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Subtitle: Eine philosophische Reflexion über das Wesen des Friedens
Thesis (M.A.), 2008, 97 Pages
Author: Helmut Wagner
Subject: Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
Details
Tags: Erfahrung, Leid, Krieg, Friede, Utopie
Year: 2008
Pages: 97
Grade: 1,5
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-29972-0
ISBN (Book): 978-3-640-30461-5
Bei dieser ungewöhnlichen Magisterarbeit handelt es sich um eine (...) gewissermaßen neoneoneo-platonische Untersuchung über die Ursachen von Krieg und die Möglichkeiten zu seiner dauerhaften Vermeidung. [...] Eine sehr niveauvolle Arbeit, die das Paradoxon von Krieg und Frieden treffend erfasst, aber - was den Verfasser durchaus ehrt - nicht ganz von dieser Welt ist. In der Notengebung schwanke ich zwischen 1,7 und 1,3, gebe aber angesichts der seltenen Noblesse der Arbeit der letztgenannten Note den Vorrang. Sprachlich stark überarbeitete Version
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Abstract
Ist ein Zustand von dauerhaftem Frieden zwischen den Menschen angesichts der menschlichen Erfahrung von Leid und Krieg eine reine Utopie? - so lautet das Thema dieser Arbeit. Der Verfasser geht sein Thema aus zwei verschiedenen Blickrichtungen - dem der Gegenseitigkeits- und Antizipationslogik und dem der politischen Anthropologie an. Dabei kommt er unter dem ersten Aspekt zu dem Ergebnis, dass Friede im Kontext einer Ordnung von Recht und Gewalt stets nur kurzfristig und regional begrenzt den Frieden zu sichern vermag, was er an historischen Beispielen zu belegen versucht. Unter dem zweiten Aspekt, dem der politischen Anthropologie, kommt er zu einem ähnlichen Ergebnis. Da die Friedenssicherung im Kontext einer Ordnung von Macht und Gewalt stets von einer politischen Anthropologie à la Thukydides, Machiavelli und Hobbes ausgehe - von einem tendenziell pessimistischen Menschenbild also - könne sie nur von begrenzter Reichweite sein. Das Anliegen des Verfassers ist es letztlich nachzuweisen, dass diese 'negative' Anthropologie durch eine 'positive' ersetzt werden müsse, wenn man das Ziel dauerhaften Friedens ernst nehme. Letztlich streben alle Menschen nach Frieden, betrachten diesen aber erst als erreicht, wenn ihre Ziele wenigstens annäherungsweise erreicht würden und ihre Bedürfnisse gestillt. Dies führe tatsächlich zu dem Hobbes'schen bellum omnium contra omnes. Da den Menschen das Bedürfnis nach Frieden aber letztlich eingeboren sei, bleibe ihnen nichts anderes übrig als auf der Suche nach dem Guten den von Platon vorgezeichneten Erkenntnisweg des Philosophen zu beschreiten. Und diesen Erkenntnisweg zeichnet der Verfasser in stetem Blick auf das platonische Sonnen- und Höhlengleichnis - man ist geradezu versucht, zu sagen: liebevoll - nach. Nur so könne er über Stufen und dornenvolle Wegstrecken (zu denen u.a. auch die Beachtung der aristotelischen Mesotes-Lehre gehöre) zur Herstellung des Friedens im Erkennenden selbst und durch seine Vermittlung dann schließlich auch in der Gesellschaft gelangen. Schließlich habe es einen Zustand des Friedens schon einmal gegeben, zumindest sei er als alter Menschheitstraum im Bewußtsein der Völker präsent, was am Beispiel des Rousseau'schen Discours, aber auch anhand der verschiedenen Erinnerungskulturen vom "Goldenen Zeitalter", von der "Traumzeit", vom "Paradies" etc. belegbar sei.
Excerpt (computer-generated)
Hochschule: LMU München
Institut: Geschwister-Scholl-Institut
Studienfach: Politische Wissenschaft
MAGISTERARBEIT
Thema:
Die menschliche Erfahrung von Leid und Krieg - Friede als Utopie?
- Eine philosophische Reflexion über das Wesen des Friedens -
Wintersemester 2007/2008
Abgabetermin: 01. April ... 2008
Verfasser: Helmut Wagner
- INHALTSVERZEICHNIS -
A Das Paradox von Krieg und Frieden. Eine Betrachtung von Außen ... 3
B Die menschliche Erfahrung von Leid und Krieg - Friede als Utopie? ... 8
I. Der Krieg als politische Realität. Von der Unmöglichkeit des Friedens im Kontext einer Ordnung von Macht und Gewalt ... 8
1. Politischer Realismus, warum er berechtigt ist ... 8
2. Die politische Ordnung, warum sie bedenklich ist ... 15
3. Krieg als ethisch legitimes Mittel der Politik? ... 18
4. Actio = reactio, oder hinein in den unbegrenzten Kriegszustand! ... 23
5. Warum das System den Menschen zum Handeln zwingt ... 27
6. Der Krieg als auswegsloses Schicksal des Menschen? ... 31
II. Der Friede als natürliche Wahrheit. Vom natürlichen Ursprung des Menschen als eines friedlichen Wesens ... 34
1. Die Hypothese vom friedlichen Naturzustand ... 34
2. Der Verfall - Verlust des Friedens in den Ketten der Unfreiheit ... 38
III. Die historischen Ordnungen des Friedens als empirischer Ausdruck eines politischen Strebens nach Frieden ... 41
IV. Von der unbegrenzten Natur des Friedens. Was bedeutet Friede über die politische Konzeption hinaus? ... 48
V. Innerer Friede durch Umkehr und Einkehr. Von der grundsätzlichen Notwendigkeit einer Herrschaft des Philosophen ... 51
1. Vom Ort des Friedens - eine Reise ins innere Selbst ... 51
2. Die Überwindung der inneren Zerrissenheit des Menschen ... 53
3. Erforschen wir den geistigen Frieden! ... 57
4. Von der Wendung des Blicks zur innerlichen Einkehr ... 58
5. Die Fähigkeit des Philosophen zur vernünftigen Selbstherrschaft ... 60
VI. Die Vernunft als Bedingung einer natürlichen Ordnung des Friedens. Über Utopie und Realität eines Friedens der Gewaltfreiheit ... 61
1. Die Vernunft als handlungsleitendes Prinzip ... 61
2. Über die vernünftige Handlung zur Natur der Tugend ... 62
3. Das Beispiel Gandhi - die natürliche Tugend der Gewaltfreiheit ... 66
4. Tugendhaftigkeit als bewusste Entscheidung für das gute Leben ... 68
VII. Der Aufstieg des Philosophen von der Dunkelheit ans Licht. Wandel im Bewusstsein als Bedingung für vernunftgemäße Erkenntnis ... 69
1. Wandel im Bewusstsein durch Selbsterkenntnis ... 69
2. Vom geistigen Aufstieg des Philosophen ans Licht ... 72
3. Oben angekommen, was erkennt der Philosoph im Licht? ... 75
VIII. Einsicht in die vernunftgemäße Ordnung der Natur. Was ist die Idee des Guten, wer bewirkt sie? ... 77
1. Die Idee des Guten, was sie bedeutet ... 77
2. Die Wissenschaft erkennt sie nicht, aber der Philosoph? ... 79
3. Über das Gute, das die Idee bewirkt ... 81
IX. Die Verwirklichung der Idee des Guten - oder der Weg in die Einheit einer natürlichen Ordnung des Friedens ... 83
C Fazit ... 88
A Das Paradox von Krieg und Frieden. Eine Betrachtung von Außen.
Betrachtet man die geschichtliche Entwicklung der Menschheit in den letzten 2500 Jahren seit der von Karl Jaspers so benannten Achsenzeit1, erscheint diese als eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Zumindest nach der gängigen Art und Weise, wie uns die zivilisatorische Entwicklung des Menschen vermittelt wird. Sie wird uns erzählt als die Geschichte eines unaufhaltsamen Aufstiegs, die ihren Beweis in dem unbestrittenen materiell-technologischen Entwicklungsstand findet, der im Zeitalter der Moderne nun unbestreitbar seinen krönenden Höhepunkt erreicht hat. Doch ist es nicht zugleich auch eine Geschichte voller ungelöster Rätsel und unversöhnter Paradoxien, die auch anders erzählt werden kann - als ein menschliches Drama von Sieg und Niederlage? Für den entfernten Beobachter aus dem Weltall, der auf dieses irdische Schauspiel herabsieht, mag dies in erster Linie eine Frage der Perspektive sein. Sicherlich wird er die geläufige Version aus den Schulbüchern nachvollziehen können, wenn er einen Blick auf die zivilisatorischen Errungenschaften der modernen Menschheit von heute wirft. Es wird ihm Respekt abnötigen, wenn er sieht, zu welch physischen Höchstleistungen, kreativen Kunstwerken, wissenschaftlichen Entdeckungen und monumentalen Prachtbauten die Spezies Mensch fähig ist. Und doch wird ihm, als Außenstehendem, dieses Schauspiel auch einiges an Rätseln aufwerfen. An allen Schauplätzen dieser Welt wird er zu jeder Zeit innerhalb der genannten Zeitspanne beobachten können, wie die Bewohner dieser Welt sich scheinbar aus dem Nichts heraus mit blutigen Kriegen überziehen und ihre großartigen kulturellen Errungenschaften im Nu wieder dem Erdboden gleichmachen. Im Kontrast hierzu wird er ebenfalls an allen Schauplätzen dieser Welt zu jeder Zeit ein einträchtiges Zusammenleben in Frieden und Harmonie, fruchtbare Phasen höchster kultureller Blüte und ungeheuren zivilisatorischen Fortschritts beobachten können. Er blickt nun also herab auf die verwirrende menschliche Realität von Krieg und Frieden. Ihm erscheint diese Realität dabei weniger als die logisch-stringente Geschichte eines unaufhaltsamen Aufstiegs, sondern wohl eher im Sinne von Friedrich Nietzsche als die Wiederkehr des Ewiggleichen in verschiedener Gestalt und Form - ein nicht enden wollender Akt von Schöpfung und Zerstörung, der zunehmend verdeckt wird von einer ungeheueren materiellen und technologischen Fortschrittsentwicklung. Es ist ihm, als würde sich die äußere materielle Kulisse zwar laufend verändern, hin zu immer mehr Glanz und Prunk - doch als ob zugleich die zugrunde liegenden Spielregeln dahinter stets dieselben blieben. Er wird den tieferen Sinn dieses Schauspiels anfangs nur schwer verstehen können - und er wird sich fragen, wer die Menschen veranlasst, sich so zu verhalten, wie sie sich verhalten?
Wozu Krieg, wozu dieses ganze Leid, die blinde Zerstörung und das unnötige Blut wird er sich fragen? Was treibt diese eine Gattung Mensch denn in eine derartige Feindseligkeit, dass sie sich untereinander solche Gewalt antun? Worin liegt der Sinn hinter all dieser Gewalt verborgen und was wollen die Menschen damit erreichen, also welches höhere Gut treibt sie an? Was ist es ihnen wert, den positiven Zustand eines friedlichen Zusammenlebens aufzugeben, um sich immer wieder gegenseitig mit Krieg zu überziehen? Wer profitiert davon? Schaden sie sich damit nicht eigentlich nur selbst, verlieren sie nicht alle gemeinsam dabei? Verwundert reibt er sich also die Augen über das merkwürdige Verhalten dieser an sich doch so hochbegabten und sehr intelligenten Spezies. Zu was diese Kreaturen wohl fähig wären, wenn sie ihre geistigen Kräfte zu einem gemeinsamen Ziel hin bündeln könnten? Doch anscheinend fehlt es an einer gemeinsamen obersten Autorität, die von allen anerkannt würde und damit in der Lage wäre, all die verschiedenen Gruppierungen, die einander bekriegen, unter ihrem Banner zu einen und zu dauerhaftem Frieden zu führen. Bei genauerer Hinsicht wird ihm klar, dass es sich um ein zersplittertes und künstliches System der Herrschaft von Menschen über Menschen handelt, das sich der Gewalt als Mittel seiner Legitimation bedient.
Er versteht jetzt also besser. Die Menschen sehen sich demzufolge gar nicht als Teil ein und derselben Familie, sondern ziehen sogar Trennlinien um sich voneinander abzugrenzen und ihre Besitztümer zu markieren. Innerhalb dieser Grenzen gelingt es auf den ersten Blick das Zusammenleben weitgehend friedvoll zu regeln, zumindest scheint die Gewalt zwischen den Menschen hier weniger offene und organisierte Formen anzunehmen. Die Menschen in diesen Lebensräumen sehen sich wohl als Teil einer Gemeinschaft, die ihre Interessen zur Not auch gewaltsam gegenüber der Außenwelt vertritt. Immer wieder ziehen sie folglich unter dem Signum ihrer Flagge in den Krieg mit anderen künstlichen Gemeinschaften, die sie als Staaten oder Nationen bezeichnen. Offensichtlich handelt es sich bei diesem irdischen Drama um ein so ernstes Spiel, dass sich die Menschen untereinander als gegenseitige Bedrohung wahrnehmen. So manches scheinbare Paradox auf Erden wird ihm nun verständlicher. Er beobachtet die Schrecken des Krieges und all das unsägliche Leid, welches er über die Bevölkerungen auf beiden Seiten bringt: Die rohe Gewalt, das sinnlose Töten und die grausame Folter, die brutalen Vergewaltigungen, die mit dem Leid verbundenen Tränen von Trauer und Hilflosigkeit, die Schreie aus Angst und Verzweiflung, das Gefühl der Erniedrigung und Ohnmacht der Opfer, die fassungslose Leere und Wut der Hinterbliebenen. Gleichzeitig verfolgt er die Unbarmherzigkeit all der menschlichen Werkzeuge des Krieges, die Begeisterung und den Fanatismus derer, die in den Krieg ziehen, die Huldigungen derer, die siegreich aus ihm zurückkehren, und das politische Kalkül derer, die an den Schalthebeln der Macht sitzen und sich im Glanze dieses zweifelhaften Ruhmes sonnen und feiern lassen.
Für einen kurzen Moment wendet er sich ab von den Gräueln dieses Schauspiels,er fühlt Mitleid und Anteilnahme am Schicksal dieser an sich doch so liebenswerten Geschöpfe. Sie kämpfen nur um ihr Überleben, denkt er, und es ist dieser Kampf, der die Härte in ihr Leben bringt, der sie abstumpfen lässt. Wenn sie dieses Schauspiel doch nur aus meiner Perspektive betrachten könnten, es würde ihrem Leben einiges mehr an Ruhe und Gelassenheit verleihen. Er erinnert sich an all die hoffnungsfrohen Szenen, die er abseits von all den hitzigen Schauplätzen des Kriegs und der Gewalt beobachten konnte, in den sanften Wogen der Blütezeiten des Friedens. Jeder Krieg - und war er noch so verheerend - zog wie ein tobender Orkan wieder vorbei, und aus den Trümmern und der Asche, die er hinterließ, entstand dann wieder ein Neubeginn, getragen von den Denkmälern des Friedens. Die Rastlosigkeit des Krieges fand bisher noch stets ein Ende und die Menschen schufen sich auch in den hoffnungslosesten Lagen immer wieder eine neue Heimat des Friedens, als ob sie dem Krieg damit trotzen wollten. Getragen vom Wissen um den Wert des Friedens wurden gerade die Tiefpunkte in der Geschichte der Menschheit, die Momente ihrer schlimmsten Katastrophen und schmerzvollsten Niederlagen, oft zum Ausgangspunkt eines fruchtbaren Neubeginns. Viele bedeutende historische Beiträge zum Thema Friede entstanden etwa in Zeiten größter gewaltsamer Unruhen, ohne deren prägende Erfahrungen die philosophischen Werke von Laotse, Thomas Hobbes, Niccolò Machiavelli und vielen anderen wohl kaum in dieser Form entstanden wären. Doch nicht nur auf der philosophischen, sondern gerade auch auf der existenziell zwischenmenschlichen Ebene war die Ernüchterung nach den Schrecken des Krieges häufig die Grundsteinlegung für die Entwicklung von mehr Nähe, Wärme und Mitgefühl unter den Menschen, deren gemeinsames Schicksal als Opfer des Kriegs sie nun auf innigere Weise und tiefer als je zuvor miteinander verband. Der Krieg als existenzielles Ereignis gab somit unverhofft dem Gefühl einer tieferen Solidarität und Verbundenheit zwischen den Menschen Geburt, aus dem sie neue Kraft und Hoffnung schöpften, wodurch dann nicht selten gerade die Frauen zum Fundament einer neuen Ordnung des Friedens wurden. Und gingen nicht auch viele positive Entwicklungen auf der politischen Ebene der Internationalen Beziehungen aus den ebenso tragischen wie lehrreichen Lektionen des Krieges hervor? Welchen großen historischen Wandel zum Frieden beispielsweise hat das kriegstreiberische Europa nach den beiden vernichtenden Weltkriegen, den traurigen Tiefpunkten der bisherigen Geschichte der Menschheit, in den letzten fünfzig Jahren vollzogen! Wichtig für diese Epoche der Moderne scheinen zudem all die produktiven Impulse zu sein, welche der Krieg mit seinen ehrgeizigen Ambitionen der soziokulturellen Entwicklung in so zentralen Bereichen wie Ökonomie, Industrie, Handel, Technologie, Forschung oder Wissenschaft verleiht. Kann man also mit Heraklit gar vom Krieg als Vater aller Dinge sprechen?
Dies entspräche zumindest dem bisher gängigen Bild, das uns die traditionelle Geschichtsschreibung2 bereits seit ca. 2500 Jahren vermittelt. Im Fokus ihres Interesses steht der Krieg als Ereignis, als schöpferischer Akt, der über Sieg und Niederlage, über den Aufstieg und Fall von Herrschern, ja mithin von ganzen Völkern und Imperien entscheidet. Sie beschreibt damit die historische Entwicklung seit der Achsenzeit als diejenige einer Kriegskultur, die entscheidend von der Realität des Krieges beeinflusst und geprägt wurde. In der Tat wäre die heutige Zivilisation der Moderne wohl kaum ohne ihre Jahrtausende währende Historie des Krieges denkbar. Die Erfahrung von Krieg und des damit verbundenen Leides hat die politische Entwicklung der Menschheit maßgeblich beeinflusst. Ohne die Schicksalsmacht des Krieges, der als historisches Ereignis stets unwiderrufliche historische Fakten schuf und auch weiterhin schafft, hätte die Welt von heute sicherlich ein völlig anderes Gesicht. Die moderne Geschichte und Geographie der Welt geht folglich zu einem nicht gerade unerheblichen Teil auf sein wirkungsmächtiges Werk zurück. Dies wird umso klarer, wenn man sich einmal eine Landkarte der heutigen Welt vorstellt, welche sich von Beginn an dem Prinzip der friedlichen Konfliktlösung verschrieben hätte. Die derzeitige Ordnung und Aufteilung der Welt in weit über hundert zersplitterte und zerstrittene Staaten wäre darauf wohl nicht einmal ansatzweise wieder zu erkennen, sie erscheint vielmehr als das historische Produkt von Gewalt und Krieg. Der Krieg als Ereignis und sein schöpferisches Prinzip der Zerstörung hatte einen solch prägenden Einfluss auf die bisherige Entwicklung und die Existenzweise der modernen Zivilisation, dass durchaus von einer kriegskulturellen Entwicklung gesprochen werden kann, die sich in der Art ihrer Geschichtsschreibung einfach nur widerspiegelt – als die Chronik einer Kriegsgeschichte.
Im Laufe dieser Kriegsgeschichte hat der Mensch gelernt, sich mit Gewalt und Krieg weitestgehend zu arrangieren. Diese werden als notwendige Übel menschlicher Existenz erachtet, die es zwar zu begrenzen gilt, deren endgültige Überwindung bis hin zu einem dauerhaften Frieden zwischen den Menschen jedoch grundsätzlich als Utopie erscheint. Der Traum von einem natürlichen Frieden auf der Grundlage des Prinzips der Gewaltfreiheit scheint mithin nicht nur utopisch, sondern gar ethisch unverantwortlich angesichts einer Ordnung, die auf der Logik der Gewalt beruht. Die Erfahrung von Leid und Krieg erwiese sich somit auf Dauer als die Realität menschlicher Existenz. Ist ein Zustand natürlichen Friedens also unmöglich? Angesichts der unkalkulierbaren Risiken des 21. Jahrhunderts und der allgegenwärtigen Friedenssehnsucht erscheint allein schon » mangels allgemeiner Klarheit über das Wesen des Friedens jeder Versuch zur Klärung eine Selbstverständlichkeit. «3 Diese wissenschaftliche Arbeit unternimmt diesen Versuch in Form einer philosophischen Reflexion über die Natur, den Ort und die Bedingungen des Friedens. Die Reflexion als solche beginnt mit einer Erörterung der Möglichkeit von Frieden in einer kriegsgezeugten Realität. Sie fragt dann nach dem ursprünglichen Ort des Friedens und findet ihn in der geistigen Natur des Menschen selbst. Sie deutet daher alle historischen Ordnungen des Friedens als politischen Ausdruck eines universellen Strebens des Menschen nach Frieden. Der sprachhistorische Exkurs zur Synthese eines allgemeinen Friedensbegriffs führt dann in den zweiten Teil der Arbeit, in dem es um die Analyse der Bedingungen für die Verwirklichung einer natürlichen Friedensordnung geht. Diese scheint schließlich nur möglich, wenn sie sich in der vernünftigen Natur des Menschen begründet. Doch kann diese auch erkannt und realisiert werden?
[...]
1 Vgl. Jaspers, K., Geschichte, 1949: Jaspers beobachtete um ca. 500 v. Chr. einen bedeutsamen und tiefen Einschnitt in der Weltgeschichte, der sich unabhängig voneinander in China, Indien und dem christlichen Abendland vollzog - und bezeichnete ihn folglich als die » Achse der Weltgeschichte «. Die folgenden Überlegungen zum Thema Krieg und Gewalt beziehen sich auf diesen Zeitraum von ca. 2500 Jahren.
2 Verstanden als die von Thukydides begründete rationale, an Fakten orientierte Geschichtsschreibung. Geschichte wird seither primär nach einem kriegskulturellen Verständnis gelehrt, d.h. nach einem Verständnis, in dem Kriege, Herrscher, Siege und Niederlagen im Mittelpunkt stehen. (Vgl. Koppe, K, Vergessener Frieden, 2001, S.45)
3 Friedländer, E., Wesen des Friedens, 1947, S.9#
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