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Hauptseminar ,,Das Fremdpsychische" im Sommersemester 2008 an der Universität Ulm
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R O B E R T B A U E R
Studiengang: Philosophie (Bachelor)
Vorgelegt im November 2008
Titelfoto: © Robert Bauer, ,,Kommunizierende Kinder", Trier 2006, www.robert-bauer.eu
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Inhaltsübersicht
1
Einführung ................................................................................ 3
2
Fremdpsychisches in der Erkenntnistheorie ........................... 4
2.1
Der cartesianische Dualismus von Denken und Ausdehnung .....................4
2.2
Empirismus: Erfahrung als Quelle aller Erkenntnis ....................................5
2.3
Positivismus: ein erster Annäherungsversuch..............................................6
3
Logischer Empirismus und Wiener Kreis .................................7
3.1
Eine interdisziplinäre Diskussionsrunde ...................................................... 7
3.2
Der logische Empirismus des Wiener Kreises .............................................. 7
3.3
Carnaps logischer Empirismus......................................................................9
4
Carnaps vernichtende These zum Realismusstreit ................. 11
4.1
Die Standpunkte des Idealismus und des Realismus ..................................11
4.2
Carnaps Fundamentalsatz zum Realismusstreit .........................................11
4.3
Ein Beispiel zur Veranschaulichung dieser These ...................................... 12
4.4
Carnaps Beweis des Fundamentalsatzes..................................................... 13
4.4.1
Die Methode der erkenntnistheoretischen Analyse................... 13
4.4.2
Einordnung in ein Konstitutionssystem .................................... 17
4.4.3
Die Sachhaltigkeit als Kriterium für sinnvolle Aussagen ......... 21
5
Kritik an der Konzeption Carnaps .......................................... 26
5.1
Einwände gegen das Verifikationsprinzip...................................................26
5.2
Methodischer Solipsismus und Intersubjektivität......................................27
5.3
Der Grammofon-Einwand ...........................................................................28
6
Ein gut gepflügter Acker ......................................................... 30
7
Quellen .....................................................................................31
7.1
Primärliteratur ............................................................................................. 31
7.2
Sekundärliteratur ......................................................................................... 31
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Ich sitze hier im Lernraum der Universität Ulm und beschäftige mich nun schon seit
vielen Stunden mit mathematischen Beweisen rund um den Hauptsatz der Statistik.
Plötzlich erklingt irgendwo am anderen Ende des Raumes ein Mobiltelefon und reißt
mich aus meinen konzentrierten Überlegungen. Auch die Kommilitonen an den
Nachbartischen scheinen sich durch den aufdringlichen Klingelton gestört zu fühlen.
Wie ich blicken auch sie kurz in die Richtung der Geräuschquelle, um sich dann
wieder ihrer Prüfungsvorbereitung zu widmen. Besser gesagt nehme ich an, dass
sich die anderen Personen im Raum wieder ihren Aufgaben zuwenden was sollten
sie auch anderes tun?
Da in wenigen Tagen der Termin meiner Statistik-Prüfung ansteht, bin ich mittler-
weile so durch und durch in diese mathematische Materie integriert, dass ich sogar
nachts von Beweisführungen und Übungsaufgaben träume. Am nächsten Tag weiß
ich oft gar nicht mehr, ob ich diesen oder jenen Abschnitt schon tatsächlich durch-
gerechnet habe oder nur in meinem Traum.
Um meinem Gehirn eine kleine Abwechslung zu gönnen, kehre ich nun nicht wieder
sofort zum Hauptsatz zurück, sondern spinne den Gedanken ein wenig weiter, was
denn gerade jetzt in den Köpfen der anderen Personen im Lernraum vorgeht. Kann
ich wirklich auf Grund meiner Beobachtung davon ausgehen, dass sie ganz normal
lernen, oder ist jemand unter ihnen, der sich wie ich mit einem ganz anderen Ge-
danken beschäftigt? Wie kann ich erkennen, welcher Student mit echter Begeiste-
rung lernt und welcher die Prüfungsvorbereitung nur als lästige Pflicht hinter sich
bringen will? An der Mimik und Gestik ist das für mich nicht (immer) ersichtlich, da
fast alle Personen ruhig und monoton arbeiten.
Und mich beschäftigt noch eine weitere Frage. Kann ich überhaupt davon ausgehen,
dass diese Menschen in der Lage sind, zu fühlen, zu denken, zu lernen? Sprechen
können zumindest einige von ihnen das habe ich selbst erfahren, als ich mich mit
ihnen unterhalten habe. Und sie haben dabei ähnliche, das heißt mir geläufige Wor-
te, so verwendet, dass ich ohne nachzufragen wusste, wie ich die Sätze zu verstehen
habe.
Was wäre aber nun, wenn all diese Menschen gar keine eigenständigen Persönlich-
keiten, sondern, aus welchem Grund auch immer, nur perfekt in Szene gesetzte Ro-
boter wären, die sich stets so verhielten, wie ich es von echten Menschen in der je-
weiligen Situation erwarten würde und ich damit keinen Grund zum Zweifel an ihrer
Authentizität hätte?
Oder noch einen Schritt weiter gedacht: was wäre, wenn es weder Menschen noch
Roboter noch sonst irgendwelche Lebewesen und Dinge außerhalb meiner selbst
geben würde, das heißt diese Objekte gänzlich nur in meiner Vorstellung existierten?
Allzu unrealistisch ist dieser Gedanke vielleicht gar nicht, denn in vielen auf mich
real wirkenden Träumen kommen Dinge vor, die ich persönlich nicht mit mir be-
kannten Objekten aus der ,,echten" Welt zusammen bringen kann, ich aber im erle-
benden Traumzustand als die ,,wache" Welt bezeichnen würde. Eine solche Täu-
schungsmöglichkeit meiner selbst besteht also prinzipiell.
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Man wird schnell feststellen, dass diese etwas naiv formulierten Fragen auf einen
zentralen Untersuchungsgegenstand der Erkenntnistheorie abzielen: die Beschaf-
fenheit und Erkenntnismöglichkeit des Fremdpsychischen.
Bei dieser philosophischen Suche nach dem Bewusstsein anderer Menschen geht es
wie bei den meisten erkenntnistheoretischen Fragestellungen um ein prinzipiell na-
turwissenschaftliches oder metaphysisches Wissen, ,,und zwar in Abgrenzung von
Meinen und Glauben. Wissen ... liegt erst dann vor, wenn zur Haltung des Über-
zeugtseins ... die ... Kenntnis von guten Gründen hinzukommt, die zur Bestätigung
oder Rechtfertigung der fraglichen Aussagen hinreichen" (Brockhaus S. 86). Gerade
wegen diesem hohen Anspruch der objektiven, das heißt unparteiischen, Wissen-
schaftlichkeit an die untersuchten Bereiche, können zentrale ,,Probleme erkenntnis-
theoretischer Untersuchungen ... im Kern als unlösbar und dabei sehr einfach und
grundlegend verstanden werden" (Wiki_Erkenntnis Kap. 1.1). Insbesondere ziehen
sich Fragen wie ,,Können wir zweifelsfrei feststellen, ob wir träumen oder wachen?"
beziehungsweise ,,Woher weiß ich, dass ein anderer Mensch ein Bewusstsein hat?"
(Wiki_Erkenntnis Kap. 1.1) durch die Philosophiegeschichte. Wie kann ich formal
beweisen, dass andere Personen zum Denken und Fühlen fähig sind?
Im praktischen Alltag spielen diese Gedankenexperimente meist kaum eine Rolle
wobei sich mein Lernverhalten im Vorfeld meiner Diplomprüfung sicherlich verän-
dern würde, ginge ich tatsächlich davon aus, mein Prüfer wäre nur eine rein so-
lipsistische (das heißt ichbezogene) Vorstellung meiner Gedankenwelt. Üblicherwei-
se werden Diskussionen dieser Art in einem nicht darauf eingestellten Umfeld abge-
tan mit Aussagen wie beispielsweise: ,,wer bei Verstand ist, kann zwischen Traum
und Realität unterscheiden" (Wiki_Erkenntnis Kap. 1.1). Aber ganz so einfach sollte
man es sich in meinen Augen nicht machen, wurden in der Geschichte der Mensch-
heit doch schon allzu viele vermeintliche Tatsachen widerlegt durch Theorien, die
zunächst den intuitiven und scheinbar offensichtlichen Annahmen widersprachen.
Und so verwundert es nicht, wenn man im Verlauf der Geschichte der Erkenntnis-
theorie als philosophische Disziplin immer wieder auf ähnliche Probleme stößt, die
bis heute nicht eindeutig beantwortet sind. Auch in Bezug auf das Fremdpsychische
stellt sich ,,die Frage, wann so gute, überzeugende Gründe vorliegen, dass von Wis-
sen gesprochen werden kann bzw. unter welchen Bedingungen für Aussagen das
Prädikat ,wahr' angemessen ist" (Brockhaus S. 86). Selbstverständlich gibt es dazu
in den verschiedenen philosophischen Epochen und Strömungen unterschiedlichste
Antworten. Im Folgenden möchte ich aus dieser Vielzahl an Möglichkeiten kurz ei-
nige wenige beleuchten, welche in meinen Augen einen entscheidenden Einfluss auf
Carnaps Erörterungen zum Fremdpsychischen gehabt haben.
2.1
Der cartesianische Dualismus von Denken und Aus-
dehnung
An erster Stelle ist hier sicherlich René Descartes zu nennen, der oft als Begründer
der neuzeitlichen Philosophie, insbesondere des so genannten Rationalismus, gilt.
Die zentralen Begriffe seiner ,,Erekenntnistheorie ... sind mathematischer und phy-
sikalischer Herkunft" (Brockhaus S. 69), das heißt ihnen liegen vor allem vernünfti-
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ge, gedanklich konzipierte Schlussfolgerungen zu Grunde. Insbesondere findet da-
mit eine Abgrenzung zum Aufbau eines philosophischen Systems auf Basis rein
sinnlicher Erfahrungen statt. In seinen Werken erfährt man im Rahmen eines stren-
gen ,,methodischen Zweifels" an allem bisher für wahr Geglaubtem, dass letztlich
nur eine Einsicht als unbezweifelbar angesehen werden kann: ,,Ich denke, also bin
ich" (Discours 4. Abschnitt). Descartes greift diese einzig stabile Gewissheit auch in
seinen philosophischen ,,Meditationen" auf und integriert damit auch die oben ge-
nannten Fälle der Täuschungsmöglichkeit durch Traum, Roboter oder einen prinzi-
piell möglichen Dämon. Selbst ein sehr schlauer Betrüger kann dieses rational be-
gründete Fundament der eigenen Existenz nicht erschüttern: ,,mag er mich nun täu-
schen, soviel er kann, so wird er doch nie bewirken können, dass ich nicht sei, solan-
ge ich denke, ich sei etwas" (Meditationen S. 79).
Um nun auf Basis dieser gesicherten Existenz des Ich eine weiterführende Konstruk-
tion der Welt durchführen zu können, muss Descartes dieses Ich näher bestimmen.
Dazu unterscheidet er das allumfassende Sein in einerseits das denkende Ich (,,res
cogitans") und andererseits die Welt der Dinge (,,res extensa"), ,,die der Reduktion
der Körperwelt auf reine Ausdehnung ... in physikalischen Zusammenhängen folgt"
(Brockhaus S. 69). Die folgenschwere Konsequenz dieser Aufteilung ist ein bis heute
heftig diskutierter Dualismus, der in der Literatur häufig als ,,Leib-Seele-Problem"
bezeichnet wird (vgl. bspw. Wiki_Geist).
Insbesondere im Hinblick auf das Fremdpsychische ergeben sich aus dieser Tren-
nung zwei grundlegend verschiedene Zugangswege zu den eigenen geistigen Zustän-
den auf der einen beziehungsweise zu den geistigen Zuständen anderer Personen auf
der anderen Seite. Der erste, gewissermaßen privilegierte Zugang über direkte inne-
re Wahrnehmungen ,,zeichnet sich ... dadurch aus, dass ich diese Zustände unmit-
telbar erleben und direkt beobachten kann ... Sie besitzen damit für mich bestimmte
subjektive Erlebnisqualitäten" (Schumacher S. 2). Ganz anders steht es mit der Be-
urteilung der res extensa. Wegen der prinzipiellen Täuschungsmöglichkeit ist es
logisch und erkenntnistheoretisch unmöglich, ,,von der Existenz des einen denken-
den Ich auf die Existenz weiterer Ichs zu schließen" (Wiki_Solipsismus Kap. 1). Des-
cartes veranschaulicht dies folgendermaßen: ,,Da sehe ich gerade zufällig ... Leute
auf der Straße vorübergehen; ich bin gewohnt ... zu sagen: ich sehe sie. Was sehe ich
denn außer Hüten und Kleidern, unter denen auch Automaten stecken könnten?"
(Meditationen S. 93).
2.2
Empirismus: Erfahrung als Quelle aller Erkenntnis
Ganz entgegen der allgemeinen Auffassung der Rationalisten wendet sich der so
genannte Empirismus des 17. und 18. Jahrhunderts um John Locke, David Hume
und andere der ,,Erfahrung als Ursprungs- und Rechtfertigungsgrund aller Erkennt-
nis" (Brockhaus S. 80) zu. In deren Auffassung stehen dem eigenen Bewusstsein nur
diejenigen Erkenntnisse zur Verfügung, die über sämtliche Sinnesorgane einschließ-
lich einer gewissen Selbstwahrnehmung aufgesogen werden (können)
1
.
Zusammenfassend kann man die grundlegende Basis des Empirismus durch folgen-
de Aussage John Lockes formulieren: ,,Nehmen wir also an, der Geist sei ... ein un-
1
Bei Hume führt diese Überzeugung sogar zu einer völlig anti-solipsistischen Haltung, die wir weiter
unten noch genauer beleuchten werden.
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beschriebenes Blatt, ohne alle Schriftzeichen, frei von allen Ideen; wie werden ihm
diese [Bewusstseinsinhalte] dann zugeführt? ... Woher hat er all das Material für
seine ... Erkenntnis? Ich antworte darauf mit einem einzigen Worte: aus der Erfah-
rung" (Brockhaus S. 81).
Damit gelangen natürlich auch die Empiristen recht schnell zur Problematik des
Fremdpsychischen, oder allgemeiner zur Existenz realer Dinge in der Außenwelt:
diese ,,ist nicht zu beweisen, aber praktisch gewiss, da wir stets zwischen Wahrge-
nommenen und bloß Vorgestelltem zu unterscheiden wissen" (Brockhaus S. 191). Als
Arbeitsthese für weitere gedankliche Konzeptionen aus dem Bereich der praktischen
Philosophie John Lockes man denke hier beispielsweise an die Skizzierung eines
liberalen Verfassungsstaates oder eine Verankerung wichtiger Menschenrechte
mögen solche Aussagen sicherlich sehr hilfreich sein. Für unsere Fragestellung eig-
nen sie sich aber nur bedingt, und zwar wegen der von Locke selbst angesprochenen,
nicht bewiesenen und nur praktisch angenommen Aspekte.
2.3
Positivismus: ein erster Annäherungsversuch
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt sich eine auf ähnlichen Annahmen wie
der Empirismus basierende Grundhaltung (der so genannte Positivismus), die sich
sehr stark am Exaktheitsideal der gängigen Naturwissenschaften orientiert, aber
deren Erkenntnisinhalte man auch für andere Bereiche nutzen möchte. Die Einstu-
fung ,,Positivismus" wird dabei ,,wie in den Naturwissenschaften gebraucht, in denen
man von einem ,positiven Befund' spricht, wenn eine Untersuchung unter vorab
definierten Bedingungen einen Nachweis erbrachte" (Wiki_Positivismus). Damit
wird alles als unwissenschaftlich abgelehnt, ,,was nicht beobachtbar und durch wis-
senschaftliche Experimente erfassbar ist. Metaphysische Argumentationen werden
dementsprechend als Scheinprobleme abgetan" (Wissen_Positivismus).
Interessant ist die positivistische Strömung an dieser Stelle in meinen Augen des-
halb, weil sie erste Schritte hin zu einer geschickten Verknüpfung der beiden zuerst
vorgestellten Denkrichtungen also cartesianischer Rationalismus und Empirismus
in die Wege zu leiten scheint. Denn einerseits werden als Ideal die exakten Ergeb-
nisse der kontrolliert-beobachteten Erfahrungen gesehen, aber gleichzeitig auch die
rein logischen und mathematischen Urteile in die wissenschaftlichen Schlussfolge-
rungen mit aufgenommen - zu diesem Zeitpunkt freilich noch immer als gewöhnli-
che Bestandteile der Erfahrungswelt (vgl. Wissen_Positivismus). Aber entgegen der
Descartes'schen Konzeption spielt es dann keine Rolle mehr, ob ,,Empfindungen ...
geträumt oder von Materie erzeugt" (Wiki_Erkenntnis Kap. 6.3) werden, da wir uns
ja in einem empirischen Umfeld bewegen und die Ursachen damit gewissermaßen in
den Bereich der Modellbildung ausgelagert werden. Gelöst sind die Probleme damit
selbstverständlich noch lange nicht.
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