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'Das wars mit der Deutschland AG' - Der Shareholder-Value-Kapitalismus und desse... close

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'Das wars mit der Deutschland AG' - Der Shareholder-Value-Kapitalismus und dessen (soziale) Folgen

Scholarly Essay, 2009, 35 Pages
Author: Matthias Völcker
Subject: Sociology - Economy and Industry

Details

Category: Scholarly Essay
Year: 2009
Pages: 35
Grade: Keine
Language: German
Archive No.: V125249
ISBN (E-book): 978-3-640-30052-5
ISBN (Book): 978-3-640-30535-3

Abstract

'Die Deutschland AG ist Geschichte'. Innerhalb der letzten 15 Jahre hat sich ein massiver struktureller Wandel in vielen (börsennotierten) Unternehmen vollzogen. Die Zielverschiebungen in der strategischen Ausrichtung lösten zu Beginn der 1990er Jahre massive Veränderungen in vielen Unternehmen aus. Das primäre Unternehmensziel lag nun nicht mehr in einer auf Wachstum vieler verstreuter Unternehmenssegmente ausgelegten Unternehmensstrategie. Statt dessen orientierte sich die Führung der Unternehmen zunehmend an den Interessen der Aktionäre (vgl. Höpner 2003: 15). Diese, auf den Shareholder-Value ausgerichtete Unternehmensführung, baut auf eine langfristige Steigerung des Aktionärsnutzens. Daneben schritt die institutionell professionalisierte Verwaltung des Kapitals (vgl. Huffschmid 1999: 82) weiter voran und das Auftauchen neuer Akteure auf den internationalen Finanz- und Kapitalmärkten - wie etwa Hedgefonds oder Private-Equity-Fonds - hat eine Dynamik entfalten können, in der die Gier und das Streben nach möglichst schnellen und hohen Rendite zum Leitmotiv avancierten und dabei gleichzeitig massive soziale Einschnitte und Veränderungen hervorriefen und beschleunigten.


Excerpt (computer-generated)

Inhalt

1 Einleitung 2

2 Allgemeine Veränderungen in der ökonomischen Sphäre 6

3 Der Ausgangspunkt ­ Der

Rheinische Kapitalismus

und das Stakeholdersystem 7

4 Die Wirtschaft im Wandel ­

Shareholder-Value

Kapitalismus und die Auflösung der

,Deutschland

AG` 10

4.1 Die Indikatoren des Wandels 11

4.2 Interne Faktoren des Wandels 13

4.3 Externe Faktoren des Wandels 15

5 Die Folgen der

Shareholder-Value

Orientierung 19

5.1 Die Entstehung eines neuen Produktionsmodells 19

5.2 Prekarisierung von Beschäftigungsverhältnissen 22

6 Resümee 28

Literaturverzeichnis 30


1 Einleitung

,,Wir müssen denjenigen Unternehmern, die die Zukunftsfähigkeit ihrer Unternehmen

und die Interessen ihrer Arbeitnehmer im Blick haben, helfen gegen die verantwortungs-

losen Heuschreckenschwärme, die im Vierteljahrestakt Erfolg messen, Substanz absaugen

und Unternehmen kaputtgehen lassen, wenn sie sie abgefressen haben. Kapitalismus ist

keine Sache aus dem Museum, sondern brandaktuell."1

Die Äußerung des SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering stellt auf den ersten Blick eine über-

spitzte und extrem vereinfachte Aussage dar, dennoch stehen diese Ausführungen symbolisch

für einige essentielle Strukturen und Verhältnisse die im gegenwärtigen ökonomischen Mo-

dell der Bundesrepublik Deutschland erkennbar sind. Innerhalb dieses Systems kam es in den

letzten Jahren zu massiven Veränderungen, die nicht nur auf den ökonomischen Bereich be-

grenzt blieben. Dabei erfolgte eine schrittweise Annäherung des kontinentaleuropäischen Ka-

pitalismusmodells an das angelsächsische Modell2. Erste Anzeichen für eine Veränderung

zeigten sich bereits zu Beginn der 1990er Jahre. So häuften sich die Meldungen über (feindli-

che) Übernahmen von deutschen durch ausländische Unternehmen und die Aktivitäten auf

den Kapitalmärkten nahmen rapide zu. Mit dem Boom der New Economy3 wurden diese Ver-

1 Dieses Zitat ist Bestanteil einer Rede von Franz Müntefering mit dem Titel ,Freiheit und Verantwortung`.

Der Redetext wurde wortwörtlich in den Programmheften der SPD vom Januar und April 2005 wiederholt

(vgl. SPD 2005: 18).

2 Neben dem angelsächsischen und dem kontinentaleuropäischen Modell lässt sich bis in die Mitte der 1990er

Jahre auch das asiatische Modell aufführen. Alle drei Formen des Kapitalismus weisen für sich ganz spezifi-

sche Eigenschaften auf. So ist der angelsächsische Kapitalismus durch starke Deregulierungsstrategien und

Liberalisierungstendenzen geprägt (vgl. Hank 2000: 53). Das kontinentaleuropäische Modell ist demgegen-

über dadurch gekennzeichnet, dass dem Konsens innerhalb der Interessenfindung eine höhere Bedeutung

beigemessen wird und der ,freie` Wettbewerb einen geringeren Stellenwert einnimmt als im angelsächsi-

schen Modell (vgl. Hank 2000: 63). Das asiatische Modell galt bis zu den großen Finanzkrisen Mitte der

1990er Jahre als ,Wunderkind der Weltwirtschaft`. Dieses System ist gekennzeichnet durch eine relativ große

Offenheit gegenüber ausländischen Investoren und Innovationen. Unternehmen, die hier agieren sind durch

eine Langfristorientierung gekennzeichnet, die auf enge Beziehungen bauen und eine wichtige Rolle bei den

Aushandlungsprozessen zwischen den ökonomischen Akteuren spielen (vgl. Hank 2000: 75).

3 Der Begriff der ,New Economy` der seine deutsche Manifestierung im ,Neuen Markt` findet, steht als Sinn-

bild für den raschen Aufstieg und Niedergang einer ganzen Branche. Durch das Aufkommen neuer Kommu-

nikationsformen und hier im Besonderen der Computer- und Internettechnologien konnte ein sprunghafter

Anstieg in diesem Wirtschaftssegment beobachtet werden. Die in der ,Old Economy` betriebene Massenfer-

tigung von Produkten ist in der Sichtweise der ,New Economy` überholt. Stattdessen soll der weltweite

Wettbewerb um Informationen und innovative Ideen an dessen Stelle treten (vgl. Buch et al 2003: 1). Der

,Hype` der sich um dieses Marktsegment formierte und seinen Ausdruck in den Kursdaten der NASDAQ o-

der des NEMAX wiederfand erreichte teilweise gigantische Höhen. So lag der Kurswert des Onlineanbieters

Yahoo zeitweise deutlich höher als der von etablierten Unternehmen wie Daimler-Chrysler oder Boeing (vgl.

Buch et al 2003: 5). Das Auftauchen von Insolvenzen und das Verfehlen von Geschäftszielen führten dazu,

dass sich das Vertrauen der Anleger und institutionellen Investoren in dieses Marktsegment verringerte, was

die Finanzierungsmöglichkeiten dieser Unternehmen, die sich primär über die Ausgabe von Aktien finanzier-

2


änderungen auf breiter Ebene sichtbar. Aktienhandel wurde zum Inbegriff für schnellen und

reibungslosen Liquiditätsbezug. Neue, junge Unternehmen mit

teilweise waghalsigen Ideen -

die oft auch nur Ideen blieben - ,schossen aus dem Boden` und erlebten für kurze Zeit einen

gigantischen Boom. Besonders häufig konnte dabei beobachtet werden, dass diese Unterneh-

men auf den Kapitalmärkten erheblich mehr ,wert` waren als es der realen Unternehmensent-

wicklung entsprach. Dies führte zu erheblichen Überbewertungen, die angetrieben durch ei-

nen ­ besonders durch mediale Vermarktungsstrategien - fern der Realität liegenden Opti-

mismus und Glauben, in dem sich die ,Hoffnungen` widerspiegelten schnell und unkompli-

ziert an den Renditen der Unternehmen zu partizipieren. Die Spekulationen erreichten Aus-

maße, in denen die Erwartungen und die tatsächlichen Entwicklungen der Unternehmen sich

immer mehr von einander ,entfernten` (vgl. Soros 2008) und sich eine Spekulationsblase auf-

bauen konnte die in einem Crash im Jahre 2001 kollabierte und dabei viele Kleinanleger, die

den ,verlockenden und verheißungsvollen Stimmen der Finanzbranche` gefolgt waren, in den

finanziellen Ruin trieb. Auch ein Großteil der Unternehmen an diesem ,Neuen Markt` ging zu

Grunde oder wurde aufgrund des niedrigen Aktienkurses von anderen größeren Unternehmen

aufgekauft.4 Dieses Beispiel der New Economy verdeutlicht dabei nur die ,Spitze des Eisber-

ges` an Erscheinungen die seit der Mitte der 1990er Jahre zu beobachten sind. Die Verände-

rungen, die auf dem ,Neuen Markt` am deutlichsten hervortraten, konnten auch in vielen an-

deren großen Unternehmen beobachtet werden.5 Hinter diesen Veränderungen offenbart sich

ten in erheblichen Maße störte und zum Zusammenbruch vieler Unternehmen auf diesem Markt führte (vgl.

Moldenhauer 2004: 2; Kühl 2003).

4 Diese Entwicklung beschreibt George Soros als typischen Verlauf eines Boom/Bust Zyklus. Dieser Prozess

beginnt immer mit der Entwicklung eines herrschenden Vorurteils (für die Entwicklungen der New Economy

bedeutete dies etwa die gigantischen Entwicklungen im Hochtechnologiebereich). In einer ersten Phase ist

der Trend dabei kaum wahrnehmbar. Erst in der Phase der Beschleunigung wird dieser Trend auch einem

breiten Publikum verdeutlicht (vgl. Soros 2000: 89). Dieser Sachverhalt bewirkt, dass das Vorurteil und der

Trend weiter verstärkt werden. Der gesamte Prozess erfährt eine Beschleunigung und die Realität vermag

den übertriebenen Erwartungen nicht mehr gerecht zu werden. Den Höhepunkt dieser Entwicklung stellt der

Wendepunkt dar von dem aus sich das Vorurteil in das Gegenteil kehrt und zu einer ,Beschleunigung` in die

entgegengesetzte Richtung führt und in einem Crash der Finanzmärkte münden kann (vgl. Soros 2000: 89).

Dieses durch Soros geprägte Modell stellt eine Möglichkeit dar, Krisen an den internationalen Finanzmärkten

nachzuzeichnen sowie neu auftauchende Konflikte zu erkennen.

5 Die Veränderungen konnten dabei nicht in der gleichen Intensität in verschiedenen Unternehmen beobachtet

werden. Gerade für Deutschland lassen sich Einzelfallanalysen von Unternehmen aufzeigen, die mit unter-

schiedlichen Strategien den

Shareholder-Value

Ansatz in ihren Unternehmen implementierten. Als ein eher

radikales Beispiel lässt sich die Umstrukturierung des Hoechst Konzerns aufführen. In diesem, bis zu seiner

Umorientierung, stark diversifizierten Unternehmen mit unterschiedlichen Schwerpunktsegmenten konnte

eine radikale Abkehr vom rheinischen Kapitalismus beobachtet werden. Im Zuge der Transformation kon-

zentrierte sich der Konzern auf die Bereiche des Life Science Segmentes und löste sich von seinen Chemie-

segmenten. Hoechst steht damit für die radikale Abkehr vom Stakeholdersystem. Ende der 1980er Jahre hatte

der Konzern seine wichtigsten Wettbewerbsvorteile in einigen Segmenten verloren und die Gewinnmargen

3


ein Bild indem das Modell des R

heinischen Kapitalismus

`6 schrittweise durch den auf die

,Erwirtschaftung` des

Shareholder-Value

ausgerichteten angelsächsischer Kapitalismustyps

auf- und abgelöst wird. Der Kapitalmarkt und die Bewertung durch die Aktionäre avancierten

zum neuen Leitmotiv für viele Unternehmen. Teilweise konnten dabei Aktivitäten auf den

Kapitalmärkten beobachtet werden, die so im deutschen Modell bisher nicht bekannt waren.

Damit sind die Aktivitätszuwächse von Finanzmarktakteuren, wie etwa ,Hedgefonds`7 oder

,Private-Equity-Fonds`8 gemeint, die mit vollständig auf die Finanzspekulation ausgelegten

Intentionen in die Eigentümerstrukturen deutscher Unternehmen eintreten, um entweder durch

reine Finanzspekulation oder durch den Einkauf in ein Unternehmen ­ mit dem Ziel von die-

gingen dramatisch zurück (vgl. Vitols 2003 (a): 207). Mit dem Vorstandsvorsitzenden, Jürgen Dormann, ge-

langte 1994 ein Manager an die Spitze des Unternehmens für den der

Shareholder-Value

zu den wichtigsten

Unternehmenszielen avancierte. Der Zusammenschluss mit dem französischen Unternehmen Rhone-Poulenc

zu Aventis sollte dem Unternehmen die nötige Marktmacht erschließen, um mit anderen, insbesondere US-

amerikanischen Unternehmen, konkurrieren zu können (vgl. Vitols 2003 (a): 209). Ein weniger radikaler

Wandel findet sich ebenfalls in der Pharmabranche im Bayer Konzern wieder. Dieses Unternehmen vollzog

einen maßvollen Wandel im Rahmen der Unternehmenstradition. Zwar gewann auch hier eine finanzorien-

tierte Unternehmenspolitik zunehmend an Bedeutung, dennoch wurden auch Bekenntnisse zum rheinischen

Kapitalismus geäußert, um auch zukünftig wichtige Entscheidungen mit den Stakeholdern zu koordinieren

(vgl. Vitols 2003 (a): 211). Der Hauptfokus der Aktivität des Unternehmens sollte weiterhin auf den vier

Kernbereichen (Polymere, Chemie, Gesundheit und Agrarprodukte) liegen, dennoch wurden auch hier unren-

table Unternehmensbestandteile abgestoßen oder verkauft (vgl. Vitols 2003 (a): 212).

6 Der Begriff rheinischer Kapitalismus steht als eine Art Synonym für den Kapitalismustyp kontinentaleuropä-

ischer Prägung.

7 Hedgefonds stellen eine besondere Spielart von Kapitalanlagegesellschaften dar (vgl. Deutsche Bundesbank

1999: 31-44). Die allgemein(en) üblichen Bestimmungen für Investmentfonds gelten für sie nicht und sie un-

terliegen damit faktisch keiner Aufsicht. Sie bewegen sich überwiegend im regulatorisch und aufsichtsrecht-

lich freien Niemandsland, sind frei für die Wahl ihrer Anlagemöglichkeit und können so ein bedeutend höhe-

res Risiko eingehen (vgl. Huffschmid 1999: 92). Dies ist auch einer der Gründe warum sie überdurchschnitt-

lich hohe Gewinne produzieren. Die Gefahr die sich aus den Aktivitäten der Hedgefonds ergibt besteht in ei-

nem konzentrierten Einsatz der finanziellen Mittel verschiedener Fonds gegen ein erkorenes Anlageobjekt.

Die Fonds verfolgen unterschiedliche Ziele. So existieren Fonds, die global agieren und weltweit nach lukra-

tiven Anlagemöglichkeiten suchen (vgl. Huffschmid 1999: 96). Eine weitere Fondsform bilden Makro Fonds.

Diese spekulieren auf makroökonomische Entwicklungen (in der Regel mit Wechselkursen) (vgl.

Huffschmid 1999: 96). Eine weitere spekulative Form von Hedgefonds findet sich in marktneutralen Fonds

wieder. Deren Tätigkeit besteht darin, bestimmte Zins- oder andere Einkommensunterschiede auszunutzen.

So leihen sich diese Fonds etwa in Ländern mit niedrigen Zinsen Kapital, um dieses in anderen Ländern mit

hohen Zinssätzen gewinnbringend weiter zu veräußern (vgl. Huffschmid 1999: 96). Eine weitere Strategie

stellen ereignisgetriebenen Fonds dar. Diese setzen auf Marktbewegungen, aufgrund besonderer Ereignisse

wie etwa Fusionen oder Zusammenbrüche von Unternehmen (vgl. Huffschmid 1999: 96).

8 Unter Private-Equity-Fonds versteht man Fonds in denen durch die Investition von privatem Eigenkapital in

nicht börsennotierte Unternehmen eine über den in `Public Fonds′ liegende Rendite erreicht werden soll (vgl.

Botzenhardt 2007: 5). Die durchgeführte Investition ist dabei auf einen längeren Zeitraum ausgelegt. Über

diese Fonds sammeln spezielle Gesellschaften Gelder von privaten Investoren um diese anschließend in ge-

eignete Investitionsobjekte zu investieren (vgl. Koss 2006: 136). Das Ziel der Fonds besteht langfristig darin

die Beteiligung an einem Unternehmen an der Börse oder an ein anderes Unternehmen zu veräußern. Eine

Unterform des Private-Equity findet sich im Venture Capital wieder. In solchen Unternehmen dient eine sol-

che Finanzierung dazu, noch relativ junge Unternehmen, die sich in einer frühen Entwicklungsphase befin-

den, aufzubauen mit dem Ziel diese gewinnbringend zu veräußern (vgl. Huffschmid 2007: 31ff.; Koss 2006:

136; Kühl 2003).

4


sem die profitabelsten Unternehmensanteile zu entfernen und den Rest des Unternehmens

wieder abzustoßen - auf relativ schnelle Weise eine hohe Rendite für die Anleger zu ,erwirt-

schaften`.9 Diese neuen Akteure stellen dabei jedoch nur einen kleinen und bezogen auf die

ökonomischen Verhaltensweisen extremen Teil der Veränderungen dar, die zu beobachten

sind, denn auch in der Ausrichtung der ökonomischen Aktivitäten vieler Unternehmen konn-

ten entscheidende Tendenzen einer Annäherung des deutschen Modells an das angelsächsi-

sche festgestellt werden. In dieser Arbeit wird der Versuch unternommen diese Veränderun-

gen, die in den letzten Jahren zu beobachten waren, darzustellen. Den Ausgangspunkt der

Argumentation bildet die Beschreibung der für die Bundesrepublik Deutschland bis in die

Mitte der 1990er Jahre hinein typischen Stakeholderkoalition, um an dieser zu erörtern, wel-

che Bedingungen es waren die zu einer Veränderung - hin zu einer ,Shareholderisierung` -

führten. Im Spezifischen wird dabei auch auf die besondere Rolle charakteristischer Akteure

eingegangen deren Bedeutung in der Forcierung und Entfaltung dieser neuen Entwicklungen

von entscheidender Bedeutung ist.

9 Neben diesen radikalen Akteuren kann eine Veränderung auch dahingehend festgestellt werden, dass die

Geldanlage zunehmend durch sogenannte institutionelle Investoren professionalisiert wird (vgl. Huffschmid

1999: 82).

5


2 Allgemeine Veränderungen in der ökonomischen Sphäre

Die drastischen institutionellen Veränderungen, die sich innerhalb der ökonomischen Sphäre

zu Beginn der 1990er Jahre abspielten, lassen sich allgemein zusammenfassen als eine Ab-

kehr von der bis dahin gültigen Corporate-Governance-Struktur10 deutscher Prägung. Die

Zielverschiebungen in der strategischen Ausrichtung lösten in der Folge Umwälzungsprozes-

se in der internen Strukturierung vieler Unternehmen aus. Verstärkt konnte dieser Aspekt zu

Beginn der 1990er Jahre in großen, international agierenden Konzernen beobachtet werden.11

Doch im Laufe der Zeit erfasste dieser Wandel auch weitere, kleinere börsennotierte Unter-

nehmen. Das primäre Unternehmensziel lag nun nicht länger in einer auf (langfristigen)

Wachstum vieler verstreuter Unternehmenssegmente ausgerichteten Unternehmensstrategie

sondern die Führung der Unternehmen richtete sich zunehmend an den Interessen der Aktio-

näre aus (vgl. Höpner 2003: 15). Diese Orientierung wird als

Shareholder-Value

bezeichnet

und ist auf eine dauerhafte Steigerung des Aktionärsnutzens angelegt12. Anderen Interessen-

gruppen, zu denen auch die Arbeitnehmer oder die Gewerkschaften gezählt werden, wird da-

bei ein insgesamt sinkender Bedeutungsgehalt beigemessen.

Der Argumentationsausgangspunkt beschäftigt sich deshalb mit der Frage, welche ursprüngli-

chen, originären systematischen Eigenschaften das ,Deutsche Modell` kennzeichneten und

welche spezifischen Charakteristika es prägten. Im Anschluss daran werden die Bedingungen

aufgezeigt, deren Folgen zur schrittweisen ,Zersetzung` dieses Systems führten.

10 Unter dem Begriff Corporate Governance versteht man die Regeln und die betrieblichen Institutionen nach

denen Unternehmen beherrscht werden. Dabei werden die spezifischen Eigenschaften der für das System ty-

pischen Strukturmerkmale analysiert und beschrieben (vgl. Hall/Soskice 2001: 21-27; Deeg 2006: 84ff.).

11 Als radikale Beispiele lassen sich hierfür die Umorientierung der Deutschen Bank und des Allianz Versiche-

rungskonzerns auf das

Shareholder-Value

Konzept benennen. Diese beiden Unternehmen zeichneten sich

durch eine hohe Verflechtungsdichte mit anderen Unternehmen aus und bildeten so das Zentrum der

,Deutschland AG`. Die Deutsche Bank orientierte ihre Aktivitäten auf das Investmentbanking und vollzog so

eine Abkehr vom bis dahin verfolgten Hausbankenprinzip (vgl. Beyer 2003: 123f.). Auch der Allianz Kon-

zern orientierte seine Geschäftspolitik auf globaler Ebene um und vollzog so schrittweise eine Abkehr von

der ,Deutschland AG` (vgl. Beyer 2003: 132ff.).

12 Alfred Rappaport kann als der Begründer des

Shareholder-Value

Ansatzes benannt werden und lieferte mit

seinem Buch ,

Creating Shareholder-Value

` eine der Grundlagen für die ökonomischen Aktivitäten von bör-

sennotierten Unternehmen (Rappaport 1986).

6


3 Der Ausgangspunkt ­
Der

Rheinische Kapitalismus

und das Stakeholdersystem

Das

Stakeholdersystem

und die damit einhergehende systemspezifische ,Unternehmenskoali-

tion` zeigt gravierende Unterschiede im Vergleich zum

Shareholder-Value-System

. Einer der

wesentlichen Differenzen liegt in der Ausrichtung des Informationsflusses innerhalb der Un-

ternehmen. So lässt sich das

Stakeholdersystem

als ein Insidersystem bezeichnen, in dem der

Informationsfluss zwischen den beteiligten Akteuren auf internen Kommunikationswegen

festgelegt und ausgerichtet ist (vgl. Höpner 2003: 24). Dies produzierte ein Informationsgefäl-

le. Für außenstehende Akteure war es dadurch äußert schwierig, in die internen Strukturen

eines Unternehmens Einblick zu erhalten. Verstärkt wurde dieser Aspekt durch Bilanzie-

rungsregeln, die es dem Top-Management eines Unternehmens erlaub(t)en, stille Reserven in

Form von Rücklagen zu bilden und diese nicht an die Aktionäre auszuschütten (vgl. Höpner

2003: 24). Mit diesem Sachverhalt steht ein weiterer Aspekt in enger Verbindung der dadurch

gekennzeichnet ist, dass deutsche Unternehmen bis in die Mitte der 1990er Jahre über stabile

Aktionärskreise verfügten. Diese setzten sich zumeist aus Unternehmen und Banken13, aber

auch aus den ursprünglichen Familieneigentümern sowie Gewerkschaften zusammen (vgl.

Höpner 2003: 24). Typisch für diesen stabilen Aktionärskreis ist, dass primär langfristige stra-

tegische Ziele im Unternehmen verfolgt werden und kurzfristige Interessenbefriedigungen,

etwa durch hohe Renditeerwartungen, in den Hintergrund treten. Ein weiteres charakteristi-

sches Merkmal der Unternehmensführung im

Rheinischen Kapitalismus

bestand in der beson-

deren Bedeutung die den deutschen Großbanken zugeschrieben wurde. Diese fungierten pri-

13 Jürgen Beyer (1998) hat in einer Studie explizit diese Strukturen analysiert und dabei enge Verflechtungen

(Personal- und Kapitalverflechtungen) festgestellt. Diese Netzwerke besaßen unterschiedliche Funktionen.

Zum einen dienten sie als Schutz vor externen Übergriffen, das heißt, deutsche Unternehmen agierten in ei-

ner ,geschützten Umgebung`, in die kaum ausländische Unternehmen eindrangen. Diese Schutzfunktion er-

klärt auch die kaum vorhandene Anzahl feindlicher Übernahmen, welche auf die Funktionsweise dieser

Netzwerke zurückzuführen ist (vgl. Beyer 1998: 83). Neben dieser Schutzfunktion konstatiert Beyer weiter,

dass diese Netzwerke auch eine regulierende Funktion ausübten, das heißt, kein Unternehmen konnte ein an-

deres dominieren. Durch den wechselseitigen Austausch von Führungskräften in die Aufsichtsgremien eines

anderen Unternehmens wurden Strategien aufeinander abgestimmt, was es für einzelne Unternehmen unmög-

lich machte, bestimmte Ziele zu verfolgen, deren Resultat in eine dominierende Marktposition führen sollte

(vgl. Windolf 1997: 88). Die Banken entsendeten durchschnittlich häufiger Vertreter in die Aufsichtsräte an-

derer Unternehmen (vgl. Beyer 1998: 134). Durch Personalverflechtungen erhielten sie dabei entscheidende

Einblicke in die jeweiligen Unternehmen, was für sie natürlich die Kreditentscheidung wesentlich beeinfluss-

te und auf diesem Wege konnte auch mäßigender Einfluss auf das Management ausgeübt werden (vgl. Beyer

1998: 137). Das Hauptaugenmerk deutscher Banken lag zu diesem Zeitpunkt in der Verfolgung makroöko-

nomischer Ziele, deren primäres Interesse in der Stabilisierung des Wirtschaftssystems lagen (vgl. Windolf

1997: 89).

7



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