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Subtitle: Zu Franz Hessel und seinem Werk „Spazieren in Berlin“
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 24 Pages
Author: Magistra Artium Petra Schmitt
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Tags: Genieße, Spaziergang, Berlin
Year: 2004
Pages: 24
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 6 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-29049-9
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Abstract
„Die Stadt neu anzuschauen und sie in absichtsloser Betrachtung dabei zu überraschen, wie sie zurückblickt, ist ein von Franz Hessel schon in den zwanziger Jahren postuliertes Gebot der Stunde.“ „Franz Hessel ist ein liebender, auch fürsorglich schützender und analysierender Beobachter, der den Voyeurismus und die Promiskuität aller Peinlichkeit enthoben hat.“ Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Schriftsteller Franz Hessel. Er wird 1880 in Stettin geboren und siedelt im Alter von acht Jahren mit seiner Familie nach Berlin über. Hier verbringt er seine Kinder- und Jugendzeit. Sie ist der Grundstein für sein späteres literarisches Werk, zu dessen bekanntestem Buch „Spazieren in Berlin“ gehört. Er lebt weiterhin in München und Paris. Paris beeindruckt Hessel als Stadt- Komplex, der ihn wahrnehmen und empfinden läßt, daß die Straße ein eigenes Gesicht hat. Für ihn- und viele andere Künstler- ist Paris die ultimative Stadt, die Welt- Metropole. Franz Hessel schreibt im Laufe seiner 60 Lebensjahre viele Geschichten und Feuilleton- Artikel, Romane und Erzählungen. Interessant ist dabei der Vergleich seiner Figuren mit dem Schriftsteller selbst. Seine Figuren sind stets aus dem Leben gegriffen, sie tragen autobiographische Züge und sind nicht stilisiert. Seine Romane und Erzählbände haben immer einen Spielort, über den Hessel beim Schreiben reflektiert. Das heißt, schreibt er über München, lebt er bereits in Paris und schreibt er über Paris ist er schon nach Berlin zurückgekehrt. Im Buch „Spazieren in Berlin“, das auch unter dem Titel „Ein Flaneur in Berlin“ veröffentlicht wird, wiederholen sich einige Text- Passagen mit zuvor erschienenen anderen Prosatexten über Berlin. Dennoch ist „Spazieren in Berlin“ die einzige literarische Arbeit, die Hessel über eine Stadt schreibt, während er sich dort aufhält. Das Buch ist in 24 kleinere und größere Kapitel unterteilt. „Auf den zweiten Blick wird erkennbar, daß die in der Regel mit topographischen Titeln versehenen Kapitel in mehreren Sequenzen angeordnet sind, die sich an der Achse vom Charlottenburger Westen des neuesten Berlin über die alte Mitte nach Osten orientieren.“ [...]
Excerpt (computer-generated)
Johann Wolfgang Goethe- Universität Frankfurt am Main
Institut für Deutsche Sprache und Literatur II
HS: Lesen- Flanieren- Surfen
WS 2003/2004
Hausarbeit zum Thema:
,,Genieße froh, was du nicht hast"
Ein Spaziergang durch Berlin.
Der Schriftsteller Franz Hessel.
Petra Schmitt
1
Gliederung:
Seite:
1.)
Einleitung
3
1.2. ) Die Gesellschaft der Weimarer Republik. Eine Übersicht
4
2.)
,,Der Flaneur in Berlin".
Franz Hessels Großstadtansichten.
7
2.1.)
,,Der Verdächtige".
Zeiterfahrung:Der langsame Flaneur im Gegensatz
11
zur hektischen Metropole.
2.2.)
,,Nur was uns anschaut, sehen wir".
Großstadtwahrnehmung in der
13
Zeit des Umbruchs.
2.3 .)
,,Genieße froh, was du nicht hast".
Genuß des Ersten Blickes.
17
3.)
,,Also eine Art Lektüre ist die Sraße.Lies sie!".
Ein Resümee.
20
4.)
Bibliographie
23
2
1.) Einleitung
,,Die Stadt neu anzuschauen und sie in absichtsloser Betrachtung dabei zu überraschen, wie
sie zurückblickt, ist ein von Franz Hessel schon in den zwanziger Jahren postuliertes Gebot
der Stunde."1
,,Franz Hessel ist ein liebender, auch fürsorglich schützender und analysierender Beobachter,
der den Voyeurismus und die Promiskuität aller Peinlichkeit enthoben hat."2
Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Schriftsteller Franz Hessel. Er wird 1880 in Stettin
geboren und siedelt im Alter von acht Jahren mit seiner Familie nach Berlin über. Hier
verbringt er seine Kinder- und Jugendzeit. Sie ist der Grundstein für sein späteres literarisches
Werk, zu dessen bekanntestem Buch ,,Spazieren in Berlin" gehört.
Er lebt weiterhin in München und Paris. Paris beeindruckt Hessel als Stadt- Komplex, der ihn
wahrnehmen und empfinden läßt, daß die Straße ein eigenes Gesicht hat. Für ihn- und viele
andere Künstler- ist Paris die ultimative Stadt, die Welt- Metropole.
Franz Hessel schreibt im Laufe seiner 60 Lebensjahre viele Geschichten und Feuilleton-
Artikel, Romane und Erzählungen. Interessant ist dabei der Vergleich seiner Figuren mit dem
Schriftsteller selbst. Seine Figuren sind stets aus dem Leben gegriffen, sie tragen
autobiographische Züge und sind nicht stilisiert. Seine Romane und Erzählbände haben
immer einen Spielort, über den Hessel beim Schreiben reflektiert. Das heißt, schreibt er über
München, lebt er bereits in Paris und schreibt er über Paris ist er schon nach Berlin
zurückgekehrt.
Im Buch ,,Spazieren in Berlin", das auch unter dem Titel ,,Ein Flaneur in Berlin"
veröffentlicht wird, wiederholen sich einige Text- Passagen mit zuvor erschienenen anderen
Prosatexten über Berlin. Dennoch ist ,,Spazieren in Berlin" die einzige literarische Arbeit, die
Hessel über eine Stadt schreibt, während er sich dort aufhält. Das Buch ist in 24 kleinere und
größere Kapitel unterteilt. ,,Auf den zweiten Blick wird erkennbar, daß die in der Regel mit
topographischen Titeln versehenen Kapitel in mehreren Sequenzen angeordnet sind, die sich
an der Achse vom Charlottenburger Westen des neuesten Berlin über die alte Mitte nach
Osten orientieren."3
Die vorliegende Werksammlung orientiert sich an der Erstausgabe von 1929. Im gleichen
Jahr stellt der Autor Hessel sein Buch in einer Zeitschrift vor. Er erklärt dem Leser vorab,
1 H.Wiesner, Franz Hessel, Ausstellungskatalog aus dem Literaturhaus Berlin, 1998, S.7.
2 ebd. S.7.
3 L. Müller, Peripatetische Stadtlektüre, in: Opitz/Plath, Genieße froh, was du nicht hast, S. 92.
3
welche Motivation seinem literarischen Spaziergang zugrunde liegt. Beim ziellosen
Umherstreifen durch die Stadt, entgegen der Hektik des Alltags ,,entstand aus Gegenwart und
Erinnerung, aus Wiedersehn und Zufallsentdeckung dies Bilderbuch ohne Bilder. [...]
Vielleicht ist es wieder einmal an der Zeit, das ein nur betrachtendes Auge auf ihr [der Stadt
Berlin] ruht."4
Hessels Flaneur schreibt immer in der ,,Ich"- Form und spricht den Leser direkt an. Oft gibt er
ihm Ratschläge und Anweisungen zum Spazierengehen. Mit leibevollem Unterton und
erhobenem Zeigefinger gibt der Flaneur seine Erlebnisse und Erfahrungen in der Begegnung
mit den Straßen einer Stadt an den Leser weiter.
Das Buch schließt mit einem ,,Nachwort an die Berliner". Hier ist die direkte Beziehung zum
Leser, der im besten Falle auch ein Berliner ist, besonders deutlich gemacht.
Obwohl das Buch ,,Spazieren in Berlin" der Hauptgegenstand dieser Arbeit ist, wird immer
wieder auch auf andere Prosatexte Hessels verwiesen. Denn Hessels Hauptthema ist die Stadt.
Einige seiner Prosastücke überschneiden sich in Formulierung und Inhalt, was durch
verschiedentliche Zeiten der Nachbearbeitung und Veröffentlichung zu erklären ist.
Besonders wichtig zum Verständnis für ,,Den Flaneur in Berlin" sind die kleinen Stücke aus
Hessels Sammlung ,,Verstreute Prosa". In einem folgenden Kapitel dieser Arbeit ist ,,Genieße
froh, was du nicht hast" die Grundlage von Hessels Verständnis über Genuß und
Lebensfreude.
Das Kapitel ,,Stadtsommer", in dem Hessel die Stadt Berlin selbst zu Wort kommen läßt, wird
auch an späterer Stelle noch einmal näher betrachtet.
1.2.) Die Gesellschaft der Weimarer Republik. Eine Übersicht.
Um die Lebenseinstellung Franz Hessels und seines Flaneurs besser zu verstehen, soll hier ein
kurzer Einblick in die politischen und gesellschaftlichen Umstände der Weimarer Zeit
gegeben werden:
,,Eine Kulturgeschichte der Gesellschaft der 20er Jahre ist ein aus einer Unzahl kleinerer und
größerer Steine bestehendes Mosaik. Dazu gehören die Knickerbockers [...],
Massentourismus, die Zunahme der Warenhäuser [...], die Schlager der Zeit, der Okkultismus,
die Nachtkultur, der ungeheure Einfluß des Rundfunks und des Kinos."5
4 F. Hessel, Sämtliche Werke, Band III, Oldenburg, 1999, S. 379f.
5 W. Laqueur, Weimar, Ullstein, Ffm, 1976, S. 55
4
Die Weimarer Republik löst die deutsche Monarchie ab und besteht in den Jahren von 1919
bis 1933. In vielen Geschichtsbüchern findet der interessierte Leser Auf- und Erklärung zum
politischen System der damaligen Zeit. Doch wie es um das Lebensgefühl der Zeitgenossen
bestimmt war, ist wesentlich schwerer zu erläutern.
Um dem näher zu kommen, ist es wichtig, zunächst bei der Betrachtung der politischen
Umstände und der daraus resultierenden gesellschaftlichen Möglichkeiten zu bleiben.
Kurz nach Ausrufung der Republik tritt im ehemaligen Vielvölkerstaat Deutschland
Ernüchterung ein. Die Bevölkerung tut sich schwer, die demokratischen Vertreter und sich
selbst als Teil eines gleichberechtigten Staates anzuerkennen. Sie haben kein Vertrauen in die
neuen Machthaber, die aus dem eigenen Volksstand kommen. Sie sehnen sich zurück nach
einer zentralen Macht, die sie beschützt und der sie Verehrung und ähnliche Gefühle
entgegenbringen können. Das Volk hängt einer romantischen6 Vorstellung von Staat
hinterher, und es fällt schwer, sich in einer Staatsform zu arrangieren, der man keine
persönlichen Gefühle mehr entgegenbringen kann.
Eine Partei, die die Zeichen des erforderlichen Umdenkens und Neu-Organisierens den
Staates zu ihrer Aufgabe gemacht hat, ist die Deutsche Demokratische Partei (DDP). Sie
vertritt die in ihren Augen einzig richtige Politik, um Deutschland an das übrige Europa
heranzuführen: den Liberalismus. Doch der ist im Denken der Deutschen noch nicht
vorgesehen. Bis zum Jahre 1932 verliert die DDP bei jeder Wahl rapide an Stimmen, und ihr
Niedergang zeigt den Verfall der Demokratie im gesamten Land.
Dennoch schafft Deutschland in diesen Jahren ein Wirtschaftswunder. Befreit von
Reparationszahlungen und nach Stabilisierung der Währung entsteht in Deutschland eine
Schwerindustrie, die den Bürgern und somit dem ganzen Land wirtschaftlichen Aufschwung
bringt. Dieser Kraftakt ist mit Hilfe amerikanischer Produktionsmethoden und ausländischer
Investoren möglich geworden. Das über allem stehende Motto war ,,Rationalisierung".
Städte, von denen außer Berlin und Hamburg keine einzige bisher an die Millionen-
Einwohner- Grenze heranreicht, werden zu Großstädten ausgebaut. Besonders Berlin zieht die
Menschen an. Es entstehen große Vorstädte, um Arbeitern und Angestellten Wohn- und
Arbeitsraum zu bieten.
Berlin wird in den 20er Jahren zu einer politischen und kulturellen Enklave mitten in
Deutschland. Die Ablehnung Berlins durch die übrige deutsche Bevölkerung als Hauptstadt
erklärt sich aus der Tatsache, daß ihre Mehrheit in kleinen Orten und Dörfern wohnt und die
6 vgl.W. Laqueur, 1976, S. 16.
5
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