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Subtitle: Johannes Brahms und der Hamburger Frauenchor im Kontext der Laienchorbewegung des 19. Jahrhunderts
Termpaper, 2006, 31 Pages
Author: Susanne Ziese
Subject: Musicology
Details
Tags: Welt
Year: 2006
Pages: 31
Grade: 1,3
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-31138-5
ISBN (Book): 978-3-640-31026-5
Origineller Ansatz zum Verhältnis von Sozialstrukturen und Professionalität im 19. Jahrhundert im Kontext der Entwicklung der Laienchorbewegung.
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Abstract
Die Arbeit widmet sich der These, dass die Laienchorbewegung am Ende des 18. und zu Beginn des darauf folgenden Jahrhunderts durchaus Professionalisierungstendenzen aufweist, wenngleich in verschieden starker Ausprägung und unter verschiedenen Bedingungen. Schwerpunkt der Betrachtungen sollen jene Bedingungen oder Faktoren sein, welche Einfluss auf den Prozess der Professionalisierung haben können. Hierzu wird zunächst die Entwicklung des Chorwesens von seinen Anfängen im 18. Jahrhundert an, einschließlich der verschiedenen Chormodelle wie der Singakademie oder den Liederkränzen, beleuchtet werden. Anschließend soll als eine Art Sonderfall innerhalb dieser Entwicklung auf den Frauenchor unter der Leitung von Johannes BRAHMS eingegangen werden. Zum Abschluss werden die ermittelten Faktoren einander gegenübergestellt und hinsichtlich ihrer Art und Wirkung auf die Professionalität bewertet.
Excerpt (computer-generated)
,,Und die Welt hebt an zu singen..."
Johannes Brahms und der Hamburger Frauenchor im Kontext der
Laienchorbewegung des 19. Jahrhunderts
Gliederung:
1. Einleitung 2
2. Die Entwicklung des Chorwesens vom Ende des 18.
Jahrhunderts an 3
2.1. Kurze Begriffgeschichte des Dilettantismus′ 3
2.2.1.
Frauenzimmer ,,und wir haben Alt und Diskant für immer." 6
2.2.2.
,,Niedersinken vor des Gesanges Macht der Stände lächerliche
Schranken!" 9
2.3. Singen, um dem Mann zu gefallen 13
2.4. Frauen in der musikalischen Männerdomäne Chorgesang 14
3. Johannes Brahms und die Damenchöre 16
3.1. Ein Damenkränzchen in der Heimatstadt 17
3.1.1.
Entstehung und Entwicklung des Hamburger Frauenchors 18
3.1.2.
Erst die Arbeit dann das Vergnügen? 19
3.2. Folgeentwicklungen 20
4. Der Aspekt der Professionalisierung in der Entwicklung
des Chorwesens 21
4.1. Was macht Professionalität aus? 21
4.2. Volksbildung vs. Elite 23
4.3. Früchte der Geselligkeit 25
5. Abschlussbemerkungen 28
Literaturverzeichnis 29
1. Einleitung
Professionalisierung kann sehr verschiedene Formen annehmen im
Zusammenhang mit Musik. Die Spezialisierung auf eine Tätigkeit und ihre
Ausübung, wie es im Fall der Schmiede neben ihrem Handwerk die Musik
war, ist ebenso ein Modell von Professionalisierung wie das Auftragsgebet
gegen Entlohnung bei den
oratores
im Mittelalter oder das Self-Marketing
eines Komponisten wie Carl Philipp Emanuel BACH im 18. Jahrhundert.
Wie aber verhält es sich mit der so genannten Laienchorbewegung? Der
Terminus ,,Laie" als Opposition zum ,,Profi" impliziert zunächst nicht-
professionelle musikalische Betätigung. Da es sich aber dem Wortlaut nach
um eine Bewegung handelt, muss an dieser Stelle eine Entwicklung
angenommen werden, die den singenden Laien in einen professionellen
Kontext stellt.
Die vorliegende Arbeit widmet sich daher der These, dass die
Laienchorbewegung am Ende des 18. und zu Beginn des darauf folgenden
Jahrhunderts durchaus Professionalisierungstendenzen aufweist, wenngleich
in verschieden starker Ausprägung und unter verschiedenen Bedingungen.
Schwerpunkt der Betrachtungen sollen jene Bedingungen oder Faktoren
sein, welche Einfluss auf den Prozess der Professionalisierung haben
können. Hierzu wird zunächst die Entwicklung des Chorwesens von seinen
Anfängen im 18. Jahrhundert an, einschließlich der verschiedenen
Chormodelle wie der Singakademie oder den Liederkränzen, beleuchtet
werden. Anschließend soll als eine Art Sonderfall innerhalb dieser
Entwicklung auf den Frauenchor unter der Leitung von Johannes BRAHMS
eingegangen werden.
Zum Abschluss werden die ermittelten Faktoren einander gegenübergestellt
und hinsichtlich ihrer Art und Wirkung auf die Professionalität bewertet.
2
2. Die Entwicklung des Chorwesens vom Ende des
18. Jahrhunderts an
Die Entwicklung des Chorwesens um 1800 wird in der Literatur gern auch als
Laienchorbewegung bezeichnet,1 da die Protagonisten ausdrücklich keine
Berufssänger, sondern eben Laien, oder wie man damals üblicherweise
sagte, Dilettanten waren. Dieser Begriff soll im Folgenden kurz erläutert
werden. Anschließend wird die Entwicklung des Chorwesens anhand der
Chorformen, die sie hervorgebracht hat, nachgezeichnet werden, wobei
verschiedene Konzepte vom Chorgesang erläutert werden sollen.
Eine kurze Übersicht zur Stellung der Frau im sozialen Gefüge der Zeit soll
die Ausführungen ergänzen und auf die Sonderrolle des Frauenchores
hinleiten.
2.1. Kurze Begriffgeschichte des Dilettantismus′
Der Begriff ,,Dilettant" hat seinen Ursprung im lateinischen
delectare
(woraus
das italienische dilettare entstand), was soviel heißt wie ,,erfreuen" oder
,,ergötzen". Im Deutschen entspricht ,,Dilettant" dem Wort ,,Liebhaber" und
bezeichnet seit dem späten 17. Jahrhundert den nicht-professionellen
Musikausübenden und Komponierenden im Gegensatz zum Berufsmusiker.2
Im 18. Jahrhundert rückt bei der Unterscheidung der Aspekt der
Musikrezeption stark in den Vordergrund, da Musik nun auch außerhalb des
höfischen oder kirchlichen Funktionszusammenhangs Bedeutung erlangt. So
differenziert Johann Georg SULZER in der
Allgemeinen Theorie der schönen
Künste
zwischen dem Liebhaber, dem Kenner und dem Meister der Musik
wie folgt: Der Künstler ,,muß das Mechanische der Kunst verstehen, und
auch die Ausführung desselben in seiner Gewalt haben [...]", der Liebhaber
jedoch ,,empfindet nur die Würkung der Kunst, indem er ein Wohlgefallen an
ihren Werken hat, und nach dem Genuß derselben begierig ist." Dazwischen
1 Art.
Chor, Chormusik
. In: Jaeger, Friedrich (Hrsg.):
Enzyklopädie der Neuzeit
. Bd. 2,
Metzler, Stuttgart: 2005, Sp. 722f.
2 Vgl. Reimer, Erich: Art.
Kenner-Liebhaber-Dilettant
. (1974) In: Riethmüller,
Albrecht/Eggebrecht, Hans Heinrich (Hrsg.):
Handwörterbuch der musikalischen
Terminologie
. Franz Steiner Verlag, Stuttgart: 1993,Sp. 32.
3
steht der Kenner, ,,welcher die Werke der Kunst nach ihrem innerlichen Wert
zu beurtheilen, und die verschiedenen Grade ihrer Vollkommenheit zu
schätzen im Stande ist."3
Dilettant und Kenner sind also anscheinend beide Laien, wobei jedoch
lediglich dem Kenner kompetentes Urteilsvermögen zugesprochen wird, da
er sich bis zu einem gewissen Grad auf die Kunst der Musik spezialisiert hat,
wohingegen der Dilettant nur dem Gefühl nach fähig ist Musik zu bewerten.
Beiden wird der professionelle Musiker als Ausübender und Komponist
entgegengestellt.
SULZER unterscheidet bei der Beschreibung der Publikumsstruktur seiner Zeit
also zwischen dem gebildet-rationalen und dem ungebildet-emotionalen
Hörertypus.
Fehlende Urteilskompetenz auf der Grundlage von Fachkenntnissen ist
jedoch im sensualistischen letzten Drittel des 18. und zu Beginn des 19.
Jahrhunderts nicht zwangsläufig abwertend zu verstehen. Vom
Musikrezipienten wird in dieser Zeit eine bestimmte Disposition die
Empfindsamkeit vorausgesetzt, die ihn befähigt, die Musik als
Universalsprache des Menschen4 und seiner Emotionen unmittelbar zu
verstehen. Hans Georg NÄGELI, der zwar gegen ROUSSEAU polemisiert, aber
ihm in Bezug auf die Wirkung der Musik Wahres zugesteht, beschreibt dies
wie folgt: ,,
So leicht geht der Ton zum Herzen, dass
gefühlvolle
Menschen
sogar des höheren Kunstschoenen nicht einmal zu beduerfen scheinen, um
in diesem Gebiete glueckselig, kunstselig zu leben
."5 (Hervorhebung von mir.
S.Z.) Dieses ästhetische Konzept bedeutet eine Aufwertung des
Dilettantenbegriffs, der insbesondere Hans Georg NÄGELI zum
Ausgangspunkt seiner Betrachtungen dient.6
3 Sulzer, Johann Georg: Art.
Kenner
. In:
Allgemeine Theorie der schönen Künste
. Bd. 3 der
2., unveränderter Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1793, Olms, Hildesheim, Zürich, New
York: 1994, S. 5.
4 Vgl. Rousseau, Jean-Jacques:
Essay über den Ursprung der Sprachen, worin auch über
Melodie und musikalische Nachahmung gesprochen wird.
In: Gülke, Peter/ Gülke,
Dorothea (Hrsg./Übersetzung):
Jean-Jacques Rouesseau. Musik und Sprache.
Ausgewählte Schriften
. Heinrichshofen′s Verlag, Wilhelmshaven: 1984, 99ff.
5 Nägeli, H. G.:
Vorlesungen über Musik mit Berücksichtigung der Dilettanten
. Cotta′scher
Verlag, Stuttgart/Tübingen: 1826, Nachdruck: Olms, Hildesheim/New York: 1980, S. 11.
6 Vgl. Nägeli:
Vorlesungen...
4
Aber auch der pejorative Dilettantismusbegriff entwickelt sich um die
Jahrhundertwende. Johann Wolfgang GOETHE schreibt 1799
Ueber den
sogenannten Dilettantismus oder die praktische Liebhaberei in den Künsten
,
wobei er den Liebhaber, frei von außergewöhnlichem Talent, ,,bloß den
allgemeinen Nachahmungstrieb"7 bei sich walten lassen sieht und
Dilettantismus in der Kunst dem Pfusch im Handwerk gleichsetzt.8 Dieser
Auffassung wird im beginnenden 19. Jahrhundert noch immer ein positiver
Dilettantismusbegriff entgegengesetzt, der nun besonders die
Musikausübung neben der Rezeption hervorhebt.9 Beide Strömungen
nehmen Einfluss auf die Entwicklung des Chorwesens, wie die
nachfolgenden Ausführungen verdeutlichen werden.
2.2. Zeig mir deinen Singverein und ich sage dir, wer du bist!
Das 18. Jahrhundert führte zu vielen Veränderungen politischer wie
gesellschaftlicher Art. Die Französische Revolution, die die Hoffnungen auf
eine Befreiung der Menschen enttäuschte, der Wiener Kongress und die
Karlsbader Beschlüsse ,,trieben diese Generation in die politische und
geistige Isolation, in Weltflucht und eine neue Religiosität, in Individualismus
und Resignation."10 Die Menschen, namentlich die Gebildeten, Adligen, alte
und neue Bürger, suchten nach Alternativen, die ihnen helfen sollten, ihren
Identitätsverlust und ihre Frustration zu überwinden.11
Vereine boten eine geeignete Lösung für dieses Problem, denn sie
stärken bekanntlich das Individuum in der Gemeinschaft und das
Zusammengehörigkeitsgefühl. Zudem konnte in den Vereinen das Ideal der
Demokratie auf kleinem Raum umgesetzt werden.12 Der ,,Bildungs- und
7 Goethe, Johann Wolfgang:
Ueber den sogenannten Dilettantismus oder die praktische
Liebhaberei in den Künste, 1799.
In:
Goethe′s sämmtliche Werke in vierzig Bänden
. Bd.
31, Cotta′scher Verlag, Weimar/Tübingen: 1857, S. 423.
8 Ebenda.
9 Vgl. Reimer, Erich: Art.
Kenner-Liebhaber-Dilettant
.
S. 14.
10 Weber, Babette/ Ernst, Rainer:
,,Schläft ein Lied in allen Dingen...", Chorgeschichten aus
dem 19. Jahrhundert.
Publikation zur Ausstellung
,,Romantischer Chor Chor der
Romantik..."
Finsterwalde: 2002, S. 10.
11 Vgl. ebenda, S. 35.
12 Vgl. ebenda.
5
Assoziationsdrang"13 des Bürgertums löste eine Reihe von
Vereinsgründungen aus. Das führte im Bereich des Chorgesangs zu
erheblichen Neuerungen, denn dieser wurde nun auch außerhalb der
Schulen, Kirchen und Theater praktiziert und galt ,,als repräsentativer
Ausdruck der Emanzipation bürgerlicher Schichten."14
Im Folgenden sollen als Beispiele für Vereinigungsformen innerhalb
der Laienchorbewegung zum einen die Berliner Singakademie und zum
anderen das Zürcher Singinstitut vorgestellt werden. Daneben wird kurz auf
Liedertafeln und -kränze eingegangen. Anschließend werden die
Möglichkeiten für Frauen, sich am Chorgesang zu beteiligen, dargestellt.
2.2.1. Frauenzimmer ,,und wir haben Alt und Diskant für immer."15
Erste Anstöße zu einer Neuerung auf dem Gebiet des Chorgesangs gingen
in Berlin von der Kirchenmusik aus.16 Mit den großen orchesterbegleiteten
Oratorien trat die religiös-geprägte Chormusik aus den Kirchenräumen, da
die dort zur Verfügung stehenden Chöre diesen Werken nicht mehr
gewachsen waren.17
Im Jahr 1791 gründete Carl Friedrich Christian FASCH die Berliner
Singakademie. Diese war am Ende des 18. Jahrhunderts schon auf rund 100
Mitglieder angewachsen war, unter denen durchaus prominente Namen wie
Felix MENDELSSOHN BARTHOLDY, Johann Friedrich REICHARDT oder Friedrich
Daniel Ernst SCHLEIERMACHER zu finden waren.
Die große Besonderheit dieser Institution war es, dass neben Männern auch
Frauen die geistlichen Chorwerke sangen. Nachdem Johann MATTHESON
diese Art des Chorgesangs bereits in Hamburg praktiziert hatte, setzte sie
sich nun auch in Berlin durch, dass man die Diskantpartien nicht mehr mit
13 Brusniak, Friedhelm: Art.
Chor und Chormusik
. In: Finscher, Ludwig (Hrsg.):
Die Musik in
Geschichte und Gegenwart
(MGG2), Sachteil, Bd. 2, Bärenreiter, Kassel/Basel etc.: 1995,
Sp. 778.
14 Jaeger (Hrsg.):
Chor, Chormusik
, Sp. 723.
15 Johann Carl Friedrich Rellstab bemerkte, dass die Knaben wegen ihres Stimmbruchs nicht
unbegrenzt als Sänger brauchbar sind und gut ausgebildete Frauen sich in dieser Hinsicht
wesentlich besser eigneten. Vgl. Weber/Ernst:
,,Schläft ein Lied..."
, S. 84f.
16 Vgl. Jaeger (Hrsg.):
Chor, Chormusik
, Sp. 724.
17 Vgl. Weber/Ernst:
,,Schläft ein Lied..."
, S. 14.
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