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Das Bildungssystem Zentralasiens im Wandel

Hauptseminararbeit, 2007, 20 Seiten
Autor: Moritz Jacobi
Fach: Gemeinschaftskunde / Sozialkunde

Details

Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2007
Seiten: 20
Note: 1,7
Literaturverzeichnis: ~ 13  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V124405
ISBN (E-Book): 978-3-640-29473-2
ISBN (Buch): 978-3-640-29492-3

Zusammenfassung / Abstract

Die Arbeit versucht, auf die Probleme bei der Umsetzung der Bildungsreformen einzugehen und die Zusammenhänge zwischen dem „neuen“ Bildungswesen und den wirtschaftlichen und sozialen Krisen der neunziger Jahre in den oben genannten Staaten zu umreißen. Dabei sollen Prozesse um ethnische, sprachliche und religiöse Identitäten zu ihrer sowjetischen Vergangenheit in Beziehung gesetzt und unter dem Aspekt ihrer Entwicklung nach 1991 beschrieben werden. Anhand eines solchen „Vergleichs“ lässt sich der Stellenwert den ein Bildungssystem innerhalb des Gesamtkontextes „Staat, Gesellschaft und Individuum“ erreichen kann, beziehungsweise den es zu verlieren hat, sehr gut verdeutlichen. Aufgrund meiner Quellenlage wird der Fokus dabei auf Usbekistan, Kirgistan und Kasachstan liegen. Ähnliche Tendenzen sind jedoch in Turkmenistan und Tadschikistan zu verzeichnen, da alle Staaten in etwa die gleichen Erfahrungen mit der Sowjetherrschaft und somit 1991 auch ähnliche Ausgangssituationen hatten.


Textauszug (computergeneriert)

Humboldt Universität zu Berlin

Institut für Asien-/Afrikawissenschaften

Hauptseminar:

Was von der Sowjetunion geblieben ist

SS 2007

Eingereicht von:

Moritz Jacobi

Modulabschlussprüfung im Aufbaukurs I:

Gesellschaft und Transformation

Thema:

Das Bildungssystem Zentralasiens im Wandel

Eine Bilanz der postsowjetischen Umbrüche


Inhalt

E

inleitung

_

______________________________________________________

S

. 3

E

rrichtung des sowjetischen Bildungswesens

_

________________________

S

. 4

S

prachenpolitik

S

. 5

In

dividuum-Gruppe

S

. 6

B

ildung-Wirtschaft-Komplex

S

. 8

N

euordung ab 1991

S

. 10

D

erussifizierung vs. Förderung nationaler Kultur

S

. 11

M

arktwirtschaft vs. Beibehaltung des Niveaus

S

. 12

E

ntkoppelung von Bildung und Wirtschaft

S

. 14

S

chluss

S

. 16

L

iteratur

S

. 17

2


Die Auflösung der Sowjetunion 1991 bedeutete die Unabhängigkeit ihrer

zentralasiatischen Republiken Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgistan und

Turkmenistan. Diese sahen sich nun vor der Aufgabe, ihre Staaten an die neuen

Bedingungen anzupassen, die nun in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens

anstanden. Ein zentraler Punkt war dabei auch das Bildungswesen, dem gleich zu

Beginn der Unabhängigkeit in al en fünf Staaten bis spätestens 1993 Reformen

erarbeitet wurden, die die unter Gorbatschows Perestroika ab 1987 verfolgten

Ansätze zur Bildungsreform aufnahmen und mit westlichen Modellen und Ideen des

nation building

zu verbinden suchten.

Im Folgenden möchte ich versuchen, auf die Probleme bei der Umsetzung der

Bildungsreformen einzugehen und die Zusammenhänge zwischen dem ,,neuen"

Bildungswesen und den wirtschaftlichen und sozialen Krisen der neunziger Jahre in

den oben genannten Staaten zu umreißen.

Dabei sollen Prozesse um ethnische, sprachliche und religiöse Identitäten zu ihrer

sowjetischen Vergangenheit in Beziehung gesetzt und unter dem Aspekt ihrer

Entwicklung nach 1991 beschrieben werden. Anhand eines solchen ,,Vergleichs"

lässt sich der Stellenwert den ein Bildungssystem innerhalb des Gesamtkontextes

,,Staat, Gesellschaft und Individuum" erreichen kann, beziehungsweise den es zu

verlieren hat, sehr gut verdeutlichen.

Aufgrund meiner Quellenlage wird der Fokus dabei auf Usbekistan, Kirgistan und

Kasachstan liegen. Ähnliche Tendenzen sind jedoch in Turkmenistan und

Tadschikistan zu verzeichnen, da al e Staaten in etwa die gleichen Erfahrungen mit

der Sowjetherrschaft und somit 1991 auch ähnliche Ausgangssituationen hatten.

Um zu verstehen, wie diese Ausgangssituationen aussahen und wie untrennbar das

zentralasiatische Bildungswesen von der Sowjetherrschaft und -ideologie bis 1991

war, bleibt es unumgänglich einen Blick auf die Anfänge der Sowjetherrschaft in

Zentralasien zu werfen. Hierbei werde ich die Entwicklungen im Raum des heutigen

Usbekistan exemplarisch für die Vorgehenstendenzen in der gesamten Region

erläutern. Es sollen drei Kriterien des sowjetischen Bildungswesens erörtert werden,

die ich für sehr bedeutsam halte in Hinblick auf die post-sowjetische Zeit.

3


Die Bolschewiki sicherten sich unmittelbar nach der Revolution 1917 Einfluss in den

Städten, vor al em Tashkent, wobei bis Anfang der dreißiger Jahre kaum Usbeken in

der Partei waren. 1925 wurde die Sowjetepublik Usbekistan in ihren heutigen

Grenzen offiziell errichtet. Die Konsolidierung sowjetischer Ideologie und die

Modernisierung der infrastrukturell und technisch rückständigen Region konnte für

Lenin nur durch das ,,Erzwingen der Festung Wissenschaft" gelingen. Stalin forderte

die schnel stmögliche Bildung einer ,,phalanx of national teachers", die diese

Aufgaben in Angriff nehmen sollten, er bezeichnete sie auch als ,,Architekten des

Wandels". Es kam also besonders in dieser frühen Phase den Pädagogen eine

Schlüsselstellung zu (vgl. Medlin: 1971, S. 93).

Was die Sowjets vorfanden war eine stark familiär und tribal organisierte, traditionell

muslimisch geprägte Agrargesellschaft, die diverse Ethnien (Usbeken, Tadschiken,

Kasachen, etc.), Sprachen, Stämme und religiöse Ausrichtungen beinhaltete. Bildung

über das Erlernen landwirtschaftlicher Arbeitstechniken hinaus war im Grunde einzig

durch die religiösen Schulen repräsentiert, in denen der Lehrer eine starke Autorität

darstellte und über seine Lehrtätigkeit hinaus auch oft den Status eines

Universalbeamten und ,,Schlichters" innehatte. Vermittelt wurden religiöse

Moralvorstellungen und Fertigkeiten im Lesen und Rezitieren islamischer Schriften,

die Schrift war arabisch. Diese Schulen wurden in den zwanziger und dreißiger

Jahren zu verdrängen versucht, hielten sich jedoch in geringer werdender Zahl und

überdauerten schließlich gar die Sowjetherrschaft.

Sowjetstatistiken geben die Alphabetisierungsquote prä-sowjetischer Verhältnisse

mit ca. 3% (Yalcin: 2002), was jedoch untertrieben scheint angesichts der starken

Verbreitung des Islam, einer

Religion des Buches

, die eine dem Lernen

aufgeschlossene Grundhaltung fordert und wenigstens rudimentäre Lesefertigkeiten

­ und sei es bloß auswendig gelernte Wiedergabe ­ und ein Grundverständnis der

arabischen Schrift verlangte. Die Alphabetisierungsquote war demnach also eine

relative, keine absolute, und darüber hinaus bleibt fraglich, ob nicht auch nur die

russischsprachige Bevölkerung als alphabetisiert gewertet wurde.

Um hier eine funktionierende, fortschrittliche (im russisch-europäischen Sinne) und

Ertrag bringende sozialistische Gesel schaft unter wirtschaftlicher und kultureller

Vorherrschaft Russlands ,,aus dem Boden zu stanzen", wurden massive

Bildungskampagnen unternommen, die Erwachsenen wie Kindern Lesen, Schreiben,

Grundrechenregeln, Hygienestandards und erste ,,Häppchen" sowjetischer Ideologie

4


vermittelten. Überall wurden Orte der Bildung eingerichtet, sogar in (roten)

Nomadenjurten (Medlin: 1971), um vor al em die Landbevölkerung mit einem

Grundstock an damaliger Allgemeinbildung abzudecken. Es gab auch

Spezialschulen für Frauen, Personen mit Lernschwierigkeiten oder

Sprachminderheiten, sowie ,,mobile Workshops" die durch die ruralen Gegenden

zogen und in jeder Siedlung Kurse veranstalteten. Zum Lernen angespornt wurde die

Bevölkerung durch das ,,Zuckerbrot" in Form von Belohnungen wie Urlaub,

Unterhaltungsveranstaltungen, Büchern oder Exkursionen für die Lernstarken und

durch die ,,Peitsche" in Form von Verfolgungen traditionel er, muslimischer Lehrer

oder Veröffentlichung der Individualleistung jeder Person nach Tests oder

Evaluationen.

Eine zentrale Rolle in dem Bestreben die Entwicklung Usbekistans durch Bildung

unter sowjetische ­ demnach russische ­ Kontrol e und Führung zu bringen, war die

Sprachenpolitik. Seit dem 19. Jahrhundert befassten sich russische Pädagogen und

Linguisten mit der Methodik, das Russische anderen Sprachgruppen beizubringen.

Der aserbaidschanische Linguist Mirza Akhundov befand in den 1870er Jahren die

lateinische Schrift als die ideale, um turksprachigen Menschen Russisch zu

vermitteln (vgl. Medlin: 2002, S. 102). 1926 hat dann der Erste Turkologische

Kongress der UdSSR in Baku die Einführung dieses Alphabets beschlossen, was ein

Jahr später per Gesetz besiegelt wurde. Dies hatte parallel zu den Anti-

Religionskampangnen der zwanziger und frühen 30er Jahre den Effekt, dass das

stark religiös konnotierte arabische Schriftwesen langsam verdrängt wurde. Russisch

wurde ab 1938 Pflichtfach in usbekischen Schulen und ab 1940 begann die

Umstel ung auf das kyrillische Alphabet, was zeitweise zu einem ,,kommunikativen

Wirrwarr" aus drei Schriftsystemen führte.

Nichts desto trotz hat die Durchsetzung des Russischen als Sprache der (vor allem

sekundären und tertiären) Bildung in Verbindung mit der Stel ung Russlands und der

usbekischen Russen als ,,Geber", Ausbilder, Förderer, Privilegierte, sowie die

proklamierte Eignung des Russischen als ,,Sprache interethnischer Kommunikation"

zu einem bis heute andauernden empfundenen qualitativen Gefälle zwischen der

russischen und den indigenen Sprachen geführt (vgl. Schmidt: 1995). Die soziale

Mobilität war nun unter anderem auch von dem Zugang abhängig, den man zur

russischen Sprache in Schrift und Al tagskommunikation hatte. Diese Praxis sicherte

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