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Gibbon und die Geschichtswissenschaft im 18. Jahrhundert

Essay, 2004, 7 Pages
Author: Chrstiane Baltes
Subject: History - 19. Century

Details

Category: Essay
Year: 2004
Pages: 7
Language: German
Archive No.: V123557
ISBN (E-book): 978-3-640-28661-4



Excerpt (computer-generated)

Humboldt-Universität

zu

Berlin

eingereicht

von:

Institut

für

Geschichtswissenschaften

Christiane

Baltes

HS

Gibbon

und

die

römsiche

Kaiserzeit

WS 2004/05

5. Fachsemester

Essay zum 16.11.2004:

Gibbon und die Geschichtswissenschaft im 18. Jahrhundert

Arnaldo Momigliano skizziert in seinen Aufsätzen

,,Ein Vorspiel zu Gibbon im 18.

Jahrhundert"

und

,,Gibbons Beitrag zur Historischen Methode"

die Situation der

Geschichtswissenschaft zu Beginn des 18. Jahrhunderts, stellt die Auseinandersetzung

zwischen philosophischen Historikern und Antiquaren dar und ordnet Gibbons

wissenschaftliche Stellung in diesen Zusammenhang ein. Anhand der Untersuchung von

Gibbons Quellen und den historischen Werken, die Einfluss auf Gibbons Arbeit gehabt haben

können, arbeitet Momigliano die Wesensmerkmale von

Decline and Fall of the Roman

Empire

heraus. Besonders Gibbons universalhistorische, transkontinentale Perspektive auf der

Basis der dem Werk vorangegangenen

renaissance orientale

, dem zunehmenden Studium

orientalischer Sprachen und Geschichte, sowie die Fähigkeit Gibbons, traditionelle historische

Gelehrsamkeit mit philosophischer Geschichtsschreibung zu vereinen, führen zu Momiglianos

Einschätzung, dass Gibbon etwas Neues in seiner Zeit schuf und sein Werk bis heute große

wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung besitzt.

Im Folgenden wird die argumentative Vorgehensweise Momiglianos in den beiden

Aufsätzen erläutert und im Zusammenhang dargestellt, wobei ich die mir am wichtigsten

erscheinenden Punkte hervorhebe. Zum Schluss folgt eine Beurteilung der Darstellung des

Autors.

Momigliano setzt am Ende des 17. Jahrhunderts an, wenn er von der beginnenden

Wende in der Geschichtsschreibung spricht. Durch das Interesse an einer strengeren

Untersuchung der Quellen und an bis dahin nicht behandelten Problemen, entwickelte sich

eine veränderte Methodik, die neue Themen und Ansätze beinhaltete. Während die antiken

Historiker einst als Lehrer angesehen wurden, dienten ihre Werke und damit ihr Stil und ihre

Vorgehensweise im Laufe dieser Veränderung als Belegmaterial für eine neue Art der

Geschichtsschreibung. Deren Wesensmerkmale fasst Momigliano wie folgt zusammen

: ,,Was

früher zweitrangig war, wird nun zur Hauptsache. Und was früher Hauptsache war [...] wird

nun zweitrangig."

(S. 224)


Der neue Zugang zu den antiken Texten war gekennzeichnet durch die Suche nach

Übersehenem: von den einst behandelten Themen wie Krieg, Politik, Revolutionen und

Dynastien hin zu vergleichenden Studien über Bevölkerungen, Institutionen oder Wirtschaft

wurden bereits untersuchte Quellen unter neuen Gesichtspunkten behandelt. Neben den

Textquellen wurde auch auf dem Gebiet der Archäologie nach bisher Unentdecktem

geforscht. Dementsprechend nennt Momigliano als Wendepunkte zur neuen

Geschichtsschreibung die Veröffentlichung Vicos

Scienza Nuova

1725 und die Ausgrabungen

von

Herculaneum

1738.

Die Auseinandersetzung zwischen philosophischen Historikern und den sogenannten

traditionellen

érudits

war von Vorbehalten auf der einen Seite und Verachtung auf der

anderen bestimmt. Während Paciaudi in seiner

Monumenta Peleponnesia

1761 von einer

Angst vor einer

,,Invasion der heiligen Bezirke der Geschichte durch eine fanatische Bande

von Philosophen"

(S. 240) redet, spricht Momogliano davon, dass die Antiquare zunehmend

zum Ziel der Angriffe und der Ironie der Philosophen wurden. Nichtsdestotrotz existierte

eine Abhängigkeit in der Beziehung zwischen antiquarischen und philosophischen

Geschichtswissenschaftlern. Die philosophischen Historiker waren auf die antiquarischen

Werke ihrer Vorgänger angewiesen und mussten deren Gelehrsamkeit als wichtiges

Werkzeug ihrer eigenen Arbeit anerkennen. Momigliano beschreibt dieses Verhältnis sehr

plastisch:

,,Die Ehe von Gelehrsamkeit und Philosophie war ein stürmisches Verhältnis,

voller Streit, gegenseitiger Anklagen und vorläufiger Trennungen; aber wie viele andere

stürmische Ehen war sie stabil und fruchtbar."

(S. 226)

Weitergehend hebt Momigliano die Verdienste der

érudits

hervor, die sich in den

Sammlungen wichtiger nationaler Quellen in ganz Europa widerspiegelten und die deren

Geduld, kritische Einsicht und Ehrlichkeit bewiesen. Gibbon lernte sowohl von den gläubigen

unter ihnen wie Tillemont (wobei er sich nicht dessen Trennung zwischen Kirchengeschichte

und Geschichte der römischen Kaiser zu eigen machte) als auch von den Freigeistern wie

Bayle.

Gibbon vereinigt nach Momiglianos Einschätzung beide Seiten, sowohl die des

Philosophen als auch die des Antiquars:

,,In der Literatur galt seine Sympathie den ,anciens′

gegenüber den ,modernes′, in der Philosophie glaubte er, dass eine detaillierte Untersuchung

der antiken Welt eine unschätzbare Hilfe für die Kenntnis der Natur des Menschen böte. [...]

Er kombinierte die Gelehrsamkeit der einen geistigen Richtung mit der philosophischen

Phantasie der anderen."

(S.243/ 251)


Die philosophischen Historiker dagegen konzentrierten sich auf die Darstellung der

Entwicklung der Menschheit, der

civilisation

. Dabei nahm die Lesbarkeit der Arbeiten einen

höheren Stellenwert als die Belegbarkeit der Thesen ein. Maßgebend für die Darstellung war

das vorher formulierte Ziel, an dem sich die historische Erörterung orientierte. Als eine

bemerkenswerte Erkenntnis der philosphischen Historiker hebt Momigliano hervor, dass die

Aneinanderreihung von historischen Fakten noch keine Geschichte ausmacht, sondern dass es

darauf ankommt, Zusammenhänge, Entwicklungen und Tendenzen zu untersuchen, um die

Geschichte in einem weiteren Spektrum betrachten und verstehen zu können. Gibbon trat

eben in dieses Klima des ambivalenten und angespannten wissenschaftlichen Verhältnisses

ein. Momigliano betrachtet die Gibbons Werk

Decline and Fall

vorangegangenen Arbeiten

zur römischen und griechischen Geschichte und gelangt anhand dessen zu der These, dass

,,Gibbon der früheste der großen Historiker des Altertums war"

(S. 227). Die Frage nach

dieser Rolle innerhalb einer Zeit des geschichtswissenschaftlichen Umbruchs und nach dem

Zustandekommen dieser Position beantwortet Momigliano im folgenden.

Universalgeschichten, wie die 1766 in England erschienene, und Monographien zu

aktuellen Themen waren schon in der Zeit vor

Decline and Fall

von Bedeutung. Dabei war

deren Übersetzung in Fremdsprachen für die internationale Diskussion wichtig. Ein anderer

Aspekt war die Bewertung der historischen Arbeiten vor dem Hintergrund des Glaubens der

Autoren. Obwohl Gibbons Kapitel 15 und 16 über die Verbreitung des Christentums und die

Christenverfolgungen als für seine Zeit provokant und nicht mit der Kirche konform gehend

galten, verwendete er als Grundlage dafür auch kirchengeschichtliche Werke, die durchaus

von gläubigen Autoren verfasst wurden. Umso schwieriger war es demzufolge für seine

Kritiker, sich mit ihren Angriffen gegen seine Kapitel zum Christentum Gehör zu verschaffen.

Momigliano führt diese Tatsache auf drei Punkte zurück: zum einen die Offenlegung seines

Belegmaterials, die selbst den Kritikern eine Überprüfung des Behaupteten ermöglichte.

Zweitens formulierte er eine positive Folge für die Zivilisation aus der These, dass das

Christentum das römische Reich zerstört hätte

(,,Europa ist vor jedem künftigen

Barbareneinfall sicher, denn bevor sie erobern können, müssen sie aufhören barbarisch zu

sein."

S. 250) und schließlich die Verbindung von einer seriös-sachlichen Darstellung mit

seinem unkonventionellen, untergründigem Witz. Momigliano wertschätzt besonders Gibbons

Leistung, die Beziehung von Christentum und Zivilisation durch sein Werk beleuchtet und in

der Geschichtsschreibung verankert zu haben. Dies tat Gibbon auch, indem er nicht mehr

zwischen dem Wert von Kirchengeschichte und profaner Geschichte unterschied, sondern

beide Gattungen als gleichwertiges Belegmaterial benutzte. Dabei trat er nicht als scharfer



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