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Examination Thesis, 2008, 72 Pages
Author: Jenny Cornelius
Subject: German - Pedagogy, Didactics, Literature Studies
Details
Tags: Aspekte, Kinder-, Jugendbuches, Vergleich
Year: 2008
Pages: 72
Grade: 2-3
Bibliography: ~ 72 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-29829-7
ISBN (Book): 978-3-640-30351-9
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Abstract
Der deutsche Jugendbuchforscher Klaus Doderer definierte Kinderliteratur im Kinderlexikon der Kinder- und Jugendliteratur als eine Textsorte, die ausdrücklich für Kinder produziert wird: Spezifische Kinderliteratur . Sie stellt einen Sammelbegriff für die gesamte Produktion von Werken für Kinder dar, in den sowohl belletristische Werke als auch Sach- und Fachbücher einbezogen werden. Die Definition von Jugendliteratur steht in großen Teilen in Übereinstimmung mit der von Kinderliteratur. Es wird unterschieden zwischen spezifischer Jugendliteratur und der Jugendlektüre, die Jugendliche über das Angebot für sie hinaus noch lesen. Diese Literaturform umfasst alle Texte für junge Menschen, die nicht mehr Kinderliteratur, aber auch noch nicht als Erwachsenenliteratur deklarierte Bücher lesen wollen. Wie die Literatur allgemein, kann auch die Kinder- und Jugendliteratur in die Gattungen Epik, Dramatik, Lyrik oder Sachtexte eingeteilt werden, wie zum Beispiel in Kindergeschichte, Roman, Laienspiel, Trauerspiel, Kinderreim und Stimmungsgedicht, erzählender Sachtext und Lehrbuch. Bei seiner Definition dieser Literaturform deutet Klaus Doderer an, dass diese in Stil und Sprache den Tendenzen der Erwachsenenliteratur, jedoch mit einer gewissen Verzögerung, folgt. Weiterhin ist zu erkennen, dass Kindern in ihren Entwicklungsstufen und den damit verbundenen unterschiedlichen Interessen Verschiedenes angeboten wird – daher auch die Einteilung in Kinderliteratur und Jugendliteratur. [...]
Excerpt (computer-generated)
Aspekte des Kinder- und Jugendbuches im
deutsch-deutschen Vergleich
Hausarbeit im Rahmen der Ersten
Staatsprüfung für das
Lehramt an/für Grund- und Hauptschulen
vorgelegt von
Jenny Cornelius
Rostock, 14.04.2008
Neuere und Neueste deutsche Literatur/Institut für
Germanistik/Universität Rostock/Philosophische
Fakultät
Inhaltsverzeichnis
1 Kinderliteratur im deutsch-deutschen Vergleich: Unterscheidung von Kinder-
und Jugendbuch, Familie und Familienpolitik in beiden deutschen Staaten in
den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts 4
2 Die Familie in der Kinder- und Jugendliteratur (KJL) der 70er Jahre 13
2.1 Frauenbewegte Zeiten: Die Darstellung der Institution Familie in der KJL
der BRD in den 70er Jahren 13
2.2 Frauen in die Produktion: Die Darstellung der Institution Familie in der KJL
der DDR in den siebziger Jahren 16
3 Familiale Aspekte der 70er Jahre im deutsch-deutschen Vergleich am Beispiel
zweier Kinderromane 20
3.1 Zwei ausgewählte Beispielbücher: Bekannte Autoren, hohe Auflagen,
verfilmte Stoffe 20
3.1.1 Christine Nöstlinger als Repräsentantin der problemorientierten und
phantastischen Kinderliteratur der BRD 21
3.1.1.1 Leben und literarisches Schaffen: Von der Hausfrau zur
Schriftstellerin 21
3.1.1.2 Thematische Schwerpunkte ihrer Werke: Selbstverwirklichung und
Selbstbestimmung 23
3.1.2
Wir pfeifen auf den Gurkenkönig
eine reale Familie unter
phantastischem Einfluss 24
3.1.2.1 Die Entstehung eines Kinderbuchklassikers in Zeiten des
Aufbruchs und der Emanzipation 25
3.1.2.2 Die Geschichte einer Rebellion als Auflehnung gegen autoritäre
Strukturen 26
3.1.3 Peter Brock als Repräsentant der problemorientierten und
humoristischen Kinderliteratur der DDR 27
3.1.3.1 Leben und literarisches Schaffen: Postler, Filmemacher und auch
Schriftsteller 27
3.1.3.2 Thematische Schwerpunkte seiner Werke: (Un)gewöhnlicher
Alltag zwischen Schule und Zuhause 30
3.1.4
Ich bin die Nele
Einflussreiche Phantasterei einer Individualistin ... 31
3.1.4.1 Die Entstehung eines Kinderbuchklassikers in Zeiten der
Umsetzung der Festlegungen des Familiengesetzbuches 31
3.1.4.2 Nele Sonntag bewährt sich im familialen wie im sozialen Umfeld33
3.2 Familiendarstellung im direkten Vergleich 35
3.2.1 Familienzusammensetzung in beiden Literaturbeispielen 35
2
3.2.2 Die Rolle der Mutter: zwischen Haushalt und Selbstverwirklichung .. 36
3.2.3 Die Rolle des Vaters: zwischen Versorger, Patriarch und
Vorbildfigur 40
3.2.4 Rolle des/r Kindes/r: zwischen Erziehung und Selbsterfahrung 47
3.2.5 Familienleben: Schlüsselkinder vs. Nesthäkchen 53
3.2.6 Schulalltag: kollektivierte Freizeit vs. individualisierte Freiheit 57
4 Ergebnisse der Analyse von Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der KJL
unter familialem Aspekt 63
5 Literaturangaben 66
3
1
Kinderliteratur im deutsch-deutschen Vergleich: Unterscheidung
von Kinder- und Jugendbuch, Familie und Familienpolitik in beiden
deutschen Staaten in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts
Der deutsche Jugendbuchforscher Klaus Doderer definierte Kinderliteratur im
Kinderlexikon der Kinder- und Jugendliteratur
als eine Textsorte, die ausdrücklich für
Kinder produziert wird: Spezifische Kinderliteratur1. Sie stellt einen Sammelbegriff für die
gesamte Produktion von Werken für Kinder dar, in den sowohl belletristische Werke als
auch Sach- und Fachbücher einbezogen werden. Die Definition von Jugendliteratur steht in
großen Teilen in Übereinstimmung mit der von Kinderliteratur. Es wird unterschieden
zwischen spezifischer Jugendliteratur und der Jugendlektüre, die Jugendliche über das
Angebot für sie hinaus noch lesen.2 Diese Literaturform umfasst alle Texte für junge
Menschen, die nicht mehr Kinderliteratur, aber auch noch nicht als Erwachsenenliteratur
deklarierte Bücher lesen wollen.
Wie die Literatur allgemein, kann auch die Kinder- und Jugendliteratur in die Gattungen
Epik, Dramatik, Lyrik oder Sachtexte eingeteilt werden, wie zum Beispiel in
Kindergeschichte, Roman, Laienspiel, Trauerspiel, Kinderreim und Stimmungsgedicht,
erzählender Sachtext und Lehrbuch.3 Bei seiner Definition dieser Literaturform deutet
Klaus Doderer an, dass diese in Stil und Sprache den Tendenzen der Erwachsenenliteratur,
jedoch mit einer gewissen Verzögerung, folgt. Weiterhin ist zu erkennen, dass Kindern in
ihren Entwicklungsstufen und den damit verbundenen unterschiedlichen Interessen
Verschiedenes angeboten wird daher auch die Einteilung in Kinderliteratur und
Jugendliteratur.
In den Beiträgen zur Geschichte, Kritik und Didaktik im bürgerlichen Zeitalter4 schreibt
Malte Dahrendorf in einer Definition von einer intentionalen Kinder- und Jugendliteratur
speziell für Kinder, die von einer Kinder- und Jugendliteratur zu unterscheiden ist, die
nicht speziell für Kinder und Jugendliche verfasst wird. Im Gegensatz dazu geht Hans-
Heino Ewers aufgrund der Ausprägung dieser Literatur und der unterschiedlichen
Versuche, diese definitorisch zu bestimmen, davon aus, ,,daß es eine allumfassende, in
jeder Hinsicht und zu allen Zeiten gültige Definition dieses kulturellen Phänomens nicht
1 Doderer 1984, S. 161.
2 Kaminski 1998, S. 107.
3 Ebenda, S. 65.
4 Dahrendorf 1980, S. 1 f.
4
geben kann und dass es auch gar nicht sinnvoll ist, danach zu suchen"5. Dies liegt unter
anderem daran, dass jede Definition unter historischen und sozialen Voraussetzungen
entsteht, die sich, wie auch Wertesysteme und Kindheitsbilder, im Laufe der Zeit ändern.
Dennoch ist die Kinder- und Jugendliteratur stets als die Gesamtheit der von Kindern und
Jugendlichen tatsächlich konsumierten Literatur verstanden worden, die einen Ausschnitt
aus dem jeweiligen literarischen Gesamtangebot einer Epoche darstellt.6 Neben der
Definition der ,,tatsächlich konsumierten"7 Kinder- und Jugendliteratur gibt es jene, die
sich auf die Literatur bezieht, welche laut Autoritäten und Verlegern konsumiert werden
sollte. Hierfür hat sich in der Kinderliteraturforschung der Begriff der ,,intentionalen
Kinder- und Jugendliteratur"8 eingebürgert. Im geschichtlichen Verlauf zeigen sich bei der
Definition des Kinder- und Jugendbuches auch in Bezug auf die Einordnung nach
Altersstufen Schwankungen und Veränderungen.
Der Begriff des DDR-Kinder- und Jugendbuches wurde nach der Entstehung zweier
deutscher Staaten festgelegt: Bezeichnet wurden Bücher, die von AutorInnen in der
Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und im Anschluss daran - im Zeitraum von der
Staatsgründung der DDR 1949 bis zum Ende dieses Staates 1990 - in der DDR verfasst
und verlegt worden waren, während jedoch Übersetzungen und deutschsprachige Lizenzen
nicht dazu gerechnet wurden.9 In der DDR gilt daher die Kinderbuchliteratur seit den 60er
Jahren als Literatur für Leser unter 14 Jahren. Die Jugendliteratur ist dort für 14-bis 18-
jährige Leser bestimmt.10 Dem gegenüber steht auf westdeutscher Seite eine vorwiegend
auf verlegerischer, buchhändlerischer und bibliothekarischer Ebene vorgenommene
Differenzierung zwischen Kinder- und Jugendbuch, bei der das Kinderbuch für Leser bis
zum Alter von 10/11 Jahren und das Jugendbuch für 12- bis 14-jährige Leser bestimmt ist.
Die Bezeichnungen der Literatur für Leser ab 14 Jahren unterliegen in der BRD
Schwankungen. Sie wird ,Literatur für junge Leser ab 14′ bzw. für ,junge Erwachsene′,
Jeansliteratur′11 u. dgl. m. genannt.
Im Allgemeinen kann gesagt werden, dass das Kinder- und Jugendbuch zielgerichtet und
dem Alter entsprechend für Kinder und junge Erwachsene geschrieben wird, dessen
Abstufungen nicht eindeutig determiniert werden kann; Altersvorgaben erscheinen dabei
ausschließlich als Richtlinien für die Leser. Seit den Anfängen der Unterscheidung beider
5 Ewers 2000, S. 2.
6 Vgl. ebenda, S. 2.
7 Ebd., S. 3.
8 Brüggemann 1977, S. 14 ff.
9 Vgl. Roeder 2006, S. 81.
10 Vgl. Rudloff 1964, S. 113 ff.
11 Doderer 1984, S. 319 f.
5
Bezeichnungen werden diese begrifflich zusammengefasst und gehen bezüglich der
Altersabgrenzung ineinander über, was u. a. deshalb folgerichtig ist, weil seit jeher einige
Jugendliche auch Lektüre, die für Kinder, und andererseits Kinder solche, die erst für
Jugendliche bestimmt ist, konsumieren.
Um den Übergang zum Thema zu finden, muss erwähnt werden, dass die deutsche
Geschichte 40 Jahre lang auf getrennten Wegen verlief. Nach dem Ende des Zweiten
Weltkrieges 1945 wurde Deutschland im Jahre 1949 in zwei voneinander unabhängige
deutsche Staaten geteilt. Auf westlicher Seite entstand die Bundesrepublik Deutschland12,
und auf der Ostseite wurde die Deutsche Demokratische Republik13 gegründet. In beiden
Teilen Deutschlands herrschten unterschiedliche Gesellschaftssysteme, in denen die
Familie als eine Grundform der Gesellschaft angesehen wurde und die ,,wichtigste
Sozialisationsinstanz"14 war und blieb. Während die BRD den Weg in eine bürgerlich-
parlamentarische Demokratie einschlug, lebten die Menschen der DDR in einem
sozialistischen System. Demzufolge fanden in beiden Staaten verschiedene
gesellschaftliche Entwicklungen statt. Diese Entwicklungen spiegelten sich in den
unterschiedlich postulierten Familienmodellen wider, denen differente Definitionen zu
Grunde lagen.
Im Westen galt das bürgerliche Familienmodell der ,Hausfrauenehe′15, das auf der
Erwerbstätigkeit des Mannes und der häuslich familialen16 Tätigkeit der Frau basierte.17
Entsprechend diesem Modell war die Frau nicht erwerbstätig und kümmerte sich als
Hausfrau um den Haushalt und die Kinder, während der Mann als ,Oberhaupt der Familie′
für das Einkommen sorgte. Diese Form der Familie wurde vor allem von den Kirchen
gefordert und unterstützt. Doch im Verlauf dieser jahrelange praktizierten Form des
Zusammenlebens und des Anstiegs des Bildungsniveaus von Frauen kam es Ende der 60er
Jahre zu Frauen- und Studentenbewegungen, deren Anhänger vor allem innerfamiliale
Veränderungen gefordert wurden, die sich insbesondere auf die innerfamiliale
12 Abkürzung: BRD.
13 Abkürzung: DDR.
14 Pfau/Trültzsch 2006, S. 64.
15 Milhoffer 1980, S. 169.
16 Das im Folgenden verwendete Adjektiv ,,familial" beinhaltet eine objektive Bezugnahme auf die Familie,
ist also nur im Zusammenhang mit der Erscheinung ,,Familie" verwendbar, ohne dabei irgendeine andere
qualitative Aussage zu treffen. Dahingegen bringt das umgangssprachlich übliche Wort ,,familiär" bestimmte
Eigenschaften wie beispielsweise Zusammengehörigkeit, Intimität zum Ausdruck und kann von daher zur
Kennzeichnung aller möglichen Erscheinungen herangezogen werde. Man sagt z.B. ,,ein familiärer
Umgangston" und spielt damit auf eine familienspezifische Verhaltensweise an.
17 Vgl. Bürgerliches Gesetzbuch der Bundesrepublik Deutschland (BGB): § 1356 und § 1360. 1957.
6
Arbeitsteilung und auf die Anerkennung der Erwerbstätigkeit von Müttern bezogen.18
Diese Bewegungen trugen zu einer Reform des geltenden Familien- und Scheidungsrechts
bei, in deren Ergebnis unter anderem der Paragraph 1365 der Bürgerlichen Gesetzbuches
ab 1977 wie folgt lautete:
Die Ehegatten regeln die Haushaltsführung im gegenseitigen Einvernehmen. Ist die
Haushaltsführung einem Ehegatten überlassen, so leitet dieser den Haushalt in eigener
Verantwortung. Beide Ehegatten sind berechtigt, erwerbstätig zu sein. Bei der Wahl und
Ausübung haben sie auf die Belange des anderen Ehegatten und der Familie die gebotenen
Rücksichten zu nehmen.19
Damit sollte in den Siebzigern die sich entwickelnde Gleichberechtigung von Mann und
Frau gesetzlich untermauert werden.
In der DDR hingegen galt seit deren Gründung fortlaufend das ,sozialistische
Familienbild′, nach welchem neben den Vätern auch die Mütter erwerbstätig waren.
Verankert wurde dieses im Familiengesetzbuch (FGB) der DDR im Jahre 1965. Darin
wurde die Gleichberechtigung von Mann und Frau als Grundprinzip festgeschrieben. So
sollte sich das Ziel der Ehe ,,im gemeinsamen Zusammenleben, in der Erziehung der
Kinder und in der gemeinsamen Entwicklung der Eltern und Kinder [erfüllen]"20. ,,Die
Familie bildete ein ,Grundkollektiv′ innerhalb einer hierarchisch strukturierten
Gesellschaft, das gemeinsam mit den Kollektiven ,im Haus, am Arbeitsplatz, in der
Schule, in Partei- und Massenorganisationen′ einen ,Gleichklang von gesellschaftlichen
und persönlichen Interessen′21 herstellen sollte."22
Im Weiteren folgt eine Konkretisierung der Auffassungen über diese Form des
Zusammenlebens aus Sicht beider deutscher Staaten.
In der BRD beschrieb der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl in der
Regierungserklärung von 1985 die Familie in der Gesellschaft wie folgt:
Die Familie ist das Fundament unserer Gesellschaft; denn in der Familiengemeinschaft
lernen die Menschen Verhaltensweisen, die unsere Gesellschaft prägen: Liebe, Vertrauen,
Toleranz und Rücksichtnahme, Opferbereitschaft und Mitverantwortung.23
18 Huinink/Mayer 1995, S. 45.
19 Vogel 1989, S. 68.
20 Strobel 2006, S. 193.
21 Helwig 1984, S. 6.
22 Strobel 2006, S. 193 f.
23 Kohl 1993, S. 30.
7
Über diese Beschreibung hinaus hatte die Familie, dargestellt besonders im Zweiten
Familienbericht 1975 und im Dritten Familienbericht 1979, gemäß familienpolitischen
Forderungen die Funktionen der Reproduktion, der Sozialisation sowie Aufgaben in
Haushalt und Wirtschaft zu erfüllen. Dies bedeutete allgemein, dass die Familie eine
wichtige Rolle beim Erhalt der Gesellschaft hatte und zu deren Entwicklung beitrug.24
Auch in der DDR hatte die Familie eine bedeutende und genau bestimmte Funktion zu
erfüllen. Diese bestand zwar auch in der Reproduktion, der Haushaltsführung usw., jedoch
in erster Linie in der Mithilfe beim Aufbau der sozialistischen Gesellschaft. Jener musste
bei der Kindererziehung ansetzen.
In der Gesetzgebung der Deutschen Demokratischen Republik wurde der Familie eine
außerordentliche Bedeutung zugemessen, die 1965 mit der Einführung des
Familiengesetzbuches (FGB) staatlich festgelegt worden war. Sie ging vor allem aus
folgendem Zitat aus der Präambel des FGB bezüglich der sozialistischen Familie hervor.
Die Familie ist die kleinste Zelle der Gesellschaft. Sie beruht auf der für das Leben
geschlossenen Ehe und auf den besonders engen Bindungen, die sich aus den
Gefühlsbeziehungen zwischen Mann und Frau und den Beziehungen gegenseitiger Liebe,
Achtung und gegenseitigen Vertrauens zwischen allen Familienmitgliedern ergeben.25
Des Weiteren hieß es, dass sich die Familie zu einer Gemeinschaft entwickeln soll, ,,in der
[solche] Fähigkeiten und Eigenschaften Unterstützung und Förderung finden, die das
Verhalten des Menschen als Persönlichkeit in der sozialistischen Gesellschaft
bestimmen"26. Darin manifestierten sich die große Wertschätzung und Bedeutung der
Familie in der sozialistischen Gesellschaft.
Trotz unterschiedlicher Familienideale und Familienrealitäten nahm die Familie in beiden
Teilen Deutschlands eine besondere Stellung in der Bevölkerung ein. In diesem
Zusammenhang kann zudem betont werden, ,,daß die Rolle der Frau und Mutter [als
wichtiger Bestandteil der Familie] in beiden Teilen Deutschlands offiziell - aber auch von
der Bevölkerung selbst unterschiedlich definiert und beurteilt wurde"27.
24 Cramer 1993, S. 26 f.
25 Familiengesetzbuch der Deutschen Demokratischen Republik (FGB) vom 20. Dezember 1965, GB1. I Nr.
1, S. 1.
26 FGB 1965, S. 1.
27 Huinink/Mayer 1995, S. 46.
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