Register or log in at GRIN

Your e-mail-address or password is wrong
Register now
For new authors: free, easy and fast
This will be used as your user name, please specify a valid e-mail address

Lost password

Your e-mail-address or password is wrong

Request a new password
„Verachte alle unvernünftigen Ärzte und verehre die vernünftigen“ - Christlob My... close

Please wait

Please install the Adobe Flash Player if no e-book is displayed.

„Verachte alle unvernünftigen Ärzte und verehre die vernünftigen“ - Christlob Mylius' Beitrag zum medizinischen Diskurs der Frühaufklärung mit dem Lustspiel "Die Ärzte"

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 36 Pages
Author: Sarah Till
Subject: German Studies - Literature of History, Eras

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2008
Pages: 36
Grade: 1,7
Language: German
Archive No.: V126582
ISBN (E-book): 978-3-640-32462-0
ISBN (Book): 978-3-640-32628-0

Abstract

Die Medizin hat sich als beliebtes Thema in der antiken wie gegenwärtigen Literatur, sowohl in der Prosa wie auch im Drama oder der Lyrik, erwiesen: Immer wieder wurden Ärzte samt der durch sie vertretenen wissenschaftlichen Ausrichtung zu zentralen literarischen Gestalten. Die Literatur beschreibt und verarbeitet dabei das medizinische Wissen und bewertet schließlich Aspekte der Medizin implizit oder explizit als positiv oder negativ. Die Wechselwirkung, die Literatur und Medizin aufeinander ausüben, lässt sich, wie Engelhardt deutlich macht, in drei Perspektiven gliedern. Es ist hier die Rede von der „literarische[n] Funktion der Medizin, [der] medizinische[n] Funktion der Literatur [sowie der] genuine[n] Funktion der literarisierten Medizin“ (Engelhardt, 12). Gerade auch im Zeitalter der Aufklärung war die Auseinandersetzung mit dem medizinischen Diskurs hoch aktuell. Christlob Mylius (1722-1754) und Theodor Johann Quistorp (1722-1776) leisteten im Jahr 1745 mit ihren Lustspielen „Die Ärzte“ bzw. „Der Hypochondrist“ jeweils einen wichtigen Beitrag zur literarischen Verarbeitung der medizinischen Thematik. Gegenstand vorliegender Arbeit soll nun die Untersuchung von Mylius' Lustspiel „Die Ärzte“ sein. Aufgrund des dürftigen Forschungsstandes zu Mylius und diesem Stück, der einerseits darin begründet sein mag, dass Myluis' Oeuvre aufgrund seines zeitigen Ablebens sehr begrenzt geblieben ist und andererseits darin, dass es ihm aus diesem Grund nicht vergönnt war, sein Können zu perfektionieren, erscheint es lohnend, über die Analyse des Dramas hinaus etwas weiter auszuholen. Dabei wird insbesondere von den zwei miteinander im Legitimationsstreit liegenden medizinischen Hauptsystemen sowie von der stetig anwachsenden Gruppe der „vernünftigen Ärzte“ die Rede sein. Im Folgenden soll der Entstehungskontext um „Die Ärzte“, ausgehend von den Prätexten über den Verfasser bis hin zu den Erwartungen und Forderungen, die man in der Frühaufklärung an ein Lustspiel stellte, thematisiert werden. Schließlich soll der medizinische Diskurs, der Mylius' Lustspiel durchzieht, genauer betrachtet werden, indem der Medizin eine fiktionale, das Stück in seiner Anlage formende Funktion und eine inhaltliche Funktion, die ein spiegelbildlich-verzerrtes Abbild der realen zeitgenössischen Situation generiert, zugewiesen wird. Letztlich eröffnet die Analyse des Phänomens der Hypochondrie im Kontext von Mylius' Lustspiel Deutungsperspektiven im Hinblick auf den Aufklärungsdiskurs.


Excerpt (computer-generated)

Gliederung

1. Theoretische Vorbemerkungen: Medizin und Literatur 3

2. Der Arzt und seine Therapie in der Aufklärung 4

3. Medizinische Konzepte zu Mylius′ Zeit

3.1 Die mechanistische Arzneigelehrtheit 7

3.2 Der Stahlsche Animismus 10

3.3 Vernünftige Ärzte 12

4. Der Entstehungskontext

4.1 Der Freigeist Christlob Mylius 14

4.2 Prätexte 15

4.3 Das deutsche Lustspiel in der Frühaufklärung 17

5. Der medizinische Diskurs in ,,Die Ärzte"

5.1 Die fiktionale Funktion der Medizinthematik 20

5.2 Analyse der inhaltlichen Darstellung der Medizin 23

5.3 Hypochodrie ­ ein antiaufklärerisches Übel? 28

6. Schluss 31

7. Verzeichnis sämtlicher zitierter und genannter Literatur 33

1


,,So wie die Leibärzte der Ochsen Menschen sind, so hat man auch oft

gefunden, daß die Leibärzte der Menschen Ochsen sind"

Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799)

2


1. Theoretische Vorbemerkungen: Medizin und Literatur

Die Medizin hat sich als beliebtes Thema in der antiken wie gegenwärtigen Literatur, sowohl in

der Prosa wie auch im Drama oder der Lyrik, erwiesen: Immer wieder wurden Ärzte samt der

durch sie vertretenen wissenschaftlichen Ausrichtung zu zentralen literarischen Gestalten. Die

Literatur beschreibt und verarbeitet dabei das medizinische Wissen und bewertet schließlich

Aspekte der Medizin implizit oder explizit als positiv oder negativ. Laut Engelhardt spiegeln sich

die unterschiedlichen Bestandteile der medizinischen Welt, unterteilt in die sieben Ebenen Arzt,

Patient, Krankheit, soziale Umwelt, medizinische Institutionen, Diagnose, Therapie und

Prävention sowie Wissen, Methode und Theorien, allesamt in der Literatur wider (vgl.

Engelhardt, 9).

Die Wechselwirkung, die Literatur und Medizin aufeinander ausüben, lässt sich, wie Engelhardt

deutlich macht, in drei Perspektiven gliedern. Es ist hier die Rede von der ,,literarische[n]

Funktion der Medizin, [der] medizinische[n] Funktion der Literatur [sowie der] genuine[n]

Funktion der literarisierten Medizin" (Engelhardt, 12).

Die literarisch-fiktionale Funktion der Medizin ist auf die Bedeutung der genannten sieben

Ebenen für die Thematik und Struktur des literarischen Werkes bezogen. Inhaltliche und formale

Besonderheiten, etwa Aspekte des Raumes und der Zeit sowie Figurenzeichnung und

-entwicklung sind an dieser Stelle mit zu berücksichtigen.

Die Bedeutung, die dagegen die Literatur für die Medizin stiftet, ist folgende: Gemäß der

Tatsache, dass Kunst auch für andere Funktionssysteme der Gesellschaft eine Leistung erbringt,

kann festgehalten werden, dass Literatur in der Lage ist, medizinisches Wissen zu konkretisieren

und zu veranschaulichen. Die Literatur dient auf diese Weise sogar der ,,Verbreitung

medizinischer Kenntnisse, [...] einer Popularisierung der Medizin oder einer medizinischen

Aufklärung" (Engelhardt, 15). Die Behandlung der Medizin in einem literarischen Werk lässt

demnach Rückschlüsse auf die zeitgenössische reale Situation der Medizin zu.

Literatur in ihrer genuinen Funktion hinsichtlich ihrer Darstellung medizinischer Aspekte

schließlich erweist sich als ein ,,allgemeiner Zugang zur Welt des Kranken und seiner

Subjektivität, zum Selbstverständnis des Arztes und seinem therapeutischen Tun" (Engelhardt,

18). Die Literatur erscheint aus dieser Perspektive selbst als eine Form der Krankheitstherapie.

Sie allein kann eine Art Ganzheitskonzept für den Menschen entwerfen, das einer sich durch die

Jahrhunderte immer mehr spezialisierenden Medizin gegenübersteht.

Alle drei genannten Perspektiven eint die Tatsache, dass die Medizin weit mehr ist als bloßer

Stofflieferant für die Literatur: Sie sieht sich durch die Spiegelung in der Literatur auf kritische

Art und Weise selbst reflektiert.

3


Insbesondere die satirische Auseinandersetzung der Literatur mit der Medizin scheint einer

solchen Selbstreflexion Nahrung zu geben. Schon antiken Komödien, etwa des Aristophanes,

Plautus oder Terenz, wohnen kritische Ansätze inne. Seither ist das medizinische Thema immer

wieder zum Gegenstand der Satire geworden. Die ,,entsprechenden Texte von Boccaccio, Brant,

Molière, Swift, Smollet, Sterne [...] richten sich aber nicht nur auf den Arzt, sondern ebenfalls

auf den Kranken und seine Umwelt. Die Aufmerksamkeit wird auf Mängel der ärztlichen

Persönlichkeit und des ärztlichen Berufes wie auf übertriebene Ängste und Hoffnungen des

kranken Menschen und das Versagen der Mitmenschen gelenkt" (Engelhardt, 12).

Gerade auch im Zeitalter der Aufklärung war die Auseinandersetzung mit dem medizinischen

Diskurs hoch aktuell. Christlob Mylius (1722-1754) und Theodor Johann Quistorp (1722-1776)

leisteten im Jahr 1745 mit ihren Lustspielen ,,Die Ärzte" bzw. ,,Der Hypochondrist" jeweils

einen wichtigen Beitrag zur literarischen Verarbeitung der medizinischen Thematik.

Gegenstand vorliegender Arbeit soll nun die Untersuchung von Mylius′ Lustspiel ,,Die Ärzte"

sein. Aufgrund des dürftigen Forschungsstandes zu Mylius und diesem Stück, der einerseits

darin begründet sein mag, dass Myluis′ Oeuvre aufgrund seines zeitigen Ablebens sehr begrenzt

geblieben ist und andererseits darin, dass es ihm aus diesem Grund nicht vergönnt war, sein

Können zu perfektionieren, erscheint es lohnend, über die Analyse des Dramas hinaus etwas

weiter auszuholen.

Diesen einleitenden Worten zum diskursiven Zusammenspiel von Medizin und Literatur soll nun

die Beleuchtung des frühaufklärerischen Arztes in seinem therapeutischen Tun folgen. Dabei

wird insbesondere von den zwei miteinander im Legitimationsstreit liegenden medizinischen

Hauptsystemen sowie von der stetig anwachsenden Gruppe der ,,vernünftigen Ärzte" die Rede

sein. Im Folgenden soll der Entstehungskontext um ,,Die Ärzte", ausgehend von den Prätexten

über den Verfasser bis hin zu den Erwartungen und Forderungen, die man in der Frühaufklärung

an ein Lustspiel stellte, thematisiert werden. Schließlich soll der medizinische Diskurs, der

Mylius′ Lustspiel durchzieht, genauer betrachtet werden, indem der Medizin eine fiktionale, das

Stück in seiner Anlage formende Funktion und eine inhaltliche Funktion, die ein spiegelbildlich-

verzerrtes Abbild der realen zeitgenössischen Situation generiert, zugewiesen wird. Letztlich

eröffnet die Analyse des Phänomens der Hypochondrie im Kontext von Mylius′ Lustspiel

Deutungsperspektiven im Hinblick auf den Aufklärungsdiskurs.

2. Der Arzt und seine Therapie in der Aufklärung

Geistige Kämpfe bestimmten das Gesicht der Epoche, die den Säkularisierungsprozess hin zur

4


modernen Welt einleitete, auf vielerlei Ebenen. Die geistesgeschichtliche Kennzeichnung des 18.

Jahrhunderts als Epoche der Aufklärung beinhaltet in erster Linie die postulierte Autonomie des

Denkens, die eine Emanzipation von Zwängen wie Kirche oder dogmatischen

Wissenschaftslehren gewährleisten sollte. Als Instanz der Erkenntnisbildung sollte einzig der

vernünftige Verstand, der den Menschen vom Tier unterscheidet, gebraucht werden. Ein solches

Postulat bedeutete insbesondere für die Zweige der Naturwissenschaften, also auch für die

Medizin, eine konsequente Weiterentwicklung. Die neue in der Wissenschaft propagierte

Leitmethode, die auch für die Medizin schnell an Bedeutung gewann, lautete: Vernunftgelenkte

Erfahrungsbildung durch Empirismus und Rationalismus.

Weiterhin von großer Bedeutung für die aufklärerische Weiterentwicklung war die Diskussion

der Vertreter verschiedener Disziplinen über die menschliche Natur und soziale Verfassung. An

dieser Diskussion beteiligten sich in einem interdisziplinären Zusammenspiel Jurisprudenz,

Theologie, Philosophie und Medizin. ,,Nicht zuletzt bestimmte die Medizin den Verlauf der

Debatte: Denn deren Einsichten über die Natur des Menschen, insbesondere über die

wechselseitige Abhängigkeit der Bereiche geistiges Vermögen (Vernunft und Erkenntnis),

affektive Beschaffenheit (Leidenschaften, Empfindungen, Wahrnehmungen) und körperliche

Beschaffenheit (Physiologie, Pathologie, Temperamentenlehre), tangierten alle Aspekte der nun

aufgeworfenen Fragen" (Geyer-Kordesch 1989, 255-256).

So ist die Tatsache zu erklären, dass die ,,Erkennung, Benennung und Behandlung von

Krankheiten [...] in der vormodernen Gesellschaft [...] nicht nur in den Händen der

Arzneiwissenschaftler bzw. Ärzte [lag], sondern [...] gleichfalls von Religion, Philosophie, Moral

und den Künsten mitbetreut [wurde]" (Hillen, 39).

Interessanterweise vertraten die Mediziner dieser Zeit jedoch absolut keine einheitliche

Meinung. Der Einfluss anderer Wissenschaftsbereiche wie Theologie und Philosophie und die

Tatsache, dass im 18. Jahrhundert die Kombination von antiker Säfte-Lehre (Humoralpathologie)

und moderneren medizinischen Erkenntnissen populär war, begünstigte eine Spaltung der

Medizin in verschiedene Lager. Geyer-Kordesch spricht verallgemeinernd von einer Gruppe, die

eine ,,als ,aufklärend` empfundene, empirisch-naturwissenschaftliche Methodik" favorisierte und

von einer anderen Gruppe, die anknüpfend an ältere Traditionen ,,medizinisches Wissen im

breiten Spektrum makrokosmischer Deutungen veranker[te]" (Geyer-Kordesch 1989, 256). Doch

müssen die medizinischen Parteien, die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts einen großen

theoretischen Disput untereinander austrugen und damit eine entscheidende Rolle bei der

Entwicklung neuer Konzeptionen gespielt haben, noch genauer spezifiziert werden: Es handelt

sich um die so genannten Mechanisten und die Animisten.

5


Die Unstimmigkeiten der Ärzte in Bezug auf Selbstverständnis und Methodik sowie die

Leichtfertigkeit der Fakultäten bei der Verleihung der Doktorwürde (vgl. Haeser, 493) boten der

Entstehung und Ausweitung eines gewissen Scharlatanentums reichlich Nährboden, so dass ,,[i]n

allen Ländern und Städten [...] die Pfuscherei in einem Grade [herrschte], für welchen selbst

unsere, in diesem Fach so fruchtbare, Zeit kaum einen Maßstab hat" (Haeser, 495).

Krankheiten ,,konnten entsprechend dem damaligen Kenntnisstand nicht ursächlich behandelt

werden; sondern es wurden projizierte Entgleisungen der Säfte [...] diagnostiziert und aus der

Sicht des jeweiligen Theoriengebäudes eine Arzneimitteltherapie aus den spezifischen

Vorstellungen über Physiologie und Pathologie abgeleitet" (Schwaiberger, 67).

Neben diesem aus unterschiedlichen Konzeptionen hervorgehenden weitgespannten

therapeutischen Spektrum beschwor das Selbstverständnis der Aufklärung eine durchgängige

Skepsis gegenüber dem Fortschrittsglauben und Wissenschaftspathos herauf. Die Reaktion der

Patienten auf die Mediziner und ihre Kunst schwankte daher nicht selten zwischen Extremen.

Im Zedlerschen Universallexikon von 1732 sind die praktischen wie auch die moralischen

Pflichten, die ein Arzt idealerweise in seiner Person vereinigen sollte, aufgeführt. Bezüglich der

Ausübung seines Berufs wird von ihm verlangt, dass er ,,als ein frommer, weiser und

verständiger Mann auch aus hertzlicher Liebe und Erbarmen dem, so wohl reichen als armen,

krancken Nächsten die verlohrne Gesundheit umsonst, und ohne alle andere weltliche Absichten,

auch bey dem größten Undanke, aufs bereitwilligste, vorsichtigste und kräfftigste [...]

offenhertzig herzustellen" (Zedler Bd. 2, 1747) gewillt sein müsse.

Wie diese Passage schon andeutet, wurde ein redliches und nützliches Wesen für die Ausübung

des ärztlichen Berufes als Grundvoraussetzung angesehen. Dass solcherlei Tugenden jedoch

keine Selbstverständlichkeit waren, wird deutlich, wenn sich der Verfasser des Artikels darauf

hinzuweisen gezwungen sieht, dass ein wahrer Arzt ,,allen Geitz, Geilheit und Unzucht, Sauff-

und Gesellschafts- Liebe, Verwegenheit, Boßheit und Betrug meidet" (Zedler, Bd. 2 1748). Dass

tatsächlich nicht wenige Ärzte einen teilweise katastrophalen Ruf gehabt haben mussten, wird

erst mit folgendem Absatz evident: ,,Wiewohl die meisten Medici gemeiniglich [...] die Geld-

Begierde, Ehr-Sucht und Wolleben ihre Haupt-Absicht seyn [lassen], welche zu erhalten, sie

vornehmlich [...] viele und reiche Praxin ambiren, und solcher insgeheim mit tausend Künsten,

mit Betrug und List, ja mit heimlichen Würgen und Umbringen, ohne Gewissen eifrig nachjagen,

und wer hierinne nur zum Meister worden, der darff an zeitiger viel Patienterey und hieraus

entspringenden übrigen Vortheilen nicht zweiffeln" (Zedler Bd. 2, 1748).

Auch in der Literatur bleibt das Bild der Medizin und des Mediziners ,,von diesen kritischen und

warnenden Stimmen nicht unberührt" (Engelhardt, 176) ­ und zwar europaweit.

6


In Voltaires (1694-1778) ,,Candide" (1759) etwa werden Arztfiguren entworfen, die lediglich aus

Geldgier und ohne dass sie dazu aufgefordert wurden, ihre Dienste anbieten. Dementsprechend

schädlich wirkt sich eine derart motivierte Behandlung auf den Patienten aus. An einer Stelle

heißt es: ,,Indessen wurde Candide vor lauter Tränklein und Aderlässen ernstlich

krank" (Voltaire, 246).

Henry Fielding thematisiert ein ähnliches Problem in seinem bekanntesten Roman ,,The History

of Tom Jones, a Foundling" (1749). Hier wird verdeutlicht, dass sich die Interaktion zwischen

Arzt und Patient derart verkehren kann, dass sie nicht mehr erkennen lässt, ob der Patient schon

vor der Begegnung mit dem Arzt krank war oder ob dieser mit seiner ,,Therapie" die Krankheit

erst hervorbrachte: ,,Ob nun zuerst die Dame ihren Ärzten Glauben gemacht hatte, daß sie krank

sei, oder diese nun ihrerseits sie überredeten, sich krank zu glauben, will ich nicht

entscheiden" (Fielding, 46).

Es wird noch genauer zu thematisieren sein, inwiefern auch in Mylius′ Lustspiel die Figuren der

Doktoren keineswegs als Verfechter der Vernunft oder Rationalität angelegt sind, und sich darin

sogar alle der in den eben genannten Beispielen reflektierten Missstände wiederfinden.

Aus der Retrospektive bietet sich dem Betrachter ein ambivalentes Bild der Medizin zur Zeit der

Aufklärung: Einerseits kann festgehalten werden, dass ,,die Ärzte als äußerst aktive Teilgruppe

innerhalb der Aufklärungsbewegung" (Pott, 338) wirkten, sodass deren Leistungen für den

Fortschritt nicht in Frage gestellt werden können, dass es jedoch andererseits eine bedenkliche

Anzahl von Quacksalbern gegeben haben muss, die der Medizin einen äußerst zweifelhaften Ruf

einbrachten.

3. Medizinische Konzepte zu Mylius′ Zeit

3.1 Die mechanistische Arzneigelehrtheit

Diejenigen, die Medizin im 18. Jahrhundert im Sinne eines mechanistischen Denkmodells

begriffen, schrieben dem menschlichen Körper im wesentlichen eine übergeordnete Passivität zu.

Sowohl in Beschaffenheit wie auch Funktionsweise wurden Parallelen gezogen zu einem

maschinenartigen, von Gott konstruierten, Mechanismus, dessen inneren Vorgängen

unintelligente ,,hydraulische[...], hydrostatische[...] und andere[...] physikalische[...]

Gesetzmäßigkeiten" (Kaiser, 13) zugrunde liegen.

Neben der medizinischen Theorie einer physikalischen Dynamik (Iatrophysik) existierte auch

eine chemische (Iatrochemie), die sich allerdings nicht besonders lange behaupten konnte.

Vertreter dieser Richtung gingen davon aus, dass Lebensprozesse in Analogie zu den in Laboren

7



Comments

No comments yet

Add Comment
Your comment is reviewed before being published

Other users also were interested in the following titles:

Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit

Author: Claudia Nickel
Presentations, Models, Tutorials, Instructions, 2006 Download as PDF-file for 4,99 EUR

Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens

Author: Maik Philipp
Presentations, Models, Tutorials, Instructions, 2004 Download as PDF-file for 5,99 EUR

This text can be quoted and accessed from this url:

http://www.grin.com/e-book/126582/verachte-alle-unvernuenftigen-aerzte-und-verehre-die-vernuenftigen
please wait Please wait