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Die Snorra Edda als Quelle der nordischen Mythologie?

Subtitle: Quellenkritik an ausgewählten Beispielen

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 28 Pages
Author: Susanne Stäblein
Subject: Scandinavian Languages

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2007
Pages: 28
Grade: 1,0
Language: German
Archive No.: V126498
ISBN (E-book): 978-3-640-32927-4
ISBN (Book): 978-3-640-33113-0

Abstract

Für zahlreiche Autoren (Simrock , deVries , Uecker ) ist die Snorra Edda die [!] wichtigste Quelle nordischer oder in diesem Fall alter heidnischer Mythologie. Vor allem die Einbandtexte der verschiedenen Ausgaben bzw. Editionen der Snorra Edda, die es im Buchhandel zu erwerben gibt, lassen den Eindruck entstehen, dass es sich bei der Snorra Edda um eine Quelle der nordischen Mythologie handelt. Diese Einschätzung wird jedoch nicht von allen Forschern geteilt, so dass die Frage, ob es sich bei der Snorra Edda tatsächlich um eine (Primär-) Quelle der nordischen Mythologie handelt, durchaus kontrovers diskutiert wird. Während also die Frage bezüglich der Authentizität der Snorra Edda als mythologische Quelle von der Forschung noch nicht ausreichend geklärt werden konnte, herrscht in der Frage bezüglich des Entstehungszeitraums bzw. -orts weitestgehend Einigkeit. Demnach wurde die Snorra Edda um 1220 – und somit ca. 200 Jahre nach der Einführung des Christentums –, auf Island verfasst. Diese Zeitspanne von ca. 200 Jahren ist es, die zu den Bedenken einiger Wissenschaftler führen, ob die Snorra Edda tatsächlich eine Quelle der nordischen Mythologie sei. Es ist zwar durchaus vorstellbar, dass historische oder in diesem Fall mythologische Stoffe bzw. Erzählungen durch mündliche Überlieferungen über einen längeren Zeitraum bewahrt werden können, dass nach 200 Jahren aber keinerlei christliche Einflüsse in die nordische Mythologie, wie sie von Snorri Sturluson niedergeschrieben wurde, eingeflossen sein sollen, scheint mir zumindest diskussionswürdig zu sein. Im Zentrum dieser Arbeit steht daher die Untersuchung unterschiedlicher Forschungsmeinungen zu dieser Frage. Welche Positionen werden bzw. wurden von welchen Forschern vertreten und wie hat sich die Einschätzung der Snorra Edda in den letzten 150 Jahren verändert? Von diesen unterschiedlichen Positionen ausgehend, soll schließlich die Frage geklärt werden, ob bei der Snorra Edda überhaupt von einer unbeeinflussten Variante der nordischen Mythologie gesprochen werden kann oder ob in ihr nicht Entlehnungen der christlichen Religion gefunden werden können. [...]


Excerpt (computer-generated)

Humboldt-Universität zu Berlin

Nordeuropa-Institut

VK 52 297 Skandinavische Literatur des Mittelalters

SoSe 2007

Die Snorra Edda als Quelle der nordischen Mythologie?

Quellenkritik an ausgewählten Beispielen


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 2

1.1 Begriffsdefinition 3

1.2 Quellen nordischer Mythologie 5

2. Die Snorra Edda 8

2.1 Snorri Sturluson 8

2.2 Die verwendeten Quellen 9

2.3 Die vier Haupthandschriften 11

2.4 Der Inhalt der Snorra Edda 12

3. Quellenkritik an ausgewählten Beispielen 14

3.1 Mythologische Novellistik 14

3.2 Euhemerismus 16

3.3 Der Einfluss des Christentums auf mythologische Quellen 19

4. Fazit 22

Quellen und Literatur 25

Quellen 25

Literatur 25

1


1. Einleitung

,,Welch schmerzliche Lücken hätte unsere Kenntnis von der alten heidnischen Mytho-

logie, wenn wir die Snorra Edda nicht besäßen!"1

Für zahlreiche Autoren (Simrock2, deVries3, Uecker4) ist die Snorra Edda die [!] wichtigste

Quelle

nordischer oder in diesem Fall alter heidnischer Mythologie.5 Vor allem die Einband-

texte der verschiedenen Ausgaben bzw. Editionen der Snorra Edda, die es im Buchhandel zu

erwerben gibt, lassen den Eindruck entstehen, dass es sich bei der Snorra Edda um eine Quel-

le der nordischen Mythologie handelt. Diese Einschätzung wird jedoch nicht von allen For-

schern geteilt, so dass die Frage, ob es sich bei der Snorra Edda tatsächlich um eine (Primär-)

Quelle der nordischen Mythologie handelt, durchaus kontrovers diskutiert wird.

Während also die Frage bezüglich der Authentizität der Snorra Edda als mythologische

Quelle von der Forschung noch nicht ausreichend geklärt werden konnte, herrscht in der Fra-

ge bezüglich des Entstehungszeitraums bzw. -orts weitestgehend Einigkeit. Demnach wurde

die Snorra Edda um 1220 ­ und somit ca. 200 Jahre nach der Einführung des Christentums ­,

auf Island verfasst. Diese Zeitspanne von ca. 200 Jahren ist es, die zu den Bedenken einiger

Wissenschaftler führen, ob die Snorra Edda tatsächlich eine

Quelle

der nordischen Mytholo-

gie sei. Es ist zwar durchaus vorstellbar, dass historische oder in diesem Fall mythologische

Stoffe bzw. Erzählungen durch mündliche Überlieferungen über einen längeren Zeitraum be-

wahrt werden können, dass nach 200 Jahren aber keinerlei christliche Einflüsse in die nordi-

sche Mythologie, wie sie von Snorri Sturluson niedergeschrieben wurde, eingeflossen sein

sollen, scheint mir zumindest diskussionswürdig zu sein. Im Zentrum dieser Arbeit steht da-

her die Untersuchung unterschiedlicher Forschungsmeinungen zu dieser Frage. Welche Posi-

tionen werden bzw. wurden von welchen Forschern vertreten und wie hat sich die Einschät-

zung der Snorra Edda in den letzten 150 Jahren verändert? Von diesen unterschiedlichen Posi-

tionen ausgehend, soll schließlich die Frage geklärt werden, ob bei der Snorra Edda überhaupt

1 de Vries, Jan: Altnordische Literaturgeschichte, Bd. 1, Berlin 1956, S. 232.

2 Vgl. Simrock, Karl: Handbuch der Deutschen Mythologie mit Einschluß der nordischen, Bonn 1878, S. 4: ,,Die

Quellen der Mythologie ausführlich zu besprechen, gebricht hier der Raum, und nur der Raumsparung wegen

gebe ich hier diejenigen Werke an, auf welche ich mich am Häufigsten beziehe [...]. Unter den nordischen ste-

hen billig die beiden Edden voran".

3 Vgl. de Vries: Altnordische Literaturgeschichte, S. 232.

4 Vgl. Uecker, Heiko: Geschichte der altnordischen Literatur, Stuttgart 2004, S. 47: ,,Im Dialog zwischen dem

fragenden Gylfi/Gangleri und dem antwortenden Göttern entfaltet Snorri die heidnische Mythologie."

5 Begriffsdefinition folgt unter 1.1.

2


von einer unbeeinflussten Variante der nordischen Mythologie gesprochen werden kann oder

ob in ihr nicht Entlehnungen der christlichen Religion gefunden werden können.

Hierzu soll zunächst der Begriff ,,nordische Mythologie" näher erläutert werden, da er

zentral für den Umgang mit dieser Fragestellung ist. Anschließend soll ein Überblick darüber

gegeben werden, welche durchaus unterschiedlichen Quellen es in Bezug auf die Mythologie

und Religion der nordischen Länder gibt und auf welche (nichtschriftlichen) Quellen heute

noch zurückgegriffen werden kann. Weiterhin wird dargelegt welche Quellen Snorri Sturlu-

son für seine Ausarbeitungen genutzt hat bzw. genutzt haben könnte. Zur besseren Einord-

nung des Wirkens Snorri Sturlusons und um die Snorra Edda als mögliche Quelle der nordi-

schen Mythologie untersuchen zu können, ist es darüber hinaus notwendig, einen kurzen Ab-

riss über Snorri Sturlusons Leben zu geben. Inwiefern Snorri Sturluson in der Edda die My-

thologie seiner Vorfahren vorgestellt hat, oder ob er nicht vielleicht nur poetologische Ziele

im Auge hatte, sprich dichterisch in Erscheinung treten wollte, soll ebenfalls Teil dieser Un-

tersuchung sein. Da diese oft diskutierte Frage ein zentrales Thema derjenigen Wissenschaft

ist, die sich mit der nordischen Literatur des Mittelalters beschäftigt und man sich auch heute

nicht einig in ihrer Beantwortung ist, werden im Hauptteil dieser Arbeit wichtige Positionen

der Wissenschaft vorgestellt und miteinander verglichen.

Daran anschließend, folgen eine Zusammenfassung der Ergebnisse und der Versuch, die

Frage nach einer originalen Mythologie in der Snorra Edda zu beantworten.

1.1 Begriffsdefinition

Im Rahmen dieser Arbeit ist es nicht möglich eine allgemeingültige Definition von My-

thos/Mythologie in Abgrenzung zum Begriff der Religion zu geben, dennoch bemüht sich die

folgende Darstellung um eine Eingrenzung dieser Begriffe, wie sie in dieser Arbeit verwendet

werden sollen.

Die Begriffe Mythos bzw. Mythologie werden umgangssprachlich häufig mit Geschichten

oder Erzählungen aus vergangener Zeit verbunden, wobei ihnen aufgrund ihrer zumeist sensa-

tionellen Handlung nicht selten ein gewisses Maß an Unwahrheit unterstellt wird. Auch wenn

in ihnen Märchenmotive zu finden sind, so sind Mythen aber nicht nur einfache Märchen

bzw. unterhaltsame Geschichten, sondern haben eine weit wichtigere Bedeutung: Sie präsen-

tieren Kulturen mit ihren Erinnerungen, Traditionen und Gebräuchen. Rudolf Simek hat daher

darauf hingewiesen, dass es sich bei Mythen nicht nur um fantastische (Götter-) Geschichten

handelt. Er spezifiziert den Begriff ,,Mythos" und geht davon aus, dass beispielsweise die

,,germanische Mythologie als Gesamtheit der Glaubensvorstellung des germanischen Heiden-

3


tums verstanden werden [soll], wie sie uns in Sachfunden, Bilddarstellungen und schriftlichen

Quellen überliefert sind."6 Der Mythos ist demnach nicht als bloße Geschichte, sondern als

eine kulturgeschichtliche Quelle zu verstehen, die ein vollständiges Weltbild enthält, nach

dem sich eine Kultur ausgerichtet hat. Diese Erzählungen verdeutlichen beispielsweise, wie

man sich in früheren Zeiten die unterschiedlichen Naturphänomene erklärte: Der Wechsel von

Tag und Nacht, der Lauf der Jahreszeiten und die Existenz von Blitz und Donner ­ für all

diese Phänomene wurden die Götter mit ihren unterschiedlichen Kräften verantwortlich ge-

macht. Wir, die die Naturgesetze, die hinter diesen Erscheinungen stehen, kennen, mögen

über diese Erklärungsversuche lächeln, jedoch sollte beachtet werden, dass die Mythen we-

sentlich zur Moral- und Ethikbildung der Menschheit beigetragen haben. In den zahlreichen

Erzählungen wurde der Mut eines Kriegers als heldenhafte Tugend gepriesen; ebenso wurde

aber auch Schwäche als eine Eigenschaft hervorgehoben, von der auch die allmächtigen Göt-

ter betroffen sein konnten.7 Und auch auf dem Gebiet der Rechtsprechung waren Mythen von

großer Bedeutung: Zivilisatorische Errungenschaften wie Gerechtigkeit oder die Tatsache,

dass man nicht töten soll, gehen auf Mythen zurück. Und nicht zuletzt stärkten die Mythen,

indem sie von Generation zu Generation weitergegeben wurden, das Zusammengehörigkeits-

gefühl der Menschen und waren somit maßgeblich an der Identitätsstiftung unterschiedlicher

Völker beteiligt.

Bei der Definition von Mythologie ist es von besonderer Bedeutung, diese von dem Begriff

der Religion abzugrenzen. Ein Mythos ist, wie bereits erläutert, nicht bloß eine Erzählung,

aber auch nicht zwingend die Wirklichkeit. Mythen können aus Erfahrungsberichten abgelei-

tete Naturmythen sein oder rein fiktionale Helden- oder Göttermythen, welche keinen eigent-

lichen historischen Kern besitzen.8 Der Mythos unterscheidet sich von der Religion insofern,

als dass er eine überlieferte Erzählung ist, an die nicht mehr zwingend geglaubt wird. Der

ursprüngliche religiöse Glauben mit seinen Kulten und Organisationsformen wird nicht mehr

praktiziert. Der Unterschied zwischen Mythos und Religion wird am folgenden Beispiel von

Walter Baetke deutlich:

,,Als im Jahre 999 das Schiff des Missionars Thangbrand auf Island scheitert, sieht ei-

ne heidnische Isländerin darin einen Eingriff des Gottes Thor (das Gedicht, in dem sie

diesem Gedanken Ausdruck gibt, ist uns erhalten). Das ist religiöser Glaube. Die Göt-

6 Simek, Rudolf: Lexikon der germanischen Mythologie, Stuttgart 2006, S. VIII.

7 Beispielsweise Achilles in der antiken Mythologie.

8 Vgl. Ott, N. H.: Mythos, Mythologie, in: Angermann, Norbert (Hrsg.): Lexikon des Mittelalters, Bd. 6, München

1993, Sp. 993-996.

4


tersage würde erzählen, daß Thor in menschlicher Gestalt erscheint (wie Gylf. C. 49)

und mit seinem Hammer das Schiff zertrümmert."9

Dies bedeutet folglich, dass in der Religion eine Art überirdische Allmacht, die in das Leben

der Menschen eingreift, existiert und deren Gunst durch Gebete oder Opfergaben erlangt wer-

den soll. Demgegenüber unterscheidet sich der Mythos dadurch, dass in diesem, die göttliche

Allmacht durch menschliche Figuren, die real auf der Erde existieren, personifiziert wird:

Thor ist Gott in Menschengestalt. Im Rahmen dieser Arbeit soll der Mythos als eine Erzäh-

lung mit zeitlichem Abstand zur eigentlich praktizierten Religion verstanden werden.

Abschließend gilt es, den Begriff

nordisch

in ,,nordische Mythologie" zu definieren. Auch

wenn sich der geographische Norden in der Regel über die Länder Norwegen, Schweden,

Dänemark und Island (je nach Definition auch Finnland) erstreckt, so bezeichnet der Begriff

,,nordisch" im Rahmen dieser Arbeit lediglich die Literatur Norwegens und Islands, da sich

hier das literarische und kulturelle Zentrum des mittelalterlichen Skandinaviens befand.

1.2 Quellen nordischer Mythologie

Die Grundlagen der nordischen Mythen bilden Religionen, welche zum Teil schon in der

älteren Eisenzeit in den Gegenden in und um Norwegen bzw. Island existierten und praktiziert

wurden.10 Diese frühen Religionen gilt es nicht außer Acht zu lassen, da sie zahlreiche Infor-

mationen über die späteren Mythen liefern. Freilich ist kein Dokument erhalten geblieben, das

genauere Informationen über den Glauben und die jeweiligen Kultrituale geben kann, aber die

Verknüpfung verschiedenster Quellen lässt eine Art kulturgeschichtliches Mosaik entstehen,

das die Mythologie der nordischen Länder veranschaulicht.

So geben beispielsweise die Gräber verschiedener Zeitalter detaillierte Informationen über

die Bestattungsrituale der jeweiligen Kultur in ihrer Zeit, so dass etwa Grabbeigaben eine

wichtige kulturgeschichtliche Quelle darstellen. Anhand von Gräbern lässt sich erkennen,

welche Kulte und Rituale die Menschen gepflegt haben und wie sie sich ,,das Leben nach dem

Tod" vorgestellt haben. Archäologische Funde wie Wagen-, Kriegsbeute- oder auch Men-

schenopfer in Moorgebieten sind so gut erhalten, dass sie noch heute sehr genau Auskunft

über verschiedene Kulte geben können:

,,Irgendwann um 400 n. Chr. Fand in Ostjütland in der Nähe von Hadersleben eine

Schlacht statt, bei welcher auf einer Seite, vermutlich der der Angreifer, etwa 200

9 Baetke, Walter: Die Götterlehre der Snorra-Edda, Berlin 1950, S. 11.

10 Vgl. Simek, Rudolf: Religionen und Mythologie der Germanen, Darmstadt 2003, S. 20.

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