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Freiheit und Unfreiheit bei Franz Kafka

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 27 Pages
Author: Magister Artium Björn Kohlhepp
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2008
Pages: 27
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 27  Entries
Language: German
Archive No.: V123854
ISBN (E-book): 978-3-640-29420-6
ISBN (Book): 978-3-640-29505-0

Abstract

In der vorstehenden Arbeit mache ich es mir zur Aufgabe, zu untersuchen, welche Bedeutung der Begriff Freiheit bzw. dessen Negation für Franz Kafka hatte. Zunächst soll anhand von Selbstzeugnissen sowie Literatur über Kafka herausgearbeitet werden, inwiefern er in seinem Leben Freiheit erfuhr oder empfand. Hierauf möchte ich auf Freiheit im Werk Kafkas allgemein eingehen, um schließlich zu untersuchen, wie sich der Begriff konkret in zwei Erzählungen Kafkas manifestiert, nämlich erstens in "Ein Bericht für eine Akademie" und zweitens in "Ein Hungerkünstler".


Excerpt (computer-generated)

Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Philosophische Fakultät/NDL

HS Franz Kafka

WS 2007/08

Freiheit und Unfreiheit bei Franz Kafka

von

Björn Kohlhepp


Inhaltsverzeichnis

Einleitung 3

Thema der Arbeit 3

Forschungslage 3

1.

Freiheit und Unfreiheit im Leben Kafkas 4

1.1 Familie 4

1.2 Heiratsgedanken 6

1.3 Beruf 7

1.4 Krankheit 8

1.5 Fazit 9

2.

Kafkas innere Unfreiheit 10

2.1 Schuldgefühle 10

2.2 Bewusstsein der Grenzen 11

2.3 Triebe und Zwänge 13

2.4 Fazit 13

3.

Freiheit und Unfreiheit im Werk Kafkas 14

3.1 Allgemein 14

3.2 Ein Bericht für eine Akademie 15

3.3 Ein Hungerkünstler 19

4.

Resümee 23

2


Einleitung

In meiner persönlichen Lektüre Kafkas und dann insbesondere in der Beschäftigung mit

Kafka im Rahmen dieses Hauptseminars stieß ich sowohl in der Biographie Kafkas als auch

in seinem Werk immer wieder auf die thematisch verwandten Themen Macht,

Unterdrückung, Zwang, Abhängigkeit, Gefangenschaft ­ und eben ausdrücklich auch auf das

Thema Freiheit. Konkret war es das Bild der Freiheitsstatue, die in der Erzählung

Der Heizer

als ,,Freiheitsgöttin" statt mit ihrer Fackel in der Hand mit einem Schwert dasteht und von

,,freien Lüfte(n)" umweht wird (ERZ1, 32), welches bei mir das Interesse an der

Themenstellung dieser Arbeit weckte.

Thema der Arbeit

In der vorstehenden Arbeit mache ich es mir nun also zur Aufgabe, zu untersuchen, welche

Bedeutung der Begriff Freiheit bzw. dessen Negation für Franz Kafka hatte. Zunächst soll

anhand von Selbstzeugnissen sowie Literatur über Kafka herausgearbeitet werden, inwiefern

er in seinem Leben Freiheit erfuhr oder empfand. Hierauf möchte ich kurz auf Freiheit im

Werk Kafkas allgemein eingehen, um schließlich zu untersuchen, wie sich der Begriff konkret

in zwei Erzählungen Kafkas manifestiert, nämlich erstens in

Ein Bericht für eine Akademie

und zweitens in

Ein Hungerkünstler

.

Forschungslage

Eingangs möchte ich ein paar Worte hinsichtlich des Forschungsstandes zum Thema Freiheit

bei Kafka verlieren.

Zu Freiheit im Leben Kafkas findet sich von ihm selbst sowie in der einschlägigen

Literatur einiges, was dann im Folgenden auch darzustellen ist. Zur Frage der Freiheit in

Kafkas Gesamtwerk allerdings stellte STEINER im Jahr 1987 zu seiner Verwunderung fest,

dass ­ zumindest seines Wissens ­ dieses Thema nie untersucht worden war2. Und auch mir

drängte sich der Eindruck auf, dass dieses Thema bis dahin vernachlässigt, höchstens bei der

Interpretation von Einzelwerken untersucht worden war und erst in den Jahren darauf mehr

Aufmerksamkeit erfuhr.

1 Siehe das Literaturverzeichnis für die verwendete Primärliteratur und die zur Vereinfachung verwendeten

Abkürzungen.

2 Vgl. STEINER, JACOB: Kafka′s concept of freedom. In: POLHEIM, KARL KONRAD (Hrsg.): Sinn und Symbol.

Festschrift für Joseph P. Strelka zum 60. Geburtstag. Bern / Frankfurt/M. / New York / Paris 1987, S. 304.

3


1. Freiheit und Unfreiheit im Leben Kafkas

Der Ausgangspunkt für STEINERS Untersuchung über die Freiheit im Werk Kafkas war seine

Beobachtung/Behauptung, dass es im Leben Kafkas Freiheit nie gegeben habe.3 Und DEL

CARO stellte fest, dass ,,Kafka had long been concerned with the question of freedom in his

own life"4. Wie die beiden zu ihren Aussagen kommen, welche Rolle Freiheit im Leben

Kafkas denn nun spielte, das soll der Gegenstand dieses Kapitels sein.

1.1 Familie

In den Erzählungen

Das Urteil

,

Der Heizer

und

Die Verwandlung

, die allesamt in den letzten

Monaten des Jahres 1912 entstanden sind5, ist eines der Hauptthemen der Vater-Sohn-

Konflikt bzw. allgemeiner: die Bindung an die Familie. Kafka hatte den Wunsch, diese drei

Erzählungen zusammen in einem Buch unter dem Titel

Söhne

zu veröffentlichen6, und legte

damit mehr oder weniger die Lesart aus der Perspektive eines Eltern-Sohn- oder Vater-Sohn-

Verhältnisses nahe. Und auch unter Berücksichtigung aller Vorbehalte gegenüber einer

autobiographischen Lesart mag sich der Leser doch fragen, welcher Art das Verhältnis

zwischen Familie ­ insbesondere Vater ­ und Sohn Kafka war.

Wie ambivalent Kafka das Verhältnis zu seiner Familie wahrnahm, davon legt folgender

Tagebucheintrag vom 18. Oktober 1916 ­ allerdings ,,mit einer der Wahrheit nicht ganz

entsprechenden Härte", wie es heißt ­ Zeugnis ab (TB, 320f.):

Ich, der ich meistens unselbständig war, habe ein unendliches Verlangen nach

Selbständigkeit, Unabhängigkeit, Freiheit nach allen Seiten. Lieber Scheuklappen anziehn

und meinen Weg bis zum Äußersten gehen, als daß sich das heimatliche Rudel um mich

dreht und mir den Blick zerstreut. Deshalb wird jedes Wort, das ich zu meinen Eltern oder

sie zu mir sagen, so leicht zu einem Balken, der mir vor die Füße fliegt. Alle Verbindung,

die ich mir nicht selbst schaffe oder erkämpfe, [...] ist wertlos, hindert mich am Gehen, ich

hasse sie oder bin nahe daran, sie zu hassen. [...] Das andere Mal aber weiß ich wieder, daß

es doch meine Eltern sind, notwendige, immer wieder Kraft gebende Bestandteile meines

eigenen Wesens, nicht nur als Hindernis, sondern auch als Wesen zu mir gehörig.

Im November 19197 dann verfasste Kafka den

Brief an den Vater

. Obwohl Kafka zu diesem

Zeitpunkt schon 36 Jahre alt war sowie einen festen Posten und ein passables Einkommen

3 Vgl. ebd., S. 304.

4 DEL CARO, ADRIAN: Denial versus affirmation: Kafka′s

Ein Hungerkünstler

as a paradigm of freedom. In:

Modern Austrian Literature 22 (1989), H. 1, S. 49.

5 Vgl. PASLEY, MALCOLM / WAGENBACH, KLAUS: Versuch einer Datierung sämtlicher Texte Franz Kafkas. In:

Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 38 (1964), H. 2, S. 166.

6 Vgl. RAABE, PAUL:

Nachwort

. In: KAFKA, FRANZ: Sämtliche Erzählungen. Hrsg. v. Paul Raabe. Frankfurt/M.

1988, S. 396.

4


hatte, hatte sein ihn bevormundender Vater gerade einen weiteren ,,Heiratsversuch" scheitern

lassen, was ihn sehr erschüttert haben muss.8 Im

Brief an den Vater

, der zwar nicht als

,,ungefilterte Quelle der biographischen Darstellung zu sehen ist", versucht Kafka ,,die

unauflöslichen Spannungen eines belasteten Verhältnisses [...] zu beleuchten".9 Jedenfalls

zeigt der Brief, welch starken Einfluss auf sein ganzes Leben Kafka seinem Vater zuschrieb,

und die letztlich offensichtlich wirksamen scharfen Proteste des Vaters gegen eine nicht

standesgemäße Ehe des 36-jährigen Sohnes10, welchen Einfluss der Vater auch tatsächlich

hatte. ALT spricht in Bezug auf Kafka als vom ,,

ewigen Sohn

", der sich ,,niemals aus der Rolle

des Nachgeborenen befreit (hat), der zögert, erwachsen zu werden".11

So ist es bezeichnend, dass es Kafka erst 1915, neun Jahre nach dem Erwerb seines

Doktorgrades und nach über sechs Jahren Berufstätigkeit bei der ,,Arbeiter-Unfall-

Versicherungs-Anstalt", ,,wagte", sich von seinen Eltern so weit zu lösen, dass er in eine

eigene Wohnung zog.12 Allerdings kehrte er schon Ende August 1917 nach seinem Blutsturz

wieder in die elterliche Wohnung zurück13 und glitt durch seine Krankheit zurück in eine

,,kindliche Abhängigkeit", da er sich nun von seiner mütterlichen Schwester Ottla verwöhnt

sah14.

Auf der einen Seite war sich Kafka also der Abhängigkeit von seiner Familie, insbesondere

vom Vater, bewusst und wollte ihr entfliehen, auf der anderen Seite schaffte oder wagte er

dies nie wirklich, wohl auch, weil er, wie er sich selbst attestierte, einen ,,mehr als

gewöhnlichen Hang zu einem bequemen und unselbständigen Leben" (TB, 09.03.1914, 228)

hatte. Die Furcht vor seinem vitalen Vater habe er nach ALT stattdessen mit ,,obsessiver Lust"

kultiviert, ,,weil sie für ihn die Bedingung seiner Existenz bildet(e)", da für Kafka die

,,Identität als Sohn" die ,,Voraussetzung für seine schriftstellerische Arbeit" gewesen sei.15 So

sieht dieser in der ,,imaginäre(n) Überhöhung der Elternmacht" ein ,,quälendes, aber zugleich

produktives Trauma, das Kafka Autorschaft ermöglichte".16

7 Vgl. PASLEY / WAGENBACH 1964, S. 165.

8 Vgl. ARENS, DETLEV: Franz Kafka (dtv portrait, hrsg. v. Martin Sulzer-Reichel). München 2001, S. 13f.

9 ALT, PETER-ANDRÉ: Franz Kafka. Der ewige Sohn; eine Biographie. München 2005, S. 563.

10 Vgl. BINDER, HARTMUT: Kafka-Kommentar zu sämtlichen Erzählungen. München 1975, S. 32.

11 ALT 2005, S. 15.

12 Vgl. STEINER 1987, S. 301.

13 Vgl. BINDER 1975, S. 39.

14 Vgl. PAWEL, ERNST: Berlin ­ Die Illusion der Freiheit für Kafka. In: PAZI, MARGARITA / ZIMMERMANN, HANS

DIETER (Hrsg.): Berlin und der Prager Kreis. Würzburg 1991, S. 163.

15 ALT 2005, S. 15.

16 Ebd., S. 563.

5


STEINER konstatiert dazu folgerichtig, dass Kafka bis zum Sommer 1923 unfähig war,

irgendetwas ohne Bezug auf den Vater zu tun.17 Erst durch die Übersiedlung, die ,,Flucht"

nach Berlin zu Dora Diamant Ende September 1923 erfuhr er dahingehend eine gewisse

Freiheit und war auch nach langer Pause wieder schöpferisch tätig.18 Berlin war für Kafka

schon länger mit der Vorstellung von Freiheit verbunden gewesen (TB, 23.02.1914, 227 u.

09.03.1914, 230). Allerdings holte Max Brod ihn dann schon im März 1924 ­ todkrank ­

wieder nach Prag zurück19, was Kafka als Kapitulation gegenüber seinem Vater empfunden

habe20.

Von seiner Familie war Kafka demnach in hohem Maße abhängig, mithin unfrei, und war

sich dessen auch bewusst.

1.2 Heiratsgedanken

Der Integrität seiner Identität als Sohn soll es nach ALT auch geschuldet sein, dass Kafkas

Beziehungen stets katastrophal endeten. Wäre er nämlich in die Rolle eines Ehemanns oder

Vaters eingetreten, hätte dies das Ende jener Identität bedeutet.21

Bei einer Ehe fürchtete er jedenfalls auch das Ende einer Freiheit, die er offenbar zu haben

meinte, nämlich die des Alleinseins (doch spricht er auch von einem Zwang zur Einsamkeit;

TB, 16.01.1922, 345) oder besser: die des Schreibens. Dem Alleinsein allein habe er seine

schriftstellerischen Leistungen zu verdanken. Dies geht aus seinem Tagebucheintrag vom 21.

Juli 1913 hervor (TB, 195). Zugleich aber erklärt er sich darin als unfähig das Leben allein zu

ertragen, was ebenfalls zur Erklärung seiner wiederholten, aber letztlich allesamt

gescheiterten Heiratsversuche beitragen würde. Nach BINDER hätte er auf das Alleinsein und

das Schreiben nur dann verzichten können, wenn die geplante Ehe mit Felice Bauer, die für

Kafka einen ­ verglichen mit der literarischen Produktion ­ wesentlich höheren Grad von

Unabhängigkeit gegenüber seinem Vater bedeutet und Aussicht auf Bestand gehabt hätte,

wovon jedoch keine Rede sein konnte.22 Die Angst um sein Schreiben war natürlich auch

1919 bei der geplanten Ehe mit Julie Wohryzek ein Hindernis.23

Dass Kafka das Schreiben je zugunsten einer Ehe und größerer Unabhängigkeit vom Vater

aufgegeben hätte, scheint unvorstellbar, da er in der Literatur seinen Lebenssinn sah: ,,Mein

17 Vgl. STEINER 1987, S. 302.

18 Vgl. PAWEL 1991, S. 165.

19 Vgl. ebd., S. 168.

20 Vgl. STEINER 1987, S. 302.

21 Vgl. ALT 2005, S. 15.

22 Vgl. BINDER 1975, S. 29.

6



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