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Der mittelniederdeutsch-skandinavische Sprachkontakt zur Hansezeit (1300-1550)

Hauptseminararbeit, 2005, 25 Seiten
Autor: Thorsten Schülke
Fach: Skandinavistik

Details

Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2005
Seiten: 25
Note: "-"
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V126730
ISBN (E-Book): 978-3-640-41390-4
ISBN (Buch): 978-3-640-41163-4

Zusammenfassung / Abstract

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem mittelniederdeutschskandinavischen Sprachkontakt im Spätmittelalter sowie den daraus resultierenden Folgen für die Entwicklung der skandinavischen Sprachen, die in der heutigen sprachwissenschaftlichen Forschung allgemein als umfassend betrachtet werden. Nach Ansicht des norwegischen Sprachhistorikers Olav BRATTEGARD war der Einfluß des Mnd. auf die skandinavischen Sprachen sogar so stark, „dass ein Skandinave heute wohl kaum einen Satz sagen kann, ohne ein niederdeutsches Wort zu verwenden“1. Selbst für den Fall, daß diese Aussage BRATTEGARDs eine Übertreibung darstellen sollte, läßt sich daran doch das offenbar erhebliche Ausmaß des nd. Einflusses auf das Dänische, Schwedische und Norwegische ablesen. Das Ziel dieser Arbeit besteht darin, einen Überblick über die neueren Forschungserkenntnisse zu Art und Umfang des mnd.-skand. Sprachkontaktes zu geben, wozu auch die Vergegenwärtigung seiner äußeren Umstände gehört. Am Ende soll es auf dieser Basis möglich sein zu beurteilen, ob bzw. inwieweit die Einschätzung BRATTEGARDs als gerechtfertigt betrachtet werden kann. [...]


Textauszug (computergeneriert)

Der mittelniederdeutsch-skandinavische

Sprachkontakt zur Hansezeit (1300-1550)

Hausarbeit von Thorsten Schülke

im Seminar 2

Sprachkontakt und Mehrsprachigkeit in Skandinavien

Universität Hamburg

Wintersemester 2004/05


Inhaltsverzeichnis

Einleitung 3

1) Sprachliche, kulturelle und gesellschaftliche Bedingungen des mittelniederdeutsch-

skandinavischen Kontaktes 7

1.1) Die wirtschaftliche Expansion der Hanse nach Skandinavien 7

1.2 ) Die Sprache der Hansekaufleute 8

1.3) Zu den sprachlichen Verhältnissen in Skandinavien 9

1.4) Vier mittelalterliche Phasen des deutsch-skand. Kontaktes 10

2) Die Kommunikation zwischen Skandinaviern und Deutschen zur Hansezeit 12

2.1) Voraussetzungen und Bedingungen 12

2.2) Semikommunikation 14

2.3) Verständigungsstrategien 15

3) Zum Ausmaß der mnd. Beeinflussung der skand. Sprachen 17

Schlussbemerkungen 19

Literaturverzeichnis 21

2


Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem mittelniederdeutsch-

skandinavischen Sprachkontakt im Spätmittelalter sowie den daraus

resultierenden Folgen für die Entwicklung der skandinavischen Sprachen,

die in der heutigen sprachwissenschaftlichen Forschung allgemein als

umfassend betrachtet werden. Nach Ansicht des norwegischen

Sprachhistorikers Olav BRATTEGARD war der Einfluß des Mnd. auf die

skandinavischen Sprachen sogar so stark, ,,dass ein Skandinave heute

wohl kaum einen Satz sagen kann, ohne ein niederdeutsches Wort zu

verwenden"1. Selbst für den Fall, daß diese Aussage BRATTEGARDs

eine Übertreibung darstellen sollte, läßt sich daran doch das offenbar

erhebliche Ausmaß des nd. Einflusses auf das Dänische, Schwedische

und Norwegische ablesen.

Das Ziel dieser Arbeit besteht darin, einen Überblick über die neueren

Forschungserkenntnisse zu Art und Umfang des mnd.-skand.

Sprachkontaktes zu geben, wozu auch die Vergegenwärtigung seiner

äußeren Umstände gehört. Am Ende soll es auf dieser Basis möglich sein

zu beurteilen, ob bzw. inwieweit die Einschätzung BRATTEGARDs als

gerechtfertigt betrachtet werden kann.

Die zu diesem Thema etwa seit Ende des 19. Jahrhunderts2 intensiv

betriebene sprachwissenschaftliche Forschung hat zu einer Fülle von

Publikationen geführt. Da es nicht Ziel dieser Hausarbeit ist und auch

ihren Rahmen sprengen würde, sie hier in ihrer Gänze vorzustellen, will

ich mich jedoch auf die Betrachtung der jüngeren und jüngsten

Forschungsprojekte und der entsprechenden Literatur beschränken. Die

im folgenden genannten Werke bilden auch die Grundlage des inhaltlichen

Schwerpunktes dieser Arbeit, für die zwangsläufig eine gewisse

Materialselektion durchgeführt werden musste. Was Untersuchungen

älteren Datums angeht, so sei beispielsweise auf die entsprechenden

1 BRATTEGARD, Olav: Niederdeutsch und Norwegisch am hansischen Kontor zu Bergen, In:

NdJb. 86, S. 7-16 (S. 10)

2 Eines der ersten Werke zum Thema lieferte TEGNÉR, Esaias: Tyska inflytelser på svenskan.

Arkiv for nordisk filologi 5, S. 155-166 und 303-344, Lund 1889.

3


Übersichtsdarstellungen von ROSENTHAL (1987) und PEDERSEN (1998)

verwiesen.

Den Beginn der jüngsten Phase der Erforschung des deutsch-

skandinavischen Sprachkontaktes markierte Mitte der 1980er Jahre das

erste Symposion

Niederdeutsch in Skandinavien

, dessen Akten 1987

veröffentlicht wurden. Bis zum heutigen Tage folgten in dieser Reihe vier

zusätzliche Publikationen in Anlehnung an die jeweiligen weiteren

Symposien, die aktuellste davon stammt aus dem Jahre 20053. Aus dieser

Reihe widmet sich insbesondere der zweite Band dem niederdeutschen

Einfluss auf die skandinavischen Sprachen, welchen das dazugehörigge

Symposion zum Diskussionsthema hatte. Hier werden verschiedene

Aufsätze präsentiert zu den übergeordneten Themen der sprachlichen

Verwandschaft zwischen Niederdeutsch und den skandinavischen

Sprachen, der Expansion des Niederdeutschen in Skandinavien sowie des

nd. Einflusses auf die dortigen geschriebenen und gesprochenen

Sprachen. Zu weiteren Spezialthemen beinhalten auch Band vier und fünf

der Reihe einige relevante Aufsätze. Hauptherausgeber von

Niederdeutsch in Skandinavien

ist Kurt Erich SCHÖNDORF.

In den 1990er Jahren folgte das Hamburger Forschungsprojekt

Das

Mittelniederdeutsche und seine Rolle beim typologischen und

lexikalischen Umbau der altskandinavischen Sprachen

unter Leitung von

Kurt BRAUNMÜLLER, dessen Ergebnisse unter dem Titel

Niederdeutsch

und die skandinavischen Sprachen

in zwei Bänden dokumentiert wurden

(1993 und 1995). Forschungsgegenstand des Projektes waren

korpusbezogene Textanalysen zur lexikalischen und strukturellen

Entlehnung aus dem Mittelniederdeutschen in die skandinavischen

Sprachen, insbesondere ins Dänische und Schwedische. Hervorzuheben

sind hierbei vor allem die Erkenntnisse zur Semikommunikation im

Skandinavien der Hansezeit und zur Intensität des mnd-skand. Kontaktes

sowie die computergestützten Untersuchungen zum Wortschatz und zu

historischem Sprachverstehen.

Hinsichtlich der Beeinflussung des Dänischen durch das

Mittelniederdeutsche haben in jüngerer Vergangenheit auch

3 Die vollständigen bibliographischen Angaben finden sich im Literaturverzeichnis.

4


CHRISTENSEN und WINGE einige Arbeiten vorgelegt. Während letztere

eher Übersichtsdarstellungen liefert, hat erstere verschiedene

quellenbasierte Analysen angestellt zur Verwendung niederdeutscher

Lehnwörter in dänischen Urkunden und Briefen. Bezüglich des

Schwedischen liegt aus jüngerer Zeit eine Vielzahl von Aufsätzen vor, so

u.a. die von BRAUNMÜLLER/DIERKS, ZEEVAERT, ELMEVIK,

ROSENTHAL und KORLÉN4.

Insbesondere JAHR, SCHÖNDORF und

SIEMENSEN befassen sich mit dem niederdeutsch-norwegischen

Kontakt, wobei erstgenannter im Rahmen des Forschungsprogrammes

Norden und Europa (

Forskningsprogrammet Norden og Europa

) mehrere

Titel herausgegeben hat5. Zudem fungierte JAHR als Herausgeber einer

skandinavischen Übersetzung einiger Aufsätze des oben genannten

Hamburger Projektes6. Letztlich sei noch die Arbeit von Agnete NESSE

erwähnt, die eine Untersuchung des niederdeutschen Einflusses auf den

Dialekt Bergens vorgenommen und deren Resultate im Jahre 2002

veröffentlicht hat.

Was die Inhalte betrifft, so hat seit den 1990er Jahren eine Verschiebung

des Interesses stattgefunden. Ging es in der älteren Forschung meist um

das Erstellen von Wortlisten und Übersichten z.B. zu niederdeutschen

Lehnwörtern in den verschiedenen skandinavischen Sprachen, so hat

insbesondere das Projekt

Niederdeutsch und die skandinavischen

Sprachen

vornehmlich Wert auf die theoretische Fundierung der

Erkenntnisse gelegt sowie auf die Klärung der Frage nach der Art und

Weise des Srachkontaktes. Deshalb ging den dort vorgenommenen

Untersuchungen eine umfangreiche Bildung von Hypothesen voraus, die

dann größtenteils verifiziert werden konnten.7

4 Die entsprechenden Titel finden sich mit folgender Ausnahme im Literaturverzeichnis: Elmevik,

Lennart: Über den niederdeutschen Einfluss auf das Schwedische unter besonderer

Berücksichtigung der Dialekte, In: Niederdeutsch in Skandinavien ­ Akten des 1. nordischen

Symposions ,Niederdeutsch in Skandinavien′ in Oslo, 27.2. ­ 1.3. 1985, unter Mitwirkung von

Karl Hyldgaard-Jensen hrsg. von Kurt Erich Schöndorf und Kai-Erik Westergaard (Beihefte zur

Zeitschrift für Deutsche Philologie 4), S. 14-24, Berlin 1987.

5 Siehe Literaturverzeichnis.

6 JAHR, Ernst Håkon: Nordisk und nedertysk. Språkkontakt og språkutvikling i

seinmellomalderen, Oslo 1995. Das Werk enthält zudem einen zusätzlichen Artikel von

SIMENSEN.

7 Zur Hypothesenbildung siehe z.B. DIERKS/BRAUNMÜLLER, Entwicklung des nd.-skand.

Sprachkontaktes, S. 10-29.

5


Zur Quellenlage ist zu sagen, dass naturgemäß ein Rückgriff auf

gesprochene Sprache nicht möglich ist. Herangezogen werden müssen

somit die in relativ begrenzter Zahl überlieferten mittelalterlichen

Schriftdokumente wie Urkunden, Briefe, Privilegien Übersetzungen u.ä.

Bei der wissenschaftlichen Untersuchung dieser Dokumente sind stets in

besonderer Weise deren Tauglichkeit sowie die Beschränktheit der

Deutungsmöglichkeiten zu beachten. Zunächst besteht ein grundsätzlicher

Unterschied zwischen gesprochener und schriftlicher Sprache, so dass

eine Übertragung von Untersuchungsergebnissen letzterer auf erstere mit

Vorsicht durchzuführen ist. CHRISTENSEN bemerkt hierzu mit Bezug auf

SKAUTRUP, dass sich noch am ehesten der Stil von privaten Briefen der

gesprochenen Sprache annähere8. Bei der Analyse von Geschäftsbriefen

u.ä. muss der häufige Einsatz professioneller Schreiber beachtet werden,

der Forschungsresultate in ungewünschter Art und Weise beeinflussen

kann. So ist es beispielsweise durchaus denkbar, daß ein schwedischer

Kaufmann für die Abfassung eines Briefes auf Niederdeutsch einen

deutschen Schreiber hinzuzog, so daß aus einem solchen Brief nicht ohne

weiteres auf Sprachkenntnisse und Sprechverhalten des Schweden

geschlossen werden kann. Außerdem sind bei der Analyse von

schriftlichen Dokumenten stets Unterschiede zu berücksichtigen bezüglich

Textgattung, Inhalt, Verfasser und Adressat. Die Sprache einer Urkunde

ist naturgemäß anders als die eines geschäftlichen oder gar privaten

Briefes. Folglich erfordern Bearbeitung, Untersuchung und Interpretation

der verschiedenartigen Quellen vielerlei methodische Überlegungen. Für

den sprachlichen Vergleich eignen sich insbesondere skand.

Übersetzungen mnd. volkssprachlicher Texte.

Bevor ich mich mit den eigentlichen linguistischen Phänomenen des mnd.-

skand. Sprachkontaktes beschäftige, möchte ich mich zunächst mit der

Darstellung seiner verschiedenartigen äußeren Bedingungen befassen. Es

soll erläutert werden, wie die sprachlichen, kulturellen und

gesellschaftlichen Voraussetzungen des Kontaktes von Deutschen und

Skandinaviern aussahen und wie dieser überhaupt zustande kam bzw.

8 Siehe CHRISTENSEN (1992) S. 37.

6



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