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Subtitle: Kritische Auseinandersetzung mit Werner Mittenzwei
Termpaper, 2006, 32 Pages
Author: Magistra Artium Hannah Kohn
Subject: Politics - Political Systems - History
Details
Institution/College: University of Lüneburg (Sozial- und Kulturgeschichte)
Tags: Intellektuelle, Kulturpolitik, Kultur, Politik, Film, Literatur, Musik, Malerei, Spannungsfeld, SED-Herrschaft, Eigensinn
Year: 2006
Pages: 32
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 20 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-29727-6
ISBN (Book): 978-3-640-30269-7
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Abstract
Gab es in der DDR Intellektuelle, die der Definition Werner Mittenzweis gerecht wurden? Wie ist Mittenzwei – als ehemaliges Parteimitglied und im wiedervereinigten Deutschland schreibender Autor - zu lesen? Unterscheiden sich seine Darstellungen intellektuellen Lebens in der DDR relevant von denen westdeutscher Autoren? Diese Fragen sollen anhand einer Analyse des Verhältnisses von 'Intellektuellen' und Kulturpolitik der DDR bis zur Wandlung in eine geschlossene Gesellschaft, bis zum Bau der Mauer, Antworten finden. Einer Vorstellung dieser Periode bei Mittenzwei folgt somit zunächst eine kritische Betrachtung seiner Darstellung aus Sicht einiger exemplarischer westlicher Autoren. Die Arbeit schließt mit einer Einordnung des Werkes von Mittenzwei in die deutsche Aufbereitung des Themenkomplexes "Intellektuelle in der DDR".
Excerpt (computer-generated)
Universität Lüneburg
Seminar:
62512 Kultur und Politik in der DDR Film, Literatur, Musik, Malerei im
Spannungsfeld von SED-Herrschaft und künstlerischem Eigensinn
WS 2005/2006
,,Der Intellektuelle" in der
Kulturpolitik der DDR
Kritische Auseinandersetzung mit Werner Mittenzwei
vorgelegt von:
Hannah Kohn
Angewandte Kulturwissenschaften
Sozial- und Kulturgeschichte, Bereich B1
Datum:
30.03.2006
Inhaltsverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis 1
1. Einleitung: ,,Der Intellektuelle" bei Mittenzwei 2
2. Entwicklung der Lebensumstände der Intellektuellen in der SBZ und DDR 1945 1961
nach Mittenzwei 4
2.1 Antifaschistisch-demokratische Erneuerung, 19451949 4
2.2 Von den Staatsgründungen zur Formalismus-Diskussion, 19491954 7
2.3 Philosophische Kontroversen und intellektuelle Opposition, 19531957 9
2.4 Auf dem Weg in eine geschlossene Gesellschaft, 19591961 14
3. Kritische Betrachtung der Darstel ung bei Mittenzwei 15
3.1 Zur Situation der Intellektuellen in der DDR 15
3.2 Zum Umgang der Partei mit der Intelligenz 17
4. Fazit 19
Literaturverzeichnis 23
Anhang 25
Abkürzungsverzeichnis
AdK
Akademie der Künste
AdW
Akademie der Wissenschaften
BRD
Bundesrepublik Deutschland
DDR
Deutsche Demokratische Republik
FDJ
Freie Deutsche Jugend
FDGB
Freier Deutscher Gewerkschaftsbund
HA
Hauptabteilung
HV
Hauptverwaltung
KB
Kulturbund der DDR
KGD
Konzert- und Gastspieldirektionen
KpdSU
Kommunistische Partei der Sowjetunion
MfK
Ministerium für Kultur
MfS
Ministerium für Staatssicherheit
NATO
North Atlantic Treaty Organisation
PEN
Poets, Essayists, Novellists
SBZ
Sowjetische Besatzungszone
SED
Sozialistische Einheitspartei Deutschlands
SMAD
Sowjetische Militäradministration
SU
Sowjetunion
VOB
Vereinigung organisationseigener Betriebe
ZK
Zentralkomitee der SED
1
1. Einleitung: ,,Der Intellektuelle" bei Mittenzwei
In der Einleitung zu seinem Buch über die Intellektuellen bemüht sich Werner Mittenzwei
um eine Definition. Zunächst betont er die spezifischen Rollen innerhalb der funktional
stark differenzierbaren Schicht der Intel ektuellen.1 Verwenden möchte er den modernen
Begriff, der mit Émile Zola im Rahmen der Dreyfus-Affäre gegen Ende des 19. Jahrhun-
derts in Frankreich geprägt wurde und zunächst Schimpfwort-Charakter hatte.2 Über
bestehende Begriffs-Definitionen stel t Mittenzwei sein eigenes Verständnis des Intellek-
tuel enbegriffs dar: Antonio Gramsci entlehnt er die Festlegung auf den organischen
Intellektuellen, der als Organ seiner Klasse deren Konsens, Interessen und Bedürfnisse
ausdrücke.3 Aus der Definition Karl Mannheims übernimmt er die Vorstel ung einer
Mittlerfunktion zwischen der herrschenden Klasse und den Arbeitern, die die Förderung
gesellschaftlichen Fortschritts zum Ziel hat.4 Den Intellektuel en arbeitet Mittenzwei als den
ewigen Dissidenten heraus, dessen kritische Geisteshaltung sich häufig gegen die
politisch vorherrschende Macht stellt, da er universellen Prinzipien verpflichtet ist und nur
auf eines zu Gunsten seiner Ideale nicht verzichten kann: die Wahrheit.5 Von Pierre
Bourdieu benennt Mittenzwei die Idee vom bidimensionalen Wesen des Intel ektuel en,
nach der er einem intellektuell autonomen Feld, dessen Gesetze er respektiere, angehöre
und seine spezifische Kompetenz und Autorität aus diesem Feld in artfremde Bereiche, v.
a. die Politik, einbringe.6 Grundbedingung für das Erwerben von solcher Kompetenz ist bei
Bourdieu die Autonomie der Intellektuellen, ohne die ihre Schlussfolgerungen keine
Universalität erreichen könnten.7 Für seine weiteren Ausführungen beschränkt sich Mitten-
zwei auf die Betrachtung des literarischen Intellektuellen, der zwar nicht an bestimmte
Berufe gebunden ist, sich aber vor allem aus Dichtern, Publizisten, Philosophen und
Literaturwissenschaftlern zusammensetzt. Diese definiert er als ,,Signalisten der Gefühls-
und Gedankenwelt von Menschen, des Mentalitätspotentials einer Nation, Klasse oder
sozialen Gruppe"8. Obwohl Mittenzwei sich über verschiedene Sozialwissenschaftler an
,,den Intel ektuel en" annähert, geht er nicht wirklich auf die Debatten um den Begriff und
1
Als unterschiedliche Typen Intel ektuel er benennt er beispielsweise den literarischen, den technischen,
den medizinischen und den juristischen Typ. Vgl. Mittenzwei (2001), S. 9f..
2
Vgl. ebd., S. 10. Gerade im Marxismus und Kommunismus hatte der Begriff als Gegenpol zum proletari-
schen Denken die Funktion eines ,,standardisierten Schimpfwortes". Bering (1978), S. 149 und 155.
3
Vgl. Mittenzwei (2001), S. 11.
4
Vgl. ebd.
5
Mittenzwei bezieht diese Abgrenzung von Geiger, Said und Benda. Vgl. ebd., S. 12f..
6
Vgl. ebd., S. 14.
7
Dabei muss diese nicht notwendigerweise eine Ablehnung der Politik implizieren, wohl aber eine Gegen-
macht zu Politik und Medien darstel en. Vgl. Mittenzwei (2001), S. 14f..
8
Ebd., S. 18f..
2
die Funktion des/der Intellektuellen ein. Auch die von ihm aufgeführten Ansätze wendet er
nicht konkret auf die DDR an, so dass seine Definition recht offen bleibt.9
Der Kultursoziologe Wolfgang Engler berichtet in seinem Buch ,,Die ungewollte Moderne.
Ost-West-Passagen"10 vom Düsseldorfer Soziologentag und der dort aufgekommenen
Diskussion über das Vorhandensein des Typus des ′Intel ektuel en′ in der DDR, die in der
Äußerung ,,Intel ektuelle die gab es bei Ihnen doch gar nicht!" eines Teilnehmers gegen-
über den ostdeutschen Teilnehmern endete.11 Obwohl Mittenzweis Werk von 2001 den
Titel ,,Die Intel ektuel en" trägt, bleibt in seiner Darstellung der thematisierten literarischen
Intelligenz die Frage nach der tatsächlichen Existenz der im Titel benannten Gruppe
fraglich. In seinem Versuch einer Begriffsdefinition in der Einleitung weist Mittenzwei
schon auf bestehende Definitionsansätze hin, die eine Verwendung des Schlagwortes auf
die DDR eigentlich ausschließen. So zitiert er Pierre Bourdieus Ansicht, der marxistische
Intellektuelle habe seine ,,Kompetenz dem Proletariat geopfert"12. Ebenfalls weist er darauf
hin, dass M. Rainer Lepsius, der die ,,Kritik als Beruf"13 des Intellektuellen charakterisiert,
mangels dieser bezüglich der DDR von ′Intel igenz′, nicht aber von ′Intellektuel en′ spricht.
So hält es auch Manfred Jäger in seiner ,,Überwindung der Teilung"14. Mittenzwei selbst
schreibt:
,,Der Intel ektuel e, der an den Problemen der Zeit nicht vorbeigehen und der leidenden
Menschheit ein Helfer sein wil , hat keine andere Wahl, als auf dem Kampfplatz zu
erscheinen. Er muss sich in die Höl e der Widersprüche begeben. [...] Der [...] Verrat des
literarischen Intel ektuellen besteht [...] in der Verweigerung seiner Eingriffsmöglichkeiten,
dem Rückzug ins Abseits".15
Dennoch wählt er den Begriff des literarischen Intellektuellen für die Gruppierung, die er in
seinem Werk beschreiben möchte. An seine im zweiten Kapitel dieser Arbeit schon zitierte
Definition fügt er weitere, von Edward W. Said festgelegte, Aspekte auf, die erneut eine
Verwendung des Begriffs für eine Beschreibung der Verhältnisse in der DDR aus-
schließen. Nach Said bedeutet ′intellektuell′ Verbindlichkeiten, Risikobereitschaft, Mut aber
auch eine daraus resultierende Verletzlichkeit ein. Des Weiteren muss die Einmischung
eines Intellektuellen eine Langzeitwirkung aufweisen und, vor al e dem, öffentlich wahrge-
nommen werden.16 ,,Was er als Einzelner gedacht hat, muß er in der Öffentlichkeit aus-
9
Vgl. Dietrich ( 2002).
10
1995 erschienen in Frankfurt am Main.
11
Vgl. Dietrich (2002).
12
Vgl. Mittenzwei (2001), S. 14.
13
Lepsius, zit. nach ebd., S. 18.
14
1998 erschienen in Stuttgart.
15
Mittenzwei (2001), S. 16f..
16
Vgl. Mittenzwei (2001), S. 19.
3
fechten. Das ist das Feld auf dem er bestehen muß".17 Mit diesem Widerspruch endet
seine Beschreibung des Typus des literarischen Intellektuel en. Im Verlauf seines Buches
benutzt Mittenzwei die Begrifflichkeiten ′Intellektuelle′, ′Intel igenz′ und ′Geistesschaffende′
synonym. Dabei sei darauf verwiesen, dass auch Joachim Streisand, damals noch Pro-
fessor an der Humboldt-Universität zu Berlin und Nationalpreisträger der DDR, in seinem
Buch ,,Kultur in der DDR" auf den Begriff des Intellektuellen verzichtet und stattdessen den
der ′Intelligenz verwendet.18
Gab es in der DDR Intellektuelle, die den Theorien aus Mittenzweis Einleitung gerecht
wurden? Wie ist Mittenzwei als ehemaliges Parteimitglied und im wiedervereinigten
Deutschland schreibender Autor zu lesen? Unterscheiden sich seine Darstellungen rele-
vant von denen westdeutscher Autoren? Diese Fragen sol en anhand einer Analyse des
Verhältnisses von ′Intel ektuel en′ und Kulturpolitik der DDR bis zur Wandlung in eine ge-
schlossene Gesellschaft, bis zum Bau der Mauer, Antworten finden. Einer Vorstel ung
dieser Periode bei Mittenzwei folgt somit zunächst eine kritische Betrachtung seiner
Darstellung aus Sicht einiger exemplarischer westlicher Autoren. Zur schnel eren Einord-
nung der verschiedenen in dieser Arbeit benannten Institutionen in die kulturpolitische
Machthierarchie finden sich im Anhang eine graphische Übersicht sowie eine
Kurzinformation über die darin aufgeführten Vertreter des Partei- und des Staatsapparats
sowie der dem Parteiapparat untergeordneten gesellschaftlichen Organisationen und
Institutionen.
2. Entwicklung der Lebensumstände der Intellektuellen in der
SBZ und DDR 1945 1961 nach Mittenzwei
2.1 Antifaschistisch-demokratische Erneuerung, 19451949
Mittenzwei beschreibt die erste Nachkriegszeit als eine Phase von ,,Katastrophe und Hoff-
nung"19. Die aus dem Exil zurückkehrende literarische Intelligenz habe versucht die
,,politisch-moralische Vernichtung des Faschismus"20 herbei zu führen. Johannes R.
Becher, selbst aus dem russischen Exil zurückgekehrt und für diese Zeit repräsentativer
Kulturschaffender in der SBZ, vertrat die Auffassung, der ,,Totalniederlage" müsse eine
,,Totalkritik" folgen, da es nach Hitler keine ,,anständigen Deutschen" mehr gäbe. Deutsch-
land bedürfe eines ,,nationale[n] Befreiungs- und Aufbauwerk[es] größten Stiles".21 Dies
17
Mittenzwei (2001).
18
Vgl. Streisand (1981).
19
Mittenzwei (2001), S. 21.
20
Ebd., S. 23f..
21
Becher, zit. nach Mittenzwei (2001), S. 24.
4
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