Register or log in at GRIN

Your e-mail-address or password is wrong
Register now
For new authors: free, easy and fast
This will be used as your user name, please specify a valid e-mail address

Lost password

Your e-mail-address or password is wrong

Request a new password
'Vor dem Gesetz' - Jacques Derridas Kafka-Lektüre close

Please wait

Please install the Adobe Flash Player if no e-book is displayed.

'Vor dem Gesetz' - Jacques Derridas Kafka-Lektüre

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 1996, 23 Pages
Author: Thomas Keith
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 1996
Pages: 23
Grade: 1,3
Language: German
Archive No.: V125138
ISBN (E-book): 978-3-640-30829-3


Abstract

Am Beispiel Kafka als einem von der Literaturwissenschaft exzessiv beackerten Feld können sich in einer Synopse der vorliegenden Forschungsarbeiten zu einem bestimmten Text besonders deutlich die unterschiedlichen Ansätze und Methoden zeigen, wie sie im Rahmen der die jeweilige Zeit prägenden Paradigmen verortet sind, und ihre Grenzen, die gerade beim Sich-Abmühen an Kafka deutlich werden. "Vor dem Gesetz", ein besonders häufig traktierter Text, kann dazu als Musterbeispiel dienen. An Jaques Derridas Arbeit "Préjugés" zu "Vor dem Gesetz" wird der Paradigmenwechsel von 'Sinnsuche' zu 'Sinnbestreitung' in der literaturtheoretischen Praxis besonders deutlich, sein Text über Kafkas Text ist zu einem Musterbeispiel für so genanntes ′dekonstruktives′ Lesen und Textverständnis und dessen Selbstentwicklung aus einem Primärtext geraten.


Excerpt (computer-generated)


"Vor dem Gesetz". Jacques Derridas Kafka-Lektüre

von

Thomas Keith


Inhaltsverzeichnis

0

Der Text 3

I

Hinführung: Kafka, postmodern 4

II

Derridas Lektüre von "Vor dem Gesetz" 5

II.1

Die Schrift und die

différance

5

II.2

"Dekonstruktion" ­ eine Negativitätsästhetik 6

II.3

Zur Methodik 7

II.4

Die Kerngedanken ­ rote Fäden in Derridas Text 9

II.4.1

Der "axiomatische Konsens" ­ das Gesetz der Literatur 10

II.4.2

Al gemeinheit des Gesetzes der Literatur vs. Individualität des

literarischen Textes, Al gemeines vs. Besonderes 11

II.4.3

Gesetz und Narration 12

II.4.4

Die

differánce

14

II.4.5

Die Selbstreferenzialität der Erzählung 15

II.4.6

Die Rol e des Titels und des Anfangs 16

II.4.7

"Vor dem Gesetz" als Prototyp von Literatur 17

III

Zur Bewertung 18

Literaturverzeichnis 22

2


0

Der Text

VOR DEM GESETZ

Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande

und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den

Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später

werde eintreten dürfen. »Es ist möglich,« sagt der Türhüter, »jetzt aber nicht.« Da

das Tor zum Gesetz offensteht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich

der Mann, um durch das Tor ins Innere zu sehn. Als der Türhüter das merkt, lacht er

und sagt: »Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meines Verbotes

hineinzugehn. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter.

Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den

Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen.« Solche Schwierigkeiten hat

der Mann vom Lande nicht erwartet; das Gesetz sol doch jedem und immer

zugänglich sein, denkt er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel

genauer ansieht, seine große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen tatarischen

Bart, entschließt er sich, doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt

bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und läßt ihn seitwärts von der Tür

sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche,

eingelassen zu werden, und ermüdet den Türhüter durch seine Bitten. Der Türhüter

stel t öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn über seine Heimat aus und nach

vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren stel en, und

zum Schluß sagt er ihm immer wieder, daß er ihn noch nicht einlassen könne. Der

Mann, der sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet al es, und sei

es noch so wertvol , um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar al es an,

aber sagt dabei: »Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu

haben.«Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast

ununterbrochen. Er vergißt die andern Türhüter und dieser erste scheint ihm das

einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den unglücklichen Zufal ,

in den ersten Jahren rücksichtslos und laut, später, als er alt wird, brummt er nur

noch vor sich hin. Er wird kindisch, und, da er in dem jahrelangen Studium des

Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe,

ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen. Schließlich wird sein Augenlicht

schwach, und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird, oder ob ihn nur seine

Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der

unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor

seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe al e Erfahrungen der ganzen Zeit zu

einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestel t hat. Er winkt ihm zu, da

er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muß sich tief

zu ihm hinunterneigen, denn der Größenunterschied hat sich sehr zu ungunsten des

Mannes verändert. »Was wil st du denn jetzt noch wissen?« fragt der Türhüter, »du

bist unersättlich.« »Al e streben doch nach dem Gesetz,« sagt der Mann, »wieso

kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?« Der

Türhüter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein

vergehendes Gehör noch zu erreichen, brül t er ihn an: »Hier konnte niemand sonst

Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und

schließe ihn.«

(Franz Kafka: Ein Landarzt. Kleine Erzählungen. München/Leipzig 1919 (recte 1920),

S.49-56)

3


I

Hinführung: Kafka,

postmodern

Am Beispiel Kafka als einem von der Literaturwissenschaft exzessiv beackerten Feld

können sich in einer Synopse der vorliegenden Forschungsarbeiten zu einem

bestimmten Text besonders deutlich die unterschiedlichen Ansätze und Methoden

zeigen, wie sie im Rahmen der die jeweilige Zeit prägenden Paradigmen verortet

sind, und ihre Grenzen, die gerade beim Sich-Abmühen an Kafka deutlich werden.

"Vor dem Gesetz", ein besonders häufig traktierter Text, kann dazu als

Musterbeispiel dienen.1

Der hermeneutischen Tradition verpflichtete Interpretationen stiften "von einer

dominant gesetzten Ebene kulturel gesicherten Wissens der Biographie, der

Geschichte, der Epoche, der literarischen Gattung usw." eine (meist religiöse oder im

weitesten Sinn existenzphilosophische) Gesamtdeutung.2 Bereits in den 1970-ern

rückte aber das Unbestimmbare in Kafkas Texten in den Mittelpunkt des

interpretativen Interesses und wurde ausdrücklich thematisiert. Statt Rätsel auflösen

zu wol en, kam die Kafka-Forschung zu der Einsicht, dass die Unbestimmbarkeit

weniger auf der Referenzebene des Textes liegt als vielmehr in seiner eigenen

Struktur. Damit geriet der Interpretationsprozess selbst in den Fokus. Es lag nahe,

"Vor dem Gesetz" (und die Exegese dieses Textes im Romankontext des "Proceß",

wo er als so genannte `Türhüterlegende′ auftritt) dabei als Gleichnis für Verstehen

und Deuten im Al gemeinen zu lesen, den Text zugleich als Il ustration und

Konstruktion deutungstheoretischer Einsichten. "[P]ostmoderne[...] Theorieansätze",

wie sie Klaus-Michael Bogdal nennt, spitzen diese Beobachtungen zu und bestreiten

"radikal eine substanti erbare Sinnhaftigkeit".3 Sie unternehmen keine Anstrengungen

mehr, einen Sinn aus dem Text herauszudestil ieren: seine Rätselhaftigkeit wird als

selbstverständlich akzeptiert, ja geradezu zelebriert. Bedeutungen sind nach diesen

Ansätzen nichts Festes, sondern in ständigem Fluss; die Struktur, die Topographie

ist in andauernder Bewegung und wird von einem "sich ständig transformierende[n]

Sinn"4 durchlaufen.

Jaques Derrida ist einer der Vordenker in diese Richtung. An seiner Arbeit "Préjugés"

1 siehe für neuere Ansätze: Klaus Michael Bogdal: (ed.): Neue Literaturtheorien in der Praxis. Textanalysen zu

Kafkas "Vor dem Gesetz". Opladen 1993.

Ein von Oliver Jahraus und Stefan Neuhaus herausgegebenes Reclam-Bändchen hat sich eine andere kurze

Erzählung vorgenommen: "Kafkas ′Urteil′ und die Literaturtheorie. Zehn Modellanalysen. Stuttgart 2002.

2 Bogdal: "Das Urteil kommt nicht mit einemmal". Symptomale Lektüre und historische Diskursanalyse von Kafkas

′Vor dem Gesetz′. In: id. (ed.): Neue Literaturtheorien in der Praxis, S.43-63 (S.48).

3 ibid., S.76.

4 ibid., S.48.

4


zu "Vor dem Gesetz" wird der Paradigmenwechsel von ′Sinnsuche′ zu

′Sinnbestreitung′ in der literaturtheoretischen Praxis besonders deutlich, sein Text

über Kafkas Text ist zu einem Musterbeispiel für so genanntes dekonstruktives

Lesen und Textverständnis und dessen Selbstentwicklung aus einem Primärtext

geraten.

II

Derridas Lektüre von "Vor dem Gesetz"

II.1

Die Schrift und die

différance

Um Derridas Kafka-Lektüre nachvol ziehen zu können, sol en zuerst die zentralen

philosophisch-semiotischen Theoreme zusammengefasst werden, die sie fundieren.

Deren Zentrum bilden die Begriffe Schrift und

différance

. Derridas Konzeption der

Schrift radikalisiert und transformiert den Begriff der

langue

beim Begründer der

modernen (strukturalen) Linguistik, Ferdinand de Saussure. Für Saussure hat die

parole

, die gesprochene Sprache, Vorrang vor der

langue

, dem Sprachsystem, das

die

parole

aktualisiert. In der

parole

verweist ein Subjekt mittels eines Zeichens,

eines Signifikanten, auf ein Bezeichnetes, ein Signifikat. Da die gesprochene

Sprache aber flüchtig ist, ein Zeichen jedoch immer wiederholbar sein muss, spricht

Derrida vom Schriftcharakter des Signifikanten, vom Primat der Schrift, in der die

Zeichen fixiert sind: in jedem Zeichensystem muss, damit er funktionieren kann, ein

gleichsam

Schriftliches existieren.

Ein Zeichen, bemerkt schon Saussure, hat eine wesentlich paradoxe Struktur: es

beinhaltet eine Gegenwart, die es nicht selbst ist, es schiebt die Präsenz der das

Zeichen aussendenden Subjektivität und der Wirklichkeit des Bezeichneten räumlich

und zeitlich auf. Die Vorstel ung der Beziehung eines Signifikanten auf ein Signifikat

und ein Subjekt, die jenseits des Zeichensystems liegen und dort präsent sind, lehnt

Derrida aber als von der (präsenz)metaphysischen Tradition inauguriert ab. Er

versucht die Paradoxie des Zeichens zu erklären, indem er im Zeichenmodel den

Signifikanten privilegiert. Dieser steht nach Derrida innerhalb eines immanenten

Verweisungszusammenhangs von weiteren Signifikanten; seine Bedeutung

konstituiert sich al ein in seiner Abhängigkeit von seinen Nebenzeichen, durch seine

Stel ung, durch seine Beziehung zu al en ihn umgebenden Zeichen. So entsteht ein

Netz aus Signifikanten als Struktur ohne Zentrum. Bedeutung tritt nur innerhalb

dieses Netzes hervor, nicht durch Verweis auf ein Innen im Sinne eines Audsdrucks

(einer Subjektivität, einer subjektiven Intention) oder auf ein Außen im Sinne einer

5



Comments

No comments yet

Add Comment
Your comment is reviewed before being published

Other users also were interested in the following titles:

Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit

Author: Claudia Nickel
Presentations, Models, Tutorials, Instructions, 2006 Download as PDF-file for 4,99 EUR

Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens

Author: Maik Philipp
Presentations, Models, Tutorials, Instructions, 2004 Download as PDF-file for 5,99 EUR

This text can be quoted and accessed from this url:

http://www.grin.com/e-book/125138/vor-dem-gesetz-jacques-derridas-kafka-lektuere
please wait Please wait