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Juan Marsé: El amante bilingüe

Subtitle: Mehrsprachigkeit in Katalonien im zeitgenossischen spanischen Roman und Probleme einer angemessenen Übersetzung

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 29 Pages
Author: M.A. Iveta Hronova
Subject: Romance Languages - Spanish Studies

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2007
Pages: 29
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 13  Entries
Language: German
Archive No.: V124457
ISBN (E-book): 978-3-640-29712-2


Abstract

Spanien ist ein multikulturelles und multilinguales Land. Neben dem dominanten Spanischen (Kastilischen), werden dort mehrere regionale Sprachen (v.a. Katalanisch, Galizisch und Baskisch) gesprochen. Während der Francodiktatur wurden diese Sprachen seitens Francos zentralistischer Politik systematisch unterdrückt. Mit der Etablierung der Demokratie Ende der siebziger Jahre wurde die linguistische und kulturelle Heterogenität Spaniens wieder anerkannt und die historischen Sprachen als ko-offiziell gebilligt. Die Verbreitung der autochthonen Sprachen wird in verschiedenen Regionen in unterschiedlichen Maßen gefördert. Katalonien gilt als Pionier in der kulturellen Wiederauferstehung. In Folge der rigorosen katalanischen Sprachpolitik wurde eine bilinguale und diglossale Situation erreicht. Obwohl sich das Katalanische gegenüber dem Kastilischen bereits in vielen Domänen durchgesetzt hat, stehen die beiden Sprachen in einem ständigen Konkurrenzkampf. Diese Konfliktsituation wirkt sich in vielen Hinsichten auf das öffentliche Leben in Katalonien aus. In der vorliegenden Arbeit wird der zeitgenössische Autor aus Barcelona Juan Marsé und sein Roman El amante bilingüe vorgestellt. An diesem Roman sollte untersucht werden, wie sich ein bilingualer katalanischer Schriftsteller mit beiden Sprachen und Kulturen in seinem Werk auseinandersetzt. El amante bilingüe ist für eine solche Analyse besonders geeignet, und das aus zwei Gründen: das Werk ist in einer mehrsprachigen Konfliktsituation entstanden und der Sprach- und Kulturkonflikt ist gleichzeitig sein Hauptthema. Die vorliegende Arbeit wird zuerst die Auswirkungen des Sprachkonflikts auf die Literatur im heutigen Barcelona eingehen. Aufmerksamkeit wird vor allem den soziolinguistischen Aspekten der literarischen Produktion gewidmet. Folgend wird Marsés Roman El amante bilingüe vorgestellt und anhand seines Inhalts gezeigt, welche Stellung der Autor selbst zu der Mehrsprachigkeit in Katalonien einnimmt. Die verschiedenen linguistischen Techniken und Mittel des Autors, mit deren Hilfe er die Sprachsituation beschreibt, werden näher gebracht. Es werden auch außerlinguistische Themen behandelt, wie das Zusammenleben von Katalanen und Andalusiern und die geläufigen Stereotype der beiden Gruppen. Zuletzt wird untersucht, wie sich die mehrsprachige Realität und ihre literarische Verarbeitung auf die Übersetzung ins Deutsche auswirkt.


Excerpt (computer-generated)

Institut für Romanische Sprachen und Literaturen

Hauptseminar: Mehrsprachigkeit und Übersetzung

Sommersemester 2007

Juan Marsé: El amante bilingüe

Mehrsprachigkeit in Katalonien im zeitgenossischen spanischen Roman und

Probleme einer angemessenen Übersetzung






von Iveta Hronova

8. Semester

Romanistik, Amerikanistik, Slavische Philologie


Inhaltverzeichnis

1. Einleitung 3

2. Sprachkonflikt und Literatur in Katalonien 5

2.1. Sprachwahl in der zeitgenössischen katalanischen Literatur 5

2.2. Literaturproduktion in Barcelona 7

2.3. Sprachliche Heterogenität im Text 9

2.4. Verfahren der Fremdsprachenverwendung 10

3. Juan Marsé: El amante bilingüe 11

3.1. Juan Marsé und seine Romanschreibung 11

3.2. Der Roman El amante bilingüe 13

3.2.1. Handlung 13

3.2.2 Katalanisch- und Kastilischsprecher in

El amante bilingüe

14

3.2.3. Symbolik und autobiographische Elemente in

El amante bilingüe

16

3.3. Die katalanische Sprache in

El amante bilingüe

17

3.4. Stellungnahme des Autors 19

4.

El amante bilingüe

­ Das Problem einer angemessenen Übersetzung 20

4.1. Übersetzung eines sprachlich heterogenen Text 20

4.2. Das Beispiel

charnego

21

4.3. Andere Beispiele 23

5. Abschließende Betrachtung 25

6. Bibliographie 27

2


,,...linguistic diversity is a human resource to be nurtured and cherished, not a problem to be

overcome" (Viv Edwards)

1. Einleitung

Spanien war schon immer ein multikulturelles und multilinguales Land. Außer der

dominanten Sprache, dem Kastilischen,1 werden dort noch weitere regionale Sprachen (v.a.

Katalanisch, Galizisch und Baskisch) gesprochen. Dazu kommen noch die Sprachen der

Immigranten, die in den letzten Jahrzehnten von außerhalb Spaniens eingewandert sind (z.B.

Arabisch und Englisch).

Nicht immer dürften die Minderheitssprachen innerhalb des spanischen Staates ihre Freiheit

genießen. Seit 1492 gilt die kastilische Varietät des Spanischen als Prestigevarietät, die auch

in die Kolonien exportiert wurde und die dadurch zu einer der Weltsprachen geworden ist.

Der Puls der anderen peninsularen Sprachen hat aber nie aufgehört zu schlagen.

In bestimmten Zeitepochen mussten die regionalen Sprachen immer wieder um ihre Rechte

kämpfen. Besonders während der Francodiktatur (1939 ­ 1975) wurden diese Sprachen zum

Opfer einer systematischen Unterdrückung seitens Francos zentralistischer Politik. Ihr

Gebrauch wurde nur auf mündlichen Usus und folkloristische Aktivitäten reduziert und ihr

Unterricht jahrelang verboten. Alle Versuche die autochthonen Sprachen und Kulturen zu

beleben wurden bestraft. Diese jahrzehntelange politische und kulturelle Suppression hat eine

Zunahme der nationalistischen und separatistischen Aktivitäten in einigen Regionen Spaniens

zufolge (v.a. Katalonien und Baskenland).

Mit der Etablierung der Demokratie in Spanien Ende der siebziger Jahre wurde die

linguistische und kulturelle Heterogenität des Landes wieder anerkannt. Nach der Verfassung

von 1978 wird Spanien in 17

comunidades autónomas

geteilt und neben dem Kastilischen

werden in einigen Regionen die historischen Sprachen als ko-offiziell gebilligt. Es handelt

sich um Katalanisch (in Katalonien, Valencia, Balearische Inseln und Pityusen), Baskisch (in

Baskenland) und Galizisch (in Galizien). Die neuen Autonomieregierungen sind auch für die

Pflege der regionalen Kulturen zuständig.

Die Verbreitung der autochthonen Sprachen und Kulturen wird in verschiedenen Regionen

in unterschiedlichen Maßen gefördert. Unter den

comunidades

gilt Katalonien als Pionier in

der kulturellen Wiederauferstehung. Die in 1979 wieder gegründete

Generalitat de Catalunya

ist die Wiederbelebung und Normierung der katalanischen Sprache mit höchster Priorität

eingegangen. In 1983 wurde die

Llei de Normalització Lingüística

verabschiedet,

die das

1 Das Kastilische wird in der vorliegenden Arbeit als Synonym für das Spanische verwendet; unter den

Kastilischsprechern/innen werden hier vor allem die Kastilischmuttersprachler/innen verstanden.

3


Verbreiten des Katalanischen in möglichst vielen Domänen des öffentlichen Lebens zum Ziel

hatte. Beachtliche Erfolge wurden z.B. in dem Bereich der Administration und Bildung

erzielt.

In Folge der rigorosen katalanischen Sprachpolitik wurde eine bilinguale und diglossale

Situation erreicht. Obwohl sich das Katalanische gegenüber dem Kastilischen bereits in vielen

Domänen durchgesetzt hat, stehen die beiden Sprachen in einem ständigen Konkurrenzkampf.

Diese Konfliktsituation wirkt sich in vielen Hinsichten auf das öffentliche Leben in

Katalonien aus.

Schriftsteller/-innen nehmen in so einer mehrsprachigen Konfliktsituation eine zentrale

Position ein. Sie sind nicht nur Beobachter der gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern auch

ihr Produkt. Sie stehen zwischen zwei Sprachen und Kulturen und müssen oft eine

Entscheidung treffen: welche Stellung sie zu dem Konflikt einnehmen, bzw. aus welcher

Perspektive sie diese Kontroverse in ihren literarischen Tätigkeit aufnehmen.

In der vorliegenden Arbeit wird der zeitgenössische Autor aus Barcelona Juan Marsé und

sein Roman

El amante bilingüe

(,,Der zweisprachige Liebhaber")

vorgestellt. An diesem Roman sollte untersucht werden, wie sich ein bilingualer katalanischer

Schriftsteller mit beiden Sprachen und Kulturen in seinem Werk auseinandersetzt.

El amante

bilingüe

ist für eine solche Analyse besonders geeignet, und das aus zwei Gründen: das Werk

ist in einer mehrsprachigen Konfliktsituation entstanden und der Sprach- und Kulturkonflikt

ist gleichzeitig sein Hauptthema. Resina hat diesen Roman als ,,the most explicit literary

intervention witnessed thus far in Catalonia′s language conflict" bezeichnet (Moreno

Hernández 2003).

Die vorliegende Arbeit wird zuerst die Auswirkungen des Sprachkonflikts auf die Literatur

im heutigen Barcelona eingehen. Aufmerksamkeit wird vor allem den soziolinguistischen

Aspekten der literarischen Produktion gewidmet. Folgend wird Marsés Roman

El amante

bilingüe

vorgestellt und anhand seines Inhalts gezeigt, welche Stellung der Autor selbst zu der

Mehrsprachigkeit in Katalonien einnimmt. Ein beachtlicher Teil dieser Arbeit wird die

verschiedenen linguistischen Techniken und Mittel des Autors näher bringen, mit deren Hilfe

er die Sprachsituation beschreibt. Es werden auch außerlinguistische Themen behandelt, wie

z.B. das Zusammenleben von Katalanen und Andalusiern und die geläufigen Stereotype der

beiden Gruppen. Zuletzt wird man beobachten können, wie sich die mehrsprachige Realität

und die mit ihr verbundene Problematik auf die literarische Übersetzung auswirkt. Es wird

gezeigt, vor welche Art von Herausforderungen der Übersetzer gestellt wird.

4


2. Sprachkonflikt und Literatur in Katalonien

Da Sprachkonflikt und Literatur sehr eng miteinander zusammenhängen, nehmen

Schriftsteller/-innen in so einer Kontaktsituation eine Sonderposition ein. Bilinguale

Autoren/-innen in dem heutigen Katalonien werden vor einige Probleme gestellt, die nicht nur

linguistischer Natur sind. Ihre literarische Produktion wird von zahlreichen historischen,

politischen und sozialen Faktoren beeinflusst.

2.1. Sprachwahl in der zeitgenössischen katalanischen Literatur

Katalanische Schriftsteller/-innen müssen eine Entscheidung treffen, welche von den

konkurrierenden Sprachen für ihre literarische Tätigkeit die passende ist. Sollte man seinen

Wurzeln treu bleiben und auf Katalanisch schreiben, oder sollte sich man lieber des auf dem

spanischen Buchmarkt dominierenden Kastilischen bedienen? Sollte man vielleicht versuchen

die beiden Varianten zu kombinieren? Bei der Sprachwahl spielen neben den formalen und

ästhetischen Aspekten vor allem die soziolinguistischen Aspekte eine große Rolle.

Die Aspekte, die die Sprachwahl bestimmen, können in ,,biographische" (d.h. im

individuellen Lebensweg begründete) und ,,biographie-externe" (gesellschaftlich bedingte)

Einflüsse unterschieden werden. Als biographische Faktoren kann man vor allem

Mehrsprachigkeit in der Familie, politisch- oder arbeitsbedingte Migration, etc. betrachten. Zu

biographie-externen Faktoren zählt z.B. Grad von Normalisierung und Normierung der

beteiligten Sprache, ihr Status und Prestige, ihr Verbreitungsgebiet und Reichweite, politische

Beschränkungen des Schreibens in einer Sprache (z.B. Sprachverbot, Zensur) und die

Schreibtradition, weil bestimmte Textsorten aus politischen, pragmatischen oder literarischen

Gründen in einer bestimmten Sprache geschrieben werden ,,müssen".2 Dazu kommen auch

persönlich-subjektive Motive wie die ,,Schönheit" einer Sprache.

Die nicht-kastilischen Sprachen Spaniens haben vier jahrzehntelang unter Francos

restriktiver Sprachpolitik gelitten. Die drastischste Maßnahme dieser Politik war das

Sprachverbot, die extremste Beschränkung, die eine Sprache überhaupt erleben kann. Erst seit

den sechziger Jahren darf wieder auf Katalanisch publiziert werden.

Mittlerweile ­ zwanzig Jahre nach der Diktatur ­ existiert ein dynamischer katalanischer

Buchmarkt; trotzdem stehen aber noch viele Autoren vor der Entscheidung, auf welcher von

2 In einer Diglossie verlangen manchmal bestimmte Textsorten auch eine bestimmte Sprache, z.B. literarische

Texte werden in der Muttersprache verfasst, wissenschaftliche Texte dagegen in einer größeren

Vehikularsprache. Nicht jede Sprache ist für alle Textsorten anwendbar, da aufgrund der Sprachpolitik des

Landes ihr Register nicht für alle Genres ausgebaut wurde.

5


den beiden Konfliktsprachen sie schreiben sollen. Der Entscheidungsprozeß des

Schriftstellers wird auch von den Erwartungen des Publikums und von der Sprachpolitik der

katalanischen Landesregierung beeinflusst.

Nach einer jahrzehntelangen Repression der katalanischen, literarischen Produktion folgten

zwei Jahrzehnte der intensiven Förderung des Katalanischen, die laut einigen Stimmen in

Richtung Unterdrückung des Kastilischen übergegangen ist. Laut dieser Stimmen werden die

katalanischen Autoren angeblich unter Druck gesetzt auf Katalanisch zu schreiben.

Diejenigen Autoren, die aus welchen Gründen auch immer weiter auf das Kastilische

zurückgreifen, müssen mit einer scharfen Kritik seitens der katalanischen Intellektuellen

rechnen.

Auch auf Seiten der katalanischen Intellektuellen finden sich Stimmen, die nach der langen Phase

der Repression das Schreiben auf katalanisch als ein Muss für katalanische Autoren sehen.

Katalanen, die ganz oder teilweise auf spanisch schreiben, werden für diese Sprachwahl verurteilt

und müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, Abtrünnige und Überläufer zu sein. (Heinemann

1998:105)

Einer der Ersten, der sich zur Sprachwahl und zu den Problemen der Mehrsprachigkeit in

der Literatur Kataloniens äußerte, war der Soziolinguist Francesc Vallverdú in seinem Essay

L′escriptor catalá i el problema de la llengua

(1968

)

. Schon seit den sechziger Jahren plädiert

er für das Schreiben auf Katalanisch und hat sich gegen dem ,,literarischen Bilinguismus"

ausgesprochen. Er kritisiert Autorinnen und Autoren, die Katalanen sind und sich dem

Kastilischen weiterhin bedienen. Sogar diejenigen, die literarische Texte auf Katalanisch

verfassen, aber für andere Textsorten aus praktischen Gründen das Kastilische bevorzugen,

bleiben von seiner Kritik nicht verschont. Seiner Ansicht nach sei die literarische

Mehrsprachigkeit nur eine instabile Übergangssituation, die sich negativ auf die literarische

Ausdrucksfähigkeit des Schriftstellers auswirke. Deswegen seien die mehrsprachigen

Schriftsteller selten bedeutsame Künstler.3

Außer dem ,,literarischen Bilinguismus" verurteilt Vallverdú den sog. ,,falschen Realismus".

So bezeichnet er das Aufnehmen der sprachlichen Heterogenität in die Literatur, wie z.B. die

Darstellung der Kontaktsituation Katalanisch/Kastilisch in den literarischen Texten.

Vallverdús puristische Haltung ist laut Heinemann (1998) in dem politischen Kontext der

sechziger Jahre völlig nachvollziehbar. Seine kritische Stellung hat sich allerdings auch nach

dem ziemlich erfolgreichen Normalisierungsprozess des Katalanischen nicht verändert.

3 vgl. Heinemann 1998:106

6



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