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Literature Review, 2006, 9 Pages
Author: Sebastian Erckel
Subject: South Asian Studies, South-Eastern Asian Studies
Details
Institution/College: Humboldt-University of Berlin (Institut für Asien- und Afrikawissenschaften)
Year: 2006
Pages: 9
Grade: 1,3
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-32829-1
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Abstract
Besprechung von David P. Chandlers eindrucksvollem Werk über die verhängnisvollen Entwicklungen der jüngeren kambodschanischen Geschichte.
Fulltext (computer-generated)
Buchbesprechung
Chandler, David P. (1999),
The Tragedy of Cambodian History: Politics, War, and Revolution since
1945.
Chiang Mai: Silkworm Books.
David P. Chandler, der 1960 als Mitarbeiter des auswärtigen Dienstes der Vereinigten Staaten von
Amerika das erste Mal kambodschanischen Boden betrat, ist Autor von sechs Büchern über
Kambodscha, darunter
A History of Cambodia,
als dessen Fortsetzung der Autor sein 1991 erstmals
veröffentlichtes Buch
The Tragedy of Cambodian History
versteht (p. vii). Er kann wohl als der
führende westliche Experte zu dem südostasiatischen Land angesehen werden.
Anhand einer politisch- historischen Erzählung der Ereignisse in Kambodscha zwischen 1945 und
1979 untersucht Chandler Fragen zu Ursache, Verlauf und verantwortlichen Akteuren der
kambodschanischen Revolution und versucht zu klären, ob diese sich in vorausgehenden
Ereignissen bereits andeutete (p.3). Chandlers historiographische Herangehensweise spiegelt sich
im Aufbau des Buches wider, das er in sieben Kapitel unterteilt hat, die in chronologischer
Reihenfolge jeweils eine Periode der kambodschanischen Geschichte von 1945- 1979 behandeln.
Ein achtes Kapitel beschäftigt sich mit sieben Augenzeugenberichten Überlebender von
Democratic
Kampuchea
, wie Kambodscha nach dem Sieg der Roten Khmer offiziell genannt wurde, dem
Grauen von
Tuol Sleng
, der zentralen Verhör- und Exekutionsanstalt der Roten Khmer in Phnom
Penh und der Zeit nach der vietnamesischen Invasion 1979, sprengt also zumindest teilweise den
von Chandler selbst gesetzten Zeitrahmen.
Chandler bemüht sich um eine größtenteils kambodschanische Perspektive (p.3). Diese findet ihren
Ausdruck in dem Raum, den er der Erörterung der internen Faktoren gegenüber den externen
Faktoren einräumt. Die Bedeutung der letzteren für die kambodschanische Geschichte von 1945-
1979 wird dabei keineswegs in Frage gestellt. Chandler sieht aber die Notwendigkeit eines
kambodschanischen Blickwinkels in der Tatsache begründet, ,, [that]...Cambodians themselves had
done almost all the killing..."(p.3).
Anhand von drei Themenkomplexen, die in allen Kapiteln erörtert werden, zeigt Chandler, dass es
für die Erklärung des Charakters der kambodschanischen Revolution nicht nur rationale Ansätze
gibt, sondern in erster Linie Kontinuitäten in der kambodschanischen Geschichte herangezogen
werden können. Diese Themenkomplexe umfassen Kambodschas geographische Lage zwischen
den größeren Nachbarn Thailand und Vietnam, den Führungsstil der entscheidenden Akteure und
eine der kambodschanischen Gesellschaft inhärente autoritäre Grundhaltung, sowie die einseitige
Wahrnehmung der eigenen (glorreichen) Vergangenheit durch alle Gesellschaftsschichten,
insbesondere der Elite.
Alle drei Themenkomplexe befinden sich in gegenseitiger Abhängigkeit und Beeinflussung.
1
Chandler zeigt am Beispiel des oftmals ambivalenten Verhaltens der (Nord-) Vietnamesen und
Amerikaner, der beiden Hauptakteure des zweiten Indochinakrieges, dass die Wirkung der externen
Faktoren auf den Geschichtsverlauf in Kambodscha vor allem in einer Beeinflussung dieser
Themenkomplexe bestand. Der Titel des Buches legt nahe, dass Chandler im Zusammenwirken
dieser Faktoren das ,,Tragische" der kambodschanischen Geschichte sieht. Allerdings deutet er
anhand der Auseinandersetzung zwischen dem König Sihanouk und der 1946 gegründeten
Demokratischen Partei, die zur Auflösung derselben führte, an, dass er bei einem anderen Ausgang
dieser Auseinandersetzung durchaus einen abweichenden Geschichtsverlauf für möglich gehalten
hätte:
,,The Khmer Republic and the CPK were in a sense both children of the Democratic Party
and products of this repression."
(p.94).
In der ausführlichen Darstellung der entscheidenden Figuren Sihanouk, und, in geringerem Maße,
Lon Nol und Pol Pot und der Entwicklung ihrer Charaktere, sowie der zunehmenden Intensität der
Auseinandersetzungen zwischen den durch diese Figuren repräsentierten Gruppierungen kommen
die ersten beiden Themenkomplexe zum Ausdruck. Der dritte, die Wahrnehmung der
kambodschanischen Vergangenheit, insbesondere der Epoche von Angkor, spiegelt die irrationalen
Elemente der Zeit von 1945- 1979 wider, darunter das Ausmaß der angewandten Gewalt als auch
der Konflikt mit Vietnam, der zum Ende des unabhängigen Kambodschas führte. Der Charakter
dieser Wahrnehmung zeigt sich vielleicht am eindrucksvollsten in einer Aussage Pol Pots 1977:
"If
people can build Angkor Wat, they can do anything."
David P. Chandler stützt sich in erster Linie auf bis zum Zeitpunkt des Beginns der Arbeit an
diesem Buch (1985) unveröffentlichte oder unzugängliche Primärquellen, darunter Berichte, die er
selbst in seiner Zeit beim auswärtigen Dienst der USA verfasst hatte, aber auch zahlreiche
Zeitungen, Originaldokumente aus dieser Zeit, Interviews mit den entscheidenden Personen wie
z.B. Pol Pot oder persönliche Aufzeichnungen und Tagebücher beteiligter Akteure, unter ihnen Son
Ngoc Thanh und Sihanouk. Diese Auswahl ist ein weiterer Beleg für sein Bemühen um eine
kambodschanische Perspektive.
Im Mittelpunkt des ersten Kapitels ,,
In Search of Independence"
, das sich mit den Entwicklungen
von 1945- 1950 befasst, steht der Beginn des Konfliktes um die künftige politische Struktur
Kambodschas zwischen Sihanouk, dessen Vorstellungen eines autoritären Staatsmodells von den
Franzosen unterstützt wurde, und der Demokratischen Partei, die zwar den König als
Staatsoberhaupt akzeptierte, die exekutive Gewalt aber einem frei wählbaren Parlament übertragen
wollte. Den Rahmen für diese Entwicklung bilden die Rückkehr der Franzosen, der Beginn des
gewaltsamen Widerstandes gegen die Kolonialmacht unter Führung der nationalistischen Khmer
Issarak, von denen einige allerdings bereits über Kontakte zu den Viet Minh verfügten (p.33), das
Erarbeiten einer Verfassung sowie das Ringen um deren Ausgestaltung. Eine weitere maßgebliche
Entwicklung dieser Zeit war die politische Profilierung Sihanouks und seine zunehmende
2
Emanzipierung von den Franzosen, denen er seine Krönung zum König 1941 verdankte und deren
williger Gehilfe er bis 1945 war (p.15). Indem er in zwei Ergänzungen zur neuen Verfassung
demokratische Elemente wie das allgemeine Wahlrecht für alle männlichen Einwohner sowie
Versammlungs- und Pressefreiheit gegenüber den Franzosen durchsetzte, gelang es ihm einerseits,
die Demokratische Partei, die bei den ersten Wahlen in Kambodscha, den Wahlen zu einer
verfassungsgebenden Versammlung 1946, eine überwältigende Mehrheit errang, über seine
Vorstellungen der Machtverteilung in Kambodscha zu täuschen (p.36), andererseits legte er dadurch
den Grundstein künftiger Krisen, da frei gewählte Abgeordnete sich wohl eher ihren Wählern
verpflichtet fühlen würden als dem Staatsoberhaupt und die eingeschränkte Rolle, die Sihanouk
ihnen zudachte, schwerlich auf Dauer zu akzeptieren bereit wären (p.29).
Der Zeitperiode von 1950- 1955, für die Chandler die Überschrift ,,
Political Warfare"
wählte, fällt
für die weitere Entwicklung eine entscheidende Bedeutung zu, da sie durch verschiedene
turning
points
, wie die Ausschaltung der Demokratischen Partei, Sihanouks
Crusade for Independence
,
die kambodschanischen Unabhängigkeit und die Personalisierung der Politik durch Sihanouk, die er
schließlich völlig dominierte ( p.46), gekennzeichnet war. Neben der ,,politischen Kriegsführung"
fand auch eine Intensivierung des realen Befreiungskampfes gegen die Franzosen auf
kambodschanischem Boden seitens der Viet Minh statt, deren Folge die Gründung der KPRP und
gemeinsamer Widerstand mit der Issarak- Bewegung war (p.50). In den für Kambodscha relevanten
Ergebnissen der Genfer Indochinakonferenz von 1954, der Neutralität Kambodschas und der Abzug
sämtlicher Viet Minh- Verbände, und in der Tatsache, dass, anders als in Laos, den
kambodschanischen Kommunisten kein Territorium überlassen wurde, kann eine Ursache für die
spätere Spaltung der kambodschanischen kommunistischen Bewegung in pro- und
antivietnamesische Elemente gesehen werden. Der größte Teil der kambodschanischen
Kommunisten zog mit den Viet Minh ab, die Zurückgebliebenen waren isoliert und sahen sich
alsbald der brutalen Verfolgung durch Sihanouk ausgesetzt. Der Radikalisierung von Teilen der
Opposition gegen Sihanouk, insbesondere von einigen Studenten, die mit durch die Demokratische
Partei vermittelten Stipendien Anfang der 50er Jahre nach Frankreich gingen, unter ihnen Pol Pot,
Ieng Sary und Khieu Samphan, räumt Chandler viel Aufmerksamkeit ein und stützt sich dabei vor
allem auf Ben Kiernans 1985 veröffentlichtes Werk ,,
How Pol Pot Came To Power"
, in dem die
Geschichte des Aufstiegs der Roten Khmer behandelt wird. Diese Radikalisierung war ein Produkt
der
political warfare
Sihanouks
und des realen Krieges unter kommunistischer Führung gegen die
Franzosen.
Die politische Kriegsführung Sihanouks, in erster Linie gegen die Demokratische Partei gerichtet
mit dem Ziel, die alleinige Macht zu erringen, vollzog sich in mehreren Schritten. Den Auftakt
bildete ein
coup d′etat
, der in zwei Schritten ablief. Am 15. Juni 1952 setzte Sihanouk den
demokratischen Ministerpräsidenten Kanthoul und sein Kabinett ab und bildete ein neues unter
seiner Führung. Im Januar 1953 löste er das Parlament auf, das sich geweigert hatte, ihm
3
Sondervollmachten zu erteilen, die er unter Berufung auf einen nationalen Notstand verlangt hatte
(p.65). Beide Schritte vollzog Sihanouk mit Unterstützung französischer Truppen. Nachdem er die
Demokratische Partei ausgeschaltet hatte, übernahm er nun deren Hauptagenda, das Streben nach
nationaler Unabhängigkeit, der sie ihre Popularität verdankte. Mit seinem
Crusade for
Independence
setzte sich Sihanouk an die Spitze des (gewaltlosen) Kampfes für die Unabhängigkeit
und konnte sich Ende 1953, nachdem die Franzosen nahezu alle seiner Forderungen erfüllt hatten,
als Vater der Unabhängigkeit feiern lassen (p.71). Nachdem von Sihanouk vorgeschlagene
Verfassungsänderungen, die ihm als König eine größere Exekutivgewalt übertragen hätten, auf
erheblichen Widerstand stießen, dankte er im Februar 1955 als König ab
,,in order to take command
of Cambodian politics and cease being merely a ceremonial ruler..."
(p.78). Sihanouk befürchtete,
bei den 1955 anstehenden und nicht zu verhindernden Wahlen von den politischen Parteien an den
Rand gedrängt zu werden (p.78). Anschließend gründete er die
Sangkum
, eine nationale Bewegung,
die an den Wahlen teilnehmen sollte. Im Vorfeld dieser Wahlen, die im September 1955
stattfanden, setzte Sihanouk erstmals die gesamte Macht des Staates und der Medien ein, um seine
Gegner, vor allem die Demokratische Partei, einzuschüchtern und zu terrorisieren und legte damit
endgültig den Grundstein für die politische (Un-) Kultur, die Kambodscha fortan prägen sollte. Die
Wahlen endeten mit einem überwältigenden Sieg der Sangkum und beendeten die Phase des
Ringens um Kambodschas politisches System, aus der Sihanouk als alleiniger Sieger hervorging.
Der Preis für den sich nun anschließenden Abschnitt relativer Stabilität unter absoluter Kontrolle
Sihanouks waren die Zerstörung der Anfänge einer demokratisch- pluralistischen politischen
Kultur und die Zerschlagung der Opposition, deren zersplitterte Reste sich desillusioniert, verfolgt
und terrorisiert zunehmend radikalisierten.
In die Periode von 1955- 1962, für die Chandler die Überschrift
,,Sihanouk Unopposed"
wählte, fiel
die Auflösung der Demokratischen Partei, so dass die linksgerichtete
Pracheachon
die einzige
sichtbare Opposition innerhalb Kambodschas war. Die KPRP konsolidierte sich im Untergrund,
nannte sich 1960 nach nordvietnamesischem Vorbild in KWP um, und strukturierte ihren
organisatorischen Aufbau im Sinne einer kommunistischen Kaderpartei neu. Die nationalistische
militante Opposition formierte sich unter Führung Son Ngoc Thanhs in den
Khmer Serei
, operierte
von Thailand und Südvietnam aus und wurde von diesen pro- amerikanischen Ländern unterstützt.
Diese Gruppen stellten jedoch keine Gefahr für Sihanouks Macht dar. Ohne signifikante Opposition
begann Sihanouk die außenpolitische Positionierung und Profilierung Kambodschas in eine
Richtung, die von den USA als ,,pro-kommunistische Neutralität" (p.93) bezeichnet wurde.
Chandler gibt keine abschließende Erklärung, was Ursache und was Wirkung der zunehmenden
Entfremdung Sihanouks von den USA war: Seine zweifellos vorhandene Antipathie gegenüber den
Amerikanern oder deren mutmaßliche Verwicklung in zwei gescheiterte Umsturzversuche Ende der
1950er Jahre; die Folgen sollten zumindest weitreichend sein. Die Konsequenzen des endgültigen
Bruchs mit den Vereinigten Staaten durch die Ablehnung weiterer amerikanischer Militär- und
4
Wirtschaftshilfen 1963 kommentierte Sihanouk 1992 mit den Worten:
,,If I had allowed these forms
of American aid to continue..., perhaps Cambodia and its people could have avoided the fatal
putsch of March 18, 1970 and ...the war of 1970- 1975."
(p.139). Die Zeit von 1963- 1966
behandelt Chandler in dem Kapitel
,,Cambodia Clouds Over"
. In dieser Periode vollzog sich die
schrittweise Emanzipierung Kambodschas von Sihanouks Gesellschaftsmodell unter dem Eindruck
verbesserter Bildungsmöglichkeiten für die Bevölkerung und des sich ausweitenden Vietnam-
Krieges (p.123). Die Folge war eine Intensivierung der Konflikte zwischen den einzelnen
Gruppierungen (p.125), deren Vorgehen von zunehmender Kompromisslosigkeit gekennzeichnet
war in einem Land, in dem die Anfänge einer pluralistischen Streitkultur erstickt worden waren.
Chandler lässt offen, ob Sihanouk nicht mehr willens oder in der Lage war, die zunehmenden
Gegensätze zu überbrücken, oder sie aufgrund der außenpolitischen Entwicklungen unterschätzte.
Der Abbruch diplomatischer Beziehungen mit den USA 1965 legte ihn endgültig auf einen pro-
kommunistischen Kurs fest und erhöhte den Druck von innen. Die Zurückweisung amerikanischer
Hilfen 1963 hatte nicht nur politische, sondern auch ökonomische Auswirkungen, was die
Entfremdung der bürgerlichen Elite von Sihanouk beschleunigte. Das aus den Wahlen 1966
hervorgegangene Parlament bestand in seiner Mehrheit aus Vertretern des bürgerlichen Lagers, von
denen einige Sihanouk bereits kritisch gegenüberstanden (p.155) und die ihm in keiner Hinsicht
verpflichtet waren, da er erstmals seit 1955 auf die persönliche Auswahl der Kandidaten verzichtet
hatte (p.154).
,,Changing the Rules"
lautet Chandlers Überschrift für die Zeit von 1967- 1969, in der Sihanouks
Macht und Autorität sowohl von rechts als auch von links offen herausgefordert wurde. Das
tragische Element dieser Periode liegt in der Tatsache begründet, dass Sihanouks Unterstützung der
Viet Minh, die kambodschanisches Territorium als Rückzugsraum und den für ihren Kampf
entscheidenden Ho Chi Minh- Pfad nutzten, nicht den Abbruch des bewaffneten Kampfes durch
die kambodschanischen Kommunisten zur Folge hatte. Unter dem Druck zweier sich gegenseitig
und ihm unversöhnlich gegenüberstehenden Lagern und außenpolitisch durch den Bruch mit den
USA ohne weitere Optionen schwand Sihanouks Fähigkeit der Einflussnahme auf den weiteren
Verlauf der Dinge. Seine verhängnisvolle Fehleinschätzung des Einflussgrades der
Nordvietnamesen auf die kambodschanischen Kommunisten, deren Emanzipierung von ihren
vietnamesischen Mentoren in die Zeit von 1966- 1969 fällt und in der Umbenennung der KWP in
CPK zum Ausdruck kommt , hat ihre Wurzeln allerdings in den 50er Jahren, wofür nicht zuletzt
Sihanouk selbst die Verantwortung trug.
Das Kapitel
,,Sliding toward Chaos"
beginnt mit der Absetzung Sihanouks als Staatsoberhaupt
durch das Parlament 1970 und endet mit der Einnahme Phnom Penhs durch die Roten Khmer im
Frühjahr 1975. In dieser Zeit tobte in Kambodscha ein Bürgerkrieg zwischen Truppen der neu
konstituierten
Khmer Republic
und den Roten Khmer. Außerdem bekämpften republikanische
Einheiten die der Viet Minh. Dies geschah vor dem Hintergrund massiver Bombardements durch
5
die Amerikaner. Allein die Schätzungen der Opfer dieses Bombenkrieges reichen bis 800 000.
Darüber hinaus gingen alle beteiligten Gruppen in unvorstellbarer Brutalität vor, Gefangene wurden
nicht gemacht (p.241) und auf die Zivilbevölkerung wenig Rücksicht genommen. Beispiele hierfür
sind das Massaker an vietnamesischen Zivilisten in Phnom Penh 1970 durch Armee und Polizei
(p.203) und die Massenflucht der Bevölkerung aus von den Roten Khmer eroberten Gebieten.
Der Sturz Sihanouks und die antikommunistische, pro- amerikanische Haltung der neuen Regierung
unter Lon Nol hatten zur Folge, dass sowohl China als auch Nordvietnam den bewaffneten Kampf
der kambodschanischen Kommunisten offen unterstützten. Die tragische Rolle Sihanouks, dessen
Sturz während seiner Abwesenheit erfolgte, setzte sich fort in seiner Entscheidung, eine Allianz mit
seinen ehemaligen Feinden, den Roten Khmer, einzugehen und die Bildung einer
National United
Front of Kampuchea
zu verkünden (p.201), womit er dem Kampf der Roten Khmer Legitimität
verlieh und die Rekrutierung neuer Kämpfer unter der kambodschanischen Landbevölkerung
erleichterte. Derart gestärkt war der Sieg der Roten Khmer nur eine Frage der Zeit, zumal der
wichtigste Verbündete der
Khmer Republic
, die USA, ihr Engagement verringerten.
Mit dem Einmarsch der Roten Khmer in Phnom Penh im April 1975 beginnt die letzte Periode in
Chandlers Buch, an deren Ende die vietnamesische Invasion und der Fall Phnom Penhs im Januar
1979 steht. In
,,Revolution in Cambodia"
unternimmt Chandler den Versuch einer Erklärung des
Charakters der kambodschanischen Revolution und bemüht sich dabei sowohl um die Motive der
Anführer als auch um eine Perspektive aus Sicht der kambodschanischen Bevölkerung, von der
mehr als 1 Million (p.236) die Zeit bis 1979 nicht überlebte. Die Einzigartigkeit der
kambodschanischen Revolution wurde nicht zuletzt auch von ihren Anführern stets betont:
,,The
Khmer revolution has no precedent. What we are trying to do has never been done before in
history."
( Ieng Sary, p.240).
Chandler zeigt jedoch, dass es durchaus Vorbilder für bestimmte Maßnahmen gab. Dazu zählt er
die chinesische Kulturrevolution als Vorbild für die Massenmobilisierung der Bevölkerung in der
Landwirtschaft und die Evakuierung der Städte, Nordkorea für das Streben nach völliger
wirtschaftlicher Autarkie und die Sowjetunion unter Stalin für die Säuberungsaktionen in den
eigenen Reihen. Chandler verweist auch auf Parallelen aus der kambodschanischen Geschichte, die
sich in der hierarchischen Grundordnung der Gesellschaft, der Betonung kambodschanischer Größe
unter Verweis auf Angkor und der antivietnamesischen Grundhaltung wieder finden. Dennoch
kommt er zu dem Schluss, dass
Democratic Kampuchea
, wie Kambodscha nun genannt wurde,
einen einschneidenden Bruch in der kambodschanischen Geschichte darstellte, vor allem aus Sicht
der Bevölkerung, deren Leben sich von Grund auf veränderte. Die Aufhebung des sozialen Status`,
die Abschaffung des Geldes und der Bruch mit dem Buddhismus erschütterten die Grundpfeiler der
kambodschanischen Gesellschaft. Gewalt, seit jeher gegenwärtig, wurde ein Wert an sich und
erreichte deshalb eine neue Qualität (p.241f.). Geschwindigkeit und Radikalität der durchgeführten
Maßnahmen prägten den einzigartigen Charakter der kambodschanischen Revolution. Weitere
6
Auffälligkeiten waren der destruktive Charakter der Revolution, der sich in dem aggressiven
Verhalten gegenüber Vietnam äußerte, ein Konflikt, den Kambodscha nicht gewinnen konnte, und
die zunehmende Paranoia der Anführer, die in zahllosen internen Säuberungsaktionen zum
Ausdruck kam.
Chandler verwendet für eine zusammenfassende Betrachtung einen Ausdruck
Andrew Walders, Soziologe an der Stanford Universität, der die kurze Zeit
Democratic
Kampucheas
als ,,tyrannization of practice at the hands of theory" (p.241) bezeichnet hatte.
Es liegt in der Natur einer chronologischen Erzählung, dass sie auf einen Höhepunkt hinausläuft.
Der ,,tragische" Höhepunkt, um in Chandlers Terminologie zu bleiben, findet sich in diesem Buch
im letzten Kapitel, das sich mit Augenzeugenberichten Überlebender der kambodschanischen
Revolution beschäftigt. Der Aufbau dieses Kapitels passt nicht in den historiographischen Rahmen,
den Chandler gewählt hat. Gerade aber durch diesen stilistischen Bruch gelingt Chandler ein
eindrucksvoller Abschluss seines Werkes, denn die soziologischen Auswirkungen von Geschichte
werden zu oft ausgeblendet, sollten aber in einer geschichtswissenschaftlichen Perspektive durchaus
ihre Beachtung finden. Chandler hat in den ersten sieben Kapiteln detailliert die Entwicklung des
Königreiches Kambodscha von den anfänglichen Experimenten mit einer konstitutionellen
Demokratie bis zur Ära Sihanouk, der sich anschließenden Khmer Republik und schließlich des
Demokratischen Kampuchea der Roten Khmer dargestellt; in besonders anschaulicher Art und
Weise gelang ihm dies nicht zuletzt aufgrund einer umfassenden Analyse der
Persönlichkeitsstrukturen und deren Veränderungen der diese Perioden prägenden Hauptfiguren
Sihanouk, Lon Nol und Pol Pot. Anhand des extrovertierten Charakters Sihanouk, dessen
Entwicklung als exemplarisch für die Entwicklung Kambodschas gelten kann, zeigt sich das
Ausmaß der Einflussnahme auf geschichtliche Abläufe durch die sie prägenden Personen. Chandler
hat gezeigt, dass für diese Führungsstile Analogien in der kambodschanischen Geschichte
existieren. Gerade deshalb ist ein Abschluss aus der Perspektive der Regierten so wertvoll.
Pamela Sodhy, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ihrer Besprechung von Chandlers Buch
(1994) an der Georgetown Universität in Washington D.C. tätig war, kritisiert weniger den Inhalt
als die Organisation dieses Kapitels und schlägt vor, die Augenzeugenberichte im Kapitel
,,Revolution in Cambodia"
unterzubringen. Dadurch würde allerdings dieses Kapitel seinen
objektiv- historischen Charakter verlieren, den es durch die Konzentration auf Fakten bei
gleichzeitiger Diskussion möglicher Erklärungen erhält, und der seine Stärke und
Überzeugungskraft, wie auch die der Kapitel 1-6 ausmacht.
Ein weiterer Kritikpunkt Sodhys ist die mangelnde Weiterentwicklung von Themen, auf deren
bloße Herausstellung sich Chandler ihrer Meinung nach beschränkt. Als Beispiel nennt sie die
ambivalente Haltung Chinas, dessen Motivation für die Unterstützung sowohl Sihanouks als auch
der Roten Khmer von Chandler nicht ausreichend erörtert wird. Diese Kritik ist zumindest
nachzuvollziehen, kann aber dennoch mit Verweis auf Chandlers Vorzug einer kambodschanischen
7
Perspektive und der überzeugenden Entwicklung der von ihm in seiner Einleitung herausgestellten
drei Hauptthemenkomplexe, die in erster Linie interne Faktoren berücksichtigen, zurückgewiesen
werden.
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