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Hausarbeit, 2008, 29 Seiten
Autor: Karin Heiduck
Fach: Kulturwissenschaft
Details
Jahr: 2008
Seiten: 29
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-31255-9
ISBN (Buch): 978-3-640-31647-2
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Zusammenfassung / Abstract
In der vorliegenden Hausarbeit sollen sowohl der physiologische als auch der ästhetische Geschmack sowie deren gegenseitige Beeinflussung betrachtet werden. Der Geschmackssinn, der in den meisten Sinnestheorien zu den niederen, leibnahen und gefühlsgebundenen Sinnen gezählt wird, steht in dem Ruf, verglichen mit anderen Sinnen, physiologisch extrem unterentwickelt zu sein und nur einen geringen Beitrag zum Erkennen der Welt leisten zu können. In deutlichem Widerspruch zu diesen wissenschaftlichen Charakterisierungen steht der gesellschaftliche Gebrauch des Geschmacks, der „eng mit der ästhetischen Urteilskraft und dem Vermögen, zu verallgemeinerungsfähigen Urteilen zu gelangen“, verbunden ist (Barlösius 2000: 59-62). Die vorliegende Arbeit wurde vom Reader zum Präsenzseminar „Philosophie des Kulinarischen“ (Röttgers/Konersmann 2008) inspiriert und kann nicht umhin, sich einen Vergleich einzuverleiben, den Rigotti zwischen Philosophie und Kochen zieht. Nach Rigotti ist die Wechselbeziehung zwischen Einheit und Vielfalt, aus der die Philosophie ihre Themen und ihre disziplinäre Besonderheit entwickelt hat, das „Zergliedern, Entgegensetzen und neu Zusammenfügen, unter dem Einfluss von Ahnungen, Eingebungen und tiefen Notwendigkeiten“, auch in der Küche zu beobachten: „Bestehen Zubereitung des Essens und Kochen nicht eben im Zerlegen und neu Zusammensetzen, im Mahlen und Verrühren, im Schneiden und Vermischen?“ (2003: 52-54) Genau diese Operationen sollen auch in dieser philosophischen Hausarbeit Anwendung finden und eine Vielfalt an gedanklichen Zutaten, sprichwörtlich „Kraut und Rüben“, zu einer abgerundeten Einheit zusammenfügen. Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit der Physiologie des Geschmacks und beleuchtet zum einen Sinnestheorien, die den Geschmack als „niederen“ Sinn klassifizieren und zum anderen Meinungen, die den Geschmack zu „Höherem“ berufen sehen. Weiters stehen die Aufgaben des Geschmackssinns im Mittelpunkt der Betrachtung. Das dritte Kapitel nimmt den kulinarischen Geschmack in den Blick. Im ersten Unterkapitel wird Plessners Theorie der künstlichen Horizontverengung auf den Bereich der Nahrungsmittelauswahl umgelegt und beschrieben, warum Esskulturen selektiv, isoliert und interessensgebunden sind. Im zweiten Unterkapitel wird die kulturelle Formung des Geschmacks, die eng mit gastronomischen Traditionen, gesundheitlichen, religiösen, moralischen und gruppen-dynamischen Aspekten verbunden ist, betrachtet. [...]
Textauszug (computergeneriert)
FernUniversität in Hagen
Wintersemester 2008/2009
Schriftliche Hausarbeit
im Bachelor-Studiengang Kulturwissenschaften
Modul 9
Thema der Hausarbeit:
,,Über den Geschmack - physiologisch und ästhetisch"
vorgelegt von:
Karin Heiduck
Linz, 30. Dezember 2008
2
Inhaltsverzeichnis
1.
Einleitung und Begriffsbestimmung ___________________________ 3
2.
Zur Physiologie des Geschmacks ______________________________ 6
2.1. Geschmack als ,,niederer" Sinn_______________________________ 6
2.2. Die Aufgaben des Geschmackssinns ___________________________ 7
3.
Der kulinarische Geschmack _________________________________ 9
3.1. Die künstliche Horizontverengung_____________________________ 9
3.2. Die kulturelle Formung des Geschmacks_______________________ 10
3.3. Präferenzen und Aversionen beim Essen _______________________ 12
3.4. Essgeschmack und Essgenuss _______________________________ 14
4.
Der soziale Gebrauch des Geschmacks ________________________ 16
4.1. Geschmack als soziales Ordnungskriterium ____________________ 16
4.2. Geschmack als Lebensstil___________________________________ 18
4.3. Geschmack als Mittel zur Ausgrenzung ________________________ 20
5.
Schluss __________________________________________________ 23
6.
Quellen- und Literaturverzeichnis ___________________________ 25
3
1. Einleitung und Begriffsbestimmung
Der Terminus
Geschmack 1
findet in zwei zum Teil ineinander greifenden Bereichen
Verwendung:
Die
Physiologie
versteht unter
Geschmack
bzw.
Geschmacks-
oder
Schmecksinn
den
,,insbesondere der Nahrungsprüfung dienende[n] chem[ischen] Sinn" der es allen Wirbeltieren
und dem Menschen erlaubt, die Geschmacksqualitäten
süß
,
sauer
,
bitter
und
salzig
zu
unterscheiden, wobei
bitter
meist mit Ablehnung verbunden ist. Zu den
Geschmacksqualitäten wird neuerdings auch
umami
gezählt, eine hauptsächlich durch die
Aminosäure Glutamat hervorgerufene und für einen Teil des typischen Fleischgeschmacks
verantwortliche Qualität (Brockhaus 2006: 619). Als
Geschmack
kann weiters der mit der
gustatorischen Wahrnehmung verbundene Sinneseindruck bezeichnet werden, der bei der
Nahrungsaufnahme entsteht.
Die
Ästhetik
betrachtet
Geschmack
bzw.
guten Geschmack
als ,,das Vermögen, Schönes und
Hässliches zu unterscheiden und zu beurteilen". Seit Mitte des 17. Jahrhunderts beschäftigt
sich die ästhetische Diskussion mit den Fragen, ob Geschmack angeboren oder erworben ist,
ob Geschmack auf Verstand oder Sinnlichkeit gegründet ist und ob Geschmacksurteile
individuell oder allgemein gültig sind (Brockhaus 2006: 618).
Kaufmann beschreibt die Geschichte des Geschmacks in drei Abschnitten: In der
ersten
Phase
dominiert eine religiöse Ordnung die Auswahl der Nahrungs-mittel und räumt
Geschmacksempfindungen nur einen untergeordneten Stellenwert ein. In der
zweiten Phase
lässt sich ,,das Aufkommen des subversiven Genusses" beobachten, dessen ,,zügellose
Explosion" Kodes und Hierarchien festlegt, die den Geschmack in geordnete Bahnen lenken.
Der ,,gute Geschmack" erlangt zentrale Bedeutung für das Handeln des Individuums und wird
zum Instrument für die Klassifizierung und die Einführung der sozialen Unterschiede. Die
dritte Phase
lässt sich gegenwärtig festmachen. Eine Steigerung der Wahlmöglichkeiten ins
nahezu Unermessliche nötigt den Esser dazu, seinen Geschmack - um der drohenden
Unentschiedenheit zu entgehen - stärker festzulegen. Er lässt sich von wiederkehrenden
Gewissheiten leiten und bezieht daraus Schutz und Sicherheit. Der Geschmack wird in dieser
Phase als ,,mächtiger inkorporierter sozialer Regulator", als ,,objektiv, naturgegeben und
essentiell" erlebt. Das Individuum gibt sich nach Kaufmann der Illusion hin, dass nicht es
1 von ahd.
gismac
bzw. mdh
. gesmac ,,Geruch, Geschmack(ssinn)"
: ,,Fähigkeit zu schmecken, ästhetisches
Urteilsvermögen" (Etymologisches Wörterbuch des Deutschen A-L 1993: 437).
4
selbst seinen Geschmack definiert, sondern von ihm definiert wird und ist in Wirklichkeit
jedoch ,,hin und her gerissen zwischen seinem Denken und seinem Geschmack" (2006: 43-
45).
In der vorliegenden Hausarbeit sollen sowohl der
physiologische
als auch
der
ästhetische
Geschmack sowie deren gegenseitige Beeinflussung betrachtet werden. Der Geschmackssinn,
der in den meisten Sinnestheorien zu den niederen, leibnahen und gefühlsgebundenen Sinnen
gezählt wird, steht in dem Ruf, verglichen mit anderen Sinnen, physiologisch extrem
unterentwickelt zu sein und nur einen geringen Beitrag zum Erkennen der Welt leisten zu
können. In deutlichem Widerspruch zu diesen wissenschaftlichen Charakterisierungen steht
der gesellschaftliche Gebrauch des Geschmacks, der ,,eng mit der ästhetischen Urteilskraft
und dem Vermögen, zu verallgemeinerungsfähigen Urteilen zu gelangen", verbunden ist
(Barlösius 2000: 59-62).
Die vorliegende Arbeit wurde vom Reader zum Präsenzseminar ,,Philosophie des
Kulinarischen" (Röttgers/Konersmann 2008) inspiriert und kann nicht umhin, sich einen
Vergleich einzuverleiben, den Rigotti zwischen Philosophie und Kochen zieht. Nach Rigotti
ist die Wechselbeziehung zwischen Einheit und Vielfalt, aus der die Philosophie ihre Themen
und ihre disziplinäre Besonderheit entwickelt hat, das ,,Zergliedern, Entgegensetzen und neu
Zusammenfügen, unter dem Einfluss von Ahnungen, Eingebungen und tiefen
Notwendigkeiten", auch in der Küche zu beobachten: ,,Bestehen Zubereitung des Essens und
Kochen nicht eben im Zerlegen und neu Zusammensetzen, im Mahlen und Verrühren, im
Schneiden und Vermischen?" (2003: 52-54) Genau diese Operationen sollen auch in dieser
philosophischen Hausarbeit Anwendung finden und eine Vielfalt an gedanklichen Zutaten,
sprichwörtlich ,,Kraut und Rüben", zu einer abgerundeten Einheit zusammenfügen.
Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit der Physiologie des Geschmacks und beleuchtet zum
einen Sinnestheorien, die den Geschmack als ,,niederen" Sinn klassifizieren und zum anderen
Meinungen, die den Geschmack zu ,,Höherem" berufen sehen. Weiters stehen die Aufgaben
des Geschmackssinns im Mittelpunkt der Betrachtung.
Das dritte Kapitel nimmt den kulinarischen Geschmack in den Blick. Im ersten Unterkapitel
wird Plessners Theorie der künstlichen Horizontverengung auf den Bereich der
Nahrungsmittelauswahl umgelegt und beschrieben, warum Esskulturen selektiv, isoliert und
interessensgebunden sind. Im zweiten Unterkapitel wird die kulturelle Formung des
Geschmacks, die eng mit gastronomischen Traditionen, gesundheitlichen, religiösen,
5
moralischen und gruppen-dynamischen Aspekten verbunden ist, betrachtet. Das dritte
Unterkapitel konzentriert sich auf Präferenzen und Aversionen beim Essen, die sich einerseits
durch ein Zusammenspiel von Neophilie und Neophobie ergeben sowie andererseits auf
kulturelle, soziale, genetische oder biologische Bedingungen zurückzuführen sind. Das vierte
Unterkapitel nimmt Stellung zu Essgeschmack und Essgenuss. Untersucht werden zum einen
die Voraussetzungen für ihre Entstehung sowie zum anderen die Dynamik zwischen
individuellen und kulturellen Geschmackszuschreibungen.
Der Inhalt des vierten Kapitels analysiert den sozialen Gebrauch des Geschmacks. Im
Unterkapitel ,,Geschmack als soziales Ordnungskriterium" werden einerseits Nahrungsmittel
als Symbole der gesellschaftlichen Differenzierung untersucht und andererseits wird die
Fähigkeit des Geschmacks als Aus-drucksmittel sozialer Differenzen beleuchtet. Das
Unterkapitel ,,Geschmack als Lebensstil" konzentriert sich auf Bourdieus Studie ,,Die feinen
Unterschiede", die soziale Gruppen in den Blick rückt, die sich augenscheinlich durch ihren
Geschmack und Lebensstil unterscheiden, sowie auf Schulzes Theorie der
Erlebnisgesellschaft, in der Erlebnispräferenzen, Stilfragen, Genussweisen und
Geschmackssachen ausschlaggebend für die Zuordnung von Individuen zu fünf
beschriebenen Milieus sind. Das Unterkapitel ,,Geschmack als Mittel zur Ausgrenzung"
beschäftigt sich mit dem Einsatz des Geschmacks als ,,Waffe" zur Verteidigung einer
privilegierten Stellung. Beleuchtet werden die Anstrengungen des Adels im 17. Jahrhundert,
sich gegenüber dem aufstrebenden Bürgertum abzugrenzen, Bourdieus Theorie der
Distinktion, der ostentative Konsum von Genussmitteln als Demonstration von Status und
Exklusivität, die Selbstausgrenzung der Pythagoreer in ihrer Entscheidung für vegetarische
Ernährung als Protest gegen die bestehende soziale Hierarchie sowie abschließend die
Abwertung fremder Kochpraktiken am Beispiel der Migrationsküchen.
Das fünfte Kapitel, der Schluss, fasst zentrale Erkenntnisse dieser Hausarbeit zusammen.
6
2. Zur Physiologie des Geschmacks
2.1. Geschmack als ,,niederer" Sinn
Die meisten Sinnestheorien hierarchisieren die fünf Sinne entlang ihres Beitrags zur
intellektuellen Aneignung und Zivilisierung der menschlichen Umwelt, wobei üblicherweise
der Erkenntnisfunktion ein Vorrang vor anderen Fähigkeiten, etwa der Evokation von Lust-,
Genuss- oder Ekelempfindungen, eingeräumt wird. Demnach werden der Gesichts- und der
Hörsinn als höhere und leibferne Sinne klassifiziert und aufgrund der ihnen zugeschriebenen
Fähigkeit zur Intellektualisierung und objektivierenden Erkenntnis der Gruppe der Nahsinne
übergeordnet (Barlösius 2000: 62).
Zu den Nahsinnen, den niederen, leibnahen und gefühlsgebundenen Sinnen, werden der Tast-,
der Geruchs- und der Geschmackssinn zusammengefasst. Gemeinsam ist ihnen zum einen die
Erfahrbarkeit der sinnlichen Qualitäten des Wahrzunehmenden nur durch direkten Kontakt
und zum anderen die Emotionalität bei der Begegnung mit diesem, die eine objektive
Wahrnehmung und Versprachlichung der Empfindungen behindert. Der Geschmack steht,
verglichen mit den anderen Sinnen, zudem in dem Ruf, physiologisch extrem unter-entwickelt
zu sein, da er nur vier Qualitäten2 - süß, sauer, salzig und bitter - unterscheiden und nur wenig
dazu beitragen könne, die Welt zu erkennen (Barlösius 2000: 59-62).
Die traditionelle Sinneslehre (
Aisthetik
) beschreibt den Geschmackssinn als ,,affektiven,
subjektiven Nahsinn", weil die wahrgenommenen Dinge auf den schmeckenden Menschen
physisch einwirken und in sein Leibinneres eindringen. Durch die Notwendigkeit, sich zu
ernähren, ist der Mensch gezwungen, die Außenwelt in sich aufzunehmen, was ihn zu einem
passiv erleidenden Wesen macht und seiner Bestimmung als ,,geistiges Wesen" zuwider läuft
(Lemke 2007: 155).
Nach Burdach erscheinen die chemosensorischen Funktionen Riechen und Schmecken im
Vergleich zu der visuellen und auditiven Wahrnehmung ,,primitiv, subjektiv und wenig
leistungsfähig". Als
primitiv
können sie bezeichnet werden, weil sie in der Evolution
wesentlich früher auftraten als die anderen Wahrnehmungsfunktionen, weil sie die einzigen
Wahrnehmungskanäle sind, die auch von sämtlichen bekannten Tierarten genutzt werden und
zudem mit den ebenfalls ,,niederen" Instinkten Nahrungsaufnahme und Sexualität in
Zusammenhang stehen.
Subjektiv
und unzuverlässig sind sie durch ihre enge Verknüpfung mit
2 Neuere Forschungsarbeiten betrachten
umami
als fünfte Geschmacksqualität (Brockhaus 2006: 619).
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