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"Übergangssysteme" für benachteiligte Jugendliche im Vergleich: Strukturen und Probleme in Deutschland und Dänemark

Diploma Thesis, 2008, 83 Pages
Author: Dipl.-Hdl. Erna Müller
Subject: Pedagogy - Job Education, Occupational Training, Further Education

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 2008
Pages: 83
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 113  Entries
Language: German
Archive No.: V123623
ISBN (E-book): 978-3-640-28153-4
ISBN (Book): 978-3-640-28442-9

Abstract

„Im Herbst 2006 wurden wieder einmal, wie jedes Jahr, Horrorzahlen über Jugendliche ohne Ausbildungsplatz bekannt. Etwa 950.000 junge Menschen verließen in diesem Jahr die allgemeinbildenden Schulen; über 700.000 von ihnen werden sich um eine betriebliche Ausbildung bemühen; legt man die Erfahrungswerte der letzten Jahre zugrunde, so werden mehr als 150.000 auf der Strecke bleiben und - wenn sie Glück haben - vorübergehend in staatlichen Überbrückungsmaßnahmen, dem sogenannten Übergangssystem, landen oder gleich bei Hartz 4 oder, noch schlimmer, Bedarfsgemeinschaften mit ihren Eltern bilden.“ Wir leben in einem Zeitalter des ständigen Wandels in der Gesellschaft, der sich vor allem in der Berufs- und Arbeitswelt zeigt. Diese wird verändert durch den wachsenden, durch die Globalisierung verursachten Konkurrenzdruck, die Internationalisierung der Wirtschaft mit ihren Forderungen nach Effizienzsteigerung und Flexibilität und die Zunahme wissensintensiver Dienstleistungstätigkeiten und technologischer Innovationen. So sehen sich heutzutage Betriebe, Arbeitnehmer und mit ihnen auch Jugendliche beim Übergang von der Schule in die Berufsausbildung ständig neu gestellten Anforderungen ausgesetzt. Diesen werden sie nur mit einem Zuwachs an individueller Bildung, Selbstverantwortung, Eigeninitiative und Kreativität gewachsen sein. Aber auch Schule, Bildungs-, Übergangs- und Ausbildungssystem werden zunehmend durch diese Fortschritte beeinflusst und müssen auf die aktuellen Herausforderungen ihrer Zeit reagieren und dabei die Zukunft ihrer Klientel mit in den Blick nehmen. Trotz der großen Wertschätzung, die vor allem das "duale System" im deutschen Berufsbildungssystem genießt, ist es dringend notwendig, dort anzusetzen, wo verstärkt Probleme auftreten, nämlich bei der Integration der nachwachsenden Generation in die Berufswelt. Denn der Anspruch aller Bewerber/-innen, eine berufliche Ausbildung aufzunehmen, wird gegenwärtig nicht mehr erfüllt. Gerade junge Menschen, vor allem benachteiligte Jugendliche, darunter auch Jugendliche mit Migrationshintergrund, die in den Startlöchern zu einer beruflichen Karriere stehen, sehen sich diesen kolossalen Hürden gegenüber.[...]


Excerpt (computer-generated)

"

Übergangssysteme

"

für benachteiligte Jugendliche im Vergleich:

Strukturen und Probleme in

Deutschland und Dänemark

Wissenschaftliche Arbeit

zur Erlangung des Grades einer Diplom-Handelslehrerin

im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften

der Universität Konstanz


Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis iv

Abkürzungsverzeichnis v

1

Problemstellung 1

2

Bildung und Berufsbildung in Deutschland 5

2.1

Das Berufsbildungssystem in Deutschland 5

2.2

Das "duale System" als "Königsweg" 6

3

Das "Übergangssystem" in Deutschland ­ Generation in der
Warteschleife 9

3.1

Definition des "Übergangssystems" 10

3.2

Struktur des "Übergangssystems" 11

3.2.1 Institutionelle Strukturen 11

3.2.2 Institutionelle Verteilungsmechanismen und riskante Hürden 12

3.2.3 Institutionen im "Übergangssystem" 14

3.2.4 Definition des "Benachteiligtenbegriffs" 16

3.2.5 Zielgruppen und deren Probleme 17

3.3

Die Benachteiligtenförderung ­ Maßnahmen und Probleme im

"Übergangssystem" 20

3.3.1 Begriff, Ziele und Entwicklung 21

3.3.2 Fördermaßnahmen 22

3.3.2.1 Berufsschulische Vorbereitungsmaßnahme (BVJ) 23

3.3.2.2 Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme (BvB) 24

3.3.2.3 Einstiegsqualifizierung Jugendlicher (EQJ/EQ) 26

3.4

Von der Schule in den Beruf ­ Die Krise des "Übergangssystems" 28

4

Das dänische Bildungs- und Berufsbildungssystem 35

4.1

Ein Überblick über das dänische Bildungssystem 35

4.2

Das dänische Berufsbildungssystem 37

4.2.1 Ein kurzer historischer Abriss 37

4.2.2 Struktur des Berufsbildungssystems ­ VET-System 38

4.2.2.1 Klassische Merkmale der beruflichen Erstausbildung 39

4.2.2.2 Zahlen und Fakten 42

4.2.2.3 Akteure der Berufsbildung 43

4.2.3 Reformpädagogische Bewegungen in Dänemark ­ Überblick 45

5

Das "Übergangssystem" in Dänemark 48

5.1

Struktur des "Übergangssystems" 48

5.1.1 Produktionsschulen 48

5.1.2 Berufsgrundausbildung (EGU) 53

ii


5.2

Probleme des "Übergangssystems" 55

6

Unterschiede und Gemeinsamkeiten im "Übergangssystem" ­
Deutschland ­ Dänemark 57

6.1

Vergleichskriterien 57

6.2

Vergleichsbetrachtung 57

6.2.1 Akzeptanz des "Übergangssystems" 57

6.2.2 Vergütung 58

6.2.3 Chancen auf Ausbildung 59

6.2.4 Optionen und Wege im "Übergangssystem" 60

6.2.5 Ursachen des "Übergangssystems" 61

7

Fazit und Ausblick 62

Literaturverzeichnis 64

iii


Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Struktur eines Jahrgangs nach Abschlussarten, 2004 7

Abb. 2: Trend zur Übergangslösung 9

Abb. 3: Bildungsorte und Lernwelten in Deutschland 12

Abb. 4: Verteilung der Neuzugänge auf die drei Sektoren des beruflichen

Ausbildungssystems 1995, 2000 und 2004 bis 2006 31

Abb. 5: Aufbau des dänischen Bildungssystems 36

Abb. 6: Die Struktur der Berufsausbildung nach der Reform 41

Abb. 7: Chronik der Reformen und Programme in der beruflichen Bildung in den

neunziger Jahren 46

Abb. 8: Pädagogische Prinzipien einer Produktionsschule 52

iv


Abkürzungsverzeichnis

abH

ausbildungsbegleitende Hilfen

AER

Arbejdsgivernes Elevrefusion (dänisch) ­ Auszubildendenvergütungsfonds der

Arbeitgeber

AG

Arbeitgeber

ARGE Arbeitsgemeinschaft der Grundsicherung

BA

Bundesagentur für Arbeit

BaE

Berufsausbildung in außerbetrieblichen Einrichtungen

BBiG Berufsbildungsgesetz

BEJ

Berufseinstiegsjahr

BFB

Bundesverband der Freien Berufe

Bfz

Berufliche Fortbildungszentren der Bayrischen Wirtschaft (gGmbH)

BGJ

Berufsgrundbildungsjahr

BIBB Bundesinstitut für Berufsbildung

BK I

Berufskolleg I

BK II Berufskolleg II

BLK

Bund-Länder-Kommission. Für Bildungsplanung und Forschungsförderung

BMBF Bundesministerium für Bildung und Forschung

BvB

Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme

BVJ

Berufsvorbereitungsjahr

DGB

Deutscher Gewerkschaftsbund

DJI

Deutsches Jugendinstitut

EGU

erhvervsgrunduddannelsen (dänisch) ­ Berufsgrundausbildung

EQ

Einstiegsqualifizierung

EQJ

Einstiegqualifizierung Jugendlicher

EUD

erhvervsuddannelserne (dänisch) ­ alternierende berufliche Erstausbildung

FUU

Fri Ungdomsuddannelse (dänisch) ­ Freie Jugendbildung

GEW Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Baden-Württemberg, Referentin für

allgemein bildende Schulen

GIB

Gesellschaft für Innovationsforschung und Beratung mbH

IHR

Integrierte Haupt- und Realschule

KJHG Kinder- und Jugendhilfegesetz

v


SOFI Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen an der Georg-August-Universität

SOSU social- og sundhedsuddannelserne (dänisch) ­ berufliche Erstausbildung im

Sozial- und Gesundheitswesen

UU

Ungdommens Uddannelsesvejledning

VET

Vocational Education and Training

VOH Vorbereitungslehrgang für den Hauptschulabschluss

vi


1

Problemstellung

,,Im Herbst 2006 wurden wieder einmal, wie jedes Jahr, Horrorzahlen über Jugendli-

che ohne Ausbildungsplatz bekannt. Etwa 950.000 junge Menschen verließen in

diesem Jahr die allgemeinbildenden Schulen; über 700.000 von ihnen werden sich

um eine betriebliche Ausbildung bemühen; legt man die Erfahrungswerte der letzten

Jahre zugrunde, so werden mehr als 150.000 auf der Strecke bleiben und - wenn sie

Glück haben - vorübergehend in staatlichen Überbrückungsmaßnahmen, dem soge-

nannten Übergangssystem, landen oder gleich bei Hartz 4 oder, noch schlimmer,

Bedarfsgemeinschaften mit ihren Eltern bilden."1

Wir leben in einem Zeitalter des ständigen Wandels in der Gesellschaft, der sich vor

allem in der Berufs- und Arbeitswelt zeigt. Diese wird verändert durch den wachsenden,

durch die Globalisierung verursachten Konkurrenzdruck, die Internationalisierung der

Wirtschaft mit ihren Forderungen nach Effizienzsteigerung und Flexibilität und die Zu-

nahme wissensintensiver Dienstleistungstätigkeiten und technologischer Innovationen.

So sehen sich heutzutage Betriebe, Arbeitnehmer und mit ihnen auch Jugendliche beim

Übergang von der Schule in die Berufsausbildung ständig neu gestellten Anforderungen

ausgesetzt. Diesen werden sie nur mit einem Zuwachs an individueller Bildung, Selbst-

verantwortung, Eigeninitiative und Kreativität gewachsen sein. Aber auch Schule, Bil-

dungs-, Übergangs- und Ausbildungssystem werden zunehmend durch diese Fort-

schritte beeinflusst und müssen auf die aktuellen Herausforderungen ihrer Zeit reagieren

und dabei die Zukunft ihrer Klientel mit in den Blick nehmen.2 Trotz der großen Wert-

schätzung, die vor allem das "duale System" im deutschen Berufsbildungssystem ge-

nießt, ist es dringend notwendig, dort anzusetzen, wo verstärkt Probleme auftreten,

nämlich bei der Integration der nachwachsenden Generation in die Berufswelt. Denn der

Anspruch aller Bewerber/-innen, eine berufliche Ausbildung aufzunehmen, wird ge-

genwärtig nicht mehr erfüllt.3 Gerade junge Menschen, vor allem benachteiligte Jugend-

liche, darunter auch Jugendliche mit Migrationshintergrund, die in den Startlöchern zu

einer beruflichen Karriere stehen, sehen sich diesen kolossalen Hürden gegenüber. Des-

halb ist es wichtig, dass bereits vor Beginn der Berufsausbildung der Jugendlichen ver-

sucht wird, sich mit den jetzigen Veränderungen auseinanderzusetzen, zukünftige zu

antizipieren und sich mit diesen auch weiterzuentwickeln. Das betrifft die Berufsausbil-

dung, die im Spannungsfeld zwischen vollzeitschulischer und dualer Ausbildung steht.

1 Haenisch, 2008, S. 1.

2 Vgl. Leiprecht/Kerber, 2005, S. 7.

3 Vgl. Odenwald, 2008, S. 1.

1


Eine große Herausforderung vor allem in Deutschland, aber auch in anderen Ländern,

stellt die Förderung benachteiligter Jugendlicher dar. Besonders für die zahlreichen In-

stitutionen, die daran beteiligt sind. ,,Unter dem Motto ,Fördern und Fordern′ wird die

primäre Ausrichtung an Berufsbildung und Berufsvorbereitung zunehmend durch Druck

auf jugendliche Arbeitssuchende ersetzt, jede Form von Erwerbstätigkeit anzunehmen."4

Tatsache ist, dass Jugendliche mit guten schulischen und sozialen Prämissen besser auf

die Modifikationen des Arbeitsmarktes reagieren können als etwa in der Gesellschaft

schlechter Gestellte, wie z.B. die Benachteiligten. Diese Gruppe, die insbesondere an

den Schwellen Schule-Berufsausbildung und Berufsausbildung-Beschäftigung steht, hat

mit zahlreichen Problemen zu kämpfen. In der vorliegenden Arbeit wird hauptsächlich

auf die Problematik an der ersten Schwelle eingegangen, d.h. auf Jugendliche mit

schlechteren Startchancen beim Einstieg in eine Berufsausbildung. Aus dem Leitsatz:

,,Ausbildung für alle"5 rechtfertigt sich das Prinzip der Benachteiligtenförderung. Auch

Schülern mit schlechten sprachlichen Leistungen oder aber sogar ohne richtigen Schul-

abschluss muss der Einstieg in eine berufliche Karriere ermöglicht werden. Ziel muss es

demnach sein, ,,aus dem schwächeren Bewerber eine für die Wirtschaft attraktive Fach-

kraft zu machen."6

Das deutsche Berufsbildungssystem steht vor zahlreichen Problemen. Die Jugendar-

beitslosigkeit in Deutschland bewegt sich seit Jahren auf hohem Niveau, damit dehnt

sich vor allem der Bereich des Übergangssystems immer weiter aus. Dies führt zu zahl-

reichen Problemen sowohl in struktureller Hinsicht als auch bezüglich der Gruppen, die

sich in diesem System befinden. Obwohl sich in den Ländern Europas ähnliche Ent-

wicklungsstrukturen erkennen lassen, lohnt es sich, einen Blick über die Grenzen zu

wagen, um zu schauen, wie unsere Nachbarstaaten diesen sich verändernden Anforde-

rungen gegenüberstehen. Besonderes Augenmerk liegt in meiner Arbeit auf unserem

Nachbarland Dänemark, das zum Teil als ,,Musterland für die Berufliche Bildung der

Zukunft"7 bezeichnet wird und im Jahr 1999 sogar mit dem Carl Bertelsmann-Preis

"Berufliche Bildung der Zukunft" ausgezeichnet wurde.

4 Pohl/Walther, 2006, S. 36.

5 BMBF, 2005, S. 22.

6 Schulz, 2003, S. 31.

7 Schmid/Liebig, 2002, S. 25.

2


Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist eine Analyse der Strukturen und Probleme der

Übergangssysteme für benachteiligte Jugendliche in Deutschland sowie in Dänemark.

Dabei liegt der Schwerpunkt dieser Arbeit auf folgenden Fragestellungen:

Was passiert mit den Jugendlichen, wenn sie die allgemeinbildenden Schulen verlassen,

sich mehrfach bewerben und dennoch ohne Ausbildungsplatz dastehen?

Und: In welchem Maße haben sich die Chancen für junge Menschen verschlechtert,

eine Ausbildungsstelle zu bekommen?

Zu Beginn der Arbeit wird ein prägnanter Überblick über das deutsche Bildungs- und

Berufsbildungssystem gegeben. Danach wird auf die eigentlich zu behandelnde Prob-

lematik eingegangen. Nach einer detaillierten Definition des Übergangssystems, in der

auch ausführlich auf damit in Zusammenhang stehende weitere wichtige Begriffe wie

den "Benachteiligtenbegriff" eingegangen wird, werden einerseits die Institutionen (Ak-

teure) des Übergangssystems und zum anderen die Gruppe der benachteiligten Jugend-

lichen charakterisiert. Anschließend wird ein kleiner Ausschnitt aus der Fülle von in

Deutschland angebotenen Fördermaßnahmen gegeben. Die meines Erachtens wichtigs-

ten Fördermaßnahmen sind das BVJ und einige Maßnahmen der Agenturen für Arbeit,

wie beispielsweise das EQJ bzw. EQ. In einem abschließenden Kapitel zum Übergangs-

system in Deutschland wird auf die Probleme eingegangen, die diese Maßnahmen all-

gemein und auf jedes einzelne Individuum bezogen mit sich bringen. Dies umfasst den

ersten Teil meiner Arbeit.

Um einen ersten Einblick über das Gesamtsystem in Dänemark zu erhalten, beschäftigt

sich der zweite Teil meiner Arbeit zunächst explizit mit dem dänischen Bildungs- und

Berufsbildungssystem. Nach einem Überblick über das dänische Bildungswesen und

einem kurzen geschichtlichen Abriss zur Entwicklung des dänischen Berufsbildungs-

systems wird zunächst dessen Struktur näher betrachtet, mit anschließender Darlegung

klassischer Merkmale beruflicher Erstausbildung. Im Weiteren wird das dänische Be-

rufsbildungssystem von einer statistischen Seite her beleuchtet und mit Zahlen und Fak-

ten die jetzige Situation in Dänemark illustriert. Bevor die wichtigsten reformpädagogi-

schen Bewegungen behandelt werden, erfolgt eine Charakterisierung der wesentlichen

Akteure innerhalb der Berufsbildung. Daraufhin wird das dänische Übergangssystem

mit seinen Fördermaßnahmen und den sich daraus resultierenden Schwierigkeiten ana-

3



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