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Der Selbstfindungsprozess eines Schriftstellers in Martin Walsers Bildungsroman 'Ein springender Brunnen'

Scholary Paper (Seminar), 2000, 23 Pages
Author: Franziska Moschke
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Event: Proseminar: Einführung in die psychoanalytische Literaturinterpretation
Institution/College: University of Bamberg (FB Germanistik)
Tags: Selbstfindungsprozess, Schriftstellers, Martin, Walsers, Bildungsroman, Brunnen, Proseminar, Einführung, Literaturinterpretation
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2000
Pages: 23
Grade: sehr gut
Language: German
Archive No.: V12372
ISBN (E-book): 978-3-638-18274-4

File size: 100 KB


Excerpt (computer-generated)

OTTO-FRIEDRICH UNIVERSITÄT BAMBERG
NEUERE DEUTSCHE LITERATURWISSENSCHAFT
Proseminar: Einführung in die
psychoanalytische Literaturinterpretation
Sommersemester 2000

DER SELBSTFINDUNGSPROZESS EINES SCHRIFTSTELLERS IN
MARTIN WALSERS BILDUNGSROMAN
„EIN SPRINGENDER BRUNNEN“

Franziska Moschke

 

INHALT:

1 Einleitung

2 ZUM BILDUNGSROMAN
2. 1 DIE GATTUNG BILDUNGSROMAN
2. 1. 1 Historische Aspekte
2. 1. 2 Der Bildungsroman in der Literaturwissenschaft
2. 1. 3 Die Struktur des Bildungsromans
2. 2 DER BEGRIFF „BILDUNG“
2. 2. 1 Die Bedeutung des Wortes Bildung
2. 2. 2 Bildung als „Identitätsbildung“

3 ZUR KÜNSTLER- BZW. SCHRIFTSTELLERPROBLEMATIK

4 DER SELBSTFINDUNGSPROZESS DES PROTAGONISTEN
4. 1 STRUKTUR UND AUFBAU DES ROMANS
4. 1. 1 Das Programm des Erzählers
4. 1. 2 Der dreistufige Aufbau
4. 2 DIE ENTWICKLUNG JOHANNS
4. 2. 1 Frühe Kindheit und Elternbindung
4. 2. 2 Provinzialität und gesellschaftliche Einflüsse
4. 2. 3 Intellektualität und Sprachbegabung
4. 2. 4 Konflikte und Kompensation

5 SYNTHESE
5. 1 „EIN SPRINGENDER BRUNNEN“ ALS BILDUNGSROMAN
5. 2 DER PROTAGONIST ALS SCHRIFTSTELLER

6 ZUSAMMENFASSUNG

7 LITERATUR

 

I EINLEITUNG

Mit Martin Walsers 1998 erschienenem Roman „Ein springender Brunnen“ 1 haben sich bis jetzt erst wenige Autoren beschäftigt. Wenn sie das taten, dann besonders im Zusammenhang mit der Walser-Bubis Debatte, die entbrannt war nach Walsers Friedenspreisrede in der Frankfurter Paulskirche. Zusätzlich zu der kaum vorhandenen Literatur zeichnet sich diese auch durch viele Widersprüche aus. Manche sehen in Walsers Roman eine Selbststilisierung in Form einer Autobiografie, verbunden mit der Kritik am Autor, den zeitlichen Kontext der Romanhandlung zu wenig beachtet und die Gräuel der Nazi-Zeit mit dem Ziel „nur Schönes [zu] sagen“2 ausgeblendet zu haben.3 Andererseits ist die Rede von einem „Roman, der Zeit und Zeitlosigkeit zugleich aufschreiben will“4, von einem Porträt des Schriftstellers als junger Mann. Diese unterschiedlichen Sichtweisen haben mich gereizt, aus dem Roman das Wesentliche herauszustellen. Inwieweit hat man das Recht, von einem Roman als Autobiografie zu sprechen? Wird hier nicht vielmehr nachgezeichnet, wie ein junger Mensch Selbstbewusstsein entwickelt und dabei als werdender Schriftsteller seinen Weg in der Welt findet? Das ist doch die Thematik des Bildungsromans.

Im ersten Teil werde ich deshalb die Gattung Bildungsroman näher beleuchten, um dann die Problematik des künstlerischen bzw. literarischen Schaffens anzusprechen. Die Entwicklung des Protagonisten im Roman werde ich anschließend strukturell und inhaltlich nachzeichnen. Die Synthese im fünften Teil soll Aufschluss geben zu den Aspekten, inwieweit „Ein springender Brunnen“ eine Bildungsroman ist und welche Rolle dabei das Schriftsteller-Werden und –Sein für die Hauptfigur des Romans spielt. II ZUM BILDUNGSROMAN

Welcher Gattung ist Walsers Roman zuzuordnen? Das Hauptthema beantwortet diese Frage bereits: Zentraler Aspekt des Romans ist die Entwicklung des Protagonisten Johann. Um „Ein springender Brunnen“ jedoch der Gattung des Bildungsromans zuzählen zu können, ist eine genauere Betrachtung der Gattungsmerkmale nötig.

II. 1 DIE GATTUNG BILDUNGSROMAN

Bestimmte Strukturen, Themenkomplexe und typische Merkmale müssen erkennbar sein, um einen Text der Gattung Bildungsroman zuordnen zu können. In der literaturwissenschaftlichen Diskussion ist es jedoch umstritten, ob beispielsweise Johann Wolfgang Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ als Muster der Gattung gelten soll.

II. 1. 1 Historische Aspekte

Eine erste eher unfreiwillige Beschreibung des Bildungsromans gibt Friedrich von Blanckenburg 1774 in seinem „Versuch über den Roman“. Dabei nennt er als „festegesetzte[n] Zweck“ [eines jeden Romans] „die Ausbildung und Formung des Charakters eines Helden“.5 Idealtypisch konstruiert Blanckenburg hier eine Art Bildungsroman als „Norm der Romanpoetik“6 und trifft damit den Nerv seiner Zeit, genauer gesagt den des aufsteigenden Bürgertums.

Selbstbewusst werden eigene literarische Gattungen entworfen, werden dem traditionellen Trauerspiel das neue bürgerliche Drama, dem Staatsroman der nichttheoretische Roman gegenübergestellt.7

Der Glaube an „die formbare, selbstreflexive Individualität“8, die aufklärerischen Tendenz, dem Individuum ein Eigenrecht an Bildung zuzugestehen und die allmähliche Loslösung von christlichem Traditionsdenken hin zu einer kausal-mechanischen Denkweise, sind der Hintergrund, vor dem im 18. Jahrhundert der Bildungsroman entsteht.9

„Die Darstellung der Genese eines human gebildeten Charakters“10 war das Ziel des neuen Romantypus, der sich seit Mitte des 16. Jahrhunderts aus Texten entwickelt hatte, die die Biographie der Romanhelden thematisierten.

Hatte die Hauptfigur anfangs eine reine Exempelfunktion „im christlich-theologischen Sinne“11, so entwickelte der Romanheld sich auch unter dem Einfluss des englischen und französischen Romans zu einer durch Introspektion komplex-psychologisierten Figur. Damit war im 18. Jahrhundert die Grundlage für Wielands 1794 erschienenen Roman „Agathon“ und Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ (1795/96) geschaffen.12 II. 1. 2 Der Bildungsroman in der Literaturwissenschaft

 

[....]


1 Martin Walser: Ein springender Brunnen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1998 (= Suhrkamp Taschenbuch 3100). Im Folgenden zitiert als EIN SPRINGENDER BRUNNEN, mit Seitenangabe.

2 Martin Walser: Die Banalität des Guten. Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede aus Anlass der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.1998.

3 So z.B. Ingo Arend: Nichts als Gunst und Glanz. In: Freitag. Die Ost-West-Wochenzeitung, 35, 1998, S.13. Im Folgenden zitiert als AREND. Oder Paul Kurz: Süddeutsche Kindheit in den Nazijahren. Martin Walser: Ein springender Brunnen. In: Sudetenland 4, 1998, S. 504-507. Im Folgenden zitiert als KURZ, Mit Seitenangabe.

4 Reinhard Baumgart: Epen in Wasserburg. Martin Walser verteidigt seine Kindheit. In: Die Zeit 33, 1998.
Im Folgenden zitiert als BAUMGART.

5 Rolf Selbmann: Der Deutsche Bildungsroman. 2., überarb. und erw. Auflage. Stuttgart; Weimar: Metzler 1994, S. 7. Zit. n. Friedrich von Blanckenburg: Versuch über den Roman. Faksimiledruck der Orginalausgabe von 1774. Stuttgart 1965 (=Sammlung Metzler 39), S. 321. Im Folgenden zitiert als SELBMANN, mit Seitenangabe.

6 Ebd.
7 Vgl. ebd.

8 Gerhart Mayer: Der Deutsche Bildungsroman. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Stuttgart: Metzler 1992, S. 12. Im Folgenden zitiert als MAYER, mit Seitenangabe.

9 Vgl. ebd.
10 Ebd., S. 26.
11 MAYER, S. 26.
12 Vgl. ebd., S. 28.


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