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Diploma Thesis, 2008, 185 Pages
Authors: Carina Tillmann, Jolanta Figas
Subject: Pedagogy - Nursery Pedagogy
Details
Tags: Bildung, Erziehung, Kleinkinder, Kleinkind, Familie, Familienerziehung
Year: 2008
Pages: 185
Grade: 2,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-31185-9
ISBN (Book): 978-3-640-31586-4
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Abstract
Ein Ausbau der Betreuungsplätze für Kinder von 0 bis 3 Jahren ist auf dem Vormarsch. Wie im Zuge dieser Entwicklung gleichzeitig Qualität mitgeschaffen werden kann, versucht die vorliegende Diplomarbeit zu beantworten. Sie stellt Überlegungen zu Bildung und Erziehung bei Kindern von 0 bis 3 Jahren an, um zu vermeiden, dass der Ausbau des Krippenwesens „übers Knie gebrochen“ oder „aus dem Bauch heraus“ vollzogen wird. Um Qualität in Erziehung und Bildung zu sichern, ist es wichtig zu fragen, was der aktuelle Bildungsgedanke überhaupt bedeutet. Diese Arbeit nimmt eine Gegenüberstellung theoretischer Anforderungen einer gelungenen Bildungsinitiative, wie sie von Gerd E. Schäfer (Professor für Frühpädagogik an der Universität zu Köln, Herausgeber "Bildung beginnt mit der Geburt") vertreten wird, mit den praktischen Möglichkeiten der Umsetzung vor. Wichtig ist sich klarzumachen, dass – ebenso wie der Kindergarten keine „verkleinerte Art der Schule“ ist – die Krippe auch keine „verkleinerte Art des Kindergartens“ darstellen darf. Inhalte und Konzeptionen aus der Kindergartenpädagogik dürfen nicht einfach als Krippenpädagogik adaptiert werden. Was das für die Praxis der Krippenpädagogik bedeutet und wie wir als Pädagogen einen geeigneten Rahmen dafür schaffen können, wird in der vorliegenden Arbeit erörtert. Sie beginnt mit einem historischen Rückblick. Unter Berücksichtigung der Ideen und Erkenntnisse der Vergangenheit zum Bildungsgedanken folgt eine Bestandsaufnahme der Gegenwart. Was ist es, das Gerd E. Schäfer unter Bildung versteht? Dass es bereits pädagogische Konzepte gibt, die die Anforderungen an den heutigen Bildungsgedanken bemerkenswert gut in die Praxis umsetzen, zeigen die Reggio-Pädagogik und die Pädagogik Emmi Piklers. Beide Konzepte beschäftigen sich explizit mit unter Dreijährigen Kindern und ihrer Selbstbildung. Es folgt der Blick nach Hamburg. Im Rahmen unseres Studiums hospitierten wir in zwei Hamburger Einrichtungen, die gelungene Krippenpädagogik schon jetzt richtungsweisend leben. Unsere dort gemachten Beobachtungen und das Bildmaterial, das wir vor Ort anfertigen durften, dienen dem besseren Verständnis und der Veranschaulichung, wenn wichtige Säulen der Krippenpädagogik auf dem Prüfstand im Praxisbezug stehen (Spiel, ästhetische Bildung, Bewegung, Raumgestaltung, personelle Anforderungen, Beobachtung, Eingewöhnung). Was ändert der Schäfersche Bildungsbegriff an Bestehendem, was kann wie neu geschaffen werden?
Excerpt (computer-generated)
Überlegungen zu Bildung und Erziehung bei
Kindern von 0 bis 3 Jahren
Diplomarbeit im Fach Erziehungswissenschaft
Vorgelegt für die Diplomprüfung von
Jolanta Figas
aus
Kattowitz
&
Carina Til mann
aus
Neuss
an der
Universität zu Köln
Humanwissenschaftliche Fakultät
Köln, September 2008
ÜBERLEGUNGEN ZU BILDUNG UND ERZIEHUNG
BEI KINDERN VON 0 BIS 3 JAHREN
INHALTSVERZEICHNIS
SEITE
1. Einleitung und Begründung des Themas (J. F. / C. T.)
01
2. Historische Herleitung der Kleinkinderziehung (J. F.)
05
2.1. Die Geburtsstunde einer neuen Gesel schaftsordnung
05
2.2. Kinderbewahranstalten - Anfänge institutionel er Kleinkinderziehung 07
2.3. Fröbels Einfluss auf die Kleinkinderziehung
09
2.4. Wie die Weimarer Republik einen gesetzlichen Rahmen schafft
12
2.5. Das dritte Reich ein Rückschritt für die Kleinkinderziehung
14
2.6. Die Entwicklung des Kindergartens von der Nachkriegszeit bis heute 14
2.7. Neue Ideen und Konzepte werden zu Wegweisern
16
2.8. Von verpassten Gelegenheiten
18
3. Der Bildungsgedanke als roter Faden der
frühkindlichen Pädagogik im geschichtlichen Rückblick (J. F.) 20
4. Was bedeutet Bildung im Elementarbereich? (J. F.)
24
4.1. Der Bildungsbegriff nach Gerd E. Schäfer
24
4.2. 15 Thesen zu Bildungsprozessen
25
5. Bildung und Erziehung bei Kindern von 0 bis 3 Jahren
Vorstel ung zweier gelungener Konzepte (C. T. / J. F.)
29
5.1. Kleinkinderziehung in der Reggio-Pädagogik (C. T.)
30
5.1.1. Entstehung, Inhalte und Ziele der Kleinkindpädagogik
30
5.1.2. Das Bild vom Kind
34
5.1.3. Wahrnehmen, Lernen und Gestalten als Grundgedanken
35
5.1.4. Die Räume in Reggio Emilia
37
5.1.5. Die reggianischen Erzieherinnen
40
5.1.6. Die Eltern
44
5.1.7. Die Eingewöhnung der Kinder
48
5.1.8. Ästhetische Bildung in Reggio Emilia
49
5.1.9. Abschließende Gedanken zur Reggio-Pädagogik
51
5.2. Das Konzept von Emmi Pikler (J. F.)
53
5.2.1. Einführung in die Pädagogik von Emmi Pikler
53
5.2.2. Schwerpunkte in der Piklerschen Pädagogik
56
5.2.3. Die Rol e der Erzieherin oder: Mütterliche Betreuung ohne Mutter 59
5.2.4. Das freie Spiel des Kindes
64
5.2.5. Bewegungsentwicklung
66
5.2.6. Abschließende Gedanken zur Pädagogik von Emmi Pikler
70
6. Zu Besuch in Hamburg
72
Die Krippen Kind & Kegel e. V. und Kegelhofstraße e. V. (C. T.)
7. Krippenpädagogische Säulen auf dem Prüfstand im
Praxisbezug (J. F. / C. T.)
79
7.1. Kindliche Aktivitäten im Zentrum des Krippengeschehens
79
7.1.1. Spiel (C. T.)
79
7.1.1.1. Was macht das Spiel zum Spiel?
80
7.1.1.2. Formen des Spiels
81
7.1.1.3. Konsequenzen für die Praxis
83
7.1.2. Ästhetische Bildung (C. T.)
84
7.1.2.1. Begriffsklärung
83
7.1.2.2. Gestalten als frühkindliche Tätigkeit
85
7.1.2.3. Materialien zum Experimentieren und Gestalten
87
7.1.2.4. Projektarbeit in der Krippe
93
7.1.3. Bewegung (J. F.)
95
7.1.3.1. Bewegung und ihre Multifunktionalität
95
7.1.3.2. Bewegung als erste Denkform des Kindes
96
7.1.3.3. Differenzierung von Wahrnehmungserfahrungen
Bewegungsentwicklung im Praxisbezug
97
6.1.3.4.
Hamburg ,,bewegt":
Bewegung in den besuchten Kinderläden
99
7.2. Der Raum als Quel e zur Selbstbildung (C. T.)
105
7.2.1. Die Bedeutung des Raumes für Bildung und Erziehung
105
7.2.2. Der Eingangsbereich in der Krippe
108
7.2.3. Der Gruppenraum
108
7.2.4. Sinnesanregende Gestaltung: Farben, Licht, Akustik, Gerüche 117
7.2.5. Die drei Funktionen des Sanitärraumes:
Atelier, Ort zum Spielen und Experimentieren und Körperpflege 119
7.2.6. Ein Raum zum Essen und Genießen
124
7.2.7. Ruhen, Schlafen und Träumen
128
7.2.8. Raum für Angebote und Arbeitsplatz der Erzieherin
135
7.2.9. Übergänge zwischen Räumen und Bereichen
und Räumen und Räumen
137
7.2.10. Abschließende Gedanken zum Thema Raumgestaltung
141
7.3. Personel e Anforderungen und Konsequenzen für die Praxis
142
7.3.1. Die Erzieherin im Schäferschen Sinne (C. T.)
142
7.3.1.1. Wie personel e Qualität geschaffen werden kann
ein Beispiel aus Hamburg
147
7.3.2. Beobachten und Dokumentieren als Praxisinstrument (J. F.)
157
7.3.3. Die ersten Tage in der Krippe ein sanfter Übergang (C. T. / J. F.) 163
7.3.3.1. Die Notwendigkeit der Eingewöhnung
163
7.3.3.2. Das Berliner Eingewöhnungsmodel und seine
praktische Umsetzung
166
7.3.3.3. Die Rol en der Beteiligten
169
7.3.3.4. Abschließende Gedanken zum Thema Eingewöhnung
170
8. Fazit (J. F. / C. T.)
171
9. Literaturverzeichnis (J. F. / C. T.)
178
1. Einleitung und Begründung des Themas
Die Frage nach einer geeigneten Bildung der Gesel schaft hat in der
Menschheit eine lange Tradition. Egal, wie weit der Blick in die Geschichte
zurückgeht, es gibt zu fast jeder Zeit Gelehrte und Lernende. Seit jeher wird
gelernt. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Lernen ist lebensnotwendig
und geht darüber hinaus. Zu Beginn unseres Lebens geht es darum die Din-
ge zu lernen, die das Überleben sichern. Gleichzeitig erlernen wir Strategien,
die es möglich machen, die vorhandenen gesel schaftlichen, kulturel en,
technologischen, wirtschaftlichen und anderen Gegebenheiten unserer Welt
in unserem Sinne gebrauchen zu können.
Die Erkenntnis darüber, dass bereits kleine Kinder und Säuglinge ein riesiges
Lernspektrum besitzen, ist relativ neu. Erst Ende des 19. Jahrhunderts be-
ginnen Wissenschaftler zaghaft, sich mit der Frage nach dem Wissen und
der Art, wie es von Säuglingen angeeignet wird, zu beschäftigen. Wirklicher
Forschungsgegenstand wurden die Jüngsten erst vor etwa 30 Jahren. Bis
heute liefert die Kognitionsforschung und Entwicklungspsychologie, um nur
zwei der zahlreichen Wissenschaftsbereiche zu nennen, viele neue Erkennt-
nisse darüber, wie Lernen funktioniert und wie sich Menschen bilden. Die
Umsetzung dessen, was die Wissenschaft an Erkenntnissen bietet, scheint
aber erst am Anfang zu stehen. Zwar ist die Metapher des ,,dummen, ersten
Jahres" mittlerweile glücklicherweise aus dem Volksmund verschwunden, die
Erkenntnis darüber, dass Kinder schon mit ihrer Geburt aktive, soziale We-
sen sind, die sich ihre Umwelt selbsttätig aneignen, ist al erdings noch lange
nicht überal Gang und Gäbe geworden.
Die Meinungen darüber, was lernenswert ist, gehen nicht selten auseinander.
Was ein Säugling und späteres Kleinkind in der Familie lernt, hängt größten-
teils von den Vorstel ungen und Wünschen seines Umfeldes ab. Das Verhal-
ten der Familie spielt dabei eine wichtige Rol e, ebenso wie ihre Erfahrungen
und ihr Verständnis von Erziehung. Dies kann sich von Familie zu Familie
stark unterscheiden. Ist die Familie in Erziehungsfragen verunsichert, helfen
Figas, J. & Til mann, C.: Überlegungen zu Bildung und Erziehung bei Kindern von 0 3 Jahren.
- 1 -
unter anderem unzählige Beratungsbücher bei der Erziehung. Schließlich
möchten die meisten Eltern die Erziehung ihrer Kinder auf das Möglichste
optimieren.
Und so ist es nicht nur die Erziehung, die einem ständigen Wandel unterliegt,
sondern auch das, was ,,Bildung" ausmacht. Von der Vorstel ung des einzig
richtigen, dem wahren und für al e Menschen gleich geltenden ,,Bildungsplan"
rückt die Gesel schaft ab. Zu vielfältig sind die Möglichkeiten, zu individuel
die Bedürfnisse des Einzelnen.
Während noch vor wenigen Jahrzehnten der Schwerpunkt der Schulbildung
auf der Rekonstruktion lag - jedenfal s geht das aus Erzählungen der vorhe-
rigen Generationen hervor - prägt das Vermitteln von sogenannten ,,Schlüs-
selkompetenzen" das heutige Schulbild. So sol te es jedenfal s sein, denn
schließlich sind Bildung und Wissenschaft der ,,Schlüssel zur Welt" und das
Eigenkapital im Wettbewerb mit der globalen Konkurrenz. Dementsprechend
sol ten die Menschen auch gut gebildet sein. Zwar investiert die Politik in
Deutschland seit vielen Jahren, verglichen mit anderen Ländern Europas,
nicht viel in die Bildung seines Volkes (man denke dabei an den schlechten
Zustand vieler Schulen oder an das veraltete Schulsystem), und dennoch
spricht man im gleichen Land nach der Veröffentlichung der Ergebnisse der
Pisa-Studie vom ,,Pisa-Schock".
Die derzeitige Bildungsdiskussion in Deutschland basiert nun auf dem
schlechten Abschneiden internationaler Bildungsvergleiche wie der ,,Pisa-
Studie". Sie zwingt die Politik, das vorhandene Bildungssystem zu überden-
ken. Die Ergebnisse der Pisa-Studie lassen Deutschland als immer noch ei-
nes der reichsten Industriestaaten, in keinem guten Licht erscheinen. In kei-
nem anderen Staat steht eine gute Bildung in einem solch engen Zusam-
menhang von guter Herkunft und besseren finanziel en Möglichkeiten der
Eltern wie in unserem Land. Im Umkehrschluss bedeutet das, man beachte
hierbei die steigende Anzahl der in Armut lebender Kinder, dass Kinder
,,schlechterer" Herkunftsfamilien (in unserem Land oft Einwandererfamilien
oder Familien von Al einerziehenden), kaum Zugang finden in eine verbes-
Figas, J. & Til mann, C.: Überlegungen zu Bildung und Erziehung bei Kindern von 0 3 Jahren.
- 2 -
serte Bildungsschicht. Der Austritt aus diesem Teufelskreis gelingt nur weni-
gen.
Den entscheidenden Unterschied zwischen Deutschland und den Ländern,
die gut abgeschnitten haben, sehen viele mittlerweile in der Vergeudung der
frühen Kindheit als verschwendete Bildungszeit. Diese gilt es nun besser zu
nutzen.
Prompt reagiert die Politik. Ursula von der Leyen (Bundesministerin für Fami-
lie, Senioren, Frauen und Jugend) fordert unter anderem den Ausbau von
Kinderkrippenplätzen von 13,5% auf 35% (das sind in Zahlen 750.000 Plät-
ze) deutschlandweit und stößt damit nicht überal auf Zustimmung. Zum The-
ma, wie zufrieden Eltern mit der Kinderbetreuung sind, wurde seitens des
Forsa-Instituts der Bertelsmann Stiftung und der Deutschen Industrie und
Handelskammer (DIHK) eine Umfrage durchgeführt. Das Ergebnis: Zwei Drit-
tel der Befragten sind der Meinung, es gäbe zu wenig Betreuungsangebote
für Kinder von nul bis drei Jahren. Weiter wünschen sie sich flexiblere Öff-
nungszeiten, die ihren Arbeitszeiten besser angeglichen sind. Sie halten die
öffentlichen Angebote zur Förderung von Kleinkindern für unzureichend und
befürworten einen bundesweiten Rechtsanspruch auf Bildungs- und Betreu-
ungsangebote. Mehr als 80% der Befragten sprachen den Krippen die Wich-
tigkeit des zeitlichen Umfangs der Betreuung und dem hierfür zu zahlenden
Preis zu, betonten vor al em aber auch die Wichtigkeit von Qualität (Wehr-
mann,
Ilse:
Betrifft
Kinder.
Qualität
von
Anfang
an.
URL:
http://www.verlagdasnetz.de (17.08.08)).
Ein Ausbau der Betreuungsplätze für Kinder von nul bis drei Jahren ist be-
reits auf dem Vormarsch. Wie im Zuge dieser Entwicklung gleichzeitig Quali-
tät mitgeschaffen werden kann, versucht die vorliegende Diplomarbeit zu
beantworten. Sie stel t Überlegungen zu Bildung und Erziehung bei Kindern
von nul bis drei Jahren an, um zu vermeiden, dass der Ausbau des Krip-
penwesens einfach ,,übers Knie gebrochen" oder ,,aus dem Bauch heraus"
vol zogen wird. Um Qualität in Erziehung und Bildung zu sichern, ist es wich-
tig, sich zunächst einmal zu fragen, was der aktuel e Bildungsgedanke über-
Figas, J. & Til mann, C.: Überlegungen zu Bildung und Erziehung bei Kindern von 0 3 Jahren.
- 3 -
haupt bedeutet. Diese Arbeit versucht daher, eine Gegenüberstel ung von
den theoretischen Anforderungen einer gelungenen Bildungsinitiative, wie sie
von Gerd E. Schäfer vertreten wird, mit den praktischen Möglichkeiten der
Umsetzung vorzunehmen. Der von Schäfer entwickelte Bildungsansatz be-
schreibt differenziert, wie kompetent bereits kleine Kinder sind. Natürlich
können sie noch nicht al es, aber sie können al es lernen. Wichtig hierbei ist
sich klarzumachen, dass ebenso wie der Kindergarten keine ,,verkleinerte
Art der Schule" sein sol te die Krippe auch keine ,,verkleinerte Art des Kin-
dergarten" darstel en darf. Inhalte und Konzeptionen aus der Kindergarten-
pädagogik dürfen nicht einfach als Krippenpädagogik adaptiert werden. Aus-
gehend vom Grundgedanken, dass wir Kinder nicht bilden können, muss an-
erkannt werden, dass al ein sie selbst das tun können. Was das für die Pra-
xis der Krippenpädagogik bedeutet und wie wir als Pädagogen einen geeig-
neten Rahmen dafür schaffen können, wol en wir hier erörtern.
Die vorliegende Arbeit beginnt zunächst mit einem historischen Rückblick in
die vergangenen Jahrhunderte und -zehnte (Kapitel 2). Der Schwerpunkt
hierbei liegt darauf, wie institutionel e Kleinkindbetreuung überhaupt entstan-
den ist und wie sie sich bis heute entwickelt hat. Unter Berücksichtigung der
Ideen und Erkenntnisse der Vergangenheit zum Bildungsgedanken (Kapitel
3) folgt eine Bestandsaufnahme der Gegenwart. Was ist es, das Gerd E.
Schäfer unter Bildung versteht? Dieser Frage gehen wir in Kapitel 4 auf den
Grund. Dass es bereits pädagogische Konzepte gibt, die den Anforderungen
an den heutigen Bildungsgedanken bemerkenswert gut in die Praxis umset-
zen, zeigen wir in Kapitel 5. Hier stel en wir die Reggio-Pädagogik und die
Pädagogik Emmi Piklers vor. Beide Konzepte beschäftigen sich explizit mit
unter dreijährigen Kindern und ihrer Selbstbildung. Hier nehmen wir ersten
Bezug zu unseren Praxiserfahrungen, die wir in verschiedenen Einrichtungen
des Elementarbereiches in Nordrhein-Westfalen gesammelt haben. In Kapitel
6 folgt der Blick nach Hamburg. Im Rahmen unseres Studiums hospitierten
wir in zwei Hamburger Einrichtungen, die gelungene Krippenpädagogik
schon jetzt richtungsweisend leben. Unsere dort gemachten Beobachtungen
und das Bildmaterial, das wir vor Ort anfertigen durften, dienen dem besse-
ren Verständnis und der Veranschaulichung, wenn im folgenden Kapitel 7
Figas, J. & Til mann, C.: Überlegungen zu Bildung und Erziehung bei Kindern von 0 3 Jahren.
- 4 -
wichtige Säulen der Krippenpädagogik auf dem Prüfstand im Praxisbezug
stehen. Was ändert der Schäfersche Bildungsbegriff an Bestehendem, was
kann wie neu geschaffen werden? Im Rahmen dessen beschäftigen wir uns
mit den kindlichen Aktivitäten, die im Mittelpunkt des Krippengeschehens
stehen (Spiel, ästhetische Bildung und Bewegung), dem Raum als Quel e zur
Selbstbildung und den personel en Anforderungen und Konsequenzen, die
sich durch einen neuen Bildungsgedanken ergeben. Die Arbeit schließt mit
dem Fazit in Kapitel 8, fasst darin die wichtigsten Ergebnisse zusammen und
stel t Schlussfolgerungen für die zukünftige praktische Umsetzung gelunge-
ner Bildungsarbeit für Kinder unter drei Jahren an. Unsere Intention der vor-
liegenden Arbeit ist dabei nicht, lückenlos al e für dieses Thema relevanten
Aspekte zu bearbeiten. Schwerpunkte wie beispielsweise der Bildungsbe-
reich Sprache oder der Bildungsbereich Natur wurden herausgelassen bzw.
nicht explizit als solcher behandelt, da diese zu gewichtig sind, als dass sie
kurzgefasst werden könnten. Viel wichtiger ist es uns, den Blick für eine neue
Auffassung von Bildung und für die Selbstbildungspotentiale der Kinder zu
schärfen. Denn, so unsere Vermutung, hat man diesen erst einmal für sich
angenommen und verinnerlicht, so lassen sich inhaltliche Konsequenzen in
der Praxis auch ganz selbstständig vornehmen. Im Vordergrund dieser Arbeit
steht also die Erörterung eines veränderten Bildungsverständnisses, auf das
anschließend relevante Aspekte aus Theorie und Praxis für eine richtungs-
weisende Umsetzung folgen.
2. Historische Herleitung der Kleinkinderziehung
2.1. Die Geburtsstunde einer neuen Gesel schaftsordnung
Der Kindergarten ist eine Institution, die heute fest in unserer Gesel schaft
verankert ist. Für viele Menschen weltweit gehört der Kindergartenbesuch in
die persönliche Biographie. Trotzdem ist auch der Kindergarten eine Erfin-
dung der heutigen, modernen Zeit. Um die Entwicklung der Kleinkinderzie-
hung zu verstehen, ist es notwendig, sich die geschichtlichen Ereignisse der
vergangenen Jahrhunderte vor Augen zu führen. Denn der Kindergarten ist
Figas, J. & Til mann, C.: Überlegungen zu Bildung und Erziehung bei Kindern von 0 3 Jahren.
- 5 -
zunächst eine Antwort auf bedeutende Umwandlungsprozesse in der Gesel -
schaft.
Bis zum Beginn der Industrialisierung wuchsen Kinder in ihren Herkunftsfami-
lien auf und wurden dort von ihren Eltern oder näheren Verwandten erzogen.
Was sie für ihr späteres Leben brauchten, erlernten sie, indem sie die Er-
wachsenen beobachteten, nachahmten und von ihnen zur Mitarbeit aufge-
fordert wurden. Die Entwicklung zur vol wertigen Arbeitskraft hatten die Kin-
der mit dem sechsten oder siebten Lebensjahr durchzogen. Es war nicht un-
üblich, die Kinder bereits in jungen Jahren in einen anderen Haushalt zur
Lehre zu geben. Auch Kinder des Adels wurden in diesem Alter in fremde
Hände gegeben, um ihre von den Eltern begonnene Erziehung abzuschlie-
ßen. So kamen sie auf Internatschulen oder auf fremde Höfe (Vgl. Konrad,
Franz-Michael: Der Kindergarten. Seine Geschichte von den Anfängen bis in
die Gegenwart. 2004, S. 7ff.).
Die frühen Jahre der Kinder wurden von den Eltern als belastend empfun-
den. Das Kind selbst konnte noch nichts zur Ernährung der Familie beisteu-
ern und kostete wertvol e Zeit, da es Aufsicht und Pflege brauchte. Um den
Ausfal der eigenen Arbeitskraft so gering wie möglich zu halten, wurden
Säuglinge in Wickelkissen eingeschnürt und an den Ort, an dem man zu ar-
beiten hatte, mitgenommen. Die Art des Wickelns war über Jahrhunderte
eine beliebte Form der Säuglingspflege. Ein so eingewickeltes Kind konnte
sich nicht bewegen und schlief mehr, da ihm förmlich die Luft zum Leben
fehlte.
Erst im 18. Jahrhundert bildeten sich neben der Familie Formen der außer-
familiären Betreuung. Die Veränderung der Art der Produktionsweise von
einer subsistenzwirtschaflichen (selbstversorgenden) in eine auf der Markt-
wirtschaft basierenden, bildeten das Fundament einer Gesel schaft, wie wir
sie bis heute kennen (Vgl. ebd. S.10). Unter dem Druck der Frühindustriali-
sierung und einer neuen Vorstel ung von persönlicher Freiheit, die einherging
mit der Bauernbefreiung, löste sich der alte Zusammenhalt der Großfamilie.
An ihre Stel e trat die Klein- oder Kernfamilie. Eine Folge der Befreiung ist die
Figas, J. & Til mann, C.: Überlegungen zu Bildung und Erziehung bei Kindern von 0 3 Jahren.
- 6 -
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