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Das Theater um die Orthographie - Kritische Auseinandersetzung mit der Neuregelung der Fremdwortschreibung

Essay, 2005, 14 Pages
Author: Julia Heinrich
Subject: Speech Science / Linguistics

Details

Category: Essay
Year: 2005
Pages: 14
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 18  Entries
Language: German
Archive No.: V124151
ISBN (E-book): 978-3-640-28865-6
ISBN (Book): 978-3-640-28875-5

Abstract

Wäre doch nur alles so einfach wie in Schweden. Dort kam vor gut zweihundert Jahren ein Herr Carl Gustav Leopold auf die findige Idee, alle französischen Fremdwörter radikal zu integrieren – ganz nach dem Motto „Schreib, wie du sprichst!“. Leopold war Sekretär der Schwedischen Akademie, und der war diese Reform zunächst gar nicht recht. Dennoch setzten die Änderungen Leopolds sich durch, und so kommt es, dass unsere nordischen Nachbarn seit 1801 im restorang eine buljong bestellen, kein abonnement, sondern höchstens ein abonnemang ihres Tageblatts beziehen und darin den följetong lesen. Man mag über diese Schreibweise denken, was man will, einer jedoch fand sie gewiss briljant: Friedrich Wilhelm Fricke, Vertreter der radikal-phonetischen Schule und später Vorsitzender des „algemeinen fereins für fereinfahte rehtschreibung“. Der forderte ab 1876 auch für die deutsche Sprache die Einführung einer Eins-zu-Eins-Beziehung zwischen Phonemen und Graphemen, insbesondere auch für Fremdwörter, und zwar nicht nur die französischen. Wäre die Kampagne Frickes und seiner Mitstreiter erfolgreich gewesen, würden wir heute *Kampanje schreiben und über Wörter wie *Teater und *Karakter längst nicht mehr die Nase rümpfen. Niemand würde mehr von den sprachgewandteren Freunden belächelt, wenn er beim Italiener „Knotschi“ bestellt; die richtige Aussprache stünde ja auf der Speise-karte. Alles in allem doch ein recht sozialer Reformvorschlag. Umgesetzt wurde er jedoch nie, denn die radikalen Phonetiker scheiterten mit ihren Vorschlägen, und 1995 wären sie es erst recht. Als in jenem Jahr der „Internationale Arbeitskreis für Orthographie“ noch einmal ein vergleichsweise vorsichtiges Avancement wagte und vorschlug, das <h> aus allen Fremdwörtern griechischen Ursprungs mit <th>, <ph> und <rh> zu streichen, da ging ein Aufschrei der Empörung durch Deutschland. Niemand war bereit, von gewohnten Wortbildern abzurü-cken und nun *Tron, *Rytmus oder *Alfabet zu schreiben. Was für ein Affront gegen die deutsche Sprache!


Excerpt (computer-generated)

Universität Dortmund

Seminar: Deutsche Orthographie: Geschichte ­ System ­ Reform

Verfasserin: Julia Heinrich

6. Fachsemester; Angewandte Sprachwissenschaft (B.A./M.A.)

Das Theater um die Orthographie.

Kritische Auseinandersetzung mit der Neuregelung der Fremdwortschreibung

Wäre doch nur alles so einfach wie in Schweden. Dort kam vor gut zweihundert Jah-

ren ein Herr Carl Gustav Leopold auf die findige Idee, alle französischen Fremdwörter

radikal zu integrieren ­ ganz nach dem Motto ,,Schreib, wie du sprichst!". Leopold war

Sekretär der Schwedischen Akademie, und der war diese Reform zunächst gar nicht

recht. Dennoch setzten die Änderungen Leopolds sich durch, und so kommt es, dass

unsere nordischen Nachbarn seit 1801 im

restorang

eine

buljong1

bestellen, kein

abon-

nement

, sondern höchstens ein

abonnemang

ihres Tageblatts beziehen und darin den

följetong

lesen.2

Man mag über diese Schreibweise denken, was man will, einer jedoch fand sie ge-

wiss

briljant

: Friedrich Wilhelm Fricke, Vertreter der radikal-phonetischen Schule und

später Vorsitzender des ,,algemeinen fereins für fereinfahte rehtschreibung". Der forder-

te ab 1876 auch für die deutsche Sprache die Einführung einer Eins-zu-Eins-Beziehung

zwischen Phonemen und Graphemen, insbesondere auch für Fremdwörter, und zwar

nicht nur die französischen. Wäre die Kampagne Frickes und seiner Mitstreiter erfolg-

reich gewesen, würden wir heute *

Kampanje

schreiben und über Wörter wie *

Teater

und *

Karakter

längst nicht mehr die Nase rümpfen.3 Niemand würde mehr von den

sprachgewandteren Freunden belächelt, wenn er beim Italiener ,,Knotschi" bestellt; die

richtige Aussprache stünde ja auf der Speisekarte. Alles in allem doch ein recht sozialer

Reformvorschlag.

Umgesetzt wurde er jedoch nie, denn die radikalen Phonetiker scheiterten mit ihren

Vorschlägen, und 1995 wären sie es erst recht. Als in jenem Jahr der ,,Internationale

Arbeitskreis für Orthographie" noch einmal ein vergleichsweise vorsichtiges Avance-

ment wagte und vorschlug, das <h> aus allen Fremdwörtern griechischen Ursprungs mit

1 Vgl. Prisma Handwörterbuch Deutsch ­ Schwedisch, 101.

2 Vgl. Munske 1997, 145.

3 Vgl. Zabel 1987, 18ff.

1


<th>, <ph> und <rh> zu streichen, da ging ein Aufschrei der Empörung durch Deutsch-

land. Niemand war bereit, von gewohnten Wortbildern abzurücken und nun

*Tron

,

*Rytmus

oder

*Alfabet

zu schreiben. Was für ein Affront gegen die deutsche Sprache!

Diese Schreibweisen geisterten auch noch durch die Presse, als sie gar nicht mehr zur

Debatte standen, sondern noch Ende 1995 von der Kultusministerkonferenz abgelehnt

worden waren. Sogar die ,,Geschichte der deutschen Sprache" von 2004 verzeichnet

fälschlicherweise *

Reuma

als neue Variante.4

Es scheint, als müssten gerade die Fremdwörter in der öffentlichen Diskussion als

Sündenbock für die Rechtschreibreform im Allgemeinen herhalten, weil sie augenfälli-

ger sind als die viel einschneidenderen Änderungen in den Bereichen der Groß- und

Kleinschreibung und der Getrennt- und Zusammenschreibung. Nicht ohne Grund stand

,,Filosofie" 1994 auf der Liste der Wörter des Jahres weit oben.5 Dabei wurde von den

ursprünglichen Änderungsvorschlägen nur ein kleiner Teil in die Tat umgesetzt, so dass

die Reform der Fremdwortschreibung doch eher dem viel zitierten ,,Reförmchen" als

einem Sprachverfall gleicht.

Fest steht: Fremdwörter sind wichtig und notwendig, ohne sie wäre unsere Sprache

um einiges ärmer. Man denke nur an die Flut von Anglizismen, die besonders seit dem

Aufkommen der Informations- und Kommunikationstechnologie ins Deutsche herüber-

schwappt. Was wären wir ohne unsere

Hobbys

, den

Babysitter

, den

Computer

? Ganz

abgesehen von der Vielzahl von Entlehnungen aus dem Französischen, die bereits im

17. Jahrhundert vorwiegend aus dem Militärjargon übernommen wurden (

Appell, Bles-

sur, patrouillieren

), und im 18. Jahrhundert kamen im Zuge der Aufklärung und der

französischen Revolution viele politische (

Bürokratie, Komitee

) und geisteswissen-

schaftliche Ausdrücke (

Esprit, Genie

) hinzu. Aus dem Griechischen und Lateinischen

wurde zum Teil schon im Mittelalter Wortgut übernommen.6 Doch wie soll nun mit

diesen Wörtern umgegangen werden, die uns oftmals nicht nur in ihrer Schreibung,

sondern auch in der Aussprache fremd sind? Wie viel Integration verträgt das Sprachge-

fühl?

Es ist schon eine

Maläse

mit der Fremdwortorthographie ­ oder heißt es nun

Ortho-

grafie

oder gar *

Ortografie

? Bleiben wir vorsichtshalber zunächst bei

Rechtschreibung

und schauen uns erst einmal an, was man überhaupt unter einem Fremdwort versteht,

bevor wir uns seiner Schreibung zuwenden.

4 Schmidt 2004, 177.

5 Vgl. Wörter des Jahres, unter: http://www.gfds.de/woerter.html.

6 Vgl. Duden: Fremdwörterbuch 2001, 824f.

2


Nach Heller ist ein Fremdwort ein ,,Wort fremder Herkunft, das ­ unter synchroni-

schem Aspekt betrachtet ­ fremde Merkmale in seiner formalen Struktur aufweist."7

Diese Definition steckt selbst voller Fremdwörter, also mal ganz der Reihe nach: Syn-

chronisch meint hier, dass nach dem Verhalten eine bestimmten Gruppe von Wörtern

im gegenwärtigen Sprachsystem ­ in diesem Fall also dem Deutschen ­ gefragt wird.8

Aber was sind ,,fremde Merkmale in seiner formalen Struktur"? Damit sind erstens die

Bestandteile eines Wortes gemeint, genauer gesagt bestimmte Vorsilben oder Endun-

gen, die ein Wort als fremdsprachig kennzeichnen

(Programm

,

hyperaktiv

,

Reform

,

Syndrom, intuitiv

). Zweitens weichen viele Fremdwörter in ihrer Aussprache (

Ingenieur,

Bassin, Garage, Feature)

oder Betonung (

Büro, kolportieren

) vom Deutschen ab, und

drittens in ihrer Schreibung: Viele Grapheme, Graphemverbindungen oder -positionen

sind typisch fremdsprachig (

Hobby

,

Geograph

,

Cousin, Psychoanalyse

). Viertes und

letztes Fremdwortmerkmal ist der seltene Gebrauch im Alltag. Wann benutzt man noch

immediat

,

trottieren

oder

quinkelieren,9

und wer kennt schon

Feh,

das russische Eich-

hörnchen, das ­ anders als das Känguru ­ sein <h> behalten durfte?10

Dennoch bleiben die Grenzen zwischen fremdem und eingebürgertem Wort fließend,

denn Sprache ist ja bekanntlich ein kreativer Prozess, und so gibt es zahlreiche Misch-

bildungen zwischen fremden und deutschen Wörtern, Angleichung der Aussprache oder

eben auch der Schreibung.

Damit wären wir beim Kern der Sache: Wonach richtet sich nun eigentlich, wie ein

Fremdwort geschrieben wird? Das offizielle Regelwerk hat in den Vorbemerkungen

zum Kapitel Laut-Buchstaben-Zuordnungen dazu Folgendes zu sagen:

,,Fremdwörter unterliegen oft fremdsprachigen Schreibgewohnheiten [...]. Ihre

Schreibung kann jedoch ­ und Ähnliches gilt für die Aussprache ­ je nach Häufigkeit

und Art der Verwendung integriert, das heißt dem Deutschen angeglichen werden."11 So

steht es im Regelwerk des ,,Duden", dem Regelbereich, unter welchen die wesentlichen

Fragen der Fremdwortschreibung fallen. Nun gut, dass Fremdwörter teils in ihrer ur-

sprünglichen Schreibweise geschrieben werden und teils dem Deutschen angeglichen

sind, dürfte bekannt sein. Aber wie häufig muss ein Fremdwort gebraucht werden, da-

mit es als integriert gilt? Bedeutet das,

Sympathie

ist weniger geläufig als

Sinfonie

? Si-

cherlich nicht, und überhaupt lässt sich dies für den Laien nur schwer beurteilen. Auch

7 Heller 1980, 169.

8 Vgl. von Polenz 1979, 17.

9 Vgl. Duden: Fremdwörterbuch 2001, 122f.

10 Vgl. Augst 1987, 104.

11 Duden 2004, 1113, (3.1.)

3



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