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Subtitle: Versuch einer empirischen systematischen Quantifizierung über verhaltensökologische Phänotypus-Diagnostik des Messie Phänomens
Bachelor Thesis, 2009, 93 Pages
Author: BA Andreas Schmidt
Subject: Psychology - Methods
Details
Institution/College: Sigmund Freud University Vienn (Sigmund Freud PrivatUniversität Wien)
Tags: compulsive hoarding research
Year: 2009
Pages: 93
Grade: 1
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-30901-6
ISBN (Book): 978-3-640-30710-4
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Abstract
This study is a new diagnostic approach in compulsive hoarding. It opens a new possibility in that field of research to measure the clutter directly in habitats of compulsive hoarders individually for psychotherapy diagnostics. The Messie House Index (MHI) method was developed directly in empiric field research and in addition to indoor focus group exploration at the psychotherapeutic health care center at Sigmund Freud Private University Vienna weekly for three years. That was a very important work to point out qualitative knowledge in compulsive hoarding research. In that focus group the comorbitiy model was once more approved and figured out the typical symptoms in the hoarding syndrome. Theoretical multidisciplinary discussion is done predominant in the field of ecoethology. First time in compulsive hoarding research this way of sight opens further larger perspectives in this complex disease. It makes a running psychotherapy able to measure periodicly the real state of the human habitat and is also an Index for the habitat functionality, dysregulation and psychological strain.
Excerpt (computer-generated)
Der Messie House Index (MHI)
VERSUCH EINER EMPIRISCHEN SYSTEMATISCHEN QUANTIFIZIERUNG
ÜBER VERHALTENSÖKOLOGISCHE PHÄNOTYPUS-DIAGNOSTIK
DES MESSIE PHÄNOMENS
Abschlussarbeit zur Erlangung des akademischen Grades Bakkalaureus der
Psychotherapiewissenschaft
an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien
eingereicht von
Andreas Schmidt
Wien, im 03 2009
2
DER MESSIE HOUSE INDEX (MHI) 3
VERSUCH EINER EMPIRISCHEN SYSTEMATISCHEN QUANTIFIZIERUNG ÜBER VERHALTENSÖKOLOGISCHE
PHÄNOTYPUS-DIAGNOSTIK DES MESSIE PHÄNOMENS. 3
0.
Abstract 3
1.
Zusammenfassende Beschreibung des Modells 3
2.
Grundlegende Definitionen relevanter Wissenschaftsdisziplinen 5
3.
Ontogenese des überfüllten Wohnraumes 8
4.
Psychodiagnostische Überlegungen zur Klassifikation ,,Syndrom" 32
5.
Anatomie des Messie House Index Modells 33
VERMESSENE WOHNUNGEN ZUR BESTIMMUNG DES MHI: 35
METHODIK ZUR BESTIMMUNG DES MHI: 43
DISKUSSION: 43
LITERATUR 46
ANHANG: 90
PROTOKOLL: ENTWURFSVORSCHLAG EINER PSYCHOTHERAPEUTISCHEN HABITATANAMNESE FÜR DAS
MESSPROTOKOLL ORIENTIERT AM FIELD-JOURNAL ANHAND DER MHI-METHODE: 91
VERWENDETES MESSINSTRUMENTARIUM: 92
3
Der Messie House Index (MHI)
Versuch einer empirischen systematischen Quantifizierung über
verhaltensökologische Phänotypus-Diagnostik des Messie Phänomens.
0.
Abstract
This study is a new diagnostic approach in compulsive hoarding. It opens a new
possibility in that field of research to measure the clutter directly in habitats of
compulsive hoarders individually for psychotherapy diagnostics. The
Messie House
Index
(MHI) method was developed directly in empiric field research and in addition to
indoor focus group exploration at the psychotherapeutic health care center at Sigmund
Freud Private University Vienna weekly for three years. That was a very important
work to point out qualitative knowledge in compulsive hoarding research. In that focus
group the comorbitiy model was once more approved and figured out the typical
symptoms in the hoarding syndrome. Theoretical multidisciplinary discussion is done
predominant in the field of ecoethology. First time in compulsive hoarding research this
way of sight opens further larger perspectives in this complex disease. It makes a
running psychotherapy able to measure periodicly the real state of the human habitat
and is also an Index for the habitat functionality, dysregulation and psychological strain.
keywords
: compulsive hoarding, pathological hoarding, psychodiagnostic, index,
messie, messy, messie, syndrome, ecoethology, syllogomanie
,
diogenes syndrome
,
collecting, caching, psychotherapy, measuring
1.
Zusammenfassende Beschreibung des Modells
Der
Messie House Index
(MHI) ist ein Modell eines an Messies (compulsive hoarders)
empirisch entwickelten psychodiagnostischen Messinstrumentes, welches direkt den
4
engsten Aktionsraum das Habitat eines am Messie Syndrom leidenden Menschen
zweidimensional metrisch vermessen und quantifizieren lässt.
Dieses Grundmodell des MHI wurde mit besonderer Bedachtnahme auf die praktikable
praktische Durchführbarkeit für den behandelnden Psychotherapeuten entwickelt und
anhand dieser explorativen Feldstudie empirisch evaluiert. Die Entwicklungsarbeit der
Feldforschung ist bereits orientiert an den psychotherapeutischen Diagnostikleitlinien
(BARTUSKA et al. 2005). Der theoretische Zugang dieser überwiegend idiographischen
Studie in der ganzheitlichen Grundlagenforschung dieses Syndromes ist primär ein
ökoethologischer,
aber auch interdisziplinärer aus den Gebieten der
Kulturethologie,
Humanethologie,
Humanökologie,
Ökologischen
Psychologie,
Ökologischen
Psychotherapie, proxemischen Anthropologie, Wahrnehmungs,- Gedächtnis,- Gestalt-
und
Tiefenpsychologie
und
Biopsychologie
in
Anwendung
für
die
Psychotherapiewissenschaft und der psychotherapeutischen Diagnostik des Messie
Phänomens.
Diese neue Index-Messmethode ermöglicht erstmalig in der Psychotherapiewissenschaft
einen exakten direkten Messbefund der (überfüllten) Habitates (der Messie Wohnung)
zu erstellen und ist ebenso als Kontrollmessinstrument für die Psychotherapie
einsetzbar, ein messbarer Index für den Verlauf des Therapiefortschrittes (REINECKER-
HECHT & BAUMANN, 1998), dann dargestellt in einer Verlaufskurve und durchgeführt
zu regelmäßigen Zeitpunkten.
Die Anwendung des MHI als quantifizierter Index erleichtert damit die systematische
Dokumentation für die Messie-Psychotherapiediagnostik erheblich.
Aufgrund des höchstgradigen Privatbereiches der Wohnstätte mitsamt aller
Schambesetzungen von Menschen, die am Messie-Syndromes leiden, empfiehlt sich die
Durchführung der Vermessung des MHI durch den behandelnden Psychotherapeuten
oder allenfalls der psychotherapeutischen eingeschulten Hilfsperson. Damit bleibt das
Vertrauensverhältnis und die Verschwiegenheit nach § 15 PthG (KIEREIN, PRITZ &
SONNECK, 1991) zwischen Patient und Therapeut vollkommen unbeschadet und es wird
ein zusätzlicher Nutzen für die Diagnostik und Therapie für den Patienten gezogen.
5
2.
Grundlegende Definitionen relevanter Wissenschaftsdisziplinen
Die
Ökologie
(von griech.: oikos = Haus, Hauswesen, Haushalt) im weitesten Sinne
befasst sich mit Kausal- und Funktionszusammenhängen auf den verschiedenen
Organisationsstufen, vom Organismus bis zur Biosphäre. Die Ökologie geht auf den
Arzt und Professor für vergleichende Anatomie Ernst HAECKEL (2003) zurück, der 1866
ihr den heutigen Namen gab und erfuhr seit damals mehrere Wandlungen und natürlich
enorme Arbeitsfeldzuwächse (STREIT, 1980). Sie behandelt vor allem die
Wechselbeziehungen der Lebewesen untereinander und mit ihrer Umwelt (CZIHAK,
LANGER & ZIEGLER, 1990; KÜHNELT, 1970; ILLIES & KLAUSEWITZ, 1973). Die Ökologie
kennt Lebewesen als Universalisten und Spezialisten, vom Beuteschema und
Nahrungsketten bishin zur Anpassung an klimatische Bedingungen (biotische und
abiotische Faktoren) ihrer Lebensräume in chronobiologischem System. Je nach
Ausgangspunkt der Betrachtung unterscheidet man beispielsweise Autökologie,
Populationsökologie, Synökologie etc. (SCHAEFER & TISCHLER, 1983).
Die
Proxemik
(von lat.: proximare = sich nahekommen) ist vom Anthropologen Edward
T. Hall 1976 als Begriff und Forschungsrichtung definiert, welche sich mit der
Ausnutzung des Raumes durch die einzelnen Interaktionspartner beschäftigt (HALL,
1976; SAUERMOST, 2005).
Das
Habitat
(von lat.: habitare = bewohnen) stellt das engste Aktionssystem einer Art
dar der allen Verhaltensansprüchen genügt (GATTERMANN, 2006).
Als Fachbegriff
psychologisches Habitat
ist der individuelle persönliche Kontext des
Verhaltens definiert (FASSNACHT, 1995).
Das
Territorium
oder auch
Revier
genannt ist ein Eigenbezirk, ein gegen bestimmte
oder alle Artgenossen verteidigtes Wohngebiet (SAUERMOST, 2005). Dieses ist beim
Menschen, auch unter Berücksichtigung der unterschiedlichen (proxemischen)
Distanzen eingerechnet, durch eine Vielzahl von Gesetzen schwer geschützer intimer
Privatbereich.
Der ,,Sammeltrieb" wird in der Psychologie auch
Kollektionismus
bezeichnet
(WENNINGER, 2002).
Der
Phänotyp
(von griech.: phainesthai = sichtbar werden, erscheinen) ist die
Gesamtheit der Typen von Eigenschaften bzw. Teilsystemen (SAUERMOST, 1994, 2005).
6
Die
ökologische Nische
war zu Beginn der Ökologie vorerst topisch als Habitat
verstanden. Später wird sie funktionell als Wechselwirkung vom Organismus und
Umwelt verstanden, die erst dadurch entsteht (WILLI, 1988). Das bedeutet der
funktionale Aspekt des Raumes für Individuen und was hier geschieht mitsamt der
relevanten Umweltfaktoren (SAUERMOST, 1994, 2005) ist nunmehr im Vordergrund.
Die
Biozönose
(von griech.: bios = Leben; koinos = gemeinsam)
ist ein Verbund
mehrerer Arten unter Betrachtung deren direkten und indirekten Wechselbeziehungen
untereinander. Biozönose und Biotop (als abgrenzbarer Lebensraum bzw. Standort)
ergeben das Ökosystem. Es herrscht das Prinzip der Selbstregulation vor (SAUERMOST,
1994).
Die
Ethologie
(von griech.: ethos = Verhalten, Sitte oder Gewohnheit) ist als Begriff
nach GATTERMANN (2006) von Oskar Heinroth erstmals 1911 verwendet, gemäß dem
Humanethologen Karl GRAMMER (1988) war es Geoffrey Saint-Hilaire im Jahr 1859,
auch
jahrzehntelang
geführt
als
eingebürgerter
Name
,,Vergleichende
Verhaltensforschung" (APFELBACH & DÖHL, 1980) oder
Verhaltensbiologie
(FRANCK,
1985) und sie war laut Konrad Lorenz so zu definieren, auf das Verhalten von Tieren
und Menschen alle Fragestellungen und Methoden der Biologie seit Charles DARWIN
(2006) anzuwenden sind (LORENZ, 1978; EIBL-EIBESFELDT, 2001). Es steht vor allem
der
Anpassungscharakter
des
Verhaltens
(
Evolutionstheorie
)
und
seine
stammesgeschichtliche Entwicklung im Vordergrund des Interesses (IMMELMANN,
1982; KÖNIG & MARKL, 1988). Es war im ersten Lehrbuch nach TINBERGEN (1956) die
erste Grundfrage: warum sich ein Tier oder Mensch sich so verhält und nicht anders.
Die hinter dem Verhalten liegende Kausalstruktur und die Verhaltensentwicklung waren
wesentlich als auch die Frage nach Angeborenem und Erworbenem. Heute ist nach
Berücksichtigung der Erkenntnisse der Entwicklungsbiopsychologie nicht mehr die
Frage angeboren oder erworben, sondern es liegt je nach Entwicklungsphase ja beides
vor (EIBL-EIBESFELDT, persönl.Mitt.). Für die
Humanethologie
spielt besonders die
Beobachtung des Verhaltens im natürlichen und kulturellen Kontext eine wichtige Rolle
(EIBL-EIBESFELDT, 1995, 1999, 2001; GRAMMER, 2001; KÖNIG & MARKL, 1988).
Die
Humanökologie
ist jene Disziplin, welche in Ökosystemen wie z.B. die
Primärproduzenten,
Sekundärproduzenten,
Populationsentwicklungen,
Nahrung,
Energie, Rohstoffe, Abfall und entsprechende Ökobilanzen als auch entsprechende
7
Veränderungen der Umwelt im Fokus der Untersuchung hat (LÖTSCH, 1993; NENTWIG,
2005). Vor allem ist die humanökologische Situation seit den 1980ern unter der
Leitherrschaft der mittlerweile alles beeinflußten Diktatur der Technologie und daraus
entstandene Weltanschauungen der Industrialisierung und deren Folgen auf Ökosysteme
(LORENZ, 1980; PRITZ, 1986b; SCHENKEL, 1975) im Mittelpunkt der diesbezüglichen
Forschung. TRETTER (1988a) tritt dafür ein, in der Therapie auch den ökologischen
Ansatz zu vertreten und das Individuum als Produkt eines inkohärenten Wechselspiels
zwischen Person und Umwelt zu betrachten.
Der Arbeitsschwerpunkt der
Verhaltensökologie
ist das Studium der Nutzung des
Aktionsraumes einer Art, dessen Zwänge durch die Ökologie auf das Verhalten und
eben auch der Erfolg des Fortpflanzungsverhaltens (KREBS & DAVIES, 1984).
Die
ökologische Psychologie
gibt es als Disziplin erst seit wenigen Jahrzehnten und
befasst sich eher mit dem Einfluss der Umwelt auf einzelne Entwicklungen der
Individuen beziehungsweise Kollektiven, berücksichtigt wiederum biotische (darin auch
soziale) und abiotische Umweltbedingungen und Lebensräume, als ,,behavioural
setting". Sie ist aber multidisziplinär entstanden als auch multitheoretisch in den
Zugängen (KRUSE, GRAUMANN & LANTERMANN, 1996). Theodore ROSZAK (1994)
entwirft für den Menschen und der von ihm zerstörten Erde eine eigene
Ökopsychologie, bei der als ökologisches Unbewusstes auch Carl Gustav JUNG (2000)
kollektives Unbewusstes theoretisch eingebunden ist. Nach dem amerikanischen
Entwicklungspsychologen BRONFENBRENNER (1993) unterscheidet man Mikrosystem
(unmittelbare Beziehungen des Individuums), Mesosystem (Wechselbeziehungen
zwischen Mikrosystemen, an dem das Individuum selbst aktiv beteiligt ist), Exosystem
(Wechselbeziehungen zwischen Mikrosystemen, an dem das Individuum selbst nicht
aktiv beteiligt ist), Makrosystem (gesamter kultureller und subkultureller Rahmen) und
Chronosystem als biographische Wendepunkte des Individuums (BOJANOVSKY, 1994;
MOGEL, 1984; WENNINGER, 2002).
Die
ökologische Psychotherapie
ist ein vom Schweizer Psychiater Jürg Willi neu
geschaffenes Psychotherapiemodell, welche die Entwicklung der Person im gestalten
seiner Umwelt auch als sozialen Nische (WILLI, 1988) und die Entwicklung ihrer
Lebensumstände mitsamt ihrer Wechselwirkungen bearbeitet (SCHMIDBAUER, 1982;
STUMM & PRITZ, 2000; WILLI, 2005).
8
TRETTER (1988b) sieht als Notwendigkeit am Beispiel von älteren Menschen, die die
meiste Zeit in Wohnungen verbringen, auch eine Wohnungsanamnese durchzuführen.
3.
Ontogenese des überfüllten Wohnraumes
Am Beginn allen Verhaltensforschens steht das Erstellen eines Ethogrammes
(Verhaltensinventar) im Vordergrund (EIBL-EIBESFELDT, 1962, 1999; KLINGHAMMER,
1994; MEDICUS, 2001; PLOOG & GOTTWALD, 1974; TINBERGEN, 1978; ZIMEN, 1971;
1993). Da methodisch nicht alle Verhaltensweisen des Menschen in Studien gleichzeitig
protokolliert werden können (GATTERMANN, 1990; IMMELMANN, 1983; IMMELMANN,
PRÖVE & SOSSINKA, 1996; IMMELMANN, SCHERER & VOGEL, 1988; KOTRSCHAL, 2000;
LEHNER, 1998; MARTIN & BATESON, 2004; NAGUIB, 2006; PRITZ, 1990; SCHLEIDT, 1984,
2000), bekommt hier die Real-life-habitat-situation des Messies als Verhaltensweise zur
Klassifikation (FASSNACHT, 1995; HINDE, 1973; IMMELMANN, SCHERER & VOGEL, 1988;
SCHLEIDT, 1983) als Teilethogramm der
Funktionskreis des
Jagen und Sammelns
vorerst höchste Bedeutung (KÖNIG & MARKL, 1988). Diese Verhaltensweise ist primär
die Ursache für die Ausgestaltung einer ,,typischen" Messie-Wohnung und dessen
Folgen und deswegen erhält diese Verhaltensweise durchgängig multidisziplinär
theroretische Betrachtung. Ebenso werden eigene Explorationserkenntnisse aus der
mittlerweile dreijährigen Betreuung der Messie-Selbsthilfegruppe (Fokalgruppe für
meine
Exploration
von
Betroffenen)
an
der
psychotherapeutischen
Universitätsambulanz an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien nach
hermeneutischer Methode (PRITZ & TEUFELHART, 1996) angeführt, diese explorierten
Erkenntnisse wurden auch regelmäßig gruppendynamisch in der Fokalgruppe überprüft
und diskutiert.
Aus anthropologisch-ethologischer Sicht stellt das Jagen und Sammeln eine Funktion
des Überlebens dar und ist im Pleistozän und Neolithikum entstanden (HEBERER, 1968;
HEBERER, SCHWIDETZKY & WALTER, 1970; KÖNIG & MARKL, 1988; SCHMIDBAUER,
1972a). Nun ist in dieser Anagenese durch Fulguration der
Homo sapiens
als
Kulturmensch entstanden (EIBL-EIBESFELDT, 1975, 1976; KURTH & VOLAND, 2000;
LORENZ, 1969, 1971, 1974), bei dem das Sammeln und Speichern das allen
9
Lebensleistungen zugrundeliegenden Grundprinzip darstellt (KÖNIG & MARKL, 1988;
LORENZ 1967, 1969; VOGEL & VOLAND, 1988). Die Territorialität ist wie bei vielen
Tieren auch ein Merkmal vom Kulturwesen Mensch (ARDREY, 1966; EIBL-EIBESFELDT,
1974, 1978; GRAMMER, 1993; GRAMMER & EIBL-EIBESFELDT, 1993; LEYHAUSEN, 1954;
MORRIS, 1978; TINBERGEN, 1978). Diese Eigenschaft hat der aus der Tinbergen Schule
entstammende Desmond MORRIS (1981) an einer ausführlichen kulturethologischen
Analyse am Fussballspiel angestellt, in dem stammesregelgeleitet eine gespielte ,,Jagd"
um eine ,,Beute" im abgesteckten Territorium vollzogen wird und die Zuschauer virtuell
mit allen Emotionen, oft begleitet von spezifischen Ritualen, Traditionen und mit
Stammessymbolen ausgestattet, passiv mitkämpfen. Zugleich werden rechtzeitig diverse
Fanartikel und Fussballeraufkleber zum Sammeln feilgeboten, die begeisterte Kinder
und Jugendliche schon früh in den Sammelbann ziehen. Oft entsteht die Lust zur
Verkomplettierung der Sammlung in dieser Zeit sehr stark. Dieses Beispiel zeigt wie
verhaltensökologische Grundfunktionen sich der Kulturmensch spielerisch und das
weltweit zeigenmacht. Erwachsene Menschen, in der vor allem westlichen
Industriekultur, jagen besonders die Weiblichkeit kultureller Beutestücke wie
Kleidung, Schmuck, Schuhen und Handtaschen nach, Männer wiederum gerne
Werkzeugen und Technik. Literatur verschiedenster Gattungen sind bei der
Fokalgruppe relativ gleich verteilte Lieblingsobjekte.
Den ersten Werkzeuggebrauch vermutet man um die Entwicklung des aufrechten
Ganges, entlang der damit verbundenen anatomischen Veränderungen (CAMPBELL,
1979; GEIGER, 1998; LEAKEY, 1998; OSCHE, 1979a). Die diffizilere Verwendung der
Hand als ,,angeborenes" Werkzeug war der erste Schritt dahin (EIBL-EIBESFELDT, 1996;
RENSCH, 1968), um auch zum Kulturmenschen zu werden (OSCHE, 1979b; TINBERGEN,
1978; VOGEL & VOLAND, 1988). Sobald Werkzeuggebrauch entsteht (KÖHLER, 1963;
PLOOG, 1964) ergibt sich wesentliche Erleichterung, den täglichen Überlebenskampf
bestreiten zu können. Der entscheidende Schritt hierbei aber ist nicht die
Werkzeug/Jagdwaffenherstellung selbst als Entstehungsbeginn der ,,Technik", sondern
das jeweilige Utensil erhält erst durch den Gebrauch die Funktion als Werkzeug, Waffe,
Nahrungszubereitungshilfsmittel, Kleidung oder Hausbaumaterial (LIEDTKE, 1996a).
Durch stammesgeschichtliches Lernen, Adaptation (LORENZ, 1966; TINBERGEN, 1978)
und dessen tradierte Weitergabe von Optimierungen (ALEXANDER, 1979; EIBL-
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