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Subtitle: Begriffsbestimmung und eine kritische Buchbesprechung
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 45 Pages
Author: Markus Bensch
Subject: Pedagogy - Pedagogic Psychology
Details
Institution/College: University of Augsburg (Phil.-Soz. Fakultät)
Tags: Therapie, Erziehung, Erziehungsprozesse, Verhaltensbeeinflussung, Brezinka, Heid
Year: 2007
Pages: 45
Grade: 1,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-30047-1
ISBN (Book): 978-3-640-30530-8
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Abstract
In der wissenschaftlichen Literatur zum Thema Erziehung und Therapie ist häufig eine gewisse Einseitigkeit zu erkennen. Erziehung und Therapie werden als gegensätzliche und sich ausschließende Bereiche angesehen. Somit entscheiden sich die Autoren meist schon zu Beginn ihrer Arbeit entweder für die eine oder für die andere Seite. Anders verhält es sich mit Bärbel Schöns (1993) Veröffentlichung, die ich mir für meine Buchbesprechung ausgewählt habe. Bereits der Titel lässt eine gewisse Unentschiedenheit vermuten: „Therapie statt Erziehung?“ und im Untertitel wird dann die beabsichtigte Problemstellung deutlich: „Chancen und Probleme der Therapeutisierung pädagogischer und sozialer Arbeit“. Bevor ich im Hauptteil der Arbeit eine kritischen Analyse der Referenzliteratur vornehme steht im ersten Kapitel die Klärung der Begriffe „Erziehung“ und „Therapie“ im Mittelpunkt. Ich hoffe, dass dadurch ein guter Einblick in das wissenschaftliche Verständnis und die beständigen Diskussionen über diese beiden Begriffe gegeben werden kann. Im Anhang ist eine ausführliche Literaturrecherche dokumentiert, die ich im Rahmen dieser Hausarbeit durchgeführt habe.
Excerpt (computer-generated)
UNIVERSITÄT AUGSBURG
PHILOSOPHISCH-SOZIALWISSENSCHAFTLICHE-FAKULTÄT
Lehrstuhl für Pädagogik mit Berücksichtigung der Erwachsenenbildung und
außerschulischen Jugendbildung
Wintersemester 2006/07
Seminar
Erziehungsprozesse und -erfolge durch systematische
Verhaltensbeeinflussung
Hausarbeit zum Thema
,,Therapie statt Erziehung?"
Begriffsbestimmung und eine kritische Buchbesprechung
Verfasser
Bensch, Markus
Studienrichtung: Diplom-Pädagogik, 5. Semester
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG 2
1.
BEGRIFFSBESTIMMUNGEN 4
1.1.
Definition des Begriffs Erziehung 4
1.1.1.
Begriffsdefinition nach Brezinka 5
1.1.2.
Der Erziehungsbegriff nach Heid 7
1.1.2.1.
Der ,Absichtsbegriff′ der Erziehung
8
1.1.2.2.
Der ,Wirkungsbegriff′ der Erziehung
9
1.2.
Definition des Begriffs Therapie 10
1.2.1.
Das Wort Therapie im allgemeinem Sprachgebrauch 10
1.2.2.
Das Bedeutungsumfeld des Begriffs Therapie 11
1.2.3.
Das Eigentliche im Begriff Therapie 11
2.
,,THERAPIE STATT ERZIEHUNG?" VON BÄRBEL SCHÖN EINE
KRITISCHE ANALYSE DES BUCHES 16
2.1.
Inhaltsverzeichnis des Buches 16
2.2.
Inhaltliche Zusammenfassung der einzelnen Kapitel 18
2.3.
Betrachtung der formalen Aspekte des Werkes 26
2.4.
Kritische Analyse einzelner Hauptaussagen 28
2.4.1.
Aussage 1: ,,Im strengen Sinne beweisbar ist/[sind] meine These[n] nicht" ...29
2.4.2.
Aussage 2: ,,Meine Thesen beziehen sich auf das Alltagsverständnis von
Erziehung" 30
2.4.3.
Aussage 3: ,,Mangelnde professionelle (Selbst-)Kontrolle der therapeutischen
Arbeit" auch heute noch aktuell?! 32
SCHLUSSBEMERKUNG 34
LITERATURVERZEICHNIS 35
ANHANG 36
Ergebnisse der Literaturrecherche zum Thema ,,Erziehung und Therapie" 36
1.
Monographien und Sammelbände 36
2.
Aufsätze in Zeitschriften und Sammelbänden 41
1
Einleitung
In der wissenschaftlichen Literatur zum Thema Erziehung und Therapie ist häufig eine
gewisse Einseitigkeit zu erkennen. Erziehung und Therapie werden als gegensätzliche und
sich ausschließende Bereiche angesehen. Somit entscheiden sich die Autoren meist schon zu
Beginn ihrer Arbeit entweder für die eine oder für die andere Seite. Hin und wieder ist diese
Einseitigkeit bereits dem Titel zu entnehmen. Rudi Krawitz gibt seinem Buch aus dem Jahr
1992 die Überschrift ,,Pädagogik
statt
Therapie" [Hervorh. von mir] und bezieht bereits in
seinem Vorwort, mit folgenden Aussagen, klar Stellung: ,,Mit dieser Arbeit wende ich mich
nicht
gegen
Therapie, sondern
an
die Pädagogik. [...] So wird allzu oft Pädagogik auf
Didaktik reduziert, und Therapie oder sonderpädagogische Spezialdisziplinen übernehmen
eine kompensatorische Funktion für ureigentliche pädagogische Aufgaben" (Krawitz 1992, S.
9).
Anders verhält es sich mit Bärbel Schöns (1993) Veröffentlichung, die ich mir für meine
Buchbesprechung ausgewählt habe. Bereits der Titel lässt eine gewisse Unentschiedenheit
vermuten: ,,Therapie statt Erziehung
?
" [Hervorh. von mir] und im Untertitel wird dann die
beabsichtigte Problemstellung deutlich: ,,Chancen und Probleme der Therapeutisierung
pädagogischer und sozialer Arbeit". Aus den Ausführungen in der Einleitung geht hervor,
dass Sie von einem dialektischen Zusammenhang zwischen dem ,,Beiseiteschieben und
Wegrationalisieren von Menschen und menschlichen Bedürfnissen durch die wirtschaftliche
und technologische Entwicklung" und dem hohen Maß an Aufmerksamkeit für ,,die Psyche
des Menschen von den unterschiedlichsten Gruppierungen" ausgeht (Schön 1993, S. 6). In
meiner inhaltlichen Zusammenfassung des Buches (2.2.) wird das Verständnis dieser
Wechselseitigkeit deutlicher zu erkennen sein.
Zunächst möchte ich aber dem Leser den Inhalt der Hausarbeit vorstellen, um einen roten
Faden erkennen zu lassen, der ihm als Richtschnur beim Lesen behilflich sein soll. Bevor ich
im Hauptteil der Arbeit eine kritischen Analyse der Referenzliteratur vornehme steht im
ersten Kapitel die Klärung der Begriffe ,,Erziehung" und ,,Therapie" im Mittelpunkt. Die
Begriffsdefinitionen orientieren sich stark an dem im Seminar gehaltenen Referat zum Thema
,,Unterscheidung von Erziehung und Therapie". Die Ausführungen wurden aber mit weiterer
(Primär-)Literatur ergänzt und sind nun etwas umfangreicher gestaltet. Ich hoffe, dass
dadurch ein guter Einblick in das wissenschaftliche Verständnis und die beständigen
Diskussionen über diese beiden Begriffe gegeben werden kann.
2
Mit dieser Grundlage wird es uns dann leichter möglich sein, eine kritische Analyse (2.4.)
vorzunehmen. Die beiden Begriffe werden uns nämlich auch im zweiten Kapitel beschäftigen,
denn das Begriffsverständnis der Autorin wird u.a. Gegenstand der kritischen Analyse sein.
Die Annäherung an spezifische Inhalte wird aber über das Inhaltsverzeichnis, die inhaltliche
Zusammenfassung und eine Analyse der formalen Aspekte des Buches (2.1.-2.3.) erfolgen. In
der Schlussbemerkung wird noch eine abschließende Einordnung des Buches vorgenommen.
Im Anhang ist eine ausführliche Literaturrecherche dokumentiert, die ich im Rahmen dieser
Hausarbeit durchgeführt habe. So können die dort aufgeführten Artikel, Monographien
(wissenschaftliche Fachbücher) und Sammelbände, neben dem Literaturverzeichnis, als
Anregung für weitergehende Informationen verstanden werden. Die wissenschaftliche
Auseinandersetzungen mit diesem Thema ist niemals abgeschlossen, denn die
Lebenswirklichkeit hält immer wieder neue Herausforderungen bereit, die bewältigt werden
müssen.
3
1. Begriffsbestimmungen
Um den weiter unten folgenden Ausführungen der Buchbesprechung besser folgen zu können
sollen zunächst die zwei grundlegenden Begriffe ,Erziehung′ und ,Therapie′ näher bestimmt
werden.
1.1. Definition des Begriffs Erziehung
Gudjons (2003) beginnt seine Ausführungen zum Thema ,,Was ist Erziehung?" mit einem
Zitat Schleiermachers (1768-1834) aus dem Jahre 1826 das seinen pädagogischen
Vorlesungen entstammt: ,,Was man im Allgemeinem unter Erziehung versteht, ist als bekannt
vorauszusetzen". Gudjons zufolge stimmt das heute noch, ,,wenn man an das alltägliche
Erziehungsverständnis breiter Bevölkerungskreise denkt" (Gudjons 2003, S. 183). Dem
würde ich nicht uneingeschränkt zustimmen, denn die boomende Buchindustrie der
Erziehungsratgeber zeugt doch eher vom Gegenteil. Des weiteren scheint es auch unter den
Autoren der entsprechenden Bücher keine Einigkeit darüber zu geben was denn nun unter
(richtiger) Erziehung zu verstehen ist. Zur Anschauung möchte ich hier einige der
vielversprechenden Titel anführen: Da ist auf der einen Seite die Rede vom ,,Abschied von
der Spaßpädagogik" und es wird ,,Für einen Kurswechsel in der Erziehung" plädiert. Es geht
darum ,,Kindern Grenzen [zu] setzen" und die entscheidende Frage ist ,,wann und wie?". Auf
der anderen Seite sind Buchtitel zu finden die die Akzeptanz der kindlichen Eigenart
einfordern, denn ,,Kinder dürfen aggressiv sein" und ,,Ohne Chaos geht es nicht. 13
Überlebenstipps für Familien". Sie dienen möglicherweise der Beruhigung der elterlichen
Unsicherheit. Das sind Hinweise darauf, dass heute sowohl ,,breite Bevölkerungskreise" nicht
mehr wissen was unter Erziehung im Allgemeinen zu verstehen ist, als auch die Autoren der
vielen Erziehungsratgeber keine einheitliche Sprache sprechen.
In meinen Ausführungen möchte ich mich aber dem wissenschaftlichen Verständnis von
Erziehung widmen. In diesem Zusammenhang hält Gudjons (2003) fest, dass es in der
Erziehungswissenschaft keine Einigkeit darüber gibt, was unter Erziehung zu verstehen ist
(vgl. Gudjons 2003, S. 183). Auch dies soll weiter unten an zwei ausgewählten Beispielen
deutlich werden.
Ein erster Zugang zum Erziehungsbegriff ist immer wieder über Bilder, Metaphern und
Analogien gesucht worden. Letztlich lassen sich aber alle Bilder von Erziehung auf zwei
Grundverständnisse zurückführen:
4
1. ,,Erziehung als ein ,
herstellendes Machen
, analog zur handwerklichen Produktion
eines Gegenstandes′, der Erzieher gleicht dem Handwerker [...]".
2. ,,Das Kind entfaltet sich auf eine mehr oder weniger natürliche Art selbst, ,analog zum
organischen Wachstum′, wie eine Pflanze, ,Erziehen heißt hier
begleitendes
Wachsenlassen.
′ Der Erzieher gleicht dem Gärtner [...]" (Gudjons 2003, S. 185).
Die Geschichte des Erziehungsbegriffs wurde hauptsächlich durch diese beiden
Grundverständnisse bestimmt. Im folgenden werde ich aber zwei konkrete
Begriffsdefinitionen erläutern.
1.1.1. Begriffsdefinition nach Brezinka
Als Ergebnis einer umfassenden Begriffsexplikation formuliert Brezinka (1990) folgende
Definition:
Definition
Erziehungsbegriff nach Brezinka:
,,Unter Erziehung werden [soziale] Handlungen verstanden, durch die Menschen
versuchen, das Gefüge der psychischen Dispositionen anderer Menschen in
irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten
Bestandteile zu erhalten oder die Entstehung von Dispositionen, die als schlecht
bewertet werden, zu verhüten."
Brezinka 1990, S. 95
Eine graphische Darstellung dieser Definition soll der besseren Anschaulichkeit dienen
(Gudjons 2003, S. 189):
zu verbessern
versuchen
Erziehende
psychische
mit sozialen
Dispositionen
zu erhalten
Handlungen
zu beseitigen
Dieser Erziehungsbegriff enthält somit also mindestens fünf Bestimmungsmerkmale. Bei den
folgenden Zitaten halte ich mich, falls nicht anders gekennzeichnet, an Gudjons (2003):
,,Erziehende sind
Menschen
(nicht Sachen, Landschaften oder soziale
Gegebenheiten)."
,,Sie
versuchen
..., das bedeutet: erzieherische Handlungen können misslingen, denn
die Leistung des Lernens (=Veränderung der psychischen Dispositionen) kann nur der
Lernende selbst vollbringen, erzieherische Handlungen können nur dazu beitragen."
Brezinka spricht in diesem Zusammenhang vom ,,Versuchs-Charakter der Erziehung"
(vgl. Brezinka 1990, S. 87).
5
,,Soziale
Handlungen
setzen ein zielgerichtetes, zweckbestimmtes Verhalten voraus,
dessen man sich subjektiv bewusst ist, wobei
sozial
meint, dass diese Handlungen auf
andere bezogen sind (,Selbsterziehung′ wäre lernen)."
,,Mit psychischen
Dispositionen
sind [...] relativ dauerhafte Bereitschaften zum
Erleben und Verhalten ([...] Kenntnisse, Haltungen, Einstellungen [...]) [gemeint]."
,,
Verbessern
, erhalten [...] oder [...] beseitigen meint, dass einem vorgestelltem
Soll-Zustand vom erzieherisch Handelnden, Wert zugeschrieben wird (den die
Wissenschaft allerdings nicht bestimmen kann = wissenschaftlicher
Wertrelativismus)" (Gudjons 2003, S. 188f.).
Die Adressaten der Erziehung können [Hervorh. von mir] nach Brezinka ,,Menschen in jedem
Lebensalter sein". Er kritisiert die in der Umgangssprache und in den Begriffsdefinitionen
anderer Wissenschaftler vorgenommene Einschränkung auf Kinder und Jugendliche, denn sie
ist sachlich nicht gerechtfertigt. ,,Der Mensch kann in jedem Alter lernen, umlernen und
verlernen." Er sieht die grundsätzliche Möglichkeit, Menschen jeder Altersstufe dabei zu
helfen bestimmte Lernziele zu erreichen. Und es erfolgen auch tatsächlich zahlreiche soziale
Handlungen, durch die versucht wird die Persönlichkeitsstruktur und Lernergebnisse von
Erwachsenen zu verändern und/oder zu erhalten (vgl. Brezinka 1990, S. 92f.). Diese
Ausweitung der Erziehungsbegriffs auf Erwachsene findet nicht nur Zustimmung (z.B. Theo
Dietrich), sondern wird von einigen (z.B. Hermann Giesecke) auch abgelehnt (vgl. Gudjons
2003, S. 189f.).
Einige weitere Kritikpunkte an Brezinkas Definition sind folgende (die hervorgehobenen
Textteile entsprechen den Kritikpunkten, daran schließt sich eine mögliche Erklärung bzw.
Rechtfertigung mit Hilfe der Literatur an):
1.
Sie hat einen hohen Allgemeinheitsgrad und eine hohe Generalisierungsstufe. So
ist nach dieser Definition z.B. auch die Förderung von Taschendiebstahl in einer
Subkultur ein Fall von Erziehung
[Hervorh. von mir] (vgl. Gudjons 2003, S. 189).
Brezinka kritisiert aber gerade die Wertgebundenheit des Erziehungsbegriffs in der
pädagogischen Literatur. Denn dieser Wertung liegt natürlich eine entsprechende
Wertordnung der Gesellschaft bzw. einer Untergruppe der Gesellschaft zu Grunde.
,,Sie kann von anderen Positionen aus in Frage gestellt werden und ist in diesem Sinne
relativ
". Gerade deshalb geht es ihm ,,im Rahmen der Präzisierung des
wissenschaftlichen Begriffs der Erziehung [...] nicht um die normative Frage der
Geltung oder Begründung derartiger Werturteile, sondern allein um die deskriptive
6
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