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„Von den Wasserfrauen – Weiblichkeit und Tod"

Untertitel: Die Entwicklung des Wasserfrauenmythos: Ein kulturhistorischer Einblick erörtert an ausgewählten Beispielen

Bachelorarbeit, 2009, 65 Seiten
Autor: Julia Kulewatz
Fach: Kulturwissenschaft

Details

Veranstaltung: „Familienmodelle und Familiendesaster in der deutschsprachigen und koreanischen Literatur.“
Institution/Hochschule: Universität Erfurt
Tags: Wasserfrauen, Weiblichkeit, Familiendesaster, Literatur
Kategorie: Bachelorarbeit
Jahr: 2009
Seiten: 65
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 29  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V124383
ISBN (E-Book): 978-3-640-29684-2
ISBN (Buch): 978-3-640-30234-5

Zusammenfassung / Abstract

Bis heute hat die durchaus ambivalente Gestalt der mythischen Wasserfrau nichts an ihrer Faszinationskraft eingebüßt. Mit regem Interesse verfolgen wir ihre Ursprünge in der Mythologie und in der Sagenwelt, bewundern sie als Ahnenfrau oder Männerfresserin, schöne Sängerin oder sprachlos leidende Schöne. Mit dieser Arbeit soll die geteilte Frau, in ihrer Sehnsucht und Erlösungsbedürftigkeit in den Vordergrund rücken, die uralte Geschichte um die Verbindung des Weiblichen mit dem Wasser und die Auswirkungen dieser Verbindungen auf Literatur, Kunst und Kultur. Das ewige sehnsüchtige Streben, einer unbeseelten elbischen Natur ist prioritär für das heutige Verständnis einer weiblichen Wassergestalt. Die Bedeutung der Seele für das Weibliche und insbesondere für die Wasserfrau soll innerhalb meiner Ausführungen erörtert werden. Die Leidensfähigkeit der weiblichen Wasserwesen scheint unendlich. Ob sie Leiden bewirken oder selbst ertragen müssen, hängt stark von dem jeweiligen Kulturkreis und der Epoche, der sie entwachsen sind, ab. Doch immer wird man sie in Verbindung mit dem Leid sehen, dem eigenen und dem fremden. Wasserfrauen sind geprägt von der Suche nach Identität. Als Verkörperung liquider Dualität blieb ihnen diese (bis auf wenige Ausnahmen) oft verwehrt. Ihre Doppelnatur verdammte sie zu einer Existenz zwischen Menschenfrau und Fischleib, ein überirdisch lockender Leib, der viel versprach aber nur wenig Versprochenes einhalten konnte. Als unwirklicher Bestandteil zweier Welten erscheint mir die Wandlungsfähigkeit der nassen Schönheiten auf der Hand zu liegen. Ergründet man das feuchte Element, dem sie entstammen so wird nicht nur ihr geteilter Leib, sondern auch ein ständig wankendes Gemüt verständlich. Weshalb die Wandelbarkeit der Wasserfrauen ebenso Teil meiner Betrachtungen sein wird. Den weiblichen Mischwesen wird viel nachgesagt und angehangen: Gütiges, Verwunderliches, Abnormes, Monströses, Unbegreifliches, Göttliches und Dämon-isches. Tatsächlich trifft beinahe alles auf sie zu: Sie sind göttlich und dämonisch gleichermaßen, denn ist ihre unbegreifliche und geteilte Natur nicht gerade dazu verdammt alles und doch nichts zu sein?  


Textauszug (computergeneriert)

Universität Erfurt


Veranstaltungstyp:

BALiteraturwissenschaft

Seminar:

,,Familienmodelle und Familiendesaster in der

deutschsprachigen und koreanischen Literatur."

Semester:

Wintersemester 2008/09

Titel der Hausarbeit:

,,Von den Wasserfrauen ­ Weiblichkeit und Tod:

Die Entwicklung des Wasserfrauenmythos:

Ein kulturhistorischer Einblick erörtert an ausgewählten

Beispielen."

Abgabe:

23.02.09

Verfasserin:

Julia Kulewatz

Studiengang:

Kulturwissenschaften

Haupt:

Literaturwissenschaft

Neben:

Philosophie

Semesterzahl:

5

Art des Leistungsnachweises:

selbständige schriftliche Arbeit

Leistungspunkte:

12 (abschließende BAArbeit)


Inhaltsverzeichnis

Prolog

3

1. Das Wasser

6

1.1

Element der Ambiguität

6

1.1.1 Von den Wassern des Lebens

7

1.1.2 Von den Wassern des Todes

10

1.2

Das Element personifizierter Weiblichkeit

14

1.3

Symbol der Seele

16

2. Mythologische Ursprünge

20

2.1

Die Sirenen

20

2.2

Von göttlichen Mischwesen und dämonisierten Frauengestalten

22

3. Über die Vielgestaltigkeit der Wasserfrauen

27

3.1

Wandelbare Wasserfrau:

27

Die Bedeutung der Metamorphose für weibliche Wasserwesen

3.2

Konstruierte Doppelnatur: Existenz zwischen Fischleib und Menschenfrau

29

4. Vom Verlust der Stimme: Die erfolglosen Sängerinnen

31

5. Sehnsucht und Seele: Ein fließendes Ich auf der Suche nach Identität

33

6. ,,Undine", oder von der Kraft einer Nixenstimme

38

6.1

Friedrich de la MotteFouqué:

,,Undine"

, Liebe über den Tod hinaus?

38

6.1.1 Undine, eine paracelsische Wassernymphe

38

6.1.2 Von der Liebe der Natur und der Seele des Menschen

39

6.1.3 Weder Menschenfrau noch Wasserwesen

42

6.1.4 Liebe über den Tod hinaus?

44

6.2

Ingeborg Bachmann:

,,Undine geht"

, Liebesverrat: Ein Nixenmonolog

47

6.2.1 Undine geht

47

6.2.2 Männer mit Namen Hans: Über den Identitätsverlust

49

6.2.3 Undinenliebe

52

6.2.4 Von Sprache und Sprachlosigkeit

54

6.2.5 Weiblichkeit und Tod: Wasserexistenz jenseits von allem Menschlichen? 56

6.3

Vergleichende Betrachtungen

58

Epilog

60

Bibliografie

61

2


Prolog

Bis heute hat die durchaus ambivalente Gestalt der mythischen Wasserfrau nichts an ihrer

Faszinationskraft eingebüßt. Mit regem Interesse verfolgen wir ihre Ursprünge in der

Mythologie und in der Sagenwelt, bewundern sie als Ahnenfrau oder Männerfresserin,

schöne Sängerin oder sprachlos leidende Schöne.

Mit dieser Arbeit soll die geteilte Frau, in ihrer Sehnsucht und Erlösungsbedürftigkeit in den

Vordergrund rücken, die uralte Geschichte um die Verbindung des Weiblichen mit dem

Wasser und die Auswirkungen dieser Verbindungen auf Literatur, Kunst und Kultur. Das

ewige sehnsüchtige Streben, einer unbeseelten elbischen Natur ist prioritär für das heutige

Verständnis einer weiblichen Wassergestalt. Die Bedeutung der Seele für das Weibliche und

insbesondere für die Wasserfrau soll innerhalb meiner Ausführungen erörtert werden.

Die Leidensfähigkeit der weiblichen Wasserwesen scheint unendlich.

Ob sie Leiden bewirken oder selbst ertragen müssen, hängt stark von dem jeweiligen

Kulturkreis und der Epoche, der sie entwachsen sind, ab. Doch immer wird man sie in

Verbindung mit dem Leid sehen, dem eigenen und dem fremden.

Wasserfrauen sind geprägt von der Suche nach Identität.

Als Verkörperung liquider Dualität blieb ihnen diese (bis auf wenige Ausnahmen) oft

verwehrt. Ihre Doppelnatur verdammte sie zu einer Existenz zwischen Menschenfrau und

Fischleib, ein überirdisch lockender Leib, der viel versprach aber nur wenig Versprochenes

einhalten konnte.

Als unwirklicher Bestandteil zweier Welten erscheint mir die Wandlungsfähigkeit der nassen

Schönheiten auf der Hand zu liegen. Ergründet man das feuchte Element, dem sie

entstammen so wird nicht nur ihr geteilter Leib, sondern auch ein ständig wankendes Gemüt

verständlich. Weshalb die Wandelbarkeit der Wasserfrauen ebenso Teil meiner

Betrachtungen sein wird.

Den weiblichen Mischwesen wird viel nachgesagt und angehangen:

3


Gütiges, Verwunderliches, Abnormes, Monströses, Unbegreifliches, Göttliches und Dämon

isches. Tatsächlich trifft beinahe alles auf sie zu: Sie sind göttlich und dämonisch

gleichermaßen, denn ist ihre unbegreifliche und geteilte Natur nicht gerade dazu verdammt

alles und doch nichts zu sein?

Zu allen Zeiten wusste man von Wasserwesen zu sprechen, deren Natur fast ausschließlich

weiblich war. Als Männerfantasie, ob gemalt oder schriftlich von Männern festgehalten,

verwahrt die schöne und unheimliche Wasserfrau auch heute noch die großen Geheimnisse

der Welt, hin und her gerissen zwischen den Elementen und Männern, Verführung und

Verfluchung.

Sirenen, Nymphen, Najaden, Nereiden, Okeaniden, Wasserjungfern, Seejungfrauen,

Brunnenmädchen, Nixen, Schwanenjungfern, Melusinen, Undinen, Rusalki, Meerminnen

oder Meerjungfrauen; sie alle sind derselben liquiden Welt teilhaftig und streben danach

eben dieser zu entkommen, verdammt dazu auch an der Menschenwelt zu scheitern.

Die Wasserfrau ist die Frau des Zwiespaltes.

Einmal in der Menschenwelt angekommen kann sie auch in dieser nicht lange und ohne

Einschränkungen verweilen. Menschenund Wasserfrauenwelt weisen Grenzen auf, die

selbst der Liebe gesetzt werden müssen. Oder gibt es eine grenzüberschreitende Liebe

zwischen Wasserfrau und Menschenmann?

Friedrich de la MotteFouqués

,,Undine"

liebt über räumliche, zeitliche, geistigund

seelische, ja selbst über natürliche Grenzen hinweg. Sie verlässt ihr Element und tauscht ihre

quirligverspielte Art gegen eine Menschenseele und ein Leben mit Huldbrand. Doch

schließlich muss sie ins Wasser zurückkehren, Huldbrands Liebesverrat zwingt sie dazu und

sie hat keine Wahl.

Ingeborg Bachmann hat ihrer Undine die Wahl gelassen.

Auch sie steht an einem Scheideweg, das Schicksal mit all ihren Schwestern teilend, hin und

her gerissen zwischen zwei Welten. Auch sie wird gehen. Jedoch nicht wie Hans Christian

Andersens

,,Kleine Seejungfrau"

, die ihrem Menschenprinzen als sprachloses, um Erlösung

4


flehendes Opfer, entgegen taumelt. Diese Undine wird erhoben Hauptes gehen und sie wird

Anklage erheben mit der gefürchteten Stimme der Wasserfrauen.

5


1. Das Wasser

1.1 Element der Ambiguität

,,Das Prinzip aller Dinge ist das Wasser, denn ins Wasser kehrt alles zurück."1

(Thales von Milet, Begründer der abendländischen Philosophie, um 625 v. Chr.)

Beinahe jede alte Kultur und ebenso jede mythische Schöpfungsdarstellung stellt das Wasser

als den Ursprung der Welt und den Quell allen Lebens dar. Der Naturvorgang der Schöpfung

als eine überhöhte göttliche Manifestation des Wassers, erzählt von der Erschaffung des

Kosmos.2

Das Leben ist abhängig von Wasser, das Wissen um diese Abhängigkeit ist uralte

Menschheitserfahrung. Aus diesen uralten Menschheitserfahrungen resultieren fast ebenso

alte Mythen. Der Mythos bot dem Menschen die Klärung existenzieller Fragen und

Zusammenhänge. Wasser war und ist Urstoff und avancierte vom einstig bloß funktionalen

Bild zum Symbolwert. Es beinhaltet Leben und Tod gleichermaßen, es schenkt und nimmt,

erschafft und zerstört. Kaum ein Symbol weist eine so zentrale, vielschichtige und dabei

komplexe Bedeutung auf wie das Wasser.

Wasser ist ein Archetypus. Und die menschliche Kultur entwickelte sich in ständiger

Auseinandersetzung mit diesem ältesten dynamischen Archetyp.3 Die duale Fähigkeit des

Wassers, Leben zu zeugen und Leben zu zerstören ist nicht nur im Mythos, sondern auch im

Legenden und Sagenbereich sowie in Fabeln und Märchen fest verankert. Dies wird in Form

des Lebensund Todeswassers überdeutlich.


1 Siehe: http://www.ziate.de/ergebnisse.php?kategorie=Wasser

2 Vgl. Blum, B.:

,,Die Symbolik des Wassers."

, S. 9

3 Vgl. Selbmann, S.:

,,Mythos Wasser."

, S. 7

6


1.1.1 Von den Wassern des Lebens

,,Der höchste Mensch wendet seinen Geist zurück zur Ewigkeit und genießt die Geheimnisse

des Jenseits. Er ist wie das Wasser, das fließt, ohne Formen anzunehmen."

4

(Dschuang Dsi:

,,Das wahre Buch vom südlichen Blütenland"

)

Ich erwähnte bereits, dass das lebensspendende Wasser in allen Schöpfungsmythen und

Kulturen fest verankert ist. Nach wie vor ist Leben von Wasser abhängig. Während ein

großer Laubbaum an die 100 Liter Wasser pro Tag benötigt, braucht der menschliche Körper

im Vergleich sehr viel weniger Wasser um zu überleben, obwohl wir zu 60 Prozent aus

Wasser bestehen.

Wasser ist kein Lebensmittel es ist das Überlebensmittel.

Um es mit den Worten Sibylle Selbmanns zu formulieren:

,,Wasser heißt Leben."

5

Das

feuchte Element ist die Voraussetzung für das Entstehen von Lebewesen sowie deren

Wachsen und Gedeihen.

Als stoffliche Form ist Wasser, greifbare Materie und doch gestaltlos und das obwohl es aktiv

gestaltet im Kleinen wie im Großen. Betrachtet man die verschiedenen möglichen

Aggregatzustände des Wassers so kann man das zwiespältige Geschöpf der Wasserfrau

verstehen, welches sich im Zustand ständiger Metamorphose zu befinden scheint.

Das lebendig bewegte und akustisch durch Rauschen wahrnehmbare Wasser selbst, täuscht

wahrhaftige Lebendigkeit vor, wie ein laut glucksendes lebhaft bewegtes Wesen von

sprühender Vitalität. Dabei enthält es den Keim alle Keime, alle Anlagen und Kräfte um

künftiges Leben zu erzeugen.

Ein weiterer Grund, warum zahllose Mythen Wasser als das Lebens oder Wunderwasser

preisen. So wird es bereits im indischen Rigweda als herrliches Nass von unverschmutzbarer


4 Siehe: http://www.zitateaphorismen.de/zitate/thema//Wasser/178

5 Selbmann, S.:

,,Mythos Wasser."

, Z. S. 20, Z.1

7


Reinheit gerühmt, welches Kraft und Leben schenkt.6 Die meisten Völker verbinden das

Wunderwasser mit ihrer Vorstellung vom Paradies oder gar dem Jenseits. Man erzählt sich

von drei Gaben, die es besitzen soll; es heilt, verjüngt und ermöglicht ewiges Leben.

Früh wurden Utopien von idealen Gesellschaften aus dem nassen Reich erschaffen.

Andererseits war es Grenze und gleichzeitig Übergang zwischen den Welten, der der

Lebenden und der der Verstorbenen. Im antiken Ägypten verglich man das eigene Leben mit

einem Lebensstrom ähnlich dem lebensspendenden Nil, der das Reich der Toten durchfloss

und die Toten mit den Lebenden verbinden sollte. Eine ähnliche Vorstellung des Jenseits

fand man bei den Griechen, dort schied der Styx, als einer von vielen göttlichen Strömen, die

Lebenden von den Toten.7 Auch bei den Kelten wurde das Land der ewigen Jugend durch ein

großes Wasser von den Lebenden getrennt. Selbst die nordgermanische Weltenesche

Yggdrasil

schöpft ihre immergrüne Kraft aus dem niemals versiegenden Lebensbrunnen

Urds.8 Aus eben diesem schicksalhaften Brunnen schöpfen die Nornen Wasser, die als

Äquivalent zu den Schicksalsweberinnen der Griechen gelten.

In der Bibel steht der Baum des Lebens inmitten des paradiesischen Gartens. An diesem

entspringt ein Strom der sich in vier weitere Ströme unterteilt: Geon, Phison, Euphrat und

Tigris, die wiederum in alle vier Himmelsrichtungen fließen. Auf diese vier Ströme des

Paradieses bezog man in frühchristlicher Zeit nicht nur die vier Evangelien sondern ebenso

die vier Kardinalstugendenden.9

Die enge Verbindung von dem Lebenswasser und dem Baum des Lebens wird offenbar,

vergleicht man die hier aufgeführten Schöpfungsmythen. Beide Lebenszeichen einen die drei

o. g. Wundergaben.

Doch selbst dem Lebenswasser wohnen die zwei Seiten inne; ist es in seinen Oberflächen

rein und ungetrübt, so birgt es in seinen Tiefen den Tod.


6

7 Vgl. Ebd. S. 22

Vgl. Ebd. S. 22

8 Vgl. Ebd. S. 25

9 Vgl. Ebd. S. 24

8



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