliche grundlegende Differenzen zwischen beiden
Formen hinzuaddieren, jedoch sei festgelegt, dass diese jeweils signifikanten Ausdrucksmittel
keine neuen dem Medium Film in seiner Grundstruktur definierenden Gesetze darstellen. Die
Entwicklung des Stummfilm, des Tonfilm, des Farbfilm, des Digitalen Film etc. haben die
filmischen Ausdrucksmittel nur erweitert, die Möglichkeiten einen Film zu gestalten
vergrößert, nicht aber sein ursprüngliches Wesen verändert. Dieses Ursprüngliche, Eigenste
manifestiert sich in seinem Produktionsprozess, der zum einen seit seiner Entstehung massiv
von einer technischen Apparatur abhängig ist und zum anderen aufgrund seiner ,,technischen
1 Jochen Werner,
Aki Kaurismäki
, Mainz: Bender Verlag 2005, S. 5.
2 Sergej M. Eisenstein, ,,Der Farbfilm",
Geschichte der Filmtheorie. Kunsttheoretische Texte von Méliès bis
Arnheim
, Hg. Helmut H. Diederichs, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2004, S. 391; (Orig. 1948).
3 Rudolf Arnheim,
Film als Kunst
, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2002, S. 256-257; (Orig. 1932).
4
Reproduzierbarkeit" als Massenmedium begriffen werden muss.4 Ersteres hat sich teilweise
aufgrund der digitalen Welt von der Kamera zum Computer hin verschoben, aber es bleibt
immer noch eine technische Apparatur, welche die Bilder aufnimmt bzw. virtuell entstehen
lässt. Natürlich hat sich diese Apparatur schon vorher unter anderem mit der Entwicklung des
Ton- bzw. Farbefilms entscheidend verändert, aber ihre Grundstruktur als technische
Apparatur niemals verloren.
In diesem thematischen Zusammenhang wird im Folgenden aber ausschließlich auf die
veränderten Bedingungen bzw. Möglichkeiten des Stummfilms aufgrund der Entwicklung des
Tonfilms zu blicken sein.
3. Klassifizierung des Gegenwartsstummfilms in direktem Vergleich und Bezug zu
seinem klassischen Vorbild
Der Gegenwartsstummfilm hat aufgrund der Entstehung und Entwicklung des Tonfilms völlig
andere Voraussetzungen als sein
klassisches
Vorbild. Der markanteste Unterschied zwischen
der ruhmreichen Stummfilmära und einem
stummen
Film im Zeitalter des Tonfilms bzw.
digitalen Films liegt vor allem darin, dass er sich dessen technische Möglichkeit zu Nutze
macht. Bis zum endgültigen Durchbruch des Tonfilms in den späten 1920er Jahren war es
nicht möglich eine synchrone Tonspur mit dem projizierten Filmbild zufrieden stellend
ablaufen zu lassen. Aufgrund dieses materialtechnischen Defizits enthielt der Stummfilm
seine bis heute gültige Begrifflichkeit, die schon damals eher als paradox anzusehen war, weil
der Film an und für sich nicht wirklich stumm aufgeführt wurde. Die Filmvorführungen
wurden in der Regel von einem Orchester, einem Filmkommentator bzw. Filmvorführer
begleitet und aufgrund einer besseren Verständlichkeit dadurch erläutert; Musik, Geräusche
und sonstige akustische Effekte extern hinzugefügt. Der Film an sich war stumm, jedoch die
Aufführung im Kinotheater, also die Publikumspräsentation, keineswegs.
Klassische
Stummfilmaufführungen waren folglich eher ein mediales Showerlebnis mit unterstützenden
Bühnenshows und Liveperformance. Durch die Geburt des Tonfilms veränderte sich auch der
Aufführungscharakter in den Kinotheatern. Es kam zu keinen ortsbezogenen Variationen
mehr; der Aufführungscharakter bzw. das kommunale Ereignis sind nicht mehr gegeben.5
4 Vgl. Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Frankfurt am Main:
Suhrkamp 2007, S. 10-50; (Orig. 1939).
5 Vgl. Geoffrey Nowell-Smith (Hg.),
Geschichte des internationalen Films
, Übers. von Hans-Michael Bock,
Stuttgart: Metzler 1998, S. 197-203; (Orig.
The Oxford History of World Cinema
, Oxford University Press
1996).
5
Der Film ist durch diese Entwicklung auch ein Stück weit unabhängiger vom Kino geworden.
Filmbegleitungen mittels eines Orchesters bzw. eines Filmvorführers wurden hinfällig,
wodurch aufgrund der Vereinheitlichung der Shows auch völlig neue ökonomische
Möglichkeiten geschaffen wurden. Diese Aspekte und Veränderungen müssen für eine
Klassifizierung des
modernen
Stummfilms klar sein, denn genau dadurch unterscheidet er
sich grundlegend von seinem
klassischen
Vorbild.
Schon in den frühsten Beispielen für einen
modernen
Stummfilm von Charlie Chaplin, der
mit
City Lights
(1931) und
Modern Times
(1936) parodistisch auf den Tonfilm antwortet und
bewusst mit seinen Möglichkeiten arbeitet6, findet man das Hauptmotiv - in Kapitel 4 werden
diesbezüglich zwei gegenwärtige Stummfilme diskutiert - des
modernen
Stummfilms,
nämlich das bewusste Kombinieren seiner spezifischen Ausdrucksmittel mit den technischen
Möglichkeiten des Tonfilms, sei es nun in Form einer Parodie oder in irgend einer anderen
Weise. ,,Man muß lernen, die alten Gesetze auf das neue Material anzuwenden".7 Natürlich ist
es problematisch eine signifikante Abgrenzung des
modernen
Stummfilms vorzunehmen, da
es in seinem Wesen liegt alte Formen und Konventionen zu brechen bzw. sie auf ein
Geringstes zurückzunehmen.
Wann hört ein Stummfilm auf Stummfilm zu sein? Ist die schwarz/weiß Ästhetik sein
Charakteristikum? Besteht er zwangsläufig aus erläuternden Zwischentiteln oder reicht seine
visuelle Bildkraft aus um eine Geschichte zu erzählen, die vom Zuschauer auch verstanden
wird?
Franka Potente legt diesbezüglich im Jahre 2006 mit
Der die Tollkirsche ausgräbt
ein
interessantes Werkbeispiel vor, welches zugleich auch in gewisser Weise, indem sie einen
sprechenden Punk in ihre fiktive Geschichte einflechtet, ein Tonfilm ist.
Er [Aki Kaurismäki] bleibt dem melodramatischen Tenor treu und rekapituliert subtil die
Gefühle, Konflikte und Figuren der Stummfilmära, ohne sie dabei bloßzustellen. Auf die
überdrehten Bewegungen alter Stummfilme, die allzu sehr zum Lächerlichen verleiten,
verzichtet er ebenso wie auf überspannte Gesten, weit aufgerissene Augen, verzerrte
Grimassen und plakatives Make-up.8
6
Moderne Zeiten
(Modern Times USA 1936), 1:16.
7 Arnheim,
Film als Kunst
, S. 259.
8 Werner,
Aki Kaurismäki
, S. 252.
6
Ganz anders reduziert Aki Kaurismäki in seiner Literaturverfilmung
Juha
aus dem Jahre 1998
die Funktion der Zwischentitel auf ein Minimales und verzichtet unter anderem auf das
überdrehte Schauspiel.
An diesen beiden Beispielen, die im nächsten Kapitel intensiver auf ihre Filmästhetik
beleuchtet werden und auch an den erwähnten Werken von Charlie Chaplin und seiner
ironischen Herangehensweise an die technischen Möglichkeiten des Tonfilms, erkennt man
deutlich den Unterschied des
klassischen
Stummfilms gegenüber seiner
modernen
Interpretation, nämlich das alte Gesetze bzw. filmische Ausdrucksmittel nicht nur auf das
neue Material angewandt und als direkte ästhetische Vorbildfunktion herangezogen, sondern
zugleich auch als ein Bruch der Werte des Stummfilms benutzt werden.
Der wichtige Unterschied besteht nur darin, daß beim Stummfilm das außerhalb des
Bildrahmens liegende Unsichtbare mit Hilfe des Sichtbaren erschlossen werden musste,
während im Tonfilm das Unsichtbare sich durch Geräusch und Wort selbst wahrnehmbar
machen kann. Diese akustischen Äußerungen lenken die Aufmerksamkeit des Zuschauers
durchaus nicht vom Bilde ab, sie bilden vielmehr eine anschauliche Einheit des Sinnes mit
ihm - sie erweitern den Aufmerksamkeitsbereich.9
Das Aufheben bzw. Brechen dieser stummfilmtypischen Ausdrucksmittel hat sich aber
insoweit auch einer Grenze unterzuordnen, dass der Film überhaupt noch als Stummfilm
verstanden wird, er seinen Charakter nicht verliert. Doch an welchem Punkt fängt der
Stummfilm letztendlich an Tonfilm zu sein? Natürlich muss man sich in diesem
Zusammenhang auch die Frage stellen, ob ein
moderner
Stummfilm noch seiner
Begrifflichkeit gerecht wird, wenn er mit den technischen Möglichkeiten des Tonfilms
arbeitet und sie benutzt um seiner Ästhetik eine eigene Charakteristik zu verleihen.
Kann man also überhaupt noch von einem stummen Film sprechen, wenn Töne und Musik
darin integriert werden? Die Bezeichnung ist bei näherem Hinsehen heute genauso
widersprüchlich wie schon in der klassischen Stummfilmzeit. Es wurde zu Beginn schon
klargestellt, dass es seit jeher Musik während einer Filmvorführung gegeben hat und durchaus
gelegentlich auch zusätzliche Geräusche begleitend zum Film gespielt wurden. Der
Unterschied diesbezüglich zwischen dem
klassischen
und
modernen
Stummfilm besteht
ausschließlich darin, dass es durch die Erfindung des Tonfilms möglich geworden ist auch die
Musik und eventuelle Geräusche synchron mit einem Film abspielen zu lassen und dadurch
die Möglichkeit besteht den Ton, also Musik und Geräusche, künstlerisch und für den Film
9 Arnheim,
Film als Kunst
, S. 226.
7
sinnvoll auf das Bild anzuwenden, spezielle Musik zu komponieren und nicht auf
Filmorchester bzw. Filmvorführer angewiesen zu sein, die zudem auch oftmals die Macht
besaßen selbst zu entscheiden welche Musik zu dem jeweiligen Film gespielt wurde.
,,Im Stummfilm bestand ein Monopol des Optischen, und also konzentrierte sich darauf die
ganze Aufmerksamkeit des Zuschauers".10 Der stumme, narrative Film erklärt sich
maßgeblich über das Bildfeld und dessen Montage. Darin liegt sein stummes Wesen, nämlich
hauptsächlich mit visuellen Mitteln eine Geschichte zu erzählen. Natürlich wurde in dieser
wissenschaftlichen Abhandlung schon deutlich, dass es seit jeher im Stummfilm auch schon
Geräusche und Musik gegeben hat, die das Visuelle unterstützen, sei es nun durch ein
Orchester bzw. Kommentar oder im
modernen
Stummfilm unter anderem auch durch O-Töne
und speziell komponierte Musik, trotzdem bleibt klarzustellen, dass der Ausdruck des
Stummfilms deshalb nicht über Stimmen aus dem Off, Off-Töne, Dialoge, gesprochene
Wörter etc. funktionieren kann, weil er dadurch seinen Ausdruck, seinen Charakter verliert.
An diesem Punkt würde der Stummfilm zum Tonfilm werden, da die Funktion des Tones eine
gleichberechtigte bzw. auch eine übergeordnete Rolle einnehmen würde und das natürlich
wiederum ein inhärentes Merkmal für den Tonfilm ausdrückt.11
Die »Charaktereigenschaften« der Kamera, willkommene Hilfsmittel, um die Wirklichkeit
nicht nur zu kopieren sondern zu formen, wurden erkannt, entwickelt, betont. Auswahl,
Einstellung, Beleuchtung der Objekte geschahen nicht mehr zufällig und notgedrungen,
sondern alles, was ein gutes Filmbild enthielt, zeigte, bis in die Einzelheiten hinein, jene
einerseits aus den Gesetzen des Bildaufbaus gewonnene und andererseits vom gedanklichen
Gehalt diktierte Notwendigkeit der Formgebung, ohne die es kein gutes Kunstwerk geben
kann.12
Es bleibt abschließend also zu definieren, dass ein
moderner
Stummfilm genau wie sein
klassisches
Vorbild sich über die erläuternde Kraft des Visuellen bestimmt und um diesem
Wesen, welches auf einer genau entwickelten Filmsprache beruht, treu zu bleiben die
Möglichkeiten des Tonfilms nur bis zu einem gewissen Punkt ausnutzen und huldigend bzw.
kritisch verwenden darf.
10 Ebd., S. 225.
11 Vgl. Ebd., S. 228.
12 Ebd., S. 189.
8
4. Filmästhetischer Vergleich: ,Juha′ & ,Der die Tollkirsche ausgräbt′
Es ist in den vorherigen Kapiteln schon theoretisch skizziert worden, dass sich die Ästhetik
eines
modernen
Stummfilms maßgeblich von der Filmästhetik seines
klassischen
Vorbilds,
sowie derer eines Tonfilms unterscheidet. Um diese theoretischen Gedanken zu manifestieren
und bis ins Detail auszuformulieren bedarf es einer genauen Betrachtung der filmischen
Ausdrucksmittel. Diesbezüglich dienen zwei unterschiedliche Interpretationen von zwei
unterschiedlichen Regisseuren, die jeweils die Möglichkeiten des
modernen
Stummfilms auf
eine völlig andere filmästhetische Weise beurteilen.
Aki Kaurismäki möchte mit seinem Werk
Juha
das wirklich Wichtige des Films wieder
finden, also den Bildern ihre Magie zurückgeben, da nach seiner Sicht in den meisten
gegenwärtigen Filmen die reine Bildsprache in dem Wirrwarr der Worte verloren gegangen
ist.13 Wirft man nur einen kleinen, unvollständigen Blick auf dem diesen Film
vorangegangenen filmischen Oeuvre des Regisseurs fällt auf, dass sein Filmstil allgemein von
Minimalismus und Reduktion, sowie langsamen, episodenhaften Erzählen geprägt ist. Aus
diesen beiden Gründen kann man festlegen, dass die Intention des Regisseurs einen
modernen
Stummfilm zu drehen hauptsächlich seinen gesamten filmästhetischen Ansichten zugrunde
liegt, weshalb er, wie schon in Kapitel 3 erwähnt, auf verschiedene Konzepte eines
klassischen
Stummfilms, sowie derer seiner Vorbilder absichtlich verzichtet bzw. auf ein
Minimales reduziert14. Kaurismäki ist der Meinung, ,,dass das Vergangene stets besser ist als
das Gegenwärtige, sowohl die Thematik wie auch die Ästhetik vieler seiner Filme"15 wird
dadurch geprägt.
In ihrem Regiedebüt
Der die Tollkirsche ausgräbt
konstruiert Franka Potente gleichsam eine
ganze Geschichte in der Stummfilmzeit am Ende des ersten Weltkrieges um 1918 und versetzt
uns unter anderem mit stummfilmtypischer Schauspielästhetik, sowie Stopptricks in die
Stummfilmepoche. Aus dieser zieht sie uns jedoch in dem Moment wieder heraus als ein
sprechender Punk der Gegenwart in die Geschichte tritt.
Franka Potente steigt zurück in die Tage des Kintopps und des expressionistisch romantischen
Schauermärchens, zitiert und persifliert die Manierismen, um das silent movie schließlich in
einer absurden Wende mit Geräuschen aus der nahen Zukunft zu unterwandern.16
13 Vgl. Werner,
Aki Kaurismäki
, S. 249.
14 Ebd. S. 255.
15 Ebd., S. 243.
16 Schrader, Ricarda, ,,Ein Spiel mit Licht und ohne Worte - ,Der die Tollkirsche ausgräbt′ - ein Stummfilm als
Regiedebüt von Franka Potente",
Allgemeine Zeitung
, 01.12.2006.
9
Die stummfilmästhetische Absicht von Franka Potente ist also schon von Grund auf eine
Andere als jene von Aki Kaurismäki, jedoch werden sich im Laufe der folgenden
Betrachtungen durchaus Gemeinsamkeiten in der Filmästhetik dieser beiden Werke finden
lassen.
4.1. Bezüge zur Stummfilmära und eine stummfilmästhetische Selbstreflexion
Dass sich die beiden hier zu diskutierenden Werke nicht vollends von ihrer Ästhetik her
unterscheiden, liegt in der Natur der Sache, da es sich bei den jeweiligen Interpretationen um
einen
modernen
Stummfilm handelt - diese Begrifflichkeit wurde in Kapitel 3 definiert und
wissenschaftlich erläutert - und ihnen dadurch schon mehrere filmästhetische Schnittpunkte
gegeben sind. Einer davon ist der direkte Bezug zur Stummfilmära. Es haftet dem Film von
Kaurismäki und dem Werk von Potente ein ungeheurer Zitatenschatz an, sei es nun bewusst
oder unbewusst. Hier kann die hermeneutische Sichtweise gelten, dass der Betrachter umso
tiefer in diese Filme eindringen kann, desto mehr Stummfilme er kennt bzw. gesehen hat.17
Die Gemeinsamkeit zwischen
Juha
und
Der die Tollkirsche ausgräbt
liegt also darin, dass
sich beide Regisseure den Vorbildern der Stummfilmepoche mehr oder weniger bewusst sind
und sich auch direkt darauf beziehen.
Einige der Anfangseinstellungen in Juha sind Dowschenkos Film Erde (1920) nachempfunden
[...] Juha übernimmt die schnörkellose Klarheit der Gestaltung solcher Film. [...] Wenn der
hoch gewachsene Held mit der fülligen Figur unbeholfen durch die dunklen Gänge des
Amüsierbetriebs hinkt, so sieht er aus wie ein Wiedergänger Nosferatus oder Caesares aus
dem (Grusel)Cabinet des Dr. Caligari.18
Es lässt sich selbst in dem gesellschaftskritischen Subtext des Filmes
Juha
ein
Zusammenhang zwischen Charlie Chaplins
Modern Times
herstellen, da bei Kaurismäki ,,das
ländlich-agrarisch geprägte Leben von der städtischen Moderne eingeholt wird"19. Sind also
bei ihm noch relativ genau einige Filmvorbilder zu nennen und mit Szenen zu verbinden,
zitiert Franka Potente eher die Spezifität der ganzen Stummfilmzeit und stellt sie mittels der
Punkfigur derer des Tonfilms gegenüber, weshalb gerade dadurch markante filmästhetische
Aspekte der Stummfilmepoche besonders deutlich werden.
17 Vgl. Hans-Georg Gadamer,
Wahrheit und Methode
, Tübingen: Mohr 1960.
18 Werner,
Aki Kaurismäki
, S. 248.
19 Ebd., S. 250.
10
Unterschiedlichkeiten in der jeweiligen Herangehensweise an das
klassische
Vorbild des
modernen
Stummfilms lassen sich vor allem am Schauspiel erkennen. In
Juha
ist das
Mienenspiel zurückgenommen und auf das Geringste reduziert. Bei
Der die Tollkirsche
ausgräbt
wird das Schauspiel sowohl in Mimik als auch Gestik bewusst übertrieben. Ganz im
Sinne der Slapstick-Comedy20 agieren die Stummfilmfiguren und grenzen sich somit auch
sehr deutlich von der Tonfilmfigur, dem Punk, ab, der zum einen nicht übermäßig geschminkt
und zum anderen in gleichem Maße zurückgenommen spielt wie die Figuren in
Juha
.
Auf dem Film aber ist das Sprechen ein Mienenspiel und unmittelbar-visueller
Gesichtsausdruck. Wer das Sprechen
sieht
, erfährt ganz andere Dinge als jener, der die Worte
hört. Auch während des Sprechens kann der Mund oft viel mehr zeigen, als seine Worte sagen
können.21
Das markante Merkmal eines Stummfilms ist - wie schon in Kapitel drei klassifiziert wurde -
die riesige visuelle Kraft der Bilder. Diese Kraft geht zusätzlich zur Bildsprache und dem
Schauspiel, sei es nun reduziert oder übertrieben, von dem stummen Sprechakt der
Schauspieler aus. An diesem Punkt lässt sich also wiederum ein gemeinsamer ästhetischer
Ansatzpunkt feststellen, wobei nochmals zu erwähnen ist, dass Aki Kaurismäki auch
diesbezüglich seine Figuren sehr stark reduziert und fast ausschließlich auf seine reine
Bildkraft vertraut, d.h. dass er auf das Sprechen als ,,unmittelbar-visuelle[n]
Gesichtsausdruck"22 weniger Augenmerk legt als Franka Potente.
Diesbezüglich steht die Funktion der Zwischentitel in direktem Zusammenhang. Wiederum
verwenden beide dieses stummfilmästhetische Ausdrucksmittel, jedoch lässt sich die
Verwendung dieser Technik in demselben Maße erläutern wie zuvor die Verwendung des
stummen, visuellen Gesichtsausdrucks, Kaurismäki geht also anders als Potente sehr sparsam
mit den Zwischentiteln um, was natürlich seiner - in Kapitel 4 ansatzweise erläuternden -
gänzlichen Auffassung von Filmästhetik entspricht.
Franka Potente arbeitet stilistisch neben einer größtenteils stummfilmtypisch - natürlich
stummfilmtypisch auf das Jahr 1918 bezogen - verwendeten Kamera, d.h. das einige Szenen
den Charakter einer Theaterbühne haben, unter anderem auch mit der Technik des
Übereinanderkopierens23, der Simultanmontage24 sowie mit dem rückwärts laufenden Film25.
20 Ulrich Kurowski, ,,Slapstick-Comedy",
Lexikon Film
, München: Hansen 1972, S. 150-159.
21 i. O. Herv. Bela Balázs, ,,Mienenspiel und Physiognomie im Film",
Geschichte der Filmtheorie.
Kunsttheoretische Texte von Méliès bis Arnheim
, Hg. Helmut H. Diederichs, Frankfurt am Main: Suhrkamp
2004, S. 215; (Orig. 1924).
22 Ebd.
23
Der die Tollkirsche ausgräbt
(D 2006), 0:32.
11
Das alles sind stummfilmästhetische Ausdrucksmittel, die zu jener Zeit entstanden und
definiert wurden26 und deshalb als direkter Bezug zur Stummfilmära zu betrachten sind.
Die Filme von Aki Kaurismäki leben ,,von jeher von ihrer visuellen Erzählkraft"27,
wenngleich
Juha
der einzige bisherige
moderne
Stummfilm in seinem filmischen Werk ist.
Den größten Teil seiner filmischen Anleihen schöpft Kaurismäki jedoch aus den Melodramen
ernster Stummfilmdramatiker. Besonders auffällig sind die Analogien zu Friedrich Wilhelm
Murnau, dessen Film Sunrise (1927) - in gewissermaßen spiegelverkehrter
Geschlechterkonfiguration - eine ähnliche Geschichte wie Juha erzählt. [...] Weitere
Analogien finden sich bei Stroheim, Griffith, Pabst und Buñuel.28
Bei ihm sind signifikante Techniken der Stummfilmzeit weniger wichtig, sondern eher der
Bezug zu seinen Vorbildern und das ausgeprägte Inszenieren von Licht und Schatten:
Während der Exposition der ländlichen Idylle zum Filmbeginn dominiert ein weiches Licht
mit milden Kontrasten [...] Später, im zwielichtigen Etablissement Shemeikkas, ändert sich
die filmische Strategie. Dann dominieren harte Kontraste, die die räumlichen Konturen zu
gefährlich scharfen Kanten erstarren lassen. Ein kaltes, gebündeltes Licht wirft hier bedrohlich
große Schlagschatten an die Wand und lässt die Mienen zu schattenhaften Fratzen gerinnen.29
Des Weiteren ist für Kaurismäki neben der Stummheit der Figuren das Verhältnis des Bildes
zu Musik und zu den O-Tönen im Film bedeutsam, wobei letztlich natürlich auch sein
stilistischer Anspruch nach einem reinen Bild zu nennen ist. Dieses Verhältnis des Tons zum
Film ist in den Zeiten des
modernen
Stummfilms aufgrund der technischen Voraussetzungen
auf den jeweiligen Film festgelegt, d.h. die Musik und auch die O-Töne sind spezifisch auf
das Werk abgestimmt, egal ob nun vom Regisseur selbst oder ausschließlich von den
Komponisten - dass das ursprünglich völlig anders gewesen ist, wird in Kapitel 3 ausführlich
erläutert. Natürlich gilt dieser Zusammenhang auch für den Film von Franka Potente, jedoch
obliegt es nicht ihrer Ästhetik etwa in einen Stummfilm O-Töne einzuflechten, wie bei
Kaurismäki30, sondern ihrer kreierten Stummfilmwelt die gegenwärtige Tonfilmwelt
gegenüberzustellen. Der Punk darf in ihrem Stummfilm all das, was eigentlich nur im Tonfilm
24 Ebd., 0:24.
25 Ebd., 0:19.
26 Vgl. Arnheim,
Film als Kunst
, S. 114-133.
27 Ebd., S. 251.
28 Werner,
Aki Kaurismäki
, S. 251-252.
29 Ebd., S. 253.
30
Juha
(FIN 1998), 1:02.
12
möglich ist; man hört Schritte im Gras, seine Sprache und Geraschel in der Tasche31. Um
diese beiden Gegenpole, also das Stumme mit dem Sprechenden zu verbinden, schafft Potente
eine eigene, fiktive Liebessprache, die den beiden Liebenden Cecilie und dem Punk
ermöglichen soll sich zu verständigen.
Die Paradoxie des vorkommenden Sprechaktes in einem Stummfilm verursacht zugleich, dass
dem Betrachter deutlich gemacht wird, dass es sich hier zwar um einen Stummfilm handelt, er
aber keineswegs in dem Jahre 1918 produziert worden ist, sondern aufgrund des
Gegenwartsbezugs deutlich in den gesellschaftlichen Zusammenhang des Jetzt einzufügen ist.
Dies geschieht bei Kaurismäki alleine dadurch, dass die Geschichte nicht in der
Stummfilmzeit spielt, sondern zu einer nicht definierten Zeit, jedoch, aufgrund gewisser
Transportmittel, innerhalb der letzten Hälfte des ausgeklungenen Jahrhunderts auf dem
finnischen Land, anzusiedeln ist.
Das geschichtliche Moment ist den Kunstwerken konstitutiv; die authentischen sind die,
welche dem geschichtlichen Stoffgehalt ihrer Zeit vorbehaltlos und ohne die Anmaßung über
ihr zu sein sich überantworten.32
Kunst ist also immer ein Ausdruck der Zeit, in der sie entstanden ist. Bei beiden Filmen lässt
sich diesbezüglich über ihre stummfilmästhetische Selbstreflexion (im Sinne Adornos
konstitutiv geschichtliches Moment) erkennen worauf sie sich beziehen, nämlich nicht nur auf
die Stummfilmepoche, sondern auch auf die schon hinter ihnen liegende Zeit des Tonfilms,
also ganz im Sinne des
modernen
Stummfilmes mit seinen technischen Möglichkeiten
arbeiten und auch spielen.
4.2. Funktionen der Musik
Es ist schon deutlich geworden, dass der Musik in einem
modernen
Stummfilm aufgrund der
Entstehung des Tonfilms ein anderer Charakter zugeordnet werden kann, als noch in der
klassischen
Stummfilmzeit. Dadurch dass die Musik beim modernen Stummfilm anders als
zur klassischen Stummfilmzeit synchron zum Bild abgespielt werden kann, ist es auch dazu
gekommen, dass die Musik speziell für einen Film entworfen bzw. eingespielt wird und auf
das Bild genauestens abgestimmt werden kann - wie sich dieses Verhältnis von Musik und
31
Der die Tollkirsche ausgräbt
(D 2006), 0:09.
32 Theodor W. Adorno, ,,Ästhetische Theorie", Bd. 7:
Gesammelte Schriften
, Hg. Rolf Tiedemann, Mitw. Gretel
Adorno, 20 Bde., Frankfurt am Main: Suhrkamp 1996, S. 272.
13
Bild ursprünglich verhalten hat, ist in Kapitel 3 schon ergründet worden. Dennoch bleibt wie
schon im
klassischen
Vorbild des
modernen
Stummfilms die Hauptfunktion der Musik eine
erklärende Aufgabe. Wiederum ist es wichtig anzumerken, dass auch die Musik im letzten
Jahrhundert unweigerlich durch zahlreiche Entwicklungen geprägt wurde und es das
spezifische Verlangen des modernen Stummfilms ist auch diese Veränderungen für seine
Zwecke zu gebrauchen. So geschehen auch in den beiden dem im vorangegangenen Kapitel
diskutierten Filmen
Juha
und
Der die Tollkirsche
ausgräbt
. Franka Potente lässt eigens für
ihren Film in den Babelsberger Filmstudios eine symphonische Musik komponieren, die sich
zum einen natürlich an der Zeit um 1918, in welcher der Film spielt, orientiert33 und zum
anderen mit der Wirkung von modernen Instrumenten wie beispielsweise einer E-Gitarre34
stilistisch spielt und wiederum auf die Gegenwart bzw. die Präsenz des anarchistischen Punks
verweist.
Ganz ähnlich entstand die Musik zu dem Film von Aki Kaurismäki, jedoch lässt sich bei
seinem Werk auch ein weitaus tieferer und engerer Zusammenhang zwischen Bild und Musik
feststellen.
Der finnische Komponist Anssi Tikanmäki arrangierte die Filmmusik für ein komplettes
Sinfonieorchester, das er um die Instrumente einer Rockband ergänzte. [...] Die
Kommentierung des Filmgeschehens durch die Musik ist seit jeher in den Werken
Kaurismäkis eine wichtige Konstante; nicht selten formulieren Melodieführung und Liedtexte
jene Gefühle, die das introvertierte Underacting des Schauspiels vorenthält.35
Es wird neben der klassischen symphonischen Musik zwischen finnischer Volksmusik bzw.
Rockmusik36 und französischen Chansons37 Hin und Her oszilliert, wobei immer festzustellen
ist, dass diese Musik gänzlich mit dem Bild verschmilzt; ein Teil der reinen Bildsprache
Kaurismäkis ist. Diesbezüglich ist deutlich darauf hinzuweisen, dass die Musik gerade in den
Momenten verschwindet, als O-Töne aus dem Bild hervortreten.
Die endgültige Erkenntnis bezüglich der Funktion der Musik im
modernen
Stummfilm ist
zum einen die Erklärungsfunktion und zum anderen der Innovationsgedanke, d.h. das
Kombinieren der
klassischen
Stummfilmmusik mit neuen musikalischen Elemente wie zum
Beispiel Rock und Volksmusik.
33
Der die Tollkirsche ausgräbt
(D 2006), 0:11.
34 Ebd., 0:31.
35 Werner,
Aki Kaurismäki
, S. 259.
36
Juha
(FIN 1998), 0:21.
37 Ebd., 0:48.
14
5. Ästhetische Berechtigung im digitalen Zeitalter
Die vorherigen Kapitel haben geklärt, dass dem
modernen
Stummfilm ein stetiger
Innovationscharakter zugrunde liegt, wobei er sich natürlich stets zum größten Teil auf sein
klassisches
Vorbild bezieht. Es wurden anhand der beiden Werke
Juha
und
Der die
Tollkirsche ausgräbt
die stummfilmästhetischen Zusammenhänge erläutert und in Verbindung
mit der inzwischen Jahrzehnte langen Erfahrung des Tonfilms gebracht. In diesem
Zusammenhang stellt sich natürlich sofort die Frage inwieweit sich nun der Digitale Film,
welcher sich immer weiter in den Vordergrund drängt, auf den
modernen
Stummfilm auswirkt
und welche ästhetische Berechtigung ihm in diesem angebrochenen digitalen Zeitalter
zugestanden wird. Vor der näheren Erläuterung sei jedoch geklärt, was überhaupt mit einer
ästhetischen Berechtigung gemeint ist. In jedem Fall kommt es diesbezüglich nicht auf
ökonomische Gründe an; es geht allein um die Ästhetik, also um die sinnliche Wahrnehmung
von einem Kunstgegenstand. Die Frage nach der ästhetischen Berechtigung von einem
stummen Film in einem digitalen Zeitalter des Tons lässt sich also nicht nach dem
finanziellen Profit beurteilen, sondern tatsächlich nach ihrer dem Zeitalter entsprechenden
Ästhetik, Wahrnehmung. Um dieser ästhetischen Berechtigung gerecht zu werden darf der
moderne
Stummfilm also keineswegs vollkommen in die Filmstruktur der
klassischen
Stummfilmära zurücktreten, sondern muss immer innovativ bleiben und der ihm
gegenwärtigen Zeit reflektierend gegenüber stehen.
Aber in der Geschichte gibt es nur Krisen, keine Tragödien. Denn die Geschichte gibt es nur
Krisen, keine Tragödien. Denn die Geschichte geht weiter. Es ist ein neuer Weg, der hier einen
alten verstellt hat.38
In diesem Sinne ist es völlig klar, dass es stets eine ästhetische Berechtigung des
modernen
Stummfilms geben wird, wenn er seinem Innovationscharakter treu bleibt. Auch an dem
digitalen Schnittpunkt der sich wiederum verändernden Filmkunst entstehen ausschließlich
neue filmische Ausdrucksmittel und es verändert sich nicht der Grundcharakter des Mediums
- dies wird speziell im Kapitel 3 näher erläutert. Weshalb soll es beispielsweise nicht möglich
sein einen animierten Stummfilm zu drehen bzw. digital zu erzeugen? Und warum sollte
diesem Ausdrucksmittel die ästhetische Berechtigung nicht zugesprochen werden, wenn er
38 Bela Balázs, ,,Tonfilm",
Geschichte der Filmtheorie. Kunsttheoretische Texte von Méliès bis Arnheim
, Hg.
Helmut H. Diederichs, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2004, S. 359; (Orig. 1930).
15
aus der Betrachtung der Maxime Adornos heraus Neues schafft - diese wird in Kapitel 4.1.
zitiert und steht im Sinnzusammenhang mit Hegel. Adorno spricht auf die Tatsache an, dass
jedes Kunstwerk immer auf dem Bezug zu seinem geschichtlichen Vorbild fußt, zugleich aber
auch aus den Bedingungen seiner Zeit heraus entsteht.
Abschließend sei zu bemerken, dass Franka Potente diesem Prinzip schon in ihrem zuvor
diskutiertem Werk
Der die Tollkirsche ausgräbt
gerecht wird, indem sie die in der
Stummfilmzeit ursprünglich handgemachten Effekte in ihrem
modernen
Stummfilm digital
erzeugt und somit dem Innovationsgedanken durchaus gerecht wird.
16
6. Schlussbemerkung
Natürlich hat sich meine zu Beginn geäußerte Befürchtung, dass es nicht möglich sein wird
eine absolut befriedigende Betrachtung des
modernen
Stummfilms herauszuarbeiten,
bestätigt. Dieser Rahmen reicht einfach nicht aus um jeden Aspekt dieser neu eingeführten
Begrifflichkeit zu beleuchten und auch wissenschaftlich zu begründen. Deshalb hatte ich mich
vorab auf die Filmästhetik zweier relativ aktueller Werke beschränkt, jedoch Hin und Wieder
trotzdem festgestellt, dass es schwer möglich ist bis ins Detail vorzudringen um wirklich
davon sprechen zu können, dass es keine Lücken mehr in meiner Argumentation gibt. Dem
liegen aber keineswegs die Möglichkeiten dieser Hausarbeit zugrunde, sondern eher die
mangelnde Literatur, die zu meinen Betrachtungen herangezogen werden können. Trotzdem
erscheint es mir bis hierhin als äußerst sinnvoll dem Thema der Ästhetik des
Gegenwartsstummfilms größere Aufmerksamkeit geschenkt zu haben, da ich auch meine
anfangs gestellten Fragen durchaus beantworten und wissenschaftlich diskutieren konnte.
Letzten Endes bleibt aber dennoch zu erwähnen, dass die Fragestellung nach einer
ästhetischen Berechtigung des
modernen
Stummfilm im digitalen Zeitalter auch aus dem
Grund noch nicht zufrieden stellend erörtert werden kann, weil es auch einfach zu wenige
filmische Arbeiten diesbezüglich gibt. Natürlich bin ich mir gerade auch dem Schaffen von
Guy Maddin bewusst, jedoch reicht all das meiner Meinung nach noch nicht aus um dem
modernen
Stummfilm wirklich einen zufrieden stellenden Charakter zu verleihen, weshalb ich
schon klarstellen möchte, dass ich mir bewusst bin, dass diese Begrifflichkeit und somit auch
mein Themenansatz bisher nur auf wenigen Stelzen zu stehen begonnen hat.
17
7. Literatur- und Quellenverzeichnis
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The sounds of early cinema
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Main: Suhrkamp 2004, S. 212-221; (Orig. 1924).
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, Hg. Helmut H. Diederichs, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2004, S. 359-372; (Orig.
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Frankfurt am Main: Suhrkamp 2007; (Orig. 1939).
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Geschichte der Filmtheorie. Kunsttheoretische Texte von Méliès
bis Arnheim
, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2004.
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Schrader, Ricarda, ,,Ein Spiel mit Licht und ohne Worte - ,Der die Tollkirsche ausgräbt′ - ein
Stummfilm als Regiedebüt von Franka Potente",
Allgemeine Zeitung
, 01.12.2006.
Werner, Jochen,
Aki Kaurismäki
, Mainz: Bender Verlag 2005.
19
8. Filmverzeichnis
Der die Tollkirsche ausgräbt
, Regie: Franka Potente, DVD-Video, X Filme Creative Pool
GmbH 2006.
Juha
, Regie: Aki Kaurismäki, DVD-Video, Pandora Film 2006; (Orig. FIN/D 1998).
Moderne Zeiten
, Regie: Charles Chaplin, DVD-Video, Warner Bros. Entertainment 2003;
(Orig.
Modern Times
, USA 1936).
20
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