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Aspekte des Gattungsbegriffes im musikwissenschaftlichen Diskurs

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 24 Pages
Author: Jeremy Iskandar
Subject: Musicology

Details

Event: Musikalische Gattungstheorie
Institution/College: University of Bonn (Abteilung für Musikwissenschaft / Soundstudies)
Tags: Gattung, Begriff, Geschichte
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2008
Pages: 24
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 16  Entries
Language: German
Archive No.: V124465
ISBN (E-book): 978-3-640-29714-6
ISBN (Book): 978-3-640-30259-8

Abstract

In der heutigen globalen ‚Musikkultur‘, in der man Musik hauptsächlich als Produkt ansieht, welches es zu vermarkten gilt, ist es aufgrund der Bedeutung von Zielgruppen-Orientiertheit, Trend-Prognosen und ‚Schubladendenken‘ in der Musikindustrie unverzichtbar geworden, ein musikalisches Produkt gattungskategorisch in das vorhandene System einordnen zu können, beziehungsweise eine auf das Produkt zugeschnittene Gattungsbezeichnung zu konstruieren. Nur auf diese Weise kann Musik auf dem globalen Markt als Produkt erfolgreich vertrieben werden, da über die Gattungskategorie eine vermittelnde Instanz zwischen Produzent und Konsument besteht, die eine marktgerechte, auf den Massenabsatz von Musik konzentrierte Handhabung dieser ermöglicht (vgl. Marx, 2005, S. 288f. und: Danuser, 1995, Sp. 1059ff.). Unbeachtet – da für die Musikindustrie vermutlich auch nicht relevant – bleibt hierbei allerdings die Fragestellung, ob Musik denn überhaupt gattungskategorisch erfassbar ist, oder ob es sich bei musikalischen Werken nicht viel mehr um Einzelphänomene handelt, denen man eine immanente Einzigartigkeit zusprechen muss. Ausgehend von dieser Fragestellung (und der Untersuchung, ob diese Fragestellung für eine effektive Anwendung des Gattungsbegriffs überhaupt sinnvoll ist) beschäftigt sich die folgende Hausarbeit mit dem Begriff der ‚Gattung‘ in der Musikwissenschaft und zeigt auf, in welcher Art und Weise der Begriff in bestimmten, ausgewählten Kontexten innerhalb der Musikwissenschaft Verwendung findet, und welche Problematiken sich daraus ergeben. Als exemplarische (und kritisch betrachtete) Quelle wird hierzu der MGG-Artikel „Gattung“ von Herman Danuser auf eben diese Fragestellungen hin untersucht, während verschiedene Texte weiterer Musikwissenschaftler sekundär als Ergänzung hinzugezogen werden. Vorerst wird allerdings eine kurze Zusammenfassung über die allgemeine Problematik musikwissenschaftlicher Terminologie aufgezeigt, da die im Folgenden skizzierten Problemfelder auch für die Anwendung und Definition des Gattungsbegriffes eine Rolle spielen.


Excerpt (computer-generated)

Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Abteilung für Musikwissenschaft / Sound Studies

Wintersemester 2007/2008

Seminar: Musikalische Gattungstheorie

Aspekte des Gattungsbegriffes im musikwissenschaftlichen Diskurs

Jeremy Iskandar

(7. Fachsemester Musikwissenschaft, mittelalterliche Geschichte, neuere deutsche Literatur)

Abgabedatum: SS 2008


I. Inhaltsverzeichnis

II. Vorwort

3

III. Allgemeine Feststellungen zur musikwissenschaftlichen Terminologie

4

im Kontext von Wissenschaftssprache

IV.

Der Gattungsbegriff im Kontext des philosophischen Universalienstreits

5

und das Problem der Terminologie


V. Der Gattungsbegriff als Vermittlungsinstanz ­ eine Betrachtung der

11

Beziehungen zwischen Objekt- und Beschreibungsebene


VI. Gattungstheorien und ihr Systemcharakter

13



VII. Die historische Dimension von Gattungen und Gattungsbegriff

16



VIII. Nachwort

20



IX. Literaturverzeichnis

22

2


II. Vorwort

In der heutigen globalen ,Musikkultur`, in der man Musik hauptsächlich als Produkt ansieht,

welches es zu vermarkten gilt, ist es aufgrund der Bedeutung von Zielgruppen-Orientiertheit,

Trend-Prognosen und ,Schubladendenken` in der Musikindustrie unverzichtbar geworden, ein

musikalisches Produkt gattungskategorisch in das vorhandene System einordnen zu können,

beziehungsweise eine auf das Produkt zugeschnittene Gattungsbezeichnung zu konstruieren.

Nur auf diese Weise kann Musik auf dem globalen Markt als Produkt erfolgreich vertrieben

werden, da über die Gattungskategorie eine vermittelnde Instanz zwischen Produzent und

Konsument besteht, die eine marktgerechte, auf den Massenabsatz von Musik konzentrierte

Handhabung dieser ermöglicht (vgl. Marx, 2005, S. 288f. und: Danuser, 1995, Sp. 1059ff.).

Unbeachtet ­ da für die Musikindustrie vermutlich auch nicht relevant ­ bleibt hierbei aller-

dings die Fragestellung, ob Musik denn überhaupt gattungskategorisch erfassbar ist, oder ob

es sich bei musikalischen Werken nicht viel mehr um Einzelphänomene handelt, denen man

eine immanente Einzigartigkeit zusprechen muss.

Ausgehend von dieser Fragestellung (und der Untersuchung, ob diese Fragestellung für eine

effektive Anwendung des Gattungsbegriffs überhaupt sinnvoll ist) beschäftigt sich die folgen-

de Hausarbeit mit dem Begriff der ,Gattung` in der Musikwissenschaft und zeigt auf, in wel-

cher Art und Weise der Begriff in bestimmten, ausgewählten Kontexten innerhalb der Mu-

sikwissenschaft Verwendung findet, und welche Problematiken sich daraus ergeben. Als ex-

emplarische (und kritisch betrachtete) Quelle wird hierzu der MGG-Artikel ,,Gattung"1 von

Herman Danuser auf eben diese Fragestellungen hin untersucht, während verschiedene Texte

weiterer Musikwissenschaftler sekundär als Ergänzung hinzugezogen werden. Vorerst wird

allerdings eine kurze Zusammenfassung über die allgemeine Problematik musikwissenschaft-

licher Terminologie aufgezeigt, da die im Folgenden skizzierten Problemfelder auch für die

Anwendung und Definition des Gattungsbegriffes eine Rolle spielen.

1 Danuser, H.: Gattung, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik be-

gründet von Friedrich Blume, Sachteil Bd. 3, 2., neubearbeitete Ausgabe, hrsg. von Ludwig Finscher, Kassel u.a.

1995, Sp. 1042-1068.

3


III. Allgemeine Feststellungen zur musikwissenschaftlichen Terminologie im Kontext

von Wissenschaftssprache

,,Bei den Fachsprachen handelt es sich um Erscheinungsformen der Sprache, die der sachge-

bundenen Kommunikation unter Fachleuten dienen" (Brandstätter, 1990, S. 45). Hierbei un-

terscheidet sich die Fachsprache von der natürlichen/gemeinen Sprache vor allem dadurch,

dass sie einen ausgeprägten Instrumental-Charakter besitzt. Diese Funktionsgebundenheit von

Fachsprache wirkt sich auch auf ihren Wortschatz aus, der sich hauptsächlich aus sogenannten

,Termini` konstituiert. Der Terminus wiederrum zeichnet sich (idealerweise) durch eine exak-

te, eindeutige Definition des von ihm bezeichneten Objekts aus, wobei diese Bedeutung stets

eine explizite Konvention darstellt und zudem kontextinvariant ist (vgl. ebd., S. 45f.).

Wie gestaltet es sich nun mit der musikwissenschaftlichen Fachsprache?2 Hierzu schreibt

Brandstätter:

Mißt man die musikalische Terminologie an den oben dargestellten Kriterien

einer Wissenschaftssprache, so zeigt sich, daß die Sprache der Musiktheorie

und Musikwissenschaft die Bedingungen einer von subjektiven Einflussgrößen

gereinigten, intersubjektiv gültigen Fachsprache nur zu einem geringen Teil er-

füllt (ebd., S. 46).

Hierfür führt Brandstätter mehrere Gründe an, die im Folgenden kurz referiert werden:

1.) Der Forschungsbereich der Musikwissenschaft (hauptsächlich also das, was als ,Mu-

sik` bezeichnet wird) sei begrifflich oft nur schwer definierbar.

2.) Die Fachsprach, derer sich die Musikwissenschaft bedient, sei ursprünglich nicht als

Wissenschaftssprache konzipiert worden. Vielmehr sei sie erst aus der Praxis heraus

entstanden. Dies führe dazu, dass vielen musikwissenschaftlichen Termini eine ein-

deutige Definition fehle und sie nicht kontextunabhängig seien, sondern sich ihre Be-

deutung nur aus einem zeitlichen und geographischen Kontext heraus erschließen las-

se. Entscheidend ist damit nicht nur die Geschichte des von den Begriffen Bezeichne-

ten, sondern auch die Historizität der Termini selbst.

3.) Die musikwissenschaftliche Terminologie rekurriere nicht nur auf die natürliche Spra-

che, sondern habe im Laufe ihrer Geschichte auch Begriffe aus anderen Fachsprachen

aufgenommen (vgl. ebd., S. 46f.).

Alle drei Punkte beziehen sich auch auf den Begriff der ,Gattung` und die sich daraus erge-

bende Problematik seiner Anwendung und Bedeutung innerhalb der Musikwissenschaft, wie

folgende Hausarbeit aufzuzeigen versucht.

2 Zum ,,Verhältnis der Musikterminologie zu anderen Fachsprachen", siehe auch: Eggebrecht, 1955, S. 38-44.

4


IV. Der Gattungsbegriff im Kontext des philosophischen Universalienstreits und das

Problem der Terminologie

In seiner Einleitung zum Gattungs-Artikel der MGG beschäftigt sich Danuser mit der theore-

tischen Begriffsbildung des Terminus ,Gattung`, wie er in der Fachsprache Verwendung fin-

det. Er beginnt seinen Artikel mit der Herausstellung der Flexibilität des Begriffes ,Gattung`

im Verhältnis zum untergeordneten Terminus der ,Art` und dem übergeordneten Terminus

der ,Familie` innerhalb von logischen Klassifikationssystemen. Die Einordnung dieser drei

miteinander in Beziehung stehenden Begriffe stammt ursprünglich aus der antiken Logik, die

eine Opposition der Begriffsbildungen von ,Gattung` und ,Art` festgelegt hat, in der beide

Begriffe jeweils relativ zueinander existieren, je nachdem welche Position man im jeweiligen

Klassifikationssystem betrachtet (vgl. Hempfer, 2005, S. 7). So wird die der ,Gattung` unter-

geordnete ,Art` selbst zur ,Gattung`, wenn man sie von der untergeordneten Stufe im System

aus betrachtet, und die ,Gattung` zur ,Art` für die übergeordnete Stelle im System. In dieses

Oppositionsverhältnis bezieht Danuser nun auch den Begriff der ,Familie` mit ein, welcher

dem der ,Gattung` übergeordnet ist, womit also der Gattungsbegriff letztendlich eine mittlere,

aber immer relative Position in einem derartigen Klassifikationssystem einnimmt.

Die Flexibilität dieses Bezeichnungssystems macht es freilich schwierig, überhaupt ein mu-

sikalisches Werk irgendeiner der Systemstufen zuzuordnen. Stefan Kunze merkt in seinem

Aufsatz ,,Überlegungen zum Begriff der >>Gattung<< in der Musik" an, dass es beispielswei-

se unerheblich sei, ob man die Motette des 16. Jahrhunderts als Typus, Art oder Gattung be-

zeichnen würde,

[...] da z.B. der Oberbegriff >>geistliche Musik<< nicht hinreichend genau be-

stimmt [sei], um als Gattungsname gelten zu können. Unter die Kategorie

>>geistliche Musik<< fiele auch eine Messe von Mozart, die selbstverständlich

einer anderen Gattung angehör[e] als die Motette (Kunze, 1980, S.92).

Laut Kunze läge hierbei das Problem an der Vorstellung von ,Gattung` als einem ,,[...] All-

gemeinbegriff [...] gewöhnlicher Art (wie z.B. Baum oder Tisch) [...]" (ebda.). Diese Vor-

stellung habe dazu geführt, dass man den Gattungsbegriff und die Diskussion darum in den

philosophischen Universalienstreit hineingezogen habe. Auf diesen Punkt geht auch Danuser

in seinem Artikel ein. Der sogenannte ,Universalienstreit` beschäftigt sich mit der Frage,

,,[...] ob Universalien, also Allgemeinbegriffe, >real< in der außermentalen Wirklichkeit oder

nur >nominal< im menschlichen Geist der Sprache existieren" (Danuser, 1995, Sp. 1043).

Hierüber gibt es logischerweise zwei diametral zueinander stehende Extrempositionen: die

5



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