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"Die Tore der Freiheit" - Die Dhimma-Politik am Beispiel des jüdischen Milets im Osmanischen Reich und deren Auswirkungen auf die heutigen türkischen Juden

Intermediate Examination Paper, 2008, 23 Pages
Author: M.A. Michael Rohschürmann
Subject: Orientalism / Sinology - Miscellaneous

Details

Category: Intermediate Examination Paper
Year: 2008
Pages: 23
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 26  Entries
Language: German
Archive No.: V124102
ISBN (E-book): 978-3-640-28919-6
ISBN (Book): 978-3-640-28937-0

Abstract

Die vorliegende Arbeit untersucht die Umsetzung eines spezifischen Aspekts des Islamischen Rechts, der Dimma, am konkreten Beispiel des jüdischen Milets im Osmanischen Reich. Dabei soll besonders die Frage beantwortet werden, welche der Regelungen des Dimma-Rechtes in das Miletsystem Eingang fanden. Ebenfalls wird die praktische Umsetzung des Miletrechtes im täglichen Leben zu betrachten sein. Ein zweiter Teil der Arbeit wird sich mit der jüdische Minderheit in der säkularen Türkei unter den neuen Rahmenbedingungen, der Existenz eines jüdischen Staates Israel, befassen und hierbei das Fortwirken tradierter Strukturen aus der Zeit des Osmanischen Reiches untersuchen. Dazu wird zuerst der juristische Rahmen anhand der Vorschriften der Dimma und des Miletsystems abgesteckt werden um dann im Folgenden das Leben der Juden unter osmanischer Herrschaft anhand der Aspekte der Rechtsstellung, der Selbstverwaltung und des Wirtschaftsleben zu betrachten. In einem weiteren Kapitel wird der Niedergang der jüdischen Gemeinden im 19. Jahrhundert und die Situation der jüdischen Minderheit in der heutigen Türkei behandelt werden. Leider ist die zahlreich vorhandene Literatur, besonders die jüngeren Datums, stark tendenziös. Während bei den türkischen Publikationen die jüdischen Flüchtlinge mit „offenen Armen“ (Shaw, 2000: 448) empfangen wurden und Pogrome von den christlichen Minderheiten angestachelt und unter gelegentlicher Beteiligung von Muslimen verübt wurden, sehen viele christliche Autoren alle religiösen Minderheiten als unterdrückt an. Dagegen glauben die jüdischen Autoren eine Verfolgung der jüdische Minderheit seitens der Christen und Muslime zu erkennen. Bei Cohen (2005:22) findet sich zu dieser Frage eine interessante These von «Mythos und Gegenmythos» in der Beschreibung des islamisch – jüdischen Verhältnisses innerhalb der letzten zwanzig Jahre.


Excerpt (computer-generated)

,,Das außerordentlichste das große Türkenreich,

grenzenlos wie die es umspülenden Meere, die Gott mit

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Johannes Gutenberg ­ Universität Mainz

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dem Stab seiner Gnade teilte, so wie Er einst zur Zeit


Seminar: Die Religion des Islam ­ Islamisches Recht

,,Die Tore der Freiheit"

1

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis 1

1.

Einleitung 2

2.

Referenzrahmen: Juristische Grundlagen 3

2.1.

Das Dimmasystem im Islamischen Recht 3

2.2.

Das System der osmanischen Milets 7

3.

Die Juden unter osmanischer Herrschaft 8

3.1.

Rechtsstellung 9

3.2.

Selbstverwaltung und Gemeindeorganisation 10

3.3.

Wirtschaftsleben 11

4.

Der Niedergang der jüdischen Gemeinden 13

5.

Die Jüdische Minderheit in der heutigen Türkei 15

6.

Fazit 17

7.

Literaturverzeichnis 19



Seminar: Die Religion des Islam ­ Islamisches Recht

,,Die Tore der Freiheit"

2

1. Einleitung

,,Das außerordentlichste das große Türkenreich [...] Hier stehen die Tore der Freiheit stets offen für die

Bewahrung des Judentums" (Samuel Usque in ,,Trost für die Unterdrückungen Israels" zitiert nach Lewis,

2004: 125).

Die Frage nach islamischer Toleranz beziehungsweise Intoleranz wird zurzeit international von

verschiedensten politischen und religiösen Stellen mit den unterschiedlichsten Motivationen

äußerst emotional diskutiert. Zwischen polarisierenden Vorwürfen einer ,,dogmatischen

Islamophilie" (Kohlhammer, 2002) einerseits und eines «Kulturimperialismus» andererseits

findet sich eine ganze Bandbreite von historischen Missverständnissen und verkürzenden

Darstellungen. Vor diesem Hintergrund stellt Cohen (2005: 15) einige wichtige Fragen:

,,Ist die heutige islamische Wut gegen Israel, die Vereinigten Staaten und Europa eine alte Erscheinung,

die sich bereits im Umgang des Islam mit Juden und Christen feststellen lässt? Handelt es sich um eine

Neigung, die so tief in der Geschichte verwurzelt ist, daß ihr Schwinden kaum zu erwarten ist? Oder ist die

Feindschaft etwas relativ Neues?"

Vielen europäischen Juden erschienen zu Beginn der Frühen Neuzeit der Islam und besonders

das aufblühende Osmanische Reich als Rettung vor Pogromen, Verfolgungen und

Vertreibungen. Viele sephardische Juden aus Spanien und Portugal strömten in das Osmanische

Reich und vergrößerten damit sowohl die Anzahl als auch das Kapital, die Fähigkeiten und den

Einfluss der bereits bestehenden jüdischen Siedlungen.

Die vorliegende Arbeit untersucht die Umsetzung eines spezifischen Aspekts des Islamischen

Rechts, der

Dimma

, am konkreten Beispiel des jüdischen

Milets

im Osmanischen Reich. Dabei

soll besonders die Frage beantwortet werden, welche der Regelungen des

Dimma

-Rechtes in das

Miletsystem

Eingang fanden. Ebenfalls wird die praktische Umsetzung des

Miletrechtes

im

täglichen Leben zu betrachten sein.

Ein zweiter Teil der Arbeit wird sich mit der jüdische Minderheit in der säkularen Türkei unter

den neuen Rahmenbedingungen, der Existenz eines jüdischen Staates Israel, befassen und hierbei

das Fortwirken tradierter Strukturen aus der Zeit des Osmanischen Reiches untersuchen.

Dazu wird zuerst der juristische Rahmen anhand der Vorschriften der

Dimma

und des

Miletsystems

abgesteckt werden um dann im Folgenden das Leben der Juden unter osmanischer

Herrschaft anhand der Aspekte der Rechtsstellung, der Selbstverwaltung und des

Wirtschaftsleben zu betrachten. In einem weiteren Kapitel wird der Niedergang der jüdischen


Seminar: Die Religion des Islam ­ Islamisches Recht

,,Die Tore der Freiheit"

3

Gemeinden im 19. Jahrhundert1 und die Situation der jüdischen Minderheit in der heutigen

Türkei behandelt werden.

Leider ist die zahlreich vorhandene Literatur, besonders die jüngeren Datums, stark tendenziös.

Während bei den türkischen Publikationen die jüdischen Flüchtlinge mit ,,offenen Armen"

(Shaw, 2000: 448) empfangen wurden und Pogrome von den christlichen Minderheiten

angestachelt und unter gelegentlicher Beteiligung von Muslimen verübt wurden, sehen viele

christliche Autoren alle religiösen Minderheiten als unterdrückt an. Dagegen glauben die

jüdischen Autoren eine Verfolgung der jüdische Minderheit seitens der Christen und Muslime zu

erkennen. Bei Cohen (2005:22) findet sich zu dieser Frage eine interessante These von «Mythos

und Gegenmythos» in der Beschreibung des islamisch ­ jüdischen Verhältnisses innerhalb der

letzten zwanzig Jahre.2

2. Referenzrahmen: Juristische Grundlagen

Grundsätzlich muss Szyska (2004: 51) folgend darauf verwiesen werden, dass dem Islamischen

Recht die juristische Figur des ,,Ausländers" fremd ist. Vor der Ausbreitung des Islam waren die

Bewohner der arabischen Halbinsel nicht national, sondern nach Stämmen organisiert. Erst die

islamische Idee der

Umma

ersetzte eine familiäre Loyalität durch eine religiöse, wobei nicht

territoriale Einheit oder Volksgruppe, sondern einzig der gemeinsame islamische Glaube im

Vordergrund standen. Auch Cohen (2005: 117f.) verweist darauf, dass, im Gegensatz zu Europa,

die Heterogenität der Gemeinschaften quasi konstituierend für die islamischen Gebiete gewesen

sei. Eine Einteilung der Menschen in Muslime und Nichtmuslime liegt daher zwingend auf der

Hand. Die logische Folge ist eine Abgenzung des

Dimmi

als juristische Figur gegen den Muslim

auf der einen und den

harbi

und beziehungsweise die

musta´min

auf der anderen Seite (Cahen,

1965: 227).

2.1. Das Dimmasystem im Islamischen Recht

Nachdem versucht worden war die jüdischen Stämme von Medina für eine Konversion zum

Islam zu gewinnen, die diesbezüglichen Bemühungen jedoch scheiterten, wurden diese Stämme

1 Bei den Zeitangaben handelt es sich immer um Jahrhunderte nach Christus.

2 Grob gefasst, geht er davon aus, dass die sephardischen Juden in der «Erinnerungskultur» des Staates Israel,

welche durch die Erfahrungen der aschkenasischen Juden im 19. und 20. Jahrhundert sehr auf Europa und speziell

auf die

Shoa

fixiert sind, keine Rolle spielen und dass von deren Seite daher versucht wird, am Idealbild des

toleranten Vielvölkerstaates während des Osmanischen Reichs zu rütteln.


Seminar: Die Religion des Islam ­ Islamisches Recht

,,Die Tore der Freiheit"

4

zunächst bekämpft und vertrieben. Als sich der islamische Herrschaftsbereich über die Arabische

Halbinsel auszubreiten begann, wurde es notwendig, Regelungen für den Umgang mit

nichtmuslimischen Untertanen zu treffen. Regelungen, für den Umgang mit andersgläubigen

Minoritäten und Majoritäten stellten keineswegs einen islamischen Sonderweg dar, sondern

waren bereits unter den Römern und im Byzantinischen Reich üblich. 3

Als Präzedenzfälle für das

Dimma

-Recht galten die Verträge, welche der Prophet selbst mit den

Juden der Oase

haybar

und den Christen von

Narn

geschlossen hatte.4

Die Koranstelle, welche meist zu Fragen des Umgangs mit den

ahl al-kitb

herangezogen wird,

lautet: ,,Kämpft gegen diejenigen, denen die Schrift gegeben, [...] bis sie bezahlen die

izya can

yadin wa-hum sairn

".5 (Sure 9,29 nach Cohen, 2005: 71) 6

Khoury (1980: 139) gibt an, dass den Anhängern der «Buchreligionen» ein

Dimma

-Abkommen

nicht verweigert werden durfte, sofern die entsprechenden Voraussetzungen ­ Unterwerfung

unter islamische Vorherrschaft und die Entrichtung der

izya -

vorlagen.

Cohen (2005: 83 und 114f.) verweist darauf, dass gerade durch die Zahlung der

izya

, durch

welche die

Dimmis

zu Subjekten des Islamischen Rechts wurden, eine geregelte und beständige

Sicherheit entstand, welche Juden im christlichen Europa nicht besaßen. Seiner Ansicht nach

zielten die Vorschriften nicht auf eine Ausgrenzung, sondern dienten dazu, den

Dimmis

eine

,,festgelegte und geschützte Nische innerhalb der Hierarchie der islamischen Gemeinschaft" zu

schaffen. Wobei Nagel (2001: 71) darauf verweist das die Duldung der älteren

Offenbarungsreligionen unter muslimischer Vorherrschaft darauf zielte, dass diese als Vertreter

einer überholten Religionsgemeinschaft mit der Zeit ihren «Fehler» einsehen und langsam

3 Es bestehen große Gemeinsamkeiten zwischen

Dimma

­Recht und christlichem Recht: Juden galten auch im

christlichen Europa als

religio licita

(gesetzlich erlaubte Religion) und wurden in einem

Collegium

zusammengefasst, damit sie ,,gemäß den Gesetzen ihrer Vorfahren" leben konnten. (Cohen, 2005: 48) Es finden sich

identische Bestimmungen wie für die

Dimmis

z.B. die Demut gegenüber den Christen, keine Synagogenneubauten,

jedoch den Erhalt der alten, Verbot der Mischehen, Verbot des Waffentragens, Verbot der Haltung christlicher

Sklaven, Verbot der Apostasie getaufter Juden. (Cohen, 2005: 50ff.)

4 Gerade in dem Vertrag, den der Prophet mit den Juden von

Khaybar

nach eineinhalb Monaten Kämpfen schloss,

erkennt Lewis den

locus classicus

für alle folgenden juristischen Fragen zum Umgang mit besiegten,

nichtmuslimischen Untertanen eines muslimischen Staates. (Lewis, 2004: 20)

5 Gerade der letzte Teil wurde unter den islamischen Rechtsgelehrten viel und ausgiebig diskutiert. Die strenge

Auslegung der Formulierung

can yadin

übersetzte diese als «aus der Hand» und verstand dementsprechend darunter

die Vorschrift, den

Dimmi

bei der Zahlung durch einen Schlag in den Nacken an seine Minderwertigkeit zu

erinnern, während eine mildere Auslegung der Formulierung «entsprechend seinem finanziellen Vermögen»

übersetzte. (Cohen, 2005: 71)

6 In der Koranausgabe des Metzler Verlages (Goldschmidt, 2005: 152) wurde die entsprechende Stelle

folgendermaßen übersetzt: ,,Bekämpfet die an Gott nicht glauben und an den jüngsten Tag, die nicht heilig halten

was Gott geheiligt hat und sein Gesandter, und nicht anerkennen die Religion der Wahrheit, von denen, die die

Schrift empfingen, bis sie Tribut aus der Hand zahlen und gering sind."



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