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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 26 Pages
Author: Michaela Hartmann
Subject: German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Details
Institution/College: Technical University of Berlin
Tags: Aspekte, Darstellung, Genealogie, Thüring, Ringoltingens, Melusine, Inzest, Literatur
Year: 2007
Pages: 26
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 15 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-29634-7
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Abstract
Zu Beginn werde ich sowohl die Entstehungsgeschichte der Melusinensage als auch Thüring von Ringoltingens Leben kurz skizzieren, um seine Version historisch und literaturgeschichtlich einzuordnen. Im Mittelpunkt der Arbeit steht dann die Untersuchung unterschiedlicher Aspekte des Melusinenromans, die bezogen auf die Rolle, welche sie für die Genealogie des Melusinengeschlechts darstellen, analysiert werden sollen. Die übergeordneten Fragestellungen dieser Analyse lauten: Auf welche Art und Weise konstituiert sich Genealogie innerhalb des Romans? Welche auslösenden Momente gibt es für die Genealogiebildung? Welche Handlungsmuster führen zu dieser oder verhindern sie? Welche Motive wiederholen sich im Laufe des Romans? Inwieweit unterscheiden sich die Handlungsmuster der weiblichen und männlichen Protagonisten und welche Auswirkungen hat dies auf die Darstellung von Genealogie? [...]
Excerpt (computer-generated)
Technische Universität Berlin
Institut für Literaturwissenschaft Deutsche Philologie
WS 2006/2007
HS Inzest in der mittelalterlichen Literatur
Aspekte der Darstellung
von Genealogie
in Thüring von Ringoltingens
,,Melusine"
Vorgelegt
von:
Michaela Hartmann
Inhaltsverzeichnis
1.
Einleitung 2
2. Zum Hintergrund des Melusinenromans 4
2.1 Entstehungsgeschichte der Melusinensage 4
2.2 Thüring von Ringoltingen und die Melusinensage 5
3.
Aspekte der Darstellung von Genealogie in Thüring von Ringoltingens
Melusinenroman 7
3.1 Auswirkungen des Tabubruchs 7
3.2 Gewalt als auslösendes Moment 12
3.3 Regulierung der Genealogie durch die Verfluchung der drei Schwestern 15
3.4 Frauen- und Männerrollen innerhalb des Melusinengeschlechts 17
3.5 Der Zusammenhang zwischen Genealogie und Ökonomie 19
4.
Fazit 21
5.
Literatur 23
5.1 Primärliteratur 23
5.2 Sekundärliteratur 23
1
1. Einleitung
Die Bibel als das Buch der Bücher beginnt mit der Erschaffung des ersten Menschen und
beschreibt in der Folge die Abstammungslinien, die auf Adam und Eva folgen. Diese Art der
Darstellung von Genealogie hat in entscheidender Weise die literarischen
Beschreibungsebenen der ,,Entstehung und genealogischen Entwicklung der Königs- und
Adelsgeschlechter"1 beeinflusst. Demzufolge verstehe ich den Begriff der Genealogie als ein
Konstrukt, welches zwei zentrale Kategorien umfasst. Einerseits geht es um den Ursprung
wann und auf welche Weise wurde ein adliges Geschlecht begründet andererseits um die
Entwicklung, welche dieses Geschlecht durchlaufen hat, wie weit diese in der Zeit
zurückreicht und wie kontinuierlich sie ist. Beide Kategorien dienen letztlich dazu, die
sozialen und ökonomischen Vorzüge, die das Geschlecht für sich beansprucht, zu
legitimieren. Demnach geht der Begriff der Genealogie noch über die Beschreibung von
Familie und Verwandtschaft hinaus, da diese eher synchron und weniger diachron erfolgt,
umfasst jedoch neben den oben genannten Kategorien auch die Beschäftigung mit diesen.
Das Bedürfnis, Genealogie darzustellen, zeigt sich ,,seit der Antike bis in die Moderne quer
durch die verschiedenen Textgattungen"2. Die griechische Mythologie beschreibt bis ins
Detail die weitverzweigten Verwandtschaftsbeziehungen der Götter und ihrer menschlichen
Nachfahren. Der französische Naturalist Emile Zola verfasste zwischen 1871 und 1893
zwanzig Romane, die durch das weitverzweigte Geschlecht der Rougon-Macquart
miteinander verbunden sind. Thomas Mann erzählt 1901 vom Verfall einer Familie anhand
der Buddenbrooks und dem Kolumbianer Gabriel Garcia Marquez gelang 1967 der
Durchbruch mit seinem Roman ,,Cien anos de solidad" (100 Jahre Einsamkeit), in welchem er
die genealogische Entwicklung einer Familie schildert um nur einige wenige Beispiele zu
nennen.
Besonders die Mediävistik hat sich einem familienhistorischen Verständnis der von ihr
untersuchten Texte angenähert:
,,Sie gelten als signifikante literarische Ausdrucksformen einer zutiefst von Familie
und Verwandtschaft bestimmten Mentalität, werden in einem ausgeprägten
Sippenbewusstsein verortet, auf Bedeutungspotentiale ihrer Familien- und
Verwandtschaftsthematik abgetastet und unter familienbezogene Typenkategorien wie
Roman de lignage, Ancestral romance, Sippenepos, Familienroman, adelige
1 Kellner, B. (1999): Kontinuität der Herrschaft. Zum mittelalterlichen Diskurs der Genealogie am Beispiel des
,,Buches von Bern". In: Müller, J.-D./Wenzel, H. (Hrsg.) Mittelalter. Neue Wege durch einen alten Kontinent.
Stuttgart/Leipzig: Hirzel. S. 43.
2 Ebd.
2
Hausüberlieferung oder Familienchronik subsumiert. Familienhistorische
Konstruktionen haben längst die Nachfolge der gesellschaftsgeschichtlichen
Interpretation angetreten und bestimmen zunehmend die funktionsgeschichtlichen
Aussagen über die höfische Dichtung."3
Der Fokus der mediävistischen Genealogieforschung liegt dabei vor allem auf der
Adelsfamilie. Ursula Peters nennt in diesem Zusammenhang zwei Untersuchungsbereiche:
Zum einen die Chroniken, welche ,,die Geschichte bedeutender Dynastenfamilien in ihrer
genealogischen Abfolge wie kognatischen Ausdifferenzierung verfolgen", und zum anderen
die im Kontext der höfischen Dichtung anzusiedelnden Texte, welche ,,bekannte historische
Adelsfamilien in ihrer mehr oder weniger sagenhaft-imaginären Geschichte"4 zum Thema
machen. Der Melusinenstoff, der das Sujet dieser Arbeit ist, wird innerhalb des zweiten
Bereichs angesiedelt. Vor allem für die spätmittelalterlichen Melusinenversionen von Jean
d′Arras, Couldrette und Thüring von Ringoltingen sind Fragen der Genealogie und Dynastie
leitend, wobei ich mich in meiner Arbeit ausschließlich auf die Version Thüring von
Ringoltingens beziehen werde.
Zu Beginn werde ich sowohl die Entstehungsgeschichte der Melusinensage als auch Thüring
von Ringoltingens Leben kurz skizzieren, um seine Version historisch und
literaturgeschichtlich einzuordnen. Im Mittelpunkt der Arbeit steht dann die Untersuchung
unterschiedlicher Aspekte des Melusinenromans, die bezogen auf die Rolle, welche sie für die
Genealogie des Melusinengeschlechts darstellen, analysiert werden sollen. Die
übergeordneten Fragestellungen dieser Analyse lauten: Auf welche Art und Weise konstituiert
sich Genealogie innerhalb des Romans? Welche auslösenden Momente gibt es für die
Genealogiebildung? Welche Handlungsmuster führen zu dieser oder verhindern sie? Welche
Motive wiederholen sich im Laufe des Romans? Inwieweit unterscheiden sich die
Handlungsmuster der weiblichen und männlichen Protagonisten und welche Auswirkungen
hat dies auf die Darstellung von Genealogie?
3 Peters, U. (1999): Dynastengeschichte und Verwandtschaftsbilder. Die Adelsfamilie in der volkssprachigen
Literatur des Mittelalters. Tübingen: Niemeyer. S. 2.
4 Ebd. S. 3.
3
2. Zum Hintergrund des Melusinenromans
2.1 Entstehungsgeschichte der Melusinensage
,,Die Ursprünge" der Melusinensage ,,sind nicht bis in ihre Anfänge zurückzuverfolgen."5 Die
Geschichte von einem überirdischen Feenwesen (meist Melusine, Undine oder Schlangenfrau
genannt), welches sich mit einem sterblichen Menschen vereint, gehört zu den Topoi der
Weltliteratur, findet sich in vielen Kulturen wieder und begegnet dem Rezipienten noch bis
heute in vielen unterschiedlichen Varianten, so zum Beispiel bei Jean Giraudoux oder
Ingeborg Bachmann. Meist ist die Verbindung zwischen Fee und Mensch an ein explizites
oder implizites Tabu geknüpft wird dieses gebrochen bzw. die dämonische Natur des
weiblichen Wesens entlarvt6, ,,ist die Trennung unvermeidlich."7 Dementsprechend wird das
Schema, welchem die Erzählungen des Melusinentyps folgen, als das der ,,gestörten
Mahrtenehe" bezeichnet.
Als erste literarische Fassung des Melusinenstoffes wird gemeinhin Gervasius von Tilburys
,,Otia Imperialia" (um 1210) genannt. Hier finden sich bereits wichtige Elemente der
Erzählstruktur, welche den späteren Kern der Melusinensage bilden. Allerdings bemerkt
Hans-Gert Roloff, dass der ,,Märchencharakter" hier ,,noch wesentlich gewahrt" bleibt8. Im
Laufe des 13./14. Jahrhunderts ist die Erzählung dann in Zusammenhang mit dem
französischen Adelsgeschlecht der Lusignan gebracht worden. Aus dem Märchen wurde die
,,Gründungslegende eines adligen Geschlechts"9, innerhalb derer die Fee Melusine zur
Stammmutter und Ahnherrin desselben stilisiert wird.
Die endgültigen literarischen Fassungen entstehen dann Ende des 14. Jahrhunderts bzw.
Anfang des 15. Jahrhunderts und gehen auf zwei französische Schriftsteller, Jean d′Arras und
Couldrette, zurück. Beide Texte sind ,,in den genealogisch-historischen Zusammenhang des
Geschlechts der Lusignan und ihres Zweigs der Parthenay eingebunden"10, da die
Auftraggeber der beiden Literaten Nachfahren oder aber Nachfolger dieses Adelsgeschlechts
5 Williams Scholz, G. /Schwarz, A. (2003): Existentielle Vergeblichkeit. Verträge in der Mélusine, im
Eulenspiegel und im Dr. Faustus. Berlin: Erich Schmidt. S. 35.
6 Vgl. Kellner, B. (2004): Ursprung und Kontinuität. München: Wilhelm Fink Verlag. S. 398.
7 Vgl. Müller, J.-D.: Kommentar zur Melusine. In: Romane des 15. und 16. Jahrhunderts. Nach den Erstdrucken
mit sämtlichen Holzschnitten. S. 122.
8 Roloff, H.-G.: Nachwort zur Melusine von Thüring von Ringoltingen. In: Thüring von Ringoltingen: Melusine.
In der Fassung des Buchs der Liebe (1587). Mit 22 Holzschnitten. Herausgegeben von Hans-Gert Roloff (2005).
Stuttgart: Reclam. S. 160.
9 Klinger, J. (2003): Gespenstische Verwandtschaft. Melusine oder die unleserliche Natur des adligen
Geschlechts. In: Eming, J. / Jarzebowski, C. / Ulbrich, C. (Hg.): Historische Inzestdiskurse. Interdisziplinäre
Zugänge. Königstein/Taunus: Helmer Verlag. S. 49.
10 Vgl. Kellner (2004). S. 416.
4
waren. Zwar ähneln sich die Fassungen inhaltlich in großen Teilen und gehen nach Meinung
der Forschung auch auf eine gemeinsame Vorlage zurück, doch unterscheiden sie sich formal:
Während d′Arras den Stoff in Prosaform schrieb, folgt Couldrette dem Muster
mittelalterlicher, höfischer Epik und verfasst seinen Roman in Versen. Entgegen früherer
Annahmen geht man heute davon aus, dass Thüring von Ringoltingen Couldrettes
Versfassung als Vorlage für seine Melusine verwendete11. Unklar bleibt allerdings, auf
welchem Wege er die französische Vorlage erhielt.
2.2 Thüring von Ringoltingen und die Melusinensage
Thüring von Ringoltingen stammte aus einer bäuerlichen, im Großraum Bern ansässigen
Familie, deren Namen schlicht ,,Zigerli" war. Im 14. Jahrhundert siedelten sie sich in der
Stadt Bern an und gelangten mit Hilfe von Handel und klugen finanziellen Investitionen zu
Reichtum. Sowohl ihr Einheiraten in den Adel als auch das Bekleiden angesehener städtischer
Ämter führten in der Folge dazu, dass das Prestige der Familie stieg. Dies schlägt sich auch in
der Tatsache nieder, dass Thürings Großvater den Familiennamen ,,Zigerli" um 1400 durch
den ,,adlig-standesgemäßen"12 Zusatz ,,von Ringoltingen" erweitert eine
Herkunftsbezeichnung, die sich auf ein ausgestorbenes Rittergeschlecht13 zurückführen lässt.
Thürings Vater, der einer der mächtigsten und reichsten Politiker der Stadt war, tilgte den
bäuerlichen Namen schließlich völlig.
Thüring von Ringoltingen wird zwischen 1410 und 1415 geboren. Während sein älterer
Bruder Heinrich Ritter wird, übernimmt er als ,,Junker" die Ländereien seines Vaters. Zudem
muss er ein sehr gebildeter Mann gewesen sein, da er, wie wir der Melusine entnehmen
können, nicht nur über Kenntnisse in Französisch und Latein verfügte, sondern auch sehr
belesen war14.
Zum Zeitpunkt der Entstehung der ,,Melusine", also im Jahre 1456, gehörte Thüring von
Ringoltingen nicht nur dem Großen Rat an, sondern übte auch das Amt des Vogtes aus und
bekleidete viermal das Schultheißenamt. Am Ende seines Lebens jedoch hatte er das
Vermögen seines Vaters fast gänzlich verbraucht und starb ohne männliche Nachkommen
(etwa 1483). Die ,,Melusine" gilt als das einzige von ihm verfasste literarische Werk.
11 Roloff, H.-G. (1970): Stilstudien zur Prosa des 15. Jahrhunderts. Die Melusine des Thüring von Ringoltingen.
Köln / Wien: Böhlau. S. 22.
12 Roloff (2005). S. 157.
13 Müller (...). S. 1020.
14 Thüring von Ringoltingen: Melusine. In der Fassung des Buchs der Liebe (1587). Mit 22 Holzschnitten.
Herausgegeben von Hans-Gert Roloff (2005). Stuttgart: Reclam. S. 140.
5
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