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Examination Thesis, 2008, 64 Pages
Author: M.A. Tobias Thuge
Subject: Art - Pedagogy
Details
Tags: Zeichnen, Kunstunterricht, Stationenarbeit, Zeichenförderung, Zeichnung, Kunstpädagogik, Kunstgeschichte, Kunst
Year: 2008
Pages: 64
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 45 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-29815-0
ISBN (Book): 978-3-640-30341-0
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Abstract
Die vorliegende Arbeit geht der Frage nach, inwiefern im Rahmen des heutigen Kunstunterrichts die Möglichkeit besteht, eine grundlegende Kulturtechnik wie die Handzeichnung zu üben und als Mittel der (künstlerischen) Kommunikation bewusst zu machen. Ausgehend von einer Betrachtung der kulturgeschichtlichen Entwicklung der Zeichnung, ihrer Bedeutung im Rahmen pädagogischer Vermittlung sowie der Frage nach der Verankerung der Technik in aktuellen Curricula wird ein Konzept zur Zeichenförderung der US-amerikanischen Kunstpädagogin Judith M. Burton umfassend erläutert und auf schulische Praktikabilität untersucht. Hierzu beruft sich der Verfasser auf eigene Unterrichtseinheiten zur Handzeichnung, in welchen das Modell Burtons in methodisch abgewandelter Form zur Anwendung kam. Darauf aufbauend werden didaktisch-methodische Vorgehensweisen begründet, Vor- und Nachteile des beschriebenen Handelns abgewogen und exemplarische Ergebnisse aus Schülerarbeiten dokumentiert.
Excerpt (computer-generated)
Zeichnen und Zeichenförderung im Kunstunterricht
Dargestellt am Beispiel einer Stationenarbeit
Tobias Thuge
Gliederung
1
Einleitung
3
2
Forschungsstand und Literatur
4
2.1
Überblicksdarstel ungen in kunstpädagogischer Literatur
5
2.2
Problemorientierte kunstpädagogische Literatur
6
3
Zur künstlerischen Technik des Zeichnens
8
3.1
Die Zeichnung als künstlerisches Medium
8
3.2
Die Zeichnung als (künstlerisches) Kommunikationsmittel
10
4
Zeichnen im Kunstunterricht
12
4.1
Ausgangslage schulische Aspekte zur Förderung der Zeichenfähigkeit
12
4.1.1 Historischer Exkurs
12
4.1.2 Die Verankerung des Zeichnens in brandenburgischen Lehrplänen
14
4.1.3 Das Zeichnen und Aspekte der bildnerischen Entwicklung
17
4.2
Das Konzept der Zeichenförderung nach Judith M. Burton
19
5
Zeichenförderung am Beispiel einer Stationenarbeit
22
5.1
Situative Voraussetzungen
22
5.2
Inhaltliche Entscheidungen
23
5.3
Methodische Entscheidungen
26
5.4
Verlaufsbeobachtungen
28
5.5
Ergebnisanalyse und konzeptionel e Kritik
29
6
Lehrerqualifikationen und Zeichenförderung
31
7
Abschließende Bemerkungen und Fazit
32
8
Literaturverzeichnis
35
9
Anlagen
39
9.1
Arbeitsblätter der Stationenarbeit
40
9.2
Anordnungen und Aufbau der Stationen
47
9.3
Abbildungen exemplarischer Ergebnisse
50
2
1
Einleitung
Al e Zeichenarten haben eine immanente Bedeutung
für die künstlerische Entwicklung und das künstlerische
Lernen; in ihrer dynamischen Interaktion jedoch eröffnen
sie einzigartige Möglichkeiten, den menschlichen Geist
und seine Phantasiespiele voll auszuschöpfen. Wir müssen
das Zeichnen als eine entscheidende und einzigartige
Leistungsfähigkeit unseres Geistes und unserer Kultur
anerkennen, denn ohne das Zeichnen sind die Erfahrungen
des Ichs in der Welt um einiges ärmer.
Judith M. Burton
Schon vor dem Eintritt in die Schule, beispielsweise im Elternhaus oder im Kindergarten, sehen sich
Kinder oftmals mit der Aufgabe konfrontiert: ,,Zeichne doch etwas Schönes!" Bereits frühzeitig in der
menschlichen Entwicklung scheint man also in der Technik des Zeichnens eine sinnvol e Beschäftigung
zu sehen, die einen Nutzen, eine Bereicherung für die sie ausübende Person darstel t. In der Schule
wird das Produzieren von Zeichnungen und Bildern dann gar Gegenstand umfassender pädagogischer
Vermittlung von Wissen und Fähigkeiten, was abermals die Relevanz des Mediums Handzeichnung zu
unterstreichen scheint.
Doch welchen Stel enwert nimmt die handgefertigte Zeichnung in einer Kultur noch ein, die durch vor-
wiegend digital generierte Bildwelten dominiert wird? Ist in diesem Kontext die historische Bandbreite an
Ausdrucks- und Gestaltungsformen der Zeichnung noch von Bedeutung? Welche kommunikativen und
ästhetischen Funktionen und Aufgaben kommen der Zeichnung aktuel noch zu und wie werden diese
im Schulunterricht berücksichtigt und gefördert? Welche zeit- und gegenstandsgemäßen Methoden der
kunstpädagogischen Vermittlung existieren? Welche davon sind angemessen gegenüber Kindern und
Jugendlichen sowie den Werken und Techniken der bildenden Kunst?
Diese Fragen zum aktuel en Stand der Technik des Zeichnens und den Möglichkeiten der Zeichenförde-
rung sol en im Zentrum dieser Arbeit stehen, welche versuchen wil , aus der Perspektive des Kunstun-
terrichts Antworten zu suchen und einen konkreten Ansatz vorzustel en.
Unter Rückgriff auf historische und aktuel e Fachbeiträge sol zunächst kenntlich gemacht werden, in-
wiefern eine tradierte Fertigkeit wie das Zeichnen für heutige Anforderungen des sozialen und kulturel-
len Al tags noch relevant ist, welche Rol e sie als Grundlage für weiterführende, komplexere Äußerun-
gen der bildenden Kunst einnimmt und welche besondere Funktion ihr im Diskurs zwischen Künstler,
3
Werk und Betrachter zukommt dies al es immer unter dem grundlegenden Aspekt der aktuel en Be-
deutung der Zeichnung für die Auseinandersetzung im schulischen Rahmen betrachtet.
Anschließend an erste Erkenntnisse wird dann zu fragen sein, in welcher Form, in welchem Umfang
eine basale Kulturtechnik wie die Zeichnung in schulischen Curricula verankert ist und inwiefern man
dort deren spezifische Bedeutung berücksichtigt findet. Kurze, aber wichtige Betrachtungen rund um die
historischen Wurzeln des Zeichenunterrichts sowie altersspezifische Phänomene in der bildnerischen
Entwicklung von Kindern und Jugendlichen schließen die Erläuterungen rund um die schulischen Vor-
aussetzungen der Zeichenförderung ab.
Das Hauptaugenmerk der vorliegenden Arbeit wird dann auf ein aktuel es, konkretes und umfassendes
Konzept zur Förderung der Zeichenfähigkeit von Schülern gerichtet, welches ausführlich dargelegt und
diskutiert wird. In Auseinandersetzung mit den vorgestel ten didaktisch-methodischen Ansätzen dieses
Konzeptes sowie zu Fragen der Kritik und veränderten Anwendbarkeit werden problemorientiert einzel-
ne Aspekte einer eigenen Unterrichtseinheit herangezogen, die sich (wenn auch methodisch abgewan-
delt) auf den erwähnten Ansatz beruft und sich in ihren Zielen an diesem orientiert. Unterstützt durch
die Dokumentation der angewandten Arbeitsmaterialien sowie anhand exemplarischer Ergebnisse sol-
len darauffolgend die Wirksamkeit und Anwendbarkeit des zugrundeliegenden Konzeptes im Besonde-
ren und Überlegungen zur Zeichenförderung im Al gemeinen reflektiert werden.
Abschließend wird die dargelegte Konzeption aus der Perspektive typischer Handlungsfelder der Leh-
rerqualifikationen betrachtet und abermals auf ihre Zweckmäßigkeit hinterfragt.
2
Forschungsstand und Literatur
Die theoretische und didaktische Literatur rund um das Medium der Zeichnung bietet eine Bandbreite,
die kaum noch einen kompakten, schnel en Überblick in al e untergeordneten Forschungsbereiche er-
laubt. Geschuldet ist dies nicht zuletzt der grundlegenden kommunikativen Funktion der Zeichnung in al
ihren formalen Ausprägungen und ihrem vielfältigen Gebrauch in Kunst, Wissenschaft, Technik und
Schule sowie auch in Bereichen des al täglichen Lebens. Angesichts der Menge an kunstpädagogi-
scher, kunsttheoretischer und kunsthistorischer Literatur zur Zeichnung konzentriert sich diese Arbeit
hauptsächlich auf gegenwärtige Tendenzen und Richtungen der kunstpädagogischen Forschung und
den daraus resultierenden didaktischen und methodischen Rückschlüssen, wie sie in den maßgebli-
chen Organen des Faches (Kunst + Unterricht, BDK-Mitteilungen und einschlägige Monografien) publi-
ziert und diskutiert werden; partiel e Einblicke in ältere und historische Standpunkte sind dabei selbst-
4
verständlich nicht ausgeschlossen. Anderweitige, ausführlich herangezogene Literatur wird in den jewei-
ligen Kapiteln erläutert und kommentiert.
2.1
Überblicksdarstel ungen in kunstpädagogischer Literatur
Eine knappe, aber tiefgründige und al gemeine Darstel ung zur Zeichnung, deren Funktion und Bedeu-
tung für den Unterricht bietet Grünewald (1998). Überblicksartig werden der Zweck der Zeichenförde-
rung, Lernprozesse aufgrund des Zeichnens und die Funktionen der Zeichnung aus der Perspektive der
Schüler dargelegt und plausibel begründet.
Nichts an Aussagekraft verloren hat die noch ausführlichere, aber ältere Auseinandersetzung von Grü-
newald (1982) mit dem Thema. Hier finden detail ierte Darstel ungen zu formalen, handwerklichen As-
pekten des Zeichnens, ein historischer Abriss über die Entwicklung des Zeichenunterrichts von seinen
Anfängen bis zur Gegenwart sowie ontogenetische Aspekte der Technik Eingang und differenzierte
Erläuterung.
Als aktuel ste, al gemeine Auseinandersetzung mit der Kinderzeichnung kann die Arbeit von Kirchner
(2006) gelten, in welcher den Fragen nach Motivation und Funktion des Zeichnens nachgegangen und
Probleme der bildnerischen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen erläutert werden. Diese Be-
trachtungen erfolgen immer aus der Perspektive sich wandelnder fachtheoretischer Ansätze und eben-
fal s Veränderungen unterworfenen gesel schaftlichen Einflüssen, sodass kenntlich wird, dass auf die
Ausprägung, Entwicklung und Deutung der Kinderzeichnung eine Vielzahl von Faktoren einwirkt.
Einen bemerkenswerten und kunstpädagogisch noch wenig beachteten Ansatz über al gemeine Pro-
zesse und Phänomene des Zeichnens hinaus bietet Sowa (2000) mit seinem Beitrag über die Bild-
pragmatik der Kinderzeichnung. Hier wird der Fokus der bisherigen Kinderzeichnungsforschung auf das
vol endete Produkt die fertige Zeichnung, das fertige Bild erweitert und richtet sich sowohl auf Pro-
zesse während des Entstehens einer praktischen Arbeit als auch auf Vorgänge nach der eigentlichen
Produktion, also auf den Umgang und die Ausdeutung der geschaffenen Bilder (,,Bildumgangspraxis")
durch die Produzenten. Durch gemeinsame Handlungen wie das Aussuchen, Sichten, Sammeln, Wer-
ten und Katalogisieren von Bildern erfahren Kinder und Jugendliche hier eine Wertschätzung ihrer eige-
nen Arbeiten, die über die standardisiert ausgedrückten Gütekriterien des Kunstunterrichts hinausgeht
(vgl. Sowa 2000).
5
2.2
Problemorientierte kunstpädagogische Literatur
In der themenspezifischen bzw. problemorientierten Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Kin-
der- und Jugendzeichnung seien im Folgenden nur jene Ansätze erläutert, die für diese Arbeit relevant
sind oder für die al gemeine Thematisierung der Zeichnung eine Rol e spielen.
Aufgrund der digitalen Revolution der Computertechnologie in den letzten 10 bis 15 Jahren liegt ein
Hauptaugenmerk gegenwärtiger kunstpädagogischer Forschung auf den Auswirkungen dieser Entwick-
lung. Vor al em die Einflüsse des neuen Mediums auf die bildnerische Entwicklung von Kindern und
Jugendlichen, der eigentliche Gestaltungsprozess am Computer und dessen Unterschiede zu klassi-
schen Zeichenmaterialien sowie die Vor- und Nachteile des Computers stehen im Mittelpunkt des Inte-
resses. Eine erste Zusammenfassung, Deutung und einen Ausblick auf offene Fragen hinsichtlich des
Gestaltungspotentials der Computertechnologie im Kunstunterricht bietet die Darstel ung von Kirchner
(2000). Betont wird hier vor al em die wachsende Bedeutung ,,präformierten Materials", also fertige, in
den jeweiligen Programmen abrufbare Bilder, Clip-Arts, Fül ungen und Piktogramme, die am Computer
beliebig generiert und angewendet werden können und die in Konsequenz zu ,,motivischen und formal-
ästhetischen Neuerungen" (Kirchner 2000, 35) führen würden. Zusammenfassend geht Kirchner von
einer weitreichenden Veränderung im ästhetischen Verhalten von Kindern und Jugendlichen aufgrund
des Einflusses digitaler Medien aus und schließt auch eine ,,grundlegende Revision" der theoretischen
Auseinandersetzung mit Produkten und Prozessen der Kinderzeichnung nicht aus (vgl. Kirchner 2000).
Daran anschließend kann auf die Arbeit von Heinen (2006) verwiesen werden, welche sich mit der ei-
gentlichen Relevanz des handwerklichen Zeichnens im Zeitalter technisch-digitaler Progression ausei-
nandersetzt. Angesichts der Gefahr, dass das ,,Zeichnen zur nostalgischen Traditionspflege zu ver-
kommen" (ebd. 13) droht, plädiert er für ein symbiotisches, sich ergänzendes Zusammenspiel digitaler
und handwerklicher Zeichenpraktiken. Denn: ,,Von al en traditionel en Gattungen künstlerischer Arbeit
hat Zeichnen die größte natürliche Nähe zur digitalen Gestaltung." (ebd.)
Lehnerer (1995) geht der nur oberflächlich als simpel erscheinenden Frage nach, ob die Zeichnung
tatsächlich als die Grundlage jeder anderen künstlerischen Arbeit betrachtet werden kann und somit
das handwerkliche Zeichnen überhaupt die Voraussetzung sei für jedwede andere künstlerische Praktik
eine Fragestel ung, die auch weitreichende Konsequenzen für den Kunstunterricht nach sich zieht.
Dabei unterscheidet Lehnerer zwischen der Zeichnung als ,,technische[r] Grundlage" (ebd. 15), als Ent-
wurfszeichnung, Skizze etc. und der Meinung, die davon ausgeht, dass die ,,...Tätigkeit des Zeichnens
die künstlerische Arbeit als solche [...] begründet." (ebd.) Unter Rückgriff auf Reflexionen der Philoso-
phie und Erläuterungen zur kommunikativen Funktion der Zeichnung kommt Lehnerer zum Schluss,
dass die handwerklich-zeichnerische Perfektion keineswegs die Basis für künstlerische Arbeit im Al ge-
6
meinen darstel e, jedoch ermögliche das Zeichnen eine solche Arbeit ,,im hohen Maße" (ebd. 17) und
visualisiere Prozesse künstlerischer Gestaltung ,,in einfacher Weise" (ebd.). Aus diesem Potential zieht
der Autor auch Rückschlüsse für den pädagogischen Einsatz des Zeichnens: ,,Denn in keinem anderen
Medium können Kinder, Jugendliche und Erwachsene so direkt und unmittelbar sowohl ihren körperli-
chen und seelischen Zustand als auch ihre Gedanken und Ideen als auch ihre soziale Rol e und Erwar-
tung artikulieren und reflektieren." (ebd.)
Neben den hinlänglich bekannten Werken zur bildnerischen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen
(vgl. Richter 1997; Widlöcher 1987; Egen 1977; Mühle 1967) sei hier noch auf die Arbeiten von Glas
(2000, 1999) verwiesen, die sich spezifisch mit Zeichnungen befassen, die im Übergang vom Kindes-
zum Jugendalter entstehen. Einer Phase also, die auch hinsichtlich der bildnerischen Arbeit oftmals mit
einer Krise einhergeht und durch nachlassendes Interesse an der künstlerisch-praktischen Arbeit ge-
kennzeichnet ist. Glas verfolgt die Frage nach stilbildenden Merkmalen der Jugendzeichnung und ob
diese losgelöst von Arbeiten der Kinderbildnerei zu betrachten sind oder aber als Konsequenz dieser.
Diese Forschungsfragen erscheinen auch in Bezug auf die hier vorgestel te Unterrichtseinheit mit ihren
Übungen bedeutsam, da die von Glas untersuchten Phänomene nahezu für die gesamte Altersspanne
der Sekundarstufe I relevant erscheinen und in ihren Auswirkungen sich auch in der Arbeit mit Schülern
der Sekundarstufe II fortsetzt.
Den eigentlichen Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit stel t jedoch der Beitrag von Burton (,,Zur För-
derlichkeit des Zeichnens für die geistige Entwicklung", 2007) dar, welcher an entsprechender Stel e
noch ausführlicher zu diskutieren ist. Kern der Arbeit Burtons sind Überlegungen und Diagnosen dar-
über, inwiefern basale zeichnerisch-gestalterische Übungen Einfluss haben auf einerseits konkrete bild-
nerische Probleme einer übergeordneten Aufgabe und andererseits auf die langfristigen, individuel en
Konsequenzen innerhalb der geistigen und ästhetischen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.
Zur Argumentation zieht Burton einen selbstgestalteten, durchgeführten und umfassend kommentierten
Unterrichtsversuch an, in dessen Mittelpunkt sechs Übungen zur Zeichenförderung stehen.
Zur Unterstreichung der Bedeutung solcher grundlegenden Ansätze zur Förderung der Zeichenfähigkeit
und der Vol ständigkeit halber sei des Weiteren auf ähnliche, zumeist spezifisch problemorientierte Ar-
beiten von Dieck (1998), Hölscher (1994), Niehoff/Niehoff-Dechêne (1981) und Schmidt (1981) verwie-
sen.
Trotz der Bandbreite an themen- und fachspezifischer Literatur ist abschließend zu bemerken, dass
abgesehen von populärwissenschaftlichen Zeichenschulen und Ratgebern (vgl. Smith 1996; Hogarth
1991) aktuel keine zeitgemäße, adäquate, al umfassende und schulorientierte Didaktik des Zeich-
nens vorliegt.
7
3
Zur künstlerischen Technik des Zeichnens
Im Folgenden wird einführend die Zeichnung als al gemeines, grundlegendes Medium des künstleri-
schen Ausdrucks sowie ihre Bedeutung im Verlauf der Kulturgeschichte erläutert und in ihren Formen
und Möglichkeiten differenziert. Anschließend stehen aktuel e und zeitübergreifende Betrachtungen zur
kommunikativen Funktion des Zeichnens im Mittelpunkt.
3.1
Die Zeichnung als künstlerisches Medium
Die Technik des Zeichnens kann als grundlegendste und einfachste Praktik des Gestaltens angesehen
werden. Unabhängig von Kultur und Zeit ist das Zeichnen bis heute unter anderem eine basale künstle-
rische Tätigkeit, deren Zweck und Ursprung auf dem Hinterlassen zielgerichteter, bewusst getätigter
Spuren beruht, also eine Bildmitteilung, einen Ausdruck anstrebt Zeichnen heißt Zeichen setzen. Die-
se Möglichkeit, sich zu äußern, Wil en, Befindlichkeit, Geschehen oder das schlichte ,,Dasein" auszu-
drücken, ist bereits seit den Anfängen der kulturel en Entwicklung des Menschen belegt und bis in die
Gegenwart mit ihren künstlerischen Merkmalen und Tendenzen auf diese Möglichkeiten zurückzufüh-
ren. Das Zeichnen kann also als kulturel e ,,Urfähigkeit" des Menschen in seiner Auseinandersetzung
mit sich selbst und seiner Welt angesehen werden und entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einem uni-
versel en Mittel der Darstel ung menschlicher Kultur (vgl. Koschatzky 1980).
Wie bei jeder anderen gestalterischen Praktik auch ist die anthropologische Grundlage des Zeichnens
die biologische Fähigkeit des optischen Sehens bzw. die Fähigkeit der Wahrnehmung bewusst gestalte-
ter, geordneter Spuren und der Drang nach deren Ausdeutung, also der Sinnsuche hinter den Zeichen.
Zugespitzt bedeutet dies, ,,...daß jeder Mensch Kunst wahrnehmen kann." (Koschatzky 1980, 16) Denn
die Kombination von sensuel er Wahrnehmung und kognitiver Verarbeitung ist (in unterschiedlicher
Ausprägung) der menschlichen Natur inhärent und bedarf anfänglich keiner besonderen Unterweisung.
Jede bewusst gestaltete Spur von der einfachen Kreuzung zweier Linien bis zum detailgenauen Port-
rät wird als solche wahrgenommen; lediglich der intel ektuel e Grad der Interpretation dieser Spur
vari ert und kann durch Bildung beeinflusst werden eine weitreichende Tatsache aus kunstpädagogi-
scher Perspektive! Im eigentlichen Sinne ist unter der gestalterischen Tätigkeit des Zeichnens die an
einem realen oder geistigen Objekt orientierte Nachformung eines Gegenstandes mithilfe von Linien
und Strichen zu verstehen. Zur weiteren Differenzierung dieser zugrundeliegenden realen oder geisti-
gen Objekte spricht Koschatzky von der Erzeugung einer ,,Chiffre einer gesehenen Gegebenheit" im
Unterschied zu einer ,,Chiffre einer gedachten Gegebenheit" (Koschatzky 1980, 17; Hervorhebungen im
8
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