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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 35 Pages
Author: Christian Berwanger
Subject: History - Middle Ages, Early Modern
Details
Institution/College: University of Cologne (Historisches Seminar I)
Tags: Ketzerbekämpfung, 13. Jahrhundert, Inquisition, Katharer, Waldenser, Gratian, Ad abolendam, 4. Laterankonzil, Inquisitor, Okzitanien, Dekretale, Vergentis in senium, Innozenz III., Lucius III.
Year: 2008
Pages: 35
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 16 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-29254-7
ISBN (Book): 978-3-640-29260-8
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Abstract
Die mittelalterliche Welt des 13. Jahrhunderts war geprägt von den Auseinandersetzungen der Vertreter der Spiritualia und der Temporalia mit den großen religiösen Bewegungen häretischer Gruppierungen, vornehmlich der Katharer und Waldenser. In dieser Arbeit sollen die Maßnahmen zur Ketzerbekämpfung im 13. Jahrhundert kritisch beleuchtet und analysiert werden.
Excerpt (computer-generated)
Universität zu Köln
Philosophische Fakultät
Historisches Seminar I
Hauptseminar: Der Templerprozess
Sommersemester 2008
Ketzerbekämpfung im 13. Jahrhundert
Christian Berwanger
8. Fachsemester
Geschichte, Latein
2
Inhaltsverzeichnis
1.
Einleitung 3
2.
Entstehung und religiöse Vorstellungen mittelalterlicher häretischer
Bewegungen 5
2.1. Die
Katharer 6
2.2. Die
Waldenser 7
3.
Kirchenrecht und Ketzerei 9
3.1. Das Decretum Gratiani 10
3.2. Die Laterankonzilien von 1139 und 1179 12
3.3. Ad
abolendam 14
3.4. Vergentis
in
senium 17
3.5. Das vierte Laterankonzil von 1215 21
4.
Weltliche Ketzergesetze 23
4.1. Ketzerverfolgung in den Ländern der Krone Aragon 24
4.2. Die Ketzeredikte Friedrichs II. 25
5.
Das Zeitalter der Inquisition 27
5.1. Die Anfänge der Inquisition in Deutschland 28
5.2. Die Anfänge der Inquisition in Frankreich 29
6.
Schlussbetrachtung 31
7.
Quellen und Literaturverzeichnis 33
3
1. Einleitung
Die mittelalterliche Welt des 13. Jahrhunderts war geprägt von den
Auseinandersetzungen der Vertreter der Spiritualia und der Temporalia mit den großen
religiösen Bewegungen häretischer Gruppierungen, vornehmlich der Katharer und
Waldenser. In dieser Arbeit sollen die Maßnahmen zur Ketzerbekämpfung im 13.
Jahrhundert kritisch beleuchtet und analysiert werden. Aus diesem Grund sollen in
einem ersten Abschnitt die beiden häretischen Bewegungen der Katharer und
Waldenser in Okzitanien und Südfrankreich sowie deren Ausbreitung in Europa kurz
vorgestellt werden, um aufzuzeigen, mit welchen Gefahren sich die mittelalterliche
Kirche in dieser Zeit konfrontiert sah.
In einem zweiten Schritt wird das kirchenrechtliche Vorgehen gegen Ketzerei
thematisiert, angefangen beim
Decretum Gratiani
als Sammlung der älteren
Rechtsüberlieferung der Kirche und endend mit den
canones
des vierten
Laterankonzils 1215 als vorläufigem Höhepunkt hinsichtlich der Manifestation des
kirchlichen Rechts gegenüber häretischen Bewegungen. Im Zentrum soll vor allem aus
quellengeschichtlicher Perspektive die Formierung des Häresiebegriffs vorgestellt
werden, indem, wiederum angefangen beim
Decretum Gratiani
, die zeitgenössischen
Definitionen von Häresie und deren Entwicklung auf den beiden Laterankonzilien von
1139 und 1179, in der päpstlichen Dekretale
Ad abolendam
von Papst Lucius III.
(1184), in der Dekretale
Vergentis in senium
von Papst Innozenz III. (1199) und
schließlich auf dem vierten Laterankonzil, auf dem in den
canones
1 und 3 über den
katholischen Glauben und über die Häretiker eine eindeutige Trennlinie zwischen
Orthodoxie und Häresie festgelegt wurde, mit in Betracht gezogen werden sowie die
stetig verschärften Sanktionen gegen Ketzer und deren
receptatores, fautores et
defensores.
Der Dekretale
Vergentis
kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, da ihr
Text nur stark gekürzt hinsichtlich der Bestrafung von Häretikern und deren
Begünstigern auf dem vierten Laterankonzil Geltung gefunden hatte. An Hand des
Mentalitätswandels, der zu dieser Zeit stattgefunden haben muss, soll erklärt werden,
warum sich eine Milderung in der Vorgehensweise gegen Ketzerei ereignet hatte.
Da jedoch nicht nur mit der Formierung des Kirchenrechts gegen Ketzer interveniert
werden sollte, sondern auch die weltliche Gerichtsbarkeit in die Ketzerbekämpfung
involviert worden war, werden in einem dritten Schritt an Hand des Königreiches
Aragon und an Hand der Ketzeredikte Kaiser Friedrichs II. weltliche Ketzergesetze
näher präzisiert.
4
Die Schilderungen und Analysen der Ketzererlasse und Dekretalen sind notwendig,
um die Grundlage für die Einführung bzw. Einrichtung einer kirchlichen Institution zur
Verfolgung und Bekämpfung von Häretikern zu verstehen: der Inquisition, die im 13.
Jahrhundert institutionalisiert wurde. In diesem vierten Schritt sollen die Anfänge der
Inquisition in Südfrankreich und Deutschland im zeitlichen Rahmen vom dritten
Laterankonzil bis zur päpstlichen Bulle
ad extirpanda
, die den Einsatz der Folter
gegen Häresieverdächtige legitimierte, beleuchtet werden.
5
2. Entstehung und religiöse Vorstellungen mittelalterlicher
häretischer Bewegungen
In diesem Kapitel sollen mit den Katharern und den Waldensern zwei der
maßgeblichen Häresien1 des Mittelalters vorgestellt werden. Bezeichnenderweise
gehen diese Namen nicht von den Anhängern der jeweiligen Häresie selbst aus, was
allein dadurch ersichtlich ist, dass es beispielsweise keine einheitliche katharische
Bewegung in Europa gab, sondern sich diese auf regionaler Ebene mit durchaus
unterschiedlichen Lehren spaltete.2 ,,Die anderen Namen, z.T. schwer erklärbar,
entstanden spontan und volkstümlich in verschiedenen Ländern, obgleich man überall
den Sektenzusammenhang erkannte."3 Durch die Reformbewegung der Kirche seit
Gregor VII. kam die Idee auf, ob nur die Kirche selbst bzw. deren ordinierte Vertreter
berechtigt seien, das christliche Heilswerk zu verwirklichen, oder ob nicht jeder Christ
dazu aufgerufen sei, sein Leben nach christlichen bzw. apostolischen Normen
auszurichten.4 Der Gedanke der apostolischen Lebensweise sollte deswegen bis ins 13.
Jahrhundert hinein der bestimmende Grundtenor der häretischen Bewegungen sein.
,,Nicht die Kirche in ihrer Dogmatik stand im Mittelpunkt der Kritik, sondern das
konkrete Verhalten der Geistlichkeit, die Frage nach der rechten Lebensform."5 Auf
der einen Seite stand folglich die prosperierende Geistlichkeit, die nach außen hin
nicht den apostolischen Weg der Armut symbolisierte, und auf der anderen Seite eine
regional weit verteilte Laienbewegung, die in den Vertretern eben dieser Lebensweise
nicht die Nachfolger der Apostel sah. In diesen Anfängen der häretischen Bewegungen
sind noch keinerlei dualistische Weltanschauungen ersichtlich, die später gerade den
Katharern vorgeworfen worden waren und der Kirche einen Kampf gegen diese
Ketzerei erleichterte.6
1 Da sich diese Arbeit mit der Ketzerbekämpfung im 13. Jahrhundert beschäftigt, kann nicht auf
häretische Bewegungen der Spätantike oder des Frühmittelalters eingegangen werden. Der Verfasser ist
sich jedoch bewusst, dass Häresien nicht erst im 12. und 13. Jahrhundert entstanden sind.
2 So werden die Anhänger der neuen religiösen Bewegungen in Südfrankreich meist Albigenser
genannt, in Deutschland Katharer und in Italien Patarener.
3 Grundmann, H.: Ketzergeschichte des Mittelalters. Ein Handbuch. Göttingen 1963. S. 14
4 Vgl. ders.: Religiöse Bewegungen im Mittelalter. Darmstadt 1961. S. 24
5 Walther, H.G.: Häresie und päpstliche Politik: Ketzerbegriff und Ketzergesetzgebung in der
Übergangsphase von der Dekretistik zur Dekretalistik. In: The Concept of Heresy in the Middle Ages
(11th-13th C.) Proceedings of the international conference Louvain, may 13-16, 1973. Hg. v. Lourdaux,
W./ Verhelst, D. (Medievalia Lovaniensia I 4, 1976). S. 104-143, hier: S. 106
6 Vgl. Grundmann, H. Ketzergeschichte. S. 27 f.
6
2.1. Die Katharer
Wie bereits geschildert, kann die neue religiöse Bewegung im 12. Jahrhundert noch
keinesfalls als eine katharische deklariert werden. Die Leitideen der christlichen Armut
und der apostolischen Lebensweise trafen, nachdem für die neuen Häresien Namen
wie Katharer und Waldenser gefunden worden waren, auf viele dieser von der Kirche
als Häresien verurteilten Bewegungen zu. Die Forschung nennt als Zeitpunkt einer
Begegnung mit den ersten Katharern einen Vorfall im Jahre 1143 in Köln. Der Propst
Everwin aus dem Prämonstratenserkloster Steinfeld wurde in Köln Zeuge eines
Ketzerprozesses, in dessen Verlauf die Beschuldigten auch unter Androhung der
Todesstrafe nicht von ihrem Irrglauben abwichen.7 Zum ersten Mal erfuhr man von
einer organisierten Sekte, die weder einen Namen besaß noch einen Stifter nennen
konnte.8 Aus dem Brief des Propstes Everwin an Bernhard von Clairvaux geht hervor,
dass diese Häretiker ihre Lehren mit den Worten des Evangeliums zu rechtfertigen
suchten und abzuschwören gedächten, wenn ihre Ansichten widerlegt werden
könnten.9 Bevor die lokale Geistlichkeit jedoch ein Urteil sprechen konnte, wurden die
Angeklagten in einem Akt der Lynchjustiz vom Volk bei lebendigem Leib verbrannt.10
Ideen einer dualistischen Kosmologie gehen aus dem Brief Everwins nicht hervor.
Vielmehr geht aus der Quelle hervor, dass die neue religiöse Bewegung von
bogomilischen Einflüssen, vor allem aus Byzanz11, geprägt war.
,,Von diesen übernahmen jene die Scheidung in Gläubige und Erwählte oder
Vollkommene, die allein das Vaterunser beten durften, von ihnen den Aufnahmeritus
der Handauflegung als Geisttaufe, später consolamentum genannt, die Verwerfung
der Ehe, des Eides, des Alten Testaments (ganz oder teilweise) als teuflisches
Machwerk; und wie die Bogomilen, wahrscheinlich von ihnen, haben auch die
Katharer von Anfang an ihre Bischöfe."12
7 Vgl. Oberste, J.: Ketzerei und Inquisition im Mittelalter. S. 44 f.
8 Vgl. dazu MPL 183, 1094 sermo 66: Quaere ab illis suae sectae auctorem; neminem dabunt. Quae
heresis non ex hominibus habuit proprium haeresiarcham? Manichaei Manem habuere principem et
praeceptorem, Sabelliani Sabellium, Ariani Arium etc. Quo nominee istos titulove censibis? Nullo. s.a.
Grundmann, H.: Ketzergeschichte. S. 23
9 Grundmann, H.: Ketzergeschichte. S. 23
10 Vgl. Oberste, J: Ketzerei und Inquisition. S. 45
11 Die bogomilische Lebensweise geht wohl auf den bulgarischen Priester Bogomil in der Mitte des 10.
Jahrhunderts zurück. Nach der Eroberung Bulgariens durch Byzanz 1018 fanden die Bogomilen neue
Anhänger in Konstantinopel. Zu dieser Zeit entwickelte sich auch unter den neuen Anhängern in Byzanz
der radikale Dualismus, eine strenge Ablehnung der Genesis, indem behauptet wird, die Welt sei nicht
von Gott, sondern von Satan geschaffen worden. Als Wanderprediger gelangten die radikalen
Bogomilen ins Abendland und die westlichen Balkanländer. Durch das Einsetzen einer schärfern
Verfolgung durch byzantinische Synoden und den Kaiser von Byzanz wandten sich die Bogomilen
missionierend westwärts und gelangten so auch in die deutschen Gebiete, nach Nord- und Südfrankreich
sowie Italien, wo sie auf die eigenständige religiösen Bewegungen trafen. Vgl. dazu Grundmann, H.:
Ketzergeschichte. S. 25 f.
12 ebd. S.26
7
Die Radikalisierung der religiösen Bewegungen in Italien und dem heutigen
Südfrankreich hin zu der dualistischen Weltanschauung der byzantinischen Bogomilen
fand erst durch die Reise des bogomilischen Bischofs Niketas13 von Konstantinopel
1167 nach Italien und Okzitanien statt. War die religiöse Bewegung bis dahin von
christlichen Armutsbekundungen, der Ablehnung der Sakramente und der
Infragestellung des
Ordo
der hierarchischen Kirche bestimmt, kamen nun die östlichen
radikaldualistischen Weltlehren hinzu. Dieser Punkt konnte sich am wenigsten aus
dem Neuen Testament heraus rechtfertigen, weswegen ,,der Dualismus immer als
eigentlicher Kernpunkt, als Grundlage der Ketzerei galt und alles andere als eine
Folgerung daraus."14 Somit lässt sich auch die hohe Attraktivität der Katharer bei der
Bevölkerung erklären. Lehnten die katharischen Wanderprediger die
Schöpfungsgeschichte der Welt ab, indem sie predigten, dass die Welt von einem Anti-
Gott, einem Satan, geschaffen worden und deswegen von Grund auf böse sei, so
musste dies Spuren bei der Bevölkerung hinterlassen. ,,War es für Menschen, zu deren
Alltagserfahrungen Armut, Krankheit, Unterdrückung und früher Tod gehörten, nicht
viel einsichtiger, an einen mächtigen Satan zu glauben, der diese Welt beherrscht?"15
Jedoch ist es unerlässlich darauf hinzuweisen, dass bei den ersten Katharern dieser
religiöse Dualismus noch nicht spürbar gewesen ist, sondern sich erst durch die
bogomilischen Einflüsse Ost- und Südosteuropas manifestierte, und letztlich auch dazu
führte, dass die religiöse Bewegung nicht einheitlich verlief, sondern sich auch andere
Gruppen herausbildeten, die die apostolische Lebensweise propagierten und den
Ordo
der Kirche kritisch hinterfragten, sich jedoch vom Dualismus der Katharer
distanzierten, wie z.B. die Waldenser.
2.2. Die Waldenser
Ähnlich wie Katharer stellten auch die Waldenser eine Form der religiösen
Laienbewegung im 12. Jahrhundert dar. Ihr Name geht auf den lyonesischen
Kaufmann Petrus Valdes zurück, der sein Geschäft aufgab und mit der Predigt des
Evangeliums begann16, wie Jesus es von seinen Aposteln verlangte: ,,
et dixit eis euntes
13 Auf dem Konzil von Saint-Felix traf Niketas auf die französischen und okzitanischen Abordnungen
der Katharergemeinden. Dort wurden weitere Bischöfe (es gab bereits Bistümer für Nordfrankreich und
Okzitanien) für Albi, Agen und Toulouse gewählt, die sich alle von Radikaldualismus des Niketas
überzeugen ließen. Vgl. dazu Oberste, J.: Ketzerei und Inquisition. S. 51 f.
14 Grundmann, H.: Religiöse Bewegungen. S. 24
15 Oberste, J.: Ketzerei und Inquisition. S. 48
16 Grundmann, H.: Religiöse Bewegungn. S. 57 f.
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