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Subtitle: Die Fallbeispiele Feddersen Wierde und Flögeln
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 37 Pages
Author: Christina Michel
Subject: Archaeology
Details
Institution/College: Free University of Berlin (Institut für Prähistorische Archäologie)
Year: 2008
Pages: 37
Grade: 1,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-32484-2
ISBN (Book): 978-3-640-32645-7
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Abstract
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich im Rahmen des Hauptseminars „Ausgewählte Themen der Wirtschaftsarchäologie“ mit der Landwirtschaft der römischen Kaiserzeit im norddeutschen Küstengebiet. Exemplarisch sollen dazu die Wurtensiedlung Feddersen Wierde im Vergleich zu der auf einer Geestinsel liegenden zeitgleichen Siedlung Flögeln betrachtet werden, wobei der Schwerpunkt der Betrachtung entsprechend des Referatsthemas auf der Feddersen Wierde liegt. Ausgangspunkt der Betrachtung ist dabei eine Beurteilung des Naturraums. Beide Siedlungen liegen potentiell in einem Ungunstraum, der aufgrund vielfältiger litoraler und klimatischer Prozesse ständigen Veränderungen unterworfen war und noch ist, auf die der Mensch flexibel und mit einer hohen Anpassungsfähigkeit reagieren muss. Entsprechend soll nicht nur der Ackerbau und die Viehzucht im Zentrum der Untersuchung stehen, sondern auch weitere Wirtschaftsformen wie Handwerk und Handel und der Anteil von Jagd und Fischfang betrachtet werden, die für beide Siedlungen angenommen und als nicht komplementär betrachtet werden können.
Excerpt (computer-generated)
Freie Universität Berlin
Seminar für Prähistorische Archäologie
Hauptseminar: Ausgewählte Themen der Wirtschaftsarchäologie
Sommersemester 2008
Die Landwirtschaft der römischen Kaiserzeit im
norddeutschen Küstengebiet-
Die Fallbeispiele Feddersen Wierde und Flögeln
Eingereicht von Christina Michel
15. Dezember 2008
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsübersicht 2
Verzeichnis der Abbildungen 3
Verzeichnis der Tabellen 3
I Einleitung
1.1.
Problemstellung und Themenabgrenzung 4
1.2. Forschungsgeschichte
und
Quellenlage 4
II Hauptteil
2.1.
Landwirtschaft auf der Marsch: Das Fallbeispiel Feddersen Wierde 7
2.1.1. Siedlungsentwicklung 8
2.1.2. Wirtschaftliche Grundlagen der Feddersen Wierde 12
2.1.2.1. Viehzucht 12
2.1.2.2. Ackerbau 15
2.1.2.3.
Jagd und Fischfang 19
2.1.2.4.
Handwerk und Handel 20
2.2.
Landwirtschaft auf der Geest: Das Fallbeispiel Flögeln 22
2.2.1. Siedlungsentwicklung 24
2.2.2. Wirtschaftliche Grundlagen in Flögeln 25
2.2.2.1. Viehzucht 25
2.2.2.2. Ackerbau 26
2.2.2.3.
Jagd und Fischfang 30
2.2.2.4.
Handwerk und Handel 30
III
Resumé
32
IV Literaturverzeichnis
33
Verzeichnis der Abbildungen
2
Abb. 1:
Besiedlung der Seemarsch in der Römischen Kaiserzeit 8
Abb. 2:
Schematischer Vertikalschnitt durch eine prähistorische Dorfwurt 9
Abb. 3:
Schematische Darstellung der Ausbauperioden der Feddersen Wierde 10
Abb. 4:
a) Die Verbreitung von Pflugfurchen und Gräben auf dem gewachsenen
Boden der Flachsiedlung der Römischen Kaiserzeit auf der Feddersen
Wierde 16
b)
Ackergerät 16
Abb. 5:
Mengenmäßige Anteile der aller gefundenen Kultur- und Nutzpflanzen in den
Mistschichten der Wurt 18
Abb. 6:
Besiedlung der Geestinsel Flögeln in der Römischen Kaiserzeit und im
Mittelalter 23
Abb. 7:
Gesamttabelle verkohlter Pflanzenreste von Flögeln- Eekhöltjen, 1.- 5./6.
Jahrhundert n. Chr 27
Abb. 8:
Flögeln- Haselhörn, Wallsysteme der eisenzeitlichen Ackerflur nach
Feinnivellement, Aufmessung und Luftaufnahme 29
Verzeichnis der Tabellen
Tabelle 1:
Herleitung des Rinderbestandes anhand von Viehboxen in den einzelnen
Siedlungsphasen- und horizonten 13
3
I Einleitung
1.1.
Problemstellung und Themenabgrenzung
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich im Rahmen des Hauptseminars ,,Ausgewählte
Themen der Wirtschaftsarchäologie" mit der Landwirtschaft der römischen Kaiserzeit im
norddeutschen Küstengebiet. Exemplarisch sollen dazu die Wurtensiedlung Feddersen
Wierde im Vergleich zu der auf einer Geestinsel liegenden zeitgleichen Siedlung Flögeln
betrachtet werden, wobei der Schwerpunkt der Betrachtung entsprechend des
Referatsthemas auf der Feddersen Wierde liegt. Ausgangspunkt der Betrachtung ist dabei
eine Beurteilung des Naturraums. Beide Siedlungen liegen potentiell in einem Ungunstraum,
der aufgrund vielfältiger litoraler und klimatischer Prozesse ständigen Veränderungen
unterworfen war und noch ist, auf die der Mensch flexibel und mit einer hohen
Anpassungsfähigkeit reagieren muss. Entsprechend soll nicht nur der Ackerbau und die
Viehzucht im Zentrum der Untersuchung stehen, sondern auch weitere Wirtschaftsformen
wie Handwerk und Handel und der Anteil von Jagd und Fischfang betrachtet werden, die für
beide Siedlungen angenommen und als nicht komplementär betrachtet werden können.
1.2.
Forschungsgeschichte und Quellenlage
Beide hier behandelten Siedlungen weisen starke Parallelen in der Forschungsgeschichte
auf. Die Feddersen Wierde wurde zwischen 1955 bis 1963 durch das Niedersächsische
Institut für Historische Küstenforschung in Wilhelmshaven1 mit Förderung der Deutschen
Forschungsgemeinschaft (nachfolgend DFG genannt) durch W. HAARNAGEL umfassend
untersucht. Durch die Zusammenarbeit von Archäologen, Botanikern und Wissenschaftlern
weiterer Naturwissenschaften und Arbeitsgebiete konnten umfangreiche Untersuchungen
einer Siedlung des Nordseeküstengebietes im Wechselspiel mit einem dynamischen
Naturraum gemacht werden.
Die Siedlungskammer Flögeln wurde im Rahmen des DFG- geförderten Projektes ,,Die
Entwicklungsgeschichte einer Siedlungskammer im Elbe- Weser- Dreieck seit dem
Neolithikum (mit besonderer Berücksichtigung der Wirtschaftsformen, in Verbindung mit der
Landschafts- und Siedlungsgeschichte) von 1971 bis 1985, ebenfalls vom
Niedersächsischen Institut für historische Küstenforschung, wissenschaftlich untersucht. Bei
den von P. SCHMID und W.H. ZIMMERMANN durchgeführten Ausgrabungen wurden
insgesamt 11 Hektar Fläche aufgedeckt, überwiegend an dem besonders ergiebigen Platz
im Eekhöltjen.
1 Zur Entwicklung der Marschen- und Wurtenforschung ausführlich KOSSACK 1984:10f.
4
Ab 1969 wurden die Untersuchungen an der Feddersen Wierde und in Flögeln sowie
weiteren Fundstellen in dem DFG- Schwerpunktprogramm ,,Vor- und frühgeschichtliche
Besiedlung des Nordseeraumes" unter einheitlicher Themenstellung fortgeführt.
Den umfangreichen Forschungen entsprechend, gestaltet sich die Quellenlage zu beiden
Siedlungen mehr als umfangreich. Als einführendes Standardwerk kann die von der
Deutschen Forschungsgemeinschaft 1984 veröffentlichte zweibändige Publikation
,,Archäologische und naturwissenschaftliche Untersuchungen an ländlichen und
frühstädtischen Siedlungen im deutschen Küstengebiet vom 5. Jahrhundert v. Chr. bis zum
11. Jahrhundert n. Chr. " gelten, wobei Band 1, der sich den ländlichen Siedlungen widmet,
für das Thema eher von Relevanz ist2. Einen breiten geographischen Raum umfassend,
wird in den Bänden Bezug genommen auf die Geschichte der Umwelt im Küstenbereich und
anthropogene Einflüsse, auf Siedlungen und Kulturverhältnisse zwischen der vorrömischen
Eisenzeit und dem Frühmittelalter. Hilfreich für diese Arbeit ist der direkte Vergleich zwischen
den Siedlungsstrukturen auf der Marsch und auf der Geest.
Eine überblicksmäßige Zusammenstellung zur Entwicklung der Landwirtschaft in der Ur- und
Frühgeschichte wurde erstmals 1969 von H. JANKUHN vorgelegt. Seine auf
archäologischen Ergebnissen aufgebaute Argrargeschichte behandelt nicht nur die
Landwirtschaft, auch Gewerbe, Handwerk und Handel wird viel Platz eingeräumt. Eine
aktualisierte Abhandlung zur deutschen Agrargeschichte wurde 1978 von JANSSEN und
ENNEN publiziert, wobei auch den damals neuen Forschungsergebnissen im norddeutschen
Küstengebiet Rechenschaft getragen wurde. Zur Landwirtschaft im Freien Germanien
können auch schriftliche Überlieferungen römischer Autoren herangezogen werden. Vor
allem TACITUS kommt dabei Bedeutung zu, der in seiner
,,Germania"
unter anderem die
Sitten und Gebräuche der Germanen, auch die Landwirtschaft betreffend, beschreibt. So
finden sich in Kapitel 26, das sich übergeordnet mit der Feldwirtschaft beschäftigt, recht
allgemein gehaltene Angaben zu Fluraufteilung, Ackerbestellung etc., wenngleich die
Glaubwürdigkeit seiner und anderer römischer Autoren3 Beschreibungen ,,barbarischer
Völker" kontrovers diskutiert wurde4.
Als weiteres Standardwerk kann die Publikation ,,Untersuchungen zur eisenzeitlichen und
frühmittelalterlichen Flur in Mitteleuropa und ihrer Nutzung" gelten, das 1979 unter der
Herausgeberschaft von Heinrich BECK, Dietrich DENECKE und Herbert JANKUHN
2 Da das Werk als Kompendium unter Mitwirkung zahlreicher Autoren entstand, wird auf ein Zitieren
der Autoren einzelner Artikel (sofern erkennbar gekennzeichnet) verzichtet, um den Rahmen des
Literaturverzeichnisses nicht zu sprengen. Stattdessen wird die Herausgeberschaft als ,,KOSSACK
et.al." zitiert.
3 dabei vor allem CAESAR, der sich im
Bellum Gallicum
im Sueben- Exkurs des 4. und im
germanischen Exkurs des 6. Buches zur Agrarwirtschaft äußert
4 vgl. TIMPE 1979:11f., sowie JANKUHN 1966: 411f.
5
erschien. Neben Untersuchungen zur Terminologie und Systematik von Fluren wird auch auf
Anbaufrüchte und Agrartechnik eingegangen.
Die Grabungsergebnisse sowie die Untersuchungen zur Geobotanik und zu einzelnen
Themenfeldern der Feddersen Wierde selbst liegen in umfangreichen Monographien vor.
Bereits 1967 erschien der von KÖRBER- GROHNE verfasste erste Band zu den
Geobotanischen Untersuchungen der Feddersen Wierde, 1979 folgte der von HAARNAGEL
herausgegebene zweite Band, der sich mit den Grabungsmethoden auf der Feddersen
Wierde befasste, sowie Ergebnisse zu Hausbau, Siedlungs- und Wirtschaftsformen und der
Sozialstruktur darstellte. Ein dritter Band, der die Ergebnisse vielfältiger
Einzeluntersuchungen wie z.B. zu Wagen-, Textil- und Lederfunden von HAYEN,
ULLEMAYER, TIDOW und RUTTNER enthielt, wurde 1981 publiziert. Das für lange Zeit
letzte Werk, eine Monographie zur Fauna des Germanischen Dorfes Feddersen Wierde,
legte REICHSTEIN 1991 vor. 2001 schließlich veröffentlichten SCHUSTER und DE RIJK in
der Reihe ,,Probleme der Küstenforschung im südlichen Nordseegebiet" ihre
Untersuchungen zur Organisation der Metallverarbeitung auf der Feddersen Wierde. Auf der
Grundlage dieser Arbeit erschien 2006 als Band 6 der Schriftenreihe die Monographie zu
Chronologie, Chorologie und Technologie der Buntmetallfunde der Feddersen Wierde von
SCHUSTER. Im gleichen Jahr hatte SCHMID bereits die vorerst letzte Publikation zu den
Keramikfunden des 1. vorchristlichen bis 5. nachchristlichen Jahrhunderts vorgelegt.
Die Ergebnisse der Untersuchungen von Flögeln liegen überwiegend kleinteilig bzw.
thematisch einzeln publiziert in der Reihe ,,Probleme der Küstenforschung im südlichen
Nordseegebiet" vor. Neben der Geschichte der Siedlungsentwicklung von Flögeln lag ein
weiterer Fokus der Untersuchungen vor allem in der bodenkundlichen Geländeuntersuchung
und der Herleitung der prähistorischen Ackerfluren mittels Phosphatkartierungen. Eine
zusammenfassende Darstellung der Grabungsergebnisse wie für die Feddersen Wierde liegt
nicht vor.
II Hauptteil
Archäologische Hinterlassenschaften wie die Größe und Konstruktion der Häuser und
Gehöfte, der vorgefundene Gerätebestand, der Tierknochen und pflanzlichen Überreste,
sowie Pflugspuren, die auf die Technik der Bodenbearbeitung hinweisen, lassen
Rückschlüsse auf das wirtschaftliche Leben und die sozialen Verhältnisse, manchmal auch
auf den technologischen Stand in Siedlungen zu. Kleinfunde können zudem Hinweise auf
eine berufliche Differenzierung und Spezialisierung innerhalb einer ländlichen Ansiedlung5
geben. Vergleiche mit anderen zeitgleichen Siedlungen lassen Rückschlüsse über die
5 JANSSEN 1979: 3
6
Stellung der bäuerlichen Siedlung im Rahmen der Gesamtgesellschaft zu, ebenso wie
mögliche Handelsbeziehungen. Mittlerweile lassen sich auch durch vielfältige neue
Untersuchungsmethoden wie z.B. durch Luftbilder oder Phosphatuntersuchungen
prähistorische Flurformen nachweisen. Allerdings kann dies nur eine erhaltungsbedingte
Ausschnitthaftigkeit darstellen. Offenbleiben müssen auch, wie JANKUHN schon konsterniert
feststellte, Antworten auf Fragen des ,,Wirtschaftsstils", des ,,wirtschaftlichen Denkens", nach
Löhnen, Preisen und Betriebsformen sowie ,,das Verhältnis der wirtschaftenden Menschen
zueinander"6.
Für die Siedlung Feddersen Wierde liegen aufgrund der guten Erhaltungsbedingungen
organischer Überreste durch feuchte, permanent wasserdurchtränkte oder wiederholt
überflutete Wohnplätze des Marschengebietes hervorragende Forschungsbedingungen vor,
wenngleich eine Übertragung der dortigen Verhältnisse auf andere Landschaften aufgrund
der teilweise extremen Naturbedingungen des Küstengebietes nicht möglich ist7.
2.1.
Landwirtschaft auf der Marsch: Das Fallbeispiel Feddersen Wierde
Seit der letzten Eiszeit waren die Weltmeere erheblichen Niveauschwankungen unterworfen.
Überflutungsphasen, sogenannte Transgressionen, wurden von Rückzugsphasen, sog.
Regressionen unterbrochen. Die Gestaltung und Entwicklung einer Küstenlinie war
infolgedessen sehr dynamisch und veränderte die Größe und Gestalt des Siedlungsraumes
kontinuierlich. In den Phasen des Meeresspiegelanstieges wurden nicht nur altes Festland
überflutet, sondern auch wertvoller, fruchtbarer Boden8 unterschiedlicher Mächtigkeiten
abgelagert. Diesen naturräumlichen Gegebenheiten mussten sich die Bewohner in der
Marsch, einem Gebiet, das im Verlauf des Holozäns bis zu einer Mächtigkeit von 12 Metern
aufgeschüttet wurde9, permanent anpassen, um dort über einen längeren Zeitraum hinweg
siedeln und wirtschaften zu können. Ausdruck dieser Anpassungen sind z. B. die
Erhöhungen von Wohnplätzen, der sogenannte Wurtenbau10, der in Nordniedersachsen vor
etwa 2000 Jahren einsetzte. Auf der Wurt Feddersen Wierde, in der Seemarsch nördlich von
Bremerhaven, im Elbe- Weser- Dreieck im Land Wursten, gelegen (Abb.1), konnten
zwischen 1955 und 1963 durch umfangreiche Grabungen, Bohrungen11, sowie botanischen
und zoologischen Untersuchungen wichtige Erkenntnisse unter anderem zur Siedlungs- und
Landschaftsentwicklung und zur Wirtschaftsweise gewonnen werden.
6 vgl. Vorwort, JANKUHN 1969:10
7 JANSSEN 1979:91
8 vorwiegend aus Fein- und Schluffsanden und Tonen bestehend und angereichert mit organischem
Material, vgl. HAARNAGEL 1979b:1
9 Angabe nach HAARNAGEL 1979b:1
10 ausführlich zum Wurtenbau im Nordseeküstengebiet ders. 1979b:48f.
11 vgl. zur Auswertung der Bohrkerne ders 1979b:23f.
7
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