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„Geht die Behandlung bei Ihnen auch ohne Medikamente?“ - Psychodynamische Kurzze... close

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„Geht die Behandlung bei Ihnen auch ohne Medikamente?“ - Psychodynamische Kurzzeittherapie mit türkischen Migranten.

Wissenschaftlicher Aufsatz, 2009, 8 Seiten
Autor: Dr. Volker Haude
Fach: Psychologie - Beratung, Therapie

Details

Kategorie: Wissenschaftlicher Aufsatz
Jahr: 2009
Seiten: 8
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V124414
ISBN (E-Book): 978-3-640-29524-1


Zusammenfassung / Abstract

Der Autor stellt in dieser kurzen Übersicht dar, wie psychodynamische Psychotherapie praktiziert werden kann. Er illustriert dieses an einem Fallbeispiel einer türkischen Patientin und beschreibt ein erfahrungsgeleitetes Konzept von Kurzzeittherapie mit der Katathym Imaginativen Psychotherapie. Das technische Vorgehen wird kurz dargestellt und supervisorische Aspekte vor dem interkulturellen Hintergrund diskutiert.


Volltext (computergeneriert)

Titel: ,,Geht die Behandlung bei Ihnen auch ohne Medikamente?" Psychodynamische
Kurzzeittherapie mit türkischen Migranten.

Vortrag gehalten auf dem VI. Deutsch ­ Türkischen Psychiatriekongress in Istanbul 2007

Autor:

Dr. med. Volker Haude,

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

LWL-Klinik Gütersloh

Zusammenfassung:

Der Autor stellt in dieser kurzen Übersicht dar, wie psychodynamische Psychotherapie praktiziert

werden kann. Er illustriert dieses an einem Fallbeispiel einer türkischen Patientin und beschreibt

ein erfahrungsgeleitetes Konzept von Kurzzeittherapie mit der Katathym Imaginativen Psycho-

therapie. Das technische Vorgehen wird kurz dargestellt und supervisorische Aspekte vor dem

interkulturellen Hintergrund diskutiert.

Schlüsselwörter:

Türkische Migranten, Kurzzeittherapie, Katathym Imaginative Psychotherapie

Inhalt:

1. Einleitung

2. Der Fall

3. Diskussion

4. Schlussbemerkung

5. Literatur


1. Einleitung:

,,Herr Doktor, ich habe gehört die Behandlung bei ihnen geht auch ohne Medikamente. Ich war

bereits bei 15 verschiedenen Ärzten, " sprach die Patientin und schüttete auf meinem Schreibtisch

eine Plastiktüte mit ca. 20 z. T. angebrochenen oder neuen Medikamentenverpackungen aus,

durch die ich mich dann durcharbeiten konnte. Die Tatsache, dass Menschen über Beschwerden

berichten, für die keine medizinischen oder biologischen Ursachen gefunden werden und demzu-

folge keine ursächlichen Behandlungsmethoden bestehen hat man schon vor etwa 100 Jahren gut

beschrieben (Dubois 1910): ,,Die Psychiater fassen die Psychopathien als wahre Krankheiten im

Sinne der internen Pathologie auf, und suchen die Ursache der psychischen Störung in einer pri-

mären Erkrankung des Denkorgans. Sie vergessen, daß auch bei anderen Organen Funktionsstö-

rungen ohne primäre Schädigung des Organs entstehen können. Ein dyspeptischer Zustand kann

seine Ursache in einer Erkrankung des Magens haben; er kann aber auch bei normalem Magen

infolge unzweckmäßiger Ingesta entstehen. Die Ingesta, welche unsere ,,Seele" verarbeitet, man

könnte sagen, verdaut, sind Vorstellungen, Ideen. Wie unser Magenzustand sehr von der Qualität

der Nahrung abhängt, so ist auch unser Seelenzustand in hohem Maße von den aufgenommenen

Vorstellungen abhängig." Psychotherapeutischen Behandlungen von Patienten mit Migrations-

hintergrund insbesondere bei fehlender oder reduzierter Sprachkompetenz in Deutsch beschrän-

ken sich auf Falldarstellungen und es fehlt leider eine systematisierte Vorgehensweise für diese

Patienten in Psychotherapie. Aufgrund der Nachfrage an unserer Klinik haben wir eine sogenann-

te Interkulturelle Ambulanz für vorwiegend Türkisch-sprachige und Russisch-sprachige Patienten

aufgebaut. Unsere Ambulanz versorgt die Stadt und den Kreis Gütersloh und wird auch von Pati-

enten aus Bielefeld in Anspruch genommen, sie ist also in einer Region mit über 350 000 Ein-

wohnern davon ca. 20 % Ausländern bzw. Menschen mit Migrationshintergrund angesiedelt. Es

gibt keine vergleichbare Stelle in dieser Region. Die psychotherapeutische Behandlung mit Tür-

kisch-sprachigen Patienten möchte ich zunächst anhand eines Fallbeispiels illustrieren.

2. Der Fall:

Fr. B kommt in meine Ambulanz, weil sie Darm-Probleme habe. Sie klagt über häufige Bauch-

schmerzen und durchfälligen Stuhldrang. Die Ärzte, die sie bisher aufgesucht habe, hätten ihr

nicht helfen können, im Übrigen stehe sie Medikamenten kritisch gegenüber. Es sei auch eine

Darmspiegelung gemacht worden, da sei aber nichts wesentliches herausgekommen und zusätz-

lich habe sie seit langem Magenbeschwerden, habe auch vor 10 bis 15 Jahren eine Magenblutung

gehabt und schließlich leide sie unter Gefühlsstörungen im re. Arm, deswegen sei sie vor kurzem

beim Nervenarzt in Behandlung gewesen, habe auch eine Schiene bekommen, nun habe ihr der

Hausarzt erklärt, dass dieses alles mit ihrer psychischen Problematik zusammen hängen würde

und sie habe sich deswegen der psychiatrischen Behandlung zugewandt.

Ihre Erwartungen an uns: Sie äußert, dass sie zu ihrem alten Zustand zurückkehren möchte, da-

mals als sie noch lustig sein konnte, als es ihr gut gegangen sei, vor etwa 3 bis 4 Jahren sei sie ein

fröhlicher Mensch gewesen, dann sei es nach und nach schlimmer geworden und im letzten Jahr

sei es ganz verstärkt.

Vorgeschichte:

Die Patientin ist 48 Jahre alt, komme gebürtig aus einer Stadt in der Nähe von Adana und sei

1975 im Rahmen der Familienzusammenführung von ihrem Ehemann nach Deutschland geholt

worden. Sie habe 2 Kinder, einen Sohn und eine Tochter (19 und 25 Jahre alt). Sie sei gelernte

Friseurin, habe bis zur 5. Klasse die Schule besucht, ihre Eltern würden noch leben, seien Rentner

und würden jeweils einige Monate in der Türkei und einige Monate in Deutschland verbringen.


Mit ihrer älteren Schwester, die ebenfalls am Ort wohne, verstehe sie sich überhaupt nicht, sie

würden kaum miteinander reden ­ es gebe eine lange Geschichte von Eifersucht und Verletzung,

weswegen der Kontakt abgebrochen sei. Derzeit arbeite sie als Leiharbeiterin, sie als Familie

hätten sich vor kurzem ein Haus gekauft und stünden deswegen unter großem finanziellen Druck.

Zentrales Thema oder Fokus: Ich formuliere zunächst, dass es um Symptomlinderung geht und

der Versuch, die körperliche Symptompräsentation auf die verbale Konfliktebene zu heben.

Ressourcen: Es besteht noch Arbeitsfähigkeit, d.h. sie geht einer regelmäßigen Arbeit nach, sie

gibt die Unterstützung durch ihren Ehemann an und sie hat offensichtlich eine Fähigkeit Aufga-

ben anzugehen, zu lösen und beharrlich zu sein. Sie ist Mutter von 2 Kindern zu denen wohl ein

gutes Verhältnis besteht und diese Beziehung scheint ihr wichtig.

Verlauf:

Ich bespreche mit ihr die Methodik der Psychotherapie (Therapie mit Worten) im Vergleich zur

medikamentösen Therapie.

In der 2. Sitzung erscheint sie spontan mit ihrem Ehemann, nicht vorher abgesprochen und das

Gespräch geht darüber, dass sie sich oft streiten würden.

Fokalziel dieser Stunde: Wie kann sie Unterstützung im täglichen Leben bekommen, wie steht es

mit der Unterstützung durch ihre Eltern. Ich frage sie, wie es wohl ihrer Mutter ergangen ist, als

diese genauso alt war wie sie. Sie gab zu, dass es ihre Mutter damals wohl schwer gehabt haben

muss.

Beim nächsten Termin erscheint sie nicht:

Es kristallisiert sich heraus, dass sie kein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter habe und meine, die

Mutter wertschätze nicht sie, sondern ihre Schwester. An dieser Stelle begriff ich, dass ich mit

dem Thema ihrer Mutter unmittelbar einen Konfliktbereich angesprochen hatte, der von ihr durch

das Nicht-Erscheinen abgewehrt wurde.

3. Sitzung

Die Patientin berichtet über Durchfall und schlechtes Schlafen.

Ich biete ein ressourcenorientiertes Tagtraum-Motiv den Baum an: großer Baum, sehr groß, viel

grün, hört Vögel zwitschern, schönes Wetter, Sonne, ein Baum aus ihrer Kindheit, Boden ist

braun, trocken, beim anfassen der Rinde des Baumes breche sie spontan ein Stück glatte Rinde

ab, dies fällt zu Boden, hierbei wird sie traurig und weint, darunter erscheint der Baum weiß. Der

Baum brauche Wasser, habe aber nicht ausreichend, er ziehe Wasser mit den Wurzeln aus der

Tiefe des Bodens, sie möchte auf diesen Baum gut acht geben.

Fokus: In dieser Sitzung stehen die Selbstfürsorge, das Selbstverständnis und die Stärken ihrer

Persönlichkeit im Vordergrund.

4. Sitzung

Es erfolgt die Rückblende auf die vorhergehende Stunde: Sie habe viel über den Traum nachge-

dacht, habe sich dann leichter gefühlt, auch die Arbeit habe gut geklappt, inzwischen hätte der

Ehemann auch Arbeit gefunden. Sie äußert die Assoziation, dass die ,,Verletzung" der Rinde et-

was mit der Schwester zu tun habe, mit der sie keinen Kontakt pflege.

Sie meint sie habe sich in dem Sinne verändert, dass sie selbstbewusster geworden sei. Sie habe

letztens mal das Geschirr nicht gleich für alle weggeräumt und die Familie habe sie gefragt, ob

mit ihr irgendetwas los sei, sie sei anders geworden. Auch habe sie sich nun entschieden eine

eigene häusliche Schneiderei zu eröffnen.

Fokus: Es geht weiterhin um Selbstfürsorge und Stärken.


5. Sitzung

Wieder berichtet sie über verstärkten Durchfall. Wir sprechen nochmals über den Tagtraum mit

dem Baum und einer möglichen ,,Verletzung" im Hier und Jetzt oder früheren Leben.

Ich schlage einen Tagtraum mit der Reise ins Innere des Körpers vor und biete als Motiv, ihren

Darm an.

Sie beschreibt ihren Magen und Darm wie auf einem Foto zu sehen. Der Darm sei zusammenge-

rollt, sehe weiß aus mit rosa Blutgefäßen, arbeite sehr viel, werfe alles sofort raus, was von oben

kommt. Der Magen arbeite genauso viel, der Darm arbeite so viel ab, wie der Magen an Menge

liefere. Auf die Frage, was den Magen stoppen könne: Das ,,nicht essen", dann käme er zur Ruhe,

aber es wäre wie Streik. Wie sich der Magen fühlt frage ich. Er sei unruhig und was er brauche

frage ich ­ Ruhe. Ich fordere auf, mit der Hand symbolisch den Magen zu berühren, Kontakt auf-

zunehmen. Es gehe, der Magen entspanne sich, er mag es, fühle sich wie ein Baby, der Darm

käme ebenfalls zur Ruhe, sobald sie die Hand wegnehme fühle sich der Magen wieder schlecht.

Vielleicht könne sie die Hand wegnehmen und Auf Wiedersehen sagen. Zum Schluß fordere ich

auf, die Hand auf den Magenbereich zu legen und so körperlich Kontakt aufzunehmen.

6. Sitzung

Sie fühle sich deutlich besser, durch den Tagtraum sei der Durchfall gebessert, sie sei der Mei-

nung, es habe etwas damit zu tun, sich zu mögen und ihren Körper zu akzeptieren.

Sie berichtet über viel Ärger mit dem Ehemann, der Schwiegerfamilie und eigentlich liebe sie

ihren Mann nicht, schätze ihn nicht. Sie fahre nun vielleicht für 3 Wochen in die Türkei und da-

nach möchte sie gerne mit regelmäßigen Terminen weitermachen.

Das Gespräch geht nochmals um ihre Eltern, inwiefern diese nicht nur schlecht gewesen seien

und sie von denen Unterstützung erfahren habe. Ich gebe ihr dies als Hausaufgabe zu bedenken.

Fokus: Es steht die Abgrenzung vom Ehemann im Vordergrund, inwiefern die Elternintrojekte

vor allem der Vater als Ressourcen betrachtet werden können, ist noch herauszuarbeiten.

An dieser Stelle hätte ich eigentlich die Kurzzeittherapie beenden können, jedoch wie schon Ba-

lint in seiner ,,Fokaltherapie" mitteilte (Balint 1973), müsse der Therapeut flexibel darauf einge-

hen, wenn der Patient mehr erwarte und auch aus medizinischer Sicht eine weiterführende Thera-

pie sinnvoll sei. Frau B. ist weiterhin bei mir in ambulanter Therapie, der Fokus ist mittlerweile

von der körperlichen Symptomatik auf die Abgrenzungsfähigkeit in der Partnerschaft zentriert.

3. Diskussion:

Die Psychotherapie mit dem Tagtraum scheint mir in besonderer Weise geeignet, auch wenn sie

westlichem Denken entspringt - dem bildlich, naturhaftem Denken der türkischen Patienten mei-

ner Ambulanz entgegenzukommen. Wir müssen berücksichtigen, dass es bei der Mehrzahl der

uns aufsuchenden Patienten mit dörflichem Hintergrund nicht vorausgesetzt werden kann, dass

sie mit Hilfe psychotherapeutischer Konzepte eine für sie Sinn stiftende Erklärung und Unter-

stützung für ihre Leiden finden. In seinem Buch Içimizdeki Çocuk stellt Doan Cücelolu (1992)

zu Recht die Frage, inwiefern diese psychologischen Begrifflichkeiten Anwendung in der türki-

schen Kultur haben können, da sie doch einer anderen Kulturgeschichte entspringen. Er beant-

wortet diese Frage u. a. damit, dass es Kultur übergreifende menschliche Phänomene gebe und er

als Autor selbst schließlich in der Türkei geboren, aufgewachsen und ausgebildet worden sei und

somit die von außerhalb kommenden Erkenntnisse an das Türkische anpassen könne. Ich selbst

erfülle leider nicht ganz diese Voraussetzung, stelle aber fest, dass in unserer Ambulanz bei den


türkischen Patienten mit Hilfe der von uns verwendeten psychologischen Herangehensweise das

Interesse und die Akzeptanz groß ist.

Wie kamen wir nun auf den Gedanken, dass das Konzept einer Kurzzeittherapie sinnvoll sein
könnte?

Zunächst vereinbarte ich mit den Patienten einzelne Kontakte in regelmäßigen Abständen, nach-

dem wir uns auf die Therapie an sich geeinigt hatten.

Es fiel dann auf, dass wenn ich Beratungs- oder Therapiegespräche aufgenommen hatte, das vor-

dringliche Beschwerdeanliegen sich innerhalb von etwa drei bis sechs Terminen gelegt hatte und

von da an nur noch gelegentliche Termine in größeren Abständen von den Patienten wahrge-

nommen wurden. Dies ließ mich schlussfolgern, dass es wenig sinnvoll ist, dieser Patientengrup-

pe eine festgelegte (Langzeit-) Psychotherapie vorzuschlagen oder eine auf Medikamentenver-

ordnung abzielende Therapie anzubieten. Eine flexible Kurzzeittherapie ist meiner Meinung nach

am sinnvollsten und ich entschied mich für die psychodynamische Kurzzeittherapie mit Schwer-

punkt Katathym imaginativer Psychotherapie, die etwa Mitte der 50èr Jahre von H.-C. Leuner

erstmals publiziert wurde (Leuner 1955).

Was ist die Katathym imaginative Psychotherapie und warum ist sie so hilfreich für unsere Ar-
beit?

,,Ein Erlebnis drückt sich beim Menschen je nach der Struktur des psychischen Apparates auf die

verschiedenste Art aus." [...] ,,Die Bildgestaltung ist nicht nur Ausdruck einer affektiven Ladung

und Leistung, sie ist auch Kompensation für Enttäuschungen, sie ersetzt das uns Mangelnde und

wird in hohem Maße belebt durch Projektion der Gefühle mit mystischen und religiösen Inhalten.

Dadurch wird diese Gestaltung zu einer besonderen Welt an sich, in der Verdammung und Erlö-

sung, sein oder nicht sein erlebt werden, wie in der Welt der Wirklichkeit." So schrieb Laforgue

bereits 1960 über die Wertigkeit von Imaginationen. Meiner Meinung nach ermöglicht die Ka-

tathym imaginative Psychotherapie diese Form der Bildgestaltung in besonderer Weise. Ich er-

kläre meinen Patienten dieses Verfahren so, dass es letztlich ermöglicht, in einer Art Entspan-

nung, des Körpers, d. h. der Muskeln, Bilder im Kopf entstehen zu lassen. Diese können uns

mehr verdeutlichen, als wir normalerweise mit Worten ausdrücken können. Was wir dann ge-

fühlsmäßig darüber hinaus erleben, bringt eine Lösung, die man ebenfalls mit Worten nicht erklä-

ren könne. Die von Hans Carl Leuner ursprünglich entwickelten Motive sind natur orientierte

Bilder wie Blume, Wiese, Fluss, Waldrand, Berg, Haus und auch Baum. Diese Motive sind, so

hat sich herausgestellt, für die Patienten orientalischer und dörflicher Herkunft besonders leicht

zu imaginieren.

Mein Vorgehen unterscheidet sich allerdings von dem Leunerschen Konzept insofern, dass der

konfliktmobilsierende Anteil im Hintergrund steht und ich gerade in den ersten Stunden den Res-

sourcencharakter der Bilder betone. Darüber hinaus setze ich voraus, dass jede Sitzung für sich

stehen soll und nicht ein Konfliktthema über mehrere Sitzungen hinweg bearbeitet wird. Dies

würde zu einer Labilisierung der lebensbewältigenden Fähigkeiten der Patienten und unter Um-

ständen ihres Familiensystems führen, welches gerade für die noch wenig sprachlich und kultu-

rell integrierten türkischen Patienten kontraproduktiv wäre.

Was macht die KIP so wirksam in der Kurzzeittherapie?

Dieses Verfahren ermöglicht die Projektion von Konflikten und sog. Übertragungsneurosen weg

vom Therapeuten auf einen 3. Bereich, den des Bildes in der Phantasie. Durch die Vielzahl an

verwendeten oder gebilderten Symbolen kann ein Konflikt hochverdichtet mehrdimensional dar-


gestellt werden. Die Verfremdung des Realkonfliktes, die hierbei passiert, erleichtert das spätere

Bearbeiten durch eine affektive Regulierung und ermöglicht somit die Integration des Inhalts.

Was bedeutet Fokus in diesem Sinne?

Nach Klüwer (2000) ist Fokus die Beschränkung auf einen Konfliktbereich, der zum ausschließ-

lichen Thema der Behandlung wird. Hennig (2007) betont, dass es wichtig sei, je weniger Zeit

zur Verfügung stehe, einen Fokus zu extrahieren. Ich versuche früh einen Fokus zu formulieren,

den der Patient in der ersten Sitzung anbietet oder wenn nicht explizit geäußert und verhandelt,

ich ihn für mich herausarbeite. Balint, einer der ersten, der systematisch die Kurzzeittherapie un-

ter dem ,,Fokalziel" untersuchte, lieferte schon 1973 ein Konzept analytischer Kurzzeittherapie.

Auch wenn seine Schlussfolgerungen und Konzeptbildungen möglicherweise heute in eine ande-

re Richtung gehen würden, hat er doch eine grundlegende Forschungsarbeit geleistet und die Art

und Weise wie er seine Fokaltherapie protokollierte und in seiner sog. ,,Werkstatt" mit anderen

Ärzten kritisch diskutierte kann auch heute noch im Verstehen und Überprüfen der Arzt-Patient

Beziehung hilfreich sein. In schwierigen Fällen jedenfalls nutze ich dieses Instrument unter su-

pervisorischen Aspekten, um zusätzliche Aspekte der Gegenübertragung deutlich werden zu las-

sen und das Fokalziel im Auge zu behalten.

Die Bedeutung des Therapeutischen Bündnisses

Nach Küchenhoff (2005) ist das Arbeitsverhältnis bei psychodynamischer Kurz- und Fokalthera-

pie sehr wichtig. Da nur wenig Zeit, d. h. Anzahl an St. zur Verfügung steht und insbesondere ich

immer wieder von mich aufsuchenden Patienten berichtet bekomme, dass sie sich in den bisheri-

gen Arzt Kontakt nicht ernst genommen fühlten, schien mir dies ebenfalls ein wichtiger Punkt zu

sein, den es zu beachten gilt ­ nämlich ständig die (konstruktive) Arzt-Patient Beziehung im Au-

ge zu behalten. Daher sollte meiner Meinung nach in jeder Therapie-Stunde genau auf Signale

geachtet werden, die andeuten, dass sich ein Bruch in der therapeutischen Beziehung und schließ-

lich Abbruch der Behandlung anbahnt (Safran 2002). Schließlich ist ohnehin bekannt, dass die

Qualität der therapeutischen Beziehung eine der wichtigsten Indikatoren für eine erfolgreiche

Therapie ist.

Die Therapie richtet sich nach den Bedürfnissen des Patienten

Ich gehe in der Therapie nicht streng nach der Abfolge der Leunerschen Technik vor, sondern

orientiere mich an Penny Rawson, die in ihrem Handbook of Short-Term Psychodynamic Psy-

chotherapy (2005) nicht nur vorschlägt, verschiedenste Mittel (wie Körperarbeit, Gestalt, Kunst

und Musik) einzusetzen, sondern darüber hinaus verschaffe ich mir in den ersten Sitzungen in

halbstrukturierter Weise einen Überblick über die Ressourcen des Patienten in Anlehnung eines

Manuals das sogenannte PREDI (Küffner 2006). Habe ich Grund zur Annahme, dass insbesonde-

re bei traumatisierten Patientinnen und Patienten der Boden sehr unsicher ist, beginne ich mit der

Motivvorgabe eines sicher, angenehmen Ortes. Hier fiel mir in den bisherigen Fällen auf, dass oft

Bilder vom Strand und Wasser mit warmem weichen Sand erschienen, an zweiter Stelle dann

Bilder vom Wald, hohen Bäumen, Vogelzwitschern und Fluss.

Aspekte der Supervision

Wichtig erscheint mir vor allem auch die kritische Reflexion dessen was wir tun, hier ist vor al-

lem die Supervision unter dem interkulturellen Gesichtspunkt zu nennen und diese steckt noch in

den Kinderschuhen, bedenkt man wie viele fremdsprachige Behandlungszentren es in den über-

wiegend großstädtischen Ballungszentren in Deutschland gibt. Denn auch die zusätzliche

(Fremd-) Sprachenkompetenz birgt Fallstricke in der Arzt-Patientenbeziehung über die ich schon


an anderer Stelle berichtet habe (Haude 2004 a). Nach meiner Kenntnis ist im Frühjahr 2007 auf

der Tagung des Arbeitskreises Türkisch sprachiger Psychotherapeuten in Hannover erstmalig

eine Gruppenveranstaltung mit Selbsterfahrungsanteil unter der Leitung des Kölner Psychoanaly-

tikers Karacaolan durchgeführt worden, die aber leider bisher eine einmalige Veranstaltung

blieb. Vorstellbar wäre z.B. die Gruppenarbeit nach dem Balint-Konzept den Erfordernissen der

interkulturellen Fragestellungen anzupassen, ähnlich wie Balint-Gruppen auch für die psychiatri-

sche Ausbildung adaptiert wurden (Haude 2004 b).

4. Schlussbemerkung:

Die türkischsprachige Ambulanz an unserer Klinik erwuchs aus einem zaghaften Einzelangebot

an psychotherapeutischer Behandlung, die bisher keine Entsprechung in der Region hatte. Als

unser Angebot erweitert und ich mich mit der Arbeit mit den Migrationspatienten systematischer

befasste, wurde mir deutlich, dass es nicht nur die Sprache ist, die unser Angebot so attraktiv

machte, denn inzwischen hat sich die Nachfrage so stark erhöht, dass ein Termin vor vier bis

sechs Wochen nicht zu bekommen ist, sondern es scheint mir vor allem die Qualität einer thera-

peutischen Leistung zu sein, die die türkisch-sprachigen Patienten mindestens genauso wichtig

erachten wie deutsche. Ganz gleich welche zu Grunde liegende Problematik den Patienten zu uns

führt, ob ein medizinisches oder sozio-psychologisches Problem im Vordergrund steht, nehmen

wir uns Zeit, jeden Patienten ausführlich anzuhören und eher mal auf eine Medikation zu verzich-

ten, weil sich häufig abzeichnet, dass das Problem anders gelöst werden kann oder muss. Hier

sind naturgemäß die Grenzen zwischen Beratung und Psychotherapie fließend.

6. Literatur:

Balint, M., Ornstein, P.H., Balint, E. (1973): Fokaltherapie. Kempten: Suhrkamp

Cücelolu, D. (1992): Içimizdeki Çocuk. Istanbul: Remzi Kitapevi

Dubois, P. (1910): Grundlagen der Psychotherapie. Die Therapie der Gegenwart 12: 385-396.

Berlin. Urban und Schwarzenberg

Haude, V. (2004 a): Der "Schlaganfall" bei einer türkischen Patientin - Ein Fallbericht. Psychiatr

Prax: 316-317. Stuttgart: Thieme

Haude, V. (2004 b): Balintgruppen in der psychiatrischen Weiterbildung, ganz im Sinne Balints?

Balint 5: 82-85. Stuttgart: Thieme

Hennig, H. (2007): Das zentrale Beziehungskonfliktthema (ZBKT) in der KIP. In: Beziehung und

therapeutische Imagination, Hennig, H. (Hg): 145-172. Lengerich: Pabst

Leuner, H. (1955): Experimentelles Katathymes Bildererleben als ein klinisches Verfahren der

Psychotherapie. Z Psychoth med Psychol 5: 233-260. Stuttgart: Thieme

Laforgue, R. (1960): Erlebnis, Struktur und Bildgestaltung. Praxis der Psychotherapie: 260-265.

München: J.F. Lehmann

Klüwer, R. (2000): Fokus-Fokaltherapie-Fokalkonferenz. Psyche 4: 299-321. Stuttgart: Klett-

Cotta

Küchenhoff (2005): Psychodynamische Kurz- und Fokaltherapie. Stuttgart: Schattauer

Küffner, H., Coenen, M., Indlekofer, W. (2006): PREDI Psychosoziale ressourcenorientierte

Diagnostik. Lengerich: Pabst

Safran, D. S. (2002): Repairing Alliance Ruptures. In: Psychotherapy Relationships that Work,

Norcross, J. C. (Hg.): 235-254. Oxford: Oxford University Press

Rawson, P. (2005): A Handbook of Short-Term Psychodynamic Psychotherapy. London: Karnac



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