Subtitle: Über einige vergessene Gegenstände des guten Geschmacks
Essay, 1994, 20 Pages
Author: Dr. Reinhard Knodt
Subject: Art - Art Theory, General
Details
Tags: Atmosphäre, Fest
Year: 1994
Pages: 20
Grade: 1
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-29693-4
ISBN (Book): 978-3-640-30244-4
Erster Essay, der 1994 das Problem der Atmosphäre wieder in die Diskussion an den Hochschulen einführte, theoretische Betrachtungen über Fest und Festlichkeit als atmosphärisches und kulturelles Phänomen technischer Gesellschaften
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Abstract
Atmosphären sind gestaltbare Stimmungen, die durch atmosphärische Kompetenz beeinflußbar sind. Untersuchungen zur Atmosphäre von Gegenständen und Räumen. Das Fest als prominenteste Atmosphäre. Hinweise zum Phänomen des Festes als Utopie-Inhalt.
Excerpt (computer-generated)
1
Reinhard Knodt (Universität d. Künste Berlin)
(www.Reinhard-Knodt.de)
Atmosphären und das Fest
Über vergessene Gegenstände des guten Geschmacks
(Zitierbar nach: R. Knodt: ästhetische Korrespondenzen, Reclam Stuttg. 1994 S. 39-69)
2
I. Der Atemkreis der Dinge - Vorbereitende Beobachtungen
Atmosphären kennen wir aus Erfahrung. Es sind gewissermaßen intuitive Gegenstände. Gefragt
aber, was eine Atmosphäre denn nun wirklich sei, stellt sie sich meist als überraschend
ungreifbar heraus. Wir neigen dazu, Atmosphären aus Hilflosigkeit genetivisch zu benennen: Die
Atmosphäre eines Künstlerfestes, die Atmosphäre eines internationalen Kongresses, die
Atmosphäre einer Weihnachtsfeier im Caritas-Pirckheimer Haus mit Glühwein und Gebäck...-.
Wir benennen Atmosphären auch nach Stimmungen als "heiter", "düster", "festlich", oder nach
körperlichen Zuständen: die "nervöse Atmosphäre", die "angestrengte Atmosphäre, die der
Redner durch sein bedeutungsheischendes Betragen erzeugte", usw. - Wir bringen auch den
Begriff der Aura in die Nähe der Atmosphäre. - Schließlich wissen wir, daß man Atmosphären
herstellen oder zumindest eine Situation erzeugen kann, in der sie entstehen. Das gilt
interpersonal - etwa im Fall des prätensiösen Betragens, wie auch für den Gegenstands- und
Umgebungsbezug: - Für den Gartenbautheoretiker Hirschfeld etwa (Gernot Böhme machte vor
einiger Zeit darauf aufmerksam) ist eine Atmosphäre identisch mit einer "Gegend", die man wie
eine Bühne inszenieren kann. So schreibt er z. B. von der "sanft melancholischen Gegend", daß
zu deren "Ausstaffierung" bestimmte dunkle Laubarten, den Blick versperrende Buschreihen und
stehendes, beschattetes Wasser gehören. Architekten und Raumplaner sprechen sowieso ständig
von Atmosphäre oder sollten es zumindest, denn sie tun nichts anderes als Atmosphären
herzustellen, auch wenn sie meinen sollten, daß sie im "symbolischen Diskurs" mit anderen
Architekten "dialogisierten" oder "historische Varianten" ehemaliger Bauten produzierten. Sie
stehen jedenfalls auch in ästhetischer Korrespondenz mit ihrer Umgebung und sich selber, d.h.
sie gehen von dem aus, was als Atmosphäre irgendwo herrscht oder angestrebt ist.
Man könnte diese Aspekte vertiefen, etwa semantisch: Meinen wir mit dem Ausdruck: "die
Atmosphäre einer heißen Sommernacht" ein Geschehen oder einen Gegenstand, oder etwas, das
in der Situation einer heißen Sommernacht herrscht und in das man hineingeraten kann? Eine
andere Spezifikation wäre in erkenntnistheoretischer Hinsicht nötig. Gernot Böhme etwa
bezeichnet Atmosphären als "quasiobjektive Gegenstände", womit er zwar das Problem nicht
löst, aber immerhin auf den Sachverhalt weist, daß wir uns im Bereich des ästhetischen
Reflektierens, und das heißt im Bereich subjektiv allgemeiner Gegenstände befinden. Für einen
Empiriker ist ein "subjektiv allgemeiner" Gegenstand deswegen so ungreifbar, weil er abhängig
3
von einem "Subjekt" und andererseits doch auch empirisch verortbar sein soll. Wir wissen, daß
Atmosphären einerseits unabhängig von unserem Zutun herrschen können, was sich darin zeigt,
daß wir in sie hineingeraten können, andererseits aber sind wir, wenn es so weit ist, nicht
unbeteiligt an ihrem Entwurf - eine Angelegenheit, die zeigt, daß es sich bei der Atmosphäre um
einen Geschmacksgegenstand handelt, allerdings ohne die zwangsweise Beziehung auf das, was
man traditionell als Kunstwerk versteht. Hier liegt glaube ich, eine große Möglichkeit des
Atmosphärenbegriffs. Er weist auf die Verwendung ästhetischen Denkens in Bereichen, die mit
der landläufigen Meinung von typischen ästhetischen Gegenständen nichts zu tun haben und
dennoch jedermann verständlich zu machen sind.
Ich will zwei Schwerpunkte setzen. Der eine ist die Beziehung von Atmosphäre zum Raum und
Raumwahrnehmung, der andere ist das Phänomen des Festes und der dort auftretenden
"atmosphärischen Überflutung", bzw. des Zerfalles von Raum u. Zeit. Zuletzt kann man dann
fragen, inwieweit eine Wahrnehmungsschärfung dieser Art Hilfestellung zur ästhetischen
Verständigung in der Situation subkultureller Differenz bietet. Folgende Thesen, die ich mehr
implizit behandle, sollen dabei zur Sprache kommen:
1. "Atmosphäre" wird nicht wahrgenommen, sie ist vielmehr selber eine Art Wahrnehmung und
sie steht im Zusammenahng mit ästhetischen Entwürfen des Raumes, ob sie nun von Menschen,
Dingen, oder Geschehnissen ausgeht.
2. Es gibt folglich nicht nur eine atmosphärische Sensibilität, sondern auch eine atmosphärische
Kompetenz, die sich mit der kommunikativen Kompetenz durchaus vergleichen ließe. Diese ist
eine wichtige Verständnisbasis für Gemeinsamkeit in einer Weltkultur der subkulturellen
Differenz.
3. Solch eine atmosphärische Kompetenz läßt sich theoretisch auffassen, d.h. es läßt sich
Wissenschaft davon treiben. Wir müßten dazu lernen, Situationen, Umgebungen und
menschliches Verhalten auf seine atmosphärische Wirksamkeit hin anzusehen und zu
beschreiben. Wir müßten auch historische Wahrnehmungsweisen (Literatur) erforschen und
beschreiben.
4
4. Solch eine Kompetenz läßt sich auch praktisch auffassen, das heißt als Fähigkeit, ins
atmosphärische Geschehen einzutreten. Jedermann im Alltag verfügt in einem gewissen Maß
über diese Kompetenz. Bildende Künstler, Architekten, Landschaftsplaner usw. müssen ganz
besonders über sie verfügen.
5. Es geht bei all dem darum, zu lernen, wie man in einem Raum "flanieren" könnte, der durch
unser technisches Naturverhältnis, das mediale Geschehen und den technischen Menschen
gekennzeichnet ist und wie man von diesem Flanieren gezielt Bericht erstatten könnte.
II. Atmosphäre und Raum - zum atmosphärischen Charakter urbaner Systeme
Der Raum - so lautet ein Gedanke, der sich von Husserl und Cassirer bis zu Heidegger und
zeitgenössischen Theoretikern fortsetzt, wird vom Menschen durch dessen soziale Tätigkeit
eingerichtet. Er ist Poiesis, und vor allem geographischem, politischem oder
naturwissenschaftlichen Interpretationen ist er eine ästhetische Angelegenheit, ein Geschehen
nicht nur der Symbole, in dem sich der Mensch ein Netzaus Orten und deren Bezüglichkeiten
schafft. Die "Orte" und die "Dinge" sind dabei identisch und in ihrer bedeutungsschweren und
magischen Qualität zeichnen sie eine Grundsituation vor, die in die direkte Übertragung des
griechischen Wortes "Atmosphäre" führt - Der Mensch lebt - noch bevor er abstrakte
Bezüglichkeiten entwirft - im Atemkreis der Dinge, in ihrem Bann als einer Art erstem,
grundsätzlichem "Raum sinnlich affektiver Bedeutsamkeit.
Entsprechend herrscht Atmosphäre auch für die philosophische Phänomenologie nicht "in"
einem Raum, "in" einer Umgebung oder "in" einer Gegend, sie herrscht vielmehr "als" Raum,
"als" Situation bedeutsamer Symbole und Geschehnisse, als "Horizontgeschehen", als
"Umhaftes" (Ströker), als "Tönung" (Bollnow) und "gestimmter Raum" (Heidegger) als etwas,
das auch in einem psychischen Sinne unsere Handlungen und Wahrnehmungen tingiert und dann
natürlich als zweiter Schritt ins Verhältnis zu anderen Interpretationen geometrischer,
architektonischer oder politischer Art tritt, so daß man vom Raum auch als einem Geschehen des
"Innenaußen" gesprochen hat. (Bachelard)
5
Der Zusammenhang von atmosphärischem Raumentwurf und bestimmten "Gegenden" des vom
Menschen gebauten Raumes ist ein großes Thema der Philosophie der Stadt: - Joseph Rykwert
beispielsweise hat die Gründung einer antiken Stadt als symbolischen Akt des
Bedeutsammachens von Raumbezügen durch einen Priester beschrieben. Symbolische
Weihehandlungen geben der Stadt einen "Mittelpunkt", eine "Achse", verbinden sie mit einer
Kosmogonie; die Einrichtung eines "Raumes" und die Schaffung einer Atmosphäre, also einer
ersten Heiligkeit und allgemeinen bedeutsamen Aura, in deren Licht alle Gegenstände, Orte und
Menschen eingewoben sind, stehen im engen Zusammenhang.
Die Stadt wurde im Lauf ihrer Geschichte mehrmals gewissermaßen atmosphärisch nach- oder
umgerüstet. (Dies ist interessant vor allem in den zentralen Aspekten wie dem Kathedralenbau,
der Prunkenfaltung der Duodezfürsten, der Anlagen von Promenaden, unter Napoleon III. usf.)
Man könnte überhaupt das Bauen an einer Stadt als atmosphärisches Nach- und Umrüsten eines
Raumes beschreiben und verschiedene Planungsprojekte einmal daraufhin untersuchen, ob es
sich im Grunde nicht um atmosphärische Zurüstungen handelt, die erst in einem zweiten Schritt
unter "soziale" Beschreibungen subsumiert werden.
Seit dem 19. Jh. - auch das ist ein interessantes Phänomen - erkennt man die "Unförmigkeit"
urbaner Systeme und im 20. Jh. sieht man in der Stadt das wuchernde Chaos, "Chaosmos" heißt
das treffende Wort dazu bei James Joyce, London löst sich auf, hat jemand jetzt wieder entdeckt
und "die große Stadt stirbt", heißt es allgemein. Tatsächlich aber geht es auch hier um
Atmosphärisches: Der atmosphärische Bann der großen Städte - ihr urbanes "Klima" geht an
andere atmosphärische Träger über, etwa an die Medien (City Radio, City-TV) oder an eine neue
Form des architektonischen Designs von Gesamtzusammenhängen.
Vgl. Bruce I. Coleman, The Idea of the City in Nineteenth Century Britain, London, Boston
1973;
Vgl. Martin Pawley, Architektonische Stealth Bomber in der Altstadt. Zukunft der Stadt (VI)
Blitzkrieg und Baufieber - über die unaufhaltsame Auflösung Londons FAZ Nr. 58 9. März
1992 S. 36.
Karlheinz Stierle, "Der Tod der großen Stadt. Paris als neues Rom und neues Karthago" in
Smuda, Die Großstadt als Text, München 1992 S. 101 - 129.
Es war für mich ein großes Erlebnis, mit John Hejduk in New York zusammenzutreffen, der
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