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Die Kunst emotionaler Entscheidungen

Subtitle: Mit Intuition und bewussten Motiven gegen Zerrissenheiten und Ängste in der Entscheidungsfindung

Textbook, 2009, 171 Pages
Author: Diplom-Pädagoge Michael Hübler
Subject: Psychology - Methods

Details

Category: Textbook
Year: 2009
Pages: 171
Bibliography: ~ 28  Entries
Language: German
Archive No.: V123782
ISBN (E-book): 978-3-640-28721-5
ISBN (Book): 978-3-640-28736-9

Abstract

Dieses Buch hilft Ihnen einerseits, Ihre impliziten, also unbewussten Einstellungen gezielt zu nutzen – beruflich wie privat. Andererseits führt bereits die Bewusstmachung intuitiver Eingebungen häufig dazu, eine Entscheidung in ihre Bahnen zu lenken. Dieses Buch soll Klarheit und Ordnung in Ihre Entscheidungen bringen. Oft ergibt sich bereits aus dieser Klarheit heraus der Drang zu handeln, etwas tun zu müssen, ganz einfach weil klar ist, was zu tun ist. Es scheint dann keinen anderen Weg mehr zu geben als nur den einen. Unser Körper zeigt uns mit seinen empfundenen Emotionen an, was zu tun ist. Dagegen zu rebellieren, wenn wir diese Klarheit erst einmal erlangt haben, fällt wirklich schwer. Vor diesem Hintergrund beleuchtet das Buch Wesen und Wirken von Motiven genau so wie es auf die emotionalen Hintergründe intuitiver Eingebungen eingeht.


Excerpt (computer-generated)

Michael Hübler

Die Kunst emotionaler Entscheidungen

Mit Intuition und bewussten Motiven gegen Zerrissenheiten und Ängste in der

Entscheidungsfindung


Inhalt

Teil I ­ Implizites Wissen oder die Kunst reaktiver Entscheidungen

1 Auf der Reise durch den Körper ­ Entscheidungen mit Focusing

Exkurs: Entscheidungen brauchen Raum und Zeit

2 Was Ihnen Ihr Körper sagt

3 Vom Umgang mit Emotionen und Gefühlen

3.1 Entstehung und Sinn von Emotionen

3.2 Nur keinen Stress

3.3 Die ganze Welt der Freude

3.4 Die Funktion unserer Emotionen und Gefühle vor und nach der Situation

3.5 Wo geht Ihr hin, ihr Emotionen? Entstehung, Nutzen und Aussage von Emotionen

3.6 Embodiment ­ Körper-Verhalten, somatische Marker und Gefühle

3.7 Der gute Abschluss

4 Wahrnehmung und Wahrnehmungsfehler

Teil II ­ Implizite Einstellungen oder die Kunst aktiver Entscheidungen

1 Erkenntnisse aus der Motivationspsychologie

1.1 Erwartung-Wert-Theorie

1.2 Konflikt-Theorie

2 Bedürfnisse, Werte und Motive

2.1 Tauchen Sie ein in Ihren biographischen Hintergrund

2.2 Das Prinzip der Entscheidungsmotive

2.3 Entdecken Sie Ihre Lebensmotive

2.4 Mit einem Bilder-Test zu Ihren unbewussten Motiven

2.5 Die Motiv-Dimensionen: Der Mensch und die Gesel schaft

2.6 Die Analyse Ihrer Motive

2.7 Planeten, Satelliten und Raumfahrzeuge

3 Stressreduktion und Weiterentwicklung im gesamten System

2


4 Aktiv und reaktiv ­ Entscheidungen mit Motiven und Emotionen

4.1 Der Sechs-Punkte-Plan

4.2 Die Emotionale Marker-Entscheidungsmotive-Matrix

4.3 Der Angst-Neugier-Faktor

4.4 Was macht Sie glücklich?

4.5 Das Zusammenspiel zwischen Stand- und Spielbein

4.6 Reflexion: Das METa-Dreieck

5 Arbeiten mit den Entscheidungsmotiven

5.1 Wie Sie mit Gegensatzpaaren Gegensätze auflösen

5.2 Die Emotionale Marker-Entscheidungsmotive-Matrix

5.3 Duellisten und Sekundanten oder: Wer unterstützt wen?

5.4 Clustern Sie Ihre Motive

5.5 Schicht auf Schicht oder: Was steht hinter was?

5.6 Die Personifizierung Ihrer Motive

5.7 Wie der Kopf dem Bauch hilft ­ über Ziele, Primes und Zukunftsmotive

5.8 Negative Motive

5.9 Wie Motive und Emotionen zusammenfinden

5.10 Wie Entscheidungen ablaufen

6 Menschenkenntnis

7 Effektive Regelabläufe für Risikoberufe und alle, die keine Zeit haben

8 Standbein und Spielbein bei Entscheidungen

9 Selbstcoaching im Umgang mit Stress

Teil III ­ Übersetzung der Entscheidungen in Sprache

1 Von erfüllten Emotionen zur rationalen Begründung

2 Sprache und emotionale Verhandlungen

Teil IV ­ Ihr Entscheidungsmanagement-Methoden-Koffer

3


Der Autor

Michael Hübler ist Diplom-Pädagoge, Sozialmanager und Focusing-Berater (i.A.). Er lebt

und arbeitet zusammen mit seiner Familie als freiberuflicher Trainer, Berater und Autor in

Fürth, Großraum Nürnberg. Sein Spezialgebiet betrifft Entscheidungen in jeglicher

Hinsicht: Persönlichkeitsentwicklungen, Karriereentscheidungen, Work-Life-Balance

(insbesondere für Väter), Risikomanagement, kreative Problemlösungen und emotionale

Entscheidungen, Entscheidungen unter Stress oder Teamentscheidungen.

Michael Hübler ist Mitglied im Väter-Experten-Netz-Deutschland (vend-ev) und in der

Gesel schaft für Zeitkultur, mit der er zusammen ein Zeitkultur-Audit entwickelte.

Michael Hübler gibt Trainings, Vorträge und Seminare u.a. für die Datev eG, Bosch, das

Fraunhofer Institut IS, die TU München, die Hochschule Nürtingen-Geislingen, die

Bundeswehr-Universität München, das Klinikum Nürnberg und die IHK Würzburg.

Weitere Informationen finden Sie unter: www.michael-hübler.de

Illustrationen des Bildertests Silke Klemt. Restliche Illustrationen Michael Hübler.

4


Vorwort: Bewusstmachung und Klarheit sind das A und O einer guten Entscheidung

Lektion 1: Treffen Sie klare und bewusste Entscheidungen

Wichtige Entscheidungen werden nicht einfach so gefällt. Sie müssen reifen. Sie brauchen

Zeit. Sie brauchen Geduld. Und was Sie am meisten brauchen sind Klarheit und

Bewusstheit. Eine gute Entscheidung benötigt zusätzlich ein feste Basis. Etwas, das nicht

davon rutscht. Sie benötigt einen festen Boden unter den Füßen. Und dieses Fundament

liefert Ihnen die Klarheit über Ihre Urteile. Als Bild kann Ihnen ein Fußballspieler dienen,

der über ein festes Standbein und ein flexibles Spielbein verfügt.

Wie steht Ihr Körper, respektive Ihr Bauch als ′Urteils-Basis′ zu einer Entscheidung?

Entscheiden Sie vor dem Hintergrund positiver oder gegen negative Emotionen1? Haben

Sie sich klar für eine Richtung entschieden, anstatt allzu lange in der Schwebe zu bleiben?

Manchmal kann uns bereits ein Münzwurf zwingen, diese Klarheit zu finden nach dem

Motto:"Zahl. Na gut, aber ich mache es dennoch anders!" Doch manchmal dauert es auch

länger. Manchmal sind die inneren Widersprüche zu komplex, um sie sofort aufzulösen.

Ich möchte an dieser Stelle mit einem Missverständnis aufräumen, das immer auftaucht.

Es handelt sich dabei um die Frage "Wie sollten wir denn nun entscheiden, kognitiv oder

intuitiv"? Antwort: Sowohl als auch! Wenn Sie sich ein Ziele mit dem Kopf setzen,

überlegen Sie sich Wege zur Zielerreichung mit dem Kopf, um deren Sinnigkeit und

Richtigkeit schließlich emtional zu überprüfen, d.h.: Sie befragen Ihre Ziele, ob diese mit

Ihren Motive übereinstimmen. Oder Sie denken sich Alternativen zum aktuellen IST-

Zustand aus, welche Sie ebenso mittels Ihrer Intuition auf Herz und Nieren prüfen sol ten,

bevor Sie die notwendigen Schritte einleiten.

Unsere ältere Tochter wird dieses Jahr eingeschult. Da wir verantwortungsvol mit dieser

Aufgabe umgehen möchten, stellt sich uns die Frage, die sich viele andere auch stel en:

Privatschule, ja oder nein? Ist eine Privatschule keine Option, sei es aufgrund der

finanziel en Mittel oder einfach weil wir uns keine Gedanken darüber machen (möchten),

wären wir sicherlich glücklicher, zumindest sorgloser. Es ist einfach so, wie es ist. Die

LehrerInnen der Sprengel-Schule sind nicht immer großartig. Sie haben es ja auch ­ je

nach Wohn-Viertel nicht immer leicht. Das Schulkonzept ist vielleicht auch nicht

überzeugend. Aber wie gesagt: Es ist wie es ist. Doch in Anlehnung an den

Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick lässt sich formulieren: Wir können uns

nicht nicht entscheiden ­ auch wenn es manchmal so scheint, z.B. wenn wir unser Kind

impfen lassen. Auch wenn es sich ein wenig unsicher anfühlt und wir schon einige

Geschichten ­ oder sind das Gerüchte? ­ über Impfschäden hörten. Dennoch, als soziale

Faustregel gilt meist:"Tu was die anderen tun. Dann wirst Du nicht ganz falsch liegen".

Meistens funktioniert das. Doch die (impfende oder ′regelschulende′) Masse liegt nicht

immer richtig, wie uns die Geschichte vieler Kriege (Krankheiten oder

Kindheitsentwicklungen) lehrt. Außerdem gibt es meist mehrere Massen, zu denen wir uns

zugehörig fühlen und die uns wie Magnete anziehen. Mal dahin und mal dorthin.

1 Die meisten Forscher unterscheiden zwischen Emotionen und Gefühlen. Emotionen gelten als körperlich

und meist unbewusst, während Gefühle den bewusst-empfundenen Teil ausmachen (siehe u.a. Stefan

Klein: Einfach glücklich, S. 18). Erst diese Bewusstmachung kann dazu führen, dass wir auch

entsprechend auf die Emotionen reagieren und gegensteuern. Ich spreche im folgenden meist von

Emotionen, da ich genau dies im Sinn habe: Die Bewusstmachung der Emotionen, um damit zu arbeiten.

Eine sprachliche Trennung ist diesbezüglich ohnehin schwierig, da im Al tag beide Begriffe quasi

gleichbedeutend verwendet werden.

5


Diese Beispiele sind eine Auswahl von all den Momenten, in denen wir uns entscheiden

müssen, ob wir agieren oder reagieren. Wenn es darum geht, welche Arbeitsangebote Sie

annehmen und welche nicht? Wenn es darum geht, wie Sie Ihr weiteres Leben ausrichten

­ beruflich und privat. Wenn es um Weiterbildungen oder die Auswahl des perfekten

Hobbys geht. Wenn es um Wohnungssuche, Haus- und Autokauf geht oder der nächste

perfekt zu planende Erholungsurlaub ansteht.

Als Trainer und Coach stieß ich auf ein Paradoxon, das ich mit diesem Buch auflösen

möchte: Manche Menschen greifen gerne zu Entscheidungsmethoden oder -techniken,

um sich sachlich mit einem Thema auseinander zu setzen. Bücher dazu gibt es genügend,

zumeist aus dem Kreativbereich. Diese eher klassisch männliche Art der

Entscheidungsfindung ist auf der Suche nach der optimalen Entscheidung mit Portfolio-

Analysen, Mindmaps, morphologischen Kästen, Entscheidungsbäumen oder den

Prinzipien der Spieltheorie. Mindmaps halte ich grundsätzlich für sinnvol , wenn ich in

einem Problem bis zum Halse stecken bleibe und neue Informationen sammeln und

sortieren muss. Andere Methoden wie die Spieltheorie sind so komplex, dass sie bereits

dadurch jeder Al tagstauglichkeit beraubt werden. Ich persönlich als Wahrnehmungs- und

Bauchmensch werde eher verrückt, als dass ich damit auf eine Lösung komme. Womit wir

bei den anderen Menschen sind. Nein, nicht den Verrückten! Sondern Menschen wie ich,

die gerne ­ wie es vermehrt Frauen nachgesagt wird ­ aus dem Bauch heraus

entscheiden. Die Tatsache, dass ich ­ trotz Bauch, Wahrnehmung und Focusing ­ nicht

auf Methoden verzichten möchte und definitiv wissen will, was da ′in uns vor sich geht′,

wenn ich eine intuitive Eingebung habe, brachte mich auf die Idee, das eingangs erwähnte

Paradoxon aufzulösen: Wie schaffe ich es, eine Methode zu entwickeln, die beides

vereinbart: Das Bauchgefühl und den analytischen Verstand, Gefühl und Geist, Intuition

und Intel igenz, Herz und Verstand?

Was ich Ihnen mit meinem Modell der Entscheidungsmotive2 anbiete, ist die Verbindung

Ihrer inneren Einstellungen, Ihres emotional bewussten, vorbewussten und unbewussten

Wissens und der Außenwelt. In jeder neuen Situation trifft diese Innenwelt auf die

Außenwelt.

Mein Model hilft Ihnen, auf eine klare, bewusste und strukturierte Art und Weise

unbewusste Emotionen und Motive mit in Ihre Entscheidungsfindung einzubeziehen. Das

vorliegende Buch hilft Ihnen, Ihre Entscheidungen von einem sehr persönlichen

Standpunkt aus selbstsicher und stimmig zu treffen. Stimmig in dem Sinne, dass Ihr

Verstand und Ihre Gefühle an einem Strang ziehen. Dabei habe ich weniger kreative

Höhenflüge im Sinn. Ich möchte Ihnen vielmehr die Fähigkeit vermitteln, Ihre ganz

persönliche Suche nach glücklichen Entscheidungen selber in die Hand zu nehmen.

Wie funktioniert das? Als erstes habe ich zur Strukturierung Ihrer inneren Einstellungen

eine Kategorisierung von Motiven in zehn Dimensionen vorgenommen, bestehend aus

Motiven, Werten und Bedürfnissen, nach allem, nach dem wir Menschen streben, was uns

letztendlich glücklich macht. Wenn ich dabei von Motiven spreche, meine ich sowohl

bewusste wie auch unbewusste Motive. Es handelt sich dabei um die Dimensionen:

Selbstverwirklichung und Stärke,

Zugehörigkeit, Sicherheit und soziale Tugenden,

Leistung zeigen und Mut zu neuen Erfahrungen

sowie geistige, körperliche und seelische Vitalität.

2 Der Begriff des Motivs bedeutet in der Motivationspsychologie eine stabile Einstel ung, nicht angeboren

und sich somit von körperlichen Basisbedürfnissen abgrenzend und ein klares Handlungsziel verfolgend.

6


Ein einfaches Beispiel: Sie haben ein grundlegendes Bedürfnis nach Freiheit ­ Freiheit in

al en Facetten und Schattierungen. Dies hat weitreichende Auswirkungen auf Ihre

Entscheidungen: Wohnen im Grünen, eine große Wohnung, große Zimmer, freie

Entscheidungen in der Arbeit bis zur Selbständigkeit, lose Beziehungen und Bindungen zu

anderen Menschen usw. Al dies kann sein, muss aber nicht. Doch einige dieser Punkte

werden Sie unbewusst oder auch bewusst durch Entscheidungssituationen steuern. Nach

der Lektüre dieses Buches sind Ihnen diese Motive weitgehend bewusst, um klarere und

aktivere Entscheidungen zu treffen.

Diese Motive streben wir an, um ­ verknüpft mit der Philosophie hinter der Therapie- und

Beratungsmethode Focusing und dem homöodynamischen Prinzip ­ unser Lebenssystem

nach innen und außen zu schützen, unsere Beziehungen aufrecht zu erhalten und

langfristig unser Leben reichhaltiger zu gestalten. Diese Motive bestimmen unser Leben

entscheidend mit. Dabei werden bis zu 70% unserer Entscheidungen ­ um eine

Hausnummer zu nennen ­ von unbewussten Motiven geprägt. Dies gilt vor al em für

Menschen, die viel mit Informationen arbeiten, z.B. Wissensmanager. Diese 70% klingen

nach viel, viel eicht zuviel, sodass Sie sich sagen:"Das kann doch nicht sein". Doch auch

in anderen Bereich taucht dieselbe Zahl auf, wenn es darum geht, in welchem Umfang wir

nonverbal, also mit Gesten, Mimiken und unserem Tonfal kommunizieren. Und nonverbal

heißt weitgehend unbewusst oder auch unübersetzt. Denn das, was noch vorsprachlich in

unserem Körper ′brodelt′, muss erst noch in Sprache übersetzt werden, damit andere es

verstehen. Damit aber auch wir selbst es verstehen.

Die Existenz und Wichtigkeit dieser Motive, wenn auch unter anderem Namen, ist

unbestritten. Die Wichtigkeit für Sie persönlich kann sehr unterschiedlich sein. Sie

bekommen später die Möglichkeit, die Wichtigkeit jeder einzelnen Dimension der Motive

als ein Herzstück des Buches für sich als Standortbestimmung zu bewerten ­ eine

intensive Auseinandersetzung mit Ihren ganz persönlichen Bedürfnissen, Werten und

Motiven. Damit haben Sie eine Matrix, ein Instrument an sich in der Hand, um aktive

Entscheidungen zu treffen, da Sie mit dem Wissen um Ihre Motive ganz anders in

Situationen hineingehen werden.

Dass Sie bestimmte Motive Ihres Lebens, Ihre Lebensmotive, genau in dieser Ausprägung

haben ist kein Zufall. Motive sind in der Regel ­ wenn auch mit einer gewissen Flexibilität

­ bei jedem Menschen einigermaßen konstant:"Das ist mir eben wichtig", "Danach richte

ich mein Leben aus" usw. Und weil Ihnen bestimmte Lebensmotive als Teile unseres

autobiographischen Ichs so wichtig sind, sind sie mit bunten Farben emotional

gemarkert:"Schau her, das ist mir besonders wichtig, ich habs gleich mal markiert!". Hier

greift die Theorie der somatischen Marker des Neuropsychologen Antonio R. Damasio: Zu

al em was Ihnen wichtig ist, haben Sie eine Emotion und ein Gefühl abgespeichert ­

manchmal direkt und manchmal über den Umweg einer Körperempfindung. Wenn es

Ihnen wichtig ist, in Gemeinschaft zu sein, reagieren Sie mit Trauer oder Wut im weitesten

Sinne, wenn Sie abgewiesen werden. Sie sind dann nicht einfach alleine, sondern

empfinden ein ganzes Bündel an Emotionen und Körperempfindungen; Gedanken und

Bilder schwirren Ihnen im Kopf herum. Sie sind traurig, wütend und beleidigt gleichzeitig,

haben vielleicht den Drang, sich schnel stens nach einer neuen Gruppe umzusuchen oder

rufen enge Freunde an, die leider zu weit weg wohnen, um sie sofort zu treffen.

Insbesondere die Reaktionen auf körperlicher Ebene laufen automatisch ab ­ andere

Reaktionen erst nach kurzem oder längerem Nachdenken, nach einer Phase der

Bewusstmachung, des bewussten In-sich-Hineinhorchens.

7


Dies ist das Leben ­ nun zu den Entscheidungsmotiven. Entscheidungsmotive sind genau

jene Motive, die im Moment der Entscheidung wichtig sind. Entscheidungsmotive

bezeichnen eine Auswahl aus Ihren Motiven, die situationsbezogen ein eigenes System

aus Verknüpfungen untereinander aufgebaut haben. Auf den Punkt gebracht heißt dies: In

bestimmten Situationen sind Ihnen bestimmte Entscheidungsmotive wichtiger als andere.

Manche wiegen schwerer, manche leichter. Hinter manchen verbergen sich andere

Schwergewichte. Manche wirken nur, wenn sie von ′Brüdern im Geiste′ unterstützt werden.

Doch für al e gilt: Ihr aktuelles Ich reagiert genau jetzt mit einer Situation, wodurch genau

diese Motive in Ihnen entstehen.

In den meisten aktiven Entscheidungen spielen Ihre Motive eine enorme Rolle. Mit aktiv

meine ich Entscheidungen, die Sie ganz bewusst angehen. Mit aktiv meine ich Wünsche,

Ziele, Pläne, Träume und das Verfolgen Ihrer Interessen. Sie müssen sich entscheiden

zwischen einem Urlaub auf dem Bauernhof und einer Kreuzfahrt durch die Karibik ­ wenn

die Finanzen keine Rolle spielen. Sie überlegen, ob Sie lieber an einen See fahren oder

ins Freibad gehen. Eben jenen Zerrissenheiten werde ich in diesem Buch auch zu Leibe

rücken.

Sie müssen große Entscheidungen treffen, aber auch die vermeintlich kleinen können es

in sich haben. Verschwenden Sie nicht zu viel Zeit und Energie auf die kleinen

Entscheidungen. Wenn Sie die großen für sich mit System geklärt haben, werden die

kleinen automatisch auf dem Fuße folgen.

Doch es gibt auch Entscheidungen, die reaktiv stattfinden: Eine Hebamme erkennt an der

Hautfarbe eines Babys, was ihm fehlt, auch wenn Sie dies nicht unbedingt verbalisieren

kann. Mit Motiven hat dies wenig zu tun. Außer natürlich dem Motiv, nichts falsch machen

zu wollen, aber auch das ist eher reaktiv. Dies hat mehr mit einer Reaktion zu tun, als mit

einem klaren Plan, mit einem Ziel, mit einer Motivation. Dies hat mehr mit einer Resonanz

zu tun, die in uns intuitiv zu schwingen beginnt, wenn wir Informationen der Umwelt

verarbeiten.

Vor den impliziten Einstellungen kommt Ihr implizites Wissen. Streng genommen handelt

es sich hierbei um Ihre Intuition, sprich: Sie nehmen etwas wahr, gleichen es mit Ihrem

impliziten Wissen ab und befragen sich selbst, wie dies zu Ihren Einstellungen passt. Die

Bewusstmachung dieses Wissens, d.h. ihrer intuitiven Abläufe, ist ein weiterer

Schwerpunkt des Buches. Eine Methode der Bewusstmachung liefert das Storytelling,

eine der derzeit innovativsten Methoden. Beim Storytelling werden implizites

Handlungswissen und Faustregeln aus den Geschichten von MitarbeiterInnen ′heraus

gelesen′. Wir werden dies mit Hilfe von Emotions-Entstehungen und -abläufen tun.

Noch einmal zurück zum Einstiegsbeispiel: Wenn ich an die Schule unserer Tochter

denke, fal en mir folgende Merkmale ein, die für unsere Entscheidung eine Rolle spielen:

Unsere Tochter sol die Möglichkeit bekommen, sich selbst innerhalb ihres eigenen

Tempos zu entwickeln. Sie soll genau die Stärken entwickeln, die zu ihr passen und

sie langfristig glücklich machen. Unsere Tochter ist nicht immer sehr schnell. Dafür

kann sie sich gut unterordnen, um nicht aufzufal en. Sie ist ein sensibles und eher

ruhiges Kind.

Unsere Tochter sol in eine Schule gehen, auf der sie andere Kinder trifft die anders

sind und ihr andere Modelle vorleben. Sie soll aber auch genügend Raum für sich

haben, den sie nur hat, wenn auch andere ′sensible′ Kinder vorhanden sind. Diese

Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe wirkt sich natürlich auch auf die Eltern aus.

So wollen wir als Eltern nichts mit anderen Eltern zu tun haben, mit denen wir uns ­

aufgrund anderer Erziehungsstile ­ andauernd streiten müssten; oder am Ende

sogar (ich als Pädagoge und meine Frau als Psychologin) mit den LehrerInnen.

8


Diese soziale Geborgenheit würde unserer Tochter die nötige Sicherheit bieten, um

in Ruhe heranzureifen. Wenn das emotionale Umfeld eher heimelig ist, so sol te

das Programm der Schule anspruchsvoll und herausfordernd sein, voller

Grenzerfahrungen und Kreativität (Stichwort: Standbein ­ Spielbein).

Ebenso sollte die körperliche Vitalität angemessen gefördert werden, am besten

nicht abgesondert vom restlichen Betrieb, sondern fließend zwischen den

Unterrichtseinheiten.

Diese emotionalen Beweggründe gehen auf das zurück, was Sie in diesem Buch über

Entscheidungsfindungen erfahren werden. Sicherlich gibt es noch mehr Gründe wie

Fahrtzeiten, Freunde im Umfeld und natürlich Geld. Die Finanzen spielen jedoch meines

Erachtens eine untergeordnete bzw. exponierte Rolle: Ist Geld vorhanden, sollte es

weniger um das Geld an sich gehen, sondern vielmehr um den Einsatz für in diesem Fall

die Schule oder eben etwas anderes. Ist es nicht vorhanden, ist die Entscheidungsfindung

bereits abgeschlossen. Schulfreunde im Umfeld zu haben spielt natürlich eine wichtige

Rolle. Doch sind Menschen, die sich zu solchen Themen Gedanken machen, meist

ohnehin globalisierungsgeschädigt. Der Sprengel macht auch vor Freundschaften aus

Universitäts-Zeiten keinen Halt. Den dritten Grund schließlich, die Zeit, lasse ich gerne

gelten. Hier stellt sich nur die Frage, was mehr Zeit kostet: Fahren und glücklich sein über

die Fortschritte und Geborgenheit des eigenen Sprösslings oder Nicht Fahren und sich

ärgern über verständnislose LehrerInnen.3

Eine Verbindung zu unserem impliziten Wissen können wir herstellen, wenn wir uns

vorstel en, wie sich die eine oder andere Schule anfühlt. Gerne auch in verschiedenen

Szenarien, verbunden mit den Fragen: Was macht wütend? Was macht traurig? Was

beruhigt? Was macht uns Sorgen? Angst macht uns der Ärger mit den Lehrern. Wütend

machen Ungerechtigkeiten. Traurig werden wir, wenn unsere Kleine keinen guten Platz

hier oder dort findet. Beruhigend ist die persönliche, kindgerechte Entwicklung. Sie sehen:

Hier sind bereits einige explizite Ziele eingearbeitet, denn: Ohne Ziele keine Überprüfung!

Die Gründe, sich unbewusstes Wissen und unbewusste Einstel ungen bewusst zu machen

sind reichhaltig vorhanden:

Externe Gründe

Interne Gründe

Rechtfertigungen vor Vorgesetzten

′Routinen′ laufen schief, eine

Weiterentwicklung wird notwendig.

Unliebsame Aufträge

Unsicherheiten, z.B. aufgrund zwei guter

Alternativen

Sie stehen vor einer konfliktreichen,

Sie haben eine Entscheidung getroffen,

stressigen Entscheidung. Sie stehen

mit der Sie unzufrieden sind.

unter Zeitdruck.

Sie stehen vor einer Risiko-

Sie müssen eine komplexe Entscheidung

Entscheidung (z.B. einem

treffen, die in sich Pros und Kontras birgt.

gesundheitlichen Risiko).

3 Ich betone ausdrücklich, dass nicht al e LehrerInnen verständnislos sind. Es gibt sehr engagierte

LehrerInnen, die jedoch leider oftmals gegen Windmühlen kämpfen, sei es in Form der Schul-Konzepte,

der Kol egInnen oder der Schüler.

9


Zusammengefasst in der Analyse des Entscheidungsproblems:

Unsicherheit

(gegen etwas / andere, schnel , mit zu

wenig Informationen entscheiden, Unfähigkeitsgefühl)

Zerrissenheit

(zu viele

mehr Informationen nötig? (Checklisten,

Alternativen, innere Konflikte)

Sinneswahrnehmung, Kreativität)

zu viel oder zu wenig Informationen

Unsicherheit wegen

(Faustregeln, Checklisten,

Fähigkeiten? (Üben,

Sinneswahrnehmung, Kreativität)

Feedback, Vorbilder)

Unklarheit der Motive, Werte und Bedürfnisse

Emotionale Unsicherheit

(Cluster, Inneres Team, Hierarchien)

(Ängste-Neugier-Skala)

Unklare Ziele (Motive, Ängste, Neugier und Ziele)

Rechtfertigung der Entscheidung

Dieses Buch hilft Ihnen einerseits, Ihre impliziten, also unbewussten Einstel ungen gezielt

zu nutzen ­ beruflich wie privat. Andererseits führt bereits die Bewusstmachung intuitiver

Eingebungen häufig dazu, eine Entscheidung in ihre Bahnen zu lenken. Dieses Buch soll

Klarheit und Ordnung in Ihre Entscheidungen bringen. Oft ergibt sich bereits aus dieser

Klarheit heraus der Drang zu handeln, etwas tun zu müssen, ganz einfach weil klar ist,

was zu tun ist. Es scheint dann keinen anderen Weg mehr zu geben als nur den einen.

Unser Körper zeigt uns mit seinen empfundenen Emotionen an, was zu tun ist. Dagegen

zu rebellieren, wenn wir diese Klarheit erst einmal erlangt haben, fäl t wirklich schwer.

Der Mediziner Joachim Bauer4 spricht in diesem Zusammenhang von

Handlungsneuronen, den Asterixen, denen bewusst wird, was zu tun ist ­ und

Bewegungsneuronen, den Obelixen, die die Befehle der Asterixe umsetzen. Sie tun es

nicht immer, fühlen sich bisweilen zu unsicher. Aber meistens folgen sie doch den

Vorgaben Ihrer ′Herren′. Der Fokus des Buches liegt bei den Asterixen. Gerhard Roth

nennt den Moment, indem im Gehirn durch bloßes Denken eine Entscheidung zustande

kommt einen Wil ensruck. Wenn wir das Gefühl haben, etwas zu schaffen, wird der

Motivations-Stoff Dopamin im Körper ausgeschüttet und legt dadurch sozusagen den

mentalen Hebel um, dieses Etwas anzugehen.

4 Siehe Bauer: Warum ich fühle, was Du fühlst, S. 22ff

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