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Benötigen Kunden mit relativ hohem Kenntnisstand über Wertpapiere mehr oder weni... close

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Benötigen Kunden mit relativ hohem Kenntnisstand über Wertpapiere mehr oder weniger Zeit des Beraters als andere Kunden?

Untertitel: Diskussion der Herangehensweise, Durchführung und Auswertung einer empirischen Erhebung

Essay, 2009, 15 Seiten
Autor: Christian Köhler
Fach: Wirtschaft - Unternehmensforschung, Operations Research

Details

Veranstaltung: Empirische Methoden der Forschung
Institution/Hochschule: Freie Universität Berlin
Kategorie: Essay
Jahr: 2009
Seiten: 15
Note: 1,0
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V126786
ISBN (E-Book): 978-3-640-33275-5
ISBN (Buch): 978-3-640-33274-8
Anmerkungen :
Bei dieser Arbeit handelt es sich um eine Diskussion der Herangehensweise, Durchführung und Auswertung einer empirischen Erhebung zum angegebenen Thema. Insbesondere werden Untersuchungsdesigns, Erhebungsmethoden und statistische Auswertungsverfahren vorgeschlagen und auf Stärken und Schwächen untersucht.


Zusammenfassung / Abstract

Jeder kennt den Spruch: „Zeit ist Geld“. Dies dürfte für Finanzdienstleistungen im Besonderen gelten. Der Umsatzdruck ist häufig hoch - sowohl bei privaten Vermittlern als auch bei bankinternen Anlageberatern. Beratungsgespräche sollen zeitlich überschaubar sein und zum „Abschluss“ führen. Der Gesetzgeber stellt indes präzisierende Anforderungen an das Beratungsgespräch: Der Kunde soll in die Lage versetzt werden, Risiken interessierender Finanzinstrumente zu erkennen, um so eine eigenverantwortliche Anlageentscheidung zu treffen. Dazu gehört auch die Vermittlung von Funktionsweise, Einsatzmöglichkeiten usw. interessierender Finanzinstrumente. Jedoch ist der Kundenkreis nicht homogen: So gibt es Kunden, die einen hohen Kenntnisstand über interessierende Wertpapiere haben, andere hingegen haben nur geringe oder keine Vorkenntnisse. Hier stellt sich die Frage, ob Kunden mit relativ hohem Kenntnisstand über Wertpapiere mehr oder weniger Zeit des Beraters als andere Kunden benötigen. In dieser Arbeit soll die Herangehensweise für eine empirische Untersuchung dieser Fragestellung erörtert werden. Es werden insbesondere Untersuchungsdesigns, Messmethoden sowie statistische Auswertungsverfahren vorgeschlagen und auf Stärken und Schwächen bezüglich der Fragestellung hin untersucht.


Volltext (computergeneriert)

Freie Universität Berlin

Fachbereich Wirtschaftswissenschaft

Hausarbeit

im Fach Empirische Methoden der Forschung

Wintersemester 2008/2009

Benötigen Kunden mit relativ hohem

Kenntnisstand über Wertpapiere mehr oder

weniger Zeit des Beraters als andere Kunden?

von:

(Dipl. jur.) Christian Köhler

Studienfach:

Masterstudium FACTS

Fachsemester:

1


I

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung 1

2. Vorüberlegungen 2

2.1. Präzisierung der Untersuchungsziele 2

2.2. Definition relevanter Begriffe 2

2.2.1. Kenntnisstand über Wertpapiere 2

2.2.2. Benötigter Zeitaufwand des Beraters 2

2.3. Einflussfaktoren auf die Dauer des Beratungsgespräches 3

3. Untersuchungsdesign 3

3.1. Art des Untersuchungsdesigns 3

3.2. Experimentelle Designvorschläge 4

3.2.1. Kein Pretest-Posttest-Design 4

3.2.2. Design ohne Pretest 4

4. Projektumsetzung 5

4.1. Auswahl der Probanden 5

4.1.1. Vorüberlegungen 5

4.1.2. Grobauswahl nach objektiven Bildungsstand 6

4.1.3. Feinauswahl durch Befragungen 6

4.1.3.1. Messung des Wissens 6

4.1.3.2. Messung des Könnens 7

4.1.3.3. Rückschluss auf geeignete Probanden 7

4.2. Projektdurchführung 7

4.2.1. Örtliche und zeitliche Parameter 7

4.2.2. Anforderungen an den (Test)Berater 8

4.2.3. Einwirkung auf den Kenntnisstand über Wertpapiere 8

4.2.4. Datenerhebung 8

5. Datenanalyse und Interpretation 8

6. Kritische Würdigung 9

6.1. Reliabilitätsüberlegungen 9

6.2. Validitätsüberlegungen 9

6.2.1. Interne Validität 9

6.2.2. Externe Validität - Aspekte der Generalisierbarkeit 10


II

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abb. 1: Variablen und deren Zusammenhang in dieser Fragestellung 2

Abb. 2: Einflussfaktoren auf die Gesprächsdauer 3

Abb. 3: Mögliche Beeinflussungen durch die Erstmessung 4

Abb. 4: Das gewählte Untersuchungsdesign 5

Abb. 5: Visualisierung der Probandenmerkmale 5

Abb. 6: Zusammenhänge in einer Kontingenztabelle 8


1

,,Time is Money."

- Benjamin Franklin -

1.

Einleitung

Jeder kennt den Spruch: ,,Zeit ist Geld". Dies dürfte für Finanzdienstleis-

tungen im Besonderen gelten. Der Umsatzdruck ist häufig hoch - sowohl

bei privaten Vermittlern als auch bei bankinternen Anlageberatern. Bera-

tungsgespräche sollen zeitlich überschaubar sein und zum ,,Abschluss"

führen.

Der Gesetzgeber1 stellt indes präzisierende Anforderungen an das Bera-

tungsgespräch: Der Kunde soll in die Lage versetzt werden, Risiken

interessierender Finanzinstrumente zu erkennen, um so eine eigenverant-

wortliche Anlageentscheidung zu treffen. Dazu gehört auch die Vermitt-

lung von Funktionsweise, Einsatzmöglichkeiten usw. interessierender

Finanzinstrumente.2

Jedoch ist der Kundenkreis nicht homogen: So gibt es Kunden, die einen

hohen Kenntnisstand über interessierende Wertpapiere haben, andere hin-

gegen haben nur geringe oder keine Vorkenntnisse.

Hier stellt sich die Frage, ob Kunden mit relativ hohem Kenntnisstand

über Wertpapiere mehr oder weniger Zeit des Beraters als andere Kunden

benötigen.

1 Insbesondere in §31 Abs. 4 und 5 des Wertpapierhandelsgesetzes (WpHG).

2 Lenenbach, Kapitalmarkt- und Börsenrecht, 2002, Rn. 8.13.


2

2.

Vorüberlegungen

2.1.

Präzisierung der Untersuchungsziele

Diese Fragestellung beinhaltet drei wesentliche Konstrukte: Den Kennt-

nisstand des Kunden über Wertpapiere einerseits und die Dauer des Bera-

tungsgesprächs andererseits. Dazwischen besteht ein - durch die Frage-

stellung indizierter3 - Zusammenhang:

Kenntnisstand des

Kunden über

Zusammenhang

Dauer des

Wertpapiere

Beratungsgesprächs

Abb. 1: Variablen und deren Zusammenhang in dieser Fragestellung

2.2.

Definition relevanter Begriffe

Nun soll eine kurze Kennzeichnung der relevanten Begriffe erfolgen, die

insbesondere für die Designwahl hilfreich ist.

2.2.1. Kenntnisstand über Wertpapiere

Wertpapiere sind alle Urkunden, in denen ein Recht derart verbrieft ist,

dass zur Ausübung des Rechts der Besitz an der Urkunde erforderlich

ist.4 Erfasst sind damit z.B. Aktien, Anleihen, Zertifikate, Investmentfon-

danteile usw.

Die Kenntnis erfasst hier das Wissen als im Gedächtnis gespeicherte

Informationen über ein Wertpapier. Dazu zählt sowohl abstraktes Wissen

über die Konstruktions- und Funktionsweise eines Wertpapiers5, als auch

durch Erfahrung angeeignetes Wissen.

Der Begriff des Kenntnisstandes hat zudem einen Zeitbezug, den es bei

Messungen zu beachten gilt. Sinnvollerweise bezieht sich der Kenntnis-

stand auf den Beginn des Beratungsgespräches, da in dessen Verlauf auf

die Kenntnis des Kunden eingewirkt wird.

2.2.2. Benötigter Zeitaufwand des Beraters

Der Zeitaufwand des Beraters bezieht sich auf die Dauer des Beratungs-

gesprächs. Dies ist als Zeitdifferenz zwischen Ende und Beginn technisch

zwar leicht messbar. Wann aber beginnt und endet das Beratungsge-

spräch?

Nach Clouth/Lang beginnt das Beratungsgespräch mit der kommunikati-

ven Thematisierung der Anlagemöglichkeiten des Kunden durch den

Berater (Tatsacheninformation) und münde in eine Empfehlung.6

3 Andernfalls würde die Frage ad absurdum geführt werden. [d. Verf.].

4 Creifelds, Rechtswörterbuch,1994, S. 1413.

5 Vgl. Lenenbach, Kapitalmarkt- und Börsenrecht, 2002, Rn. 8.13.

6 Vgl. Clouth/Lang, MiFID Praktikerhandbuch, 2007, Rn. 224.


3

2.3.

Einflussfaktoren auf die Dauer des Beratungsgespräches

Zuletzt sollen Einflussfaktoren auf die Dauer des Beratungsgespräches

herausgearbeitet werden:

Einfluss könnte zunächst - wie durch die Fragestellung impliziert - die

Vorkenntnis des Kunden haben. Aber auch die Fähigkeit des Kunden,

Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten, kann die Dauer beein-

flussen. Manchen Personen muss es eben mehrmals erklärt werden, bis

sie es verstanden haben.

Zudem dürften auch die kommunikativen Kompetenzen des Beraters

beeinflussend wirken. Je präziser und klarer er sich ausdrückt, umso

schneller wird der Kunde verstehen und umso kürzer dauert das

Gespräch.

Denkbar sind auch externe Ablenkungen einer der Gesprächspartner,

durch die sich das Gespräch hinzieht. (z.B. Anruf des Ehepartners, Lärm)

Dann ergibt sich folgende Übersicht:

Aufnahme-

Vorkenntnisse

fähigkeit des

des Kunden

Kunden

Dauer des

Beratungs-

gespräches

Präsentation

Externe

des Beraters

Einflüsse

Abb. 2: Einflussfaktoren auf die Gesprächsdauer

3.

Untersuchungsdesign

3.1.

Art des Untersuchungsdesigns

Nach dem Untersuchungsziel ist zunächst eine explorative Untersuchung

fernliegend, da ein Zusammenhang zwischen Vorkenntnissen des Kunden

und Beratungsgesprächsdauer schon vermutet wird. Möglicherweise ist

aber eine deskriptive Untersuchung einschlägig. Dabei würden vorhande-

nen Variablenausprägungen in der Realität gemessen und könnten darge-

stellt werden. Aufgrund der eben dargestellten Vielzahl alternativer

Erklärungsmöglichkeiten wäre ein Rückschluss auf den Zusammenhang

zwischen Vorkenntnis und Gesprächsdauer vage und nicht ,,stichhaltig".

Auf den Ausschluss alternativer Erklärungsmöglichkeiten kommt es nach

dem Untersuchungsziel jedoch gerade an. Daher erscheint es sachge-

recht, hier eine kausale Untersuchung zu verfolgen.


4

3.2.

Experimentelle Designvorschläge

Das klassische kausale Untersuchungsdesign ist das Experiment. Danach

gilt es zunächst, zwischen Grund und Effekt zu unterscheiden.7 Nach

dem Sinngehalt der Fragestellung soll die Dauer des Beratungsgesprä-

ches vom Kenntnisstand abhängen. Der Kenntnisstand des Kunden ist

damit Grund (G) und die Dauer des Beratungsgesprächs Effekt (E).

3.2.1. Kein Pretest-Posttest-Design

Beim Pretest-Posttest-Design würde die Dauer des Beratungsgespräches

anfangs gemessen. Durch die Erstmessung sind jedoch systematische

Verzerrungen der unabhängigen und der abhängigen Variable bei der

Zweitmessung möglich:

E1

G

E2

Abb. 3: Mögliche Beeinflussungen durch die Erstmessung

Durch das anfängliche Beratungsgespräch würde Kenntnis vermittelt

werden, was sich wiederum - ohne separate Intervention - auf die noch-

malige Messung der Gesprächsdauer auswirkt. (Test-Effekt8) Ist die

Information einmal vermittelt, kann sie nicht einfach wieder entfernt

werden. Daher ist ein Pretest-Posttest-Design9 hier nicht zielführend.

3.2.2. Design ohne Pretest

Mit einem experimentellen Design ohne anfängliche Messung der abhän-

gigen Variable10 könnte dieses Problem umgangen werden. Dann muss es

hier aber zwei möglichst homogene Gruppen geben: Die Versuchsgruppe

wird dem Grund ausgesetzt, die Kontrollgruppe hingegen nicht. Die Aus-

teilung der Probanden zwischen Versuchs- und Kontrollgruppe soll zufäl-

lig (randomisiert) erfolgen.

Es könnten sich jedoch die Versuchs- und Kontrollgruppe von Anfang an

zufällig unterscheiden.11 Um diese Fehlerquelle zu minimieren12, soll eine

zweite Versuchs- und Kontrollgruppe - ebenfalls randomisiert - gebildet

werden. (Paralleltest)

Da die Fragestellung ,,nur" eine Rangfolge zwischen Kunden mit hohem

und niedrigem Kenntnisstand, gemessen an der Gesprächsdauer verlangt,

soll eine Veränderung der Intensität des Grundes13 hier nicht erfolgen.

7 Vgl. Kuß, Marktforschung, 2007, S. 143.

8 Kuß, Marktforschung, 2007, S. 151.

9 Schnell/Hill/Esser, Methoden der empirischen Sozialforschung, 2008, S. 224.

10 Schnell/Hill/Esser, Methoden der empirischen Sozialforschung, 2008, S. 214.

11 Schnell/Hill/Esser, Methoden der empirischen Sozialforschung, 2008, S. 215.

12 Vgl. Kuß, Marktforschung, 2007, S. 145.

13 Dargestellt bei Kuß, Marktforschung, 2007, S. 147.


5

G

Ev1

Ek1

G

Ev2

Ek2

Abb. 4: Das gewählte Untersuchungsdesign

4.

Projektumsetzung

4.1.

Auswahl der Probanden

4.1.1. Vorüberlegungen

Bei der Manipulation des Kenntnisstandes im Projekt werden standardi-

sierte, wenig detailierte Informationen über Wertpapiere gegeben14, um

die Probanden nicht zu überlasten. Personen mit hohem Kenntnisstand

werden daraus aber nur einen geringen oder keinen Kenntniszuwachs zie-

hen. Folglich würde die Intervention auf die unabhängige Variable

Kenntnisstand unterlaufen. Daher sollten möglichst nur Personen mit

geringem Kenntnisstand als Probanden in Betracht kommen.

Zudem wurde oben15 die Fähigkeit des Kunden als Einflussfaktor auf die

Gesprächsdauer herausgearbeitet, Informationen aufzunehmen und zu

verarbeiten. Um diesen Störfaktor zu minimieren, sollten die Probanden

intellektuell homogen sein.16 Die tatsächliche Ausprägung sollte durch-

schnittlich sein.

h

oc

homogen

i

t

t

e

l

H

k
e
n
n
t
n
i
s
s
e

or
V

M

e

r

i

ng

G

Fähigkeit zur Informationsverarbeitung

(Indikator: Bildungsstand)

Abb. 5: Visualisierung der Probandenmerkmale

14 Siehe S. 8.

15 Siehe S. 3.

16 Zu den Folgen für die Generalisierbarkeit der Messungen siehe S. 10 [d. Verf.].


6

Im Folgenden soll die Fähigkeit einer Person zur Informationsverarbei-

tung als ,,Können", die Vorkenntnisse über Wertpapiere als ,,Wissen"

bezeichnet werden.

4.1.2. Grobauswahl nach objektiven Bildungsstand

Die Grobauswahl der Probanden kann nach folgenden Kriterien gesche-

hen:

·

Die Befragten sollten zwischen 18 und 60 Jahre alt sein.

Dahinter steht die Lebenserfahrung, dass sehr alte oder sehr junge

Personen tendenziell geringere Informationsverarbeitungsfähig-

keiten haben.

·

Der objektiv erkennbare Bildungsstand der Befragten sollte ver-
gleichbar sein

Dahinter steht die Lebenserfahrung, dass ein Zusammenhang zwi-

schen Bildungsstand (z.B. Abitur) und Informationverarbeitungs-

fähigkeit besteht.

4.1.3. Feinauswahl durch Befragungen

In der anschließenden Feinauswahl sollen die zwei Konstrukte Wissen

und Können gemessen werden. Das Messniveau sollte dabei der Inter-

vallskalierung angenähert sein.

4.1.3.1.Messung des Wissens

Die Messung des Wissens kann nicht (ausschließlich) auf Selbsteinschät-

zung des Befragten beruhen. Zu Groß wäre die Gefahr von Messfehlern

durch vorsätzlich falsche Angaben oder Fehleinschätzungen.

Unterscheiden wir zunächst zwischen abstraktem Wissen und Erfah-

rungswissen über Wertpapiere:

Auf das abstrakte (theoretisch angeeignete) Wissens kann beispielsweise

anhand folgender Fragestellungen rückgeschlossen werden:

Gewähren Aktien ein Mitspracherecht in der Hauptversammlung?

ja (1) nein (0)

Gewähren Anleihen einen festen Zinsanspruch?

ja (1) nein (0)

Je höher die Punktzahl, umso höher das gemessene abstrakte Wissen.

Thematisch sollte ein breites Spektrum abgedeckt werden.

Auf das Erfahrungswissen könnte durch bestimmte Lebensumstände

rückgeschlossen werden. Hier könnte auf Multi-Item-Skalen zurückge-

griffen werden. (z.B. Likert-Skala)

Wie hoch ist etwa ihr in Aktien angelegtes Vermögen?

[0 - 1000] [1001 - 3000] [3001 - 8000] [8001 - 15.000] [über 15.000]

(1)

(2)

(3) (4)

(5)


7

Hier sei darauf hingewiesen, dass die Befragten bei ihren Angaben ,,zur

Mitte" der angegebenen Betragsspannen tendieren könnten. Abhängig

von der Wahl der Betragsspannen könnte es also zu systematischen Ver-

zerrungen kommen.

4.1.3.2.Messung des Könnens

Zur Messung des Könnens könnte das Verständnis komplexer Sätze

getestet werden:

Was ist Kernaussage des folgenden Satzes:

,,Aufgrund der Ableitung von einem Basiswert haben viele Derivate

einen konstruktionstechnisch bedingten Hebeleffekt, der beispielsweise

Optionsscheinen besonders riskant macht."

a) Derivate sind von eine Basiswert abgeleitet.

(0)

b) Viele Derivate haben einen Hebeleffekt.

(1)

c) Optionsscheine sind riskant.

(0)

Da auch beim Beratungsgespräch das Hörverständnis relevant ist, wird

hier empfohlen, die Befragung mündlich durchzuführen. Die mündliche

Präsentation der Fragen ist wiederum bei deren Kreation zu bedenken.

Sie sollten nicht zu komplex sein.

4.1.3.3.Rückschluss auf geeignete Probanden

Für den Rückschluss auf geeignete Probanden sind für jedes Konstrukt

die erreichten Punkte zusammenzurechnen:

Wissen: 9

(Maximalpunktzahl: 20)

Können: 5

(Maximalpunktzahl: 8)

Vor Beginn der Befragung wird ein Punktekorridor festgesetzt, in dem

mögliche Probanden liegen sollen. Entsprechend der Vorüberlegungen

sollte dieser beim Wissen relativ niedrig liegen. Beim Können sollte ein

tendenziell enger Korridor gewählt werden, da die Probanden homogen

sein sollen. Das absolute Maß ist hier aber zweitrangig.

Für den ausgearbeiteten Fragebogen ist letztlich ein Pretest empfehlens-

wert, der beispielsweise mittels Think-Aloud-Methode durchgeführt wer-

den kann. Zudem sollte die interne Konsistenz des Fragebogens überprüft

werden.17

4.2.

Projektdurchführung

4.2.1. Örtliche und zeitliche Parameter

Das Projekt sollte als Laborexperiment konzipiert sein, da hier externe

Einflüsse (Ablenkungen wie Lärm, Telefonanrufe usw.) bestmöglich eli-

minierbar sind. Dadurch mindert sich auch der Aufwand und die Kosten

der Durchführung.

17 Dazu Kuß, Marktforschung, 2007, S. 97.


8

Das Projekt sollte für alle Probanden zwischen 10 und 15 Uhr stattfinden.

Dadurch wird maximale Aufmerksamkeit gewährleistet.

4.2.2. Anforderungen an den (Test)Berater

Da die Beratungsgesprächsdauer wesentlich von den Informationsaufbe-

reitung durch den Berater abhängt, sollten einerseits homogene Berater

eingesetzt werden. (ähnliche Ausbildung, Erfahrung usw.) Zudem sollten

die Berater in allen Gesprächen ähnlich komplexe Finanzprodukte erklä-

ren, da komplexere Produkte einen höheren Zeitaufwand zur Darstellung

bräuchten.

4.2.3. Einwirkung auf den Kenntnisstand über Wertpapiere

Die gegebenen Informationen über Wertpapiere sollten jedenfalls stan-

dardisiert und möglichst verständlich sein. Auch eine unterschiedlich

mediale Aufbereitung - visuell und auditiv - ist ratsam, um unterschiedli-

chen Lerntypen unter den Probanden gerecht zu werden. Hier bietet sich

Informationsmaterial der Banken an.

4.2.4. Datenerhebung

Das relevante Messinstrument ist die Beobachtung. Ein externer Experi-

mentator oder der Berater selbst wird die Zeitmessung bei der ersten The-

matisierung der Anlagemöglichkeiten des Probanden beginnen und am

Ende der Empfehlung durch den Berater stoppen. Bei mehreren zu emp-

fehlenden Anlagemöglichkeiten gilt die zeitlich Letzte.

5.

Datenanalyse und Interpretation

Für die Datenanalyse sind bivariate Verfahren zweckmäßig. Zunächst lie-

ßen sich die Messergebnisse in einer Kontingenztabelle darstellen. Bei-

spielsweise:

Dauer des Beratungsgesprächs

<20 Min. 20-40 Min. >40 Min.

e
n
d

ng

n

ri

28 36 36

u

100

Ge

40% 51% 61%

e
s
K

(35)

(35,5)

(29,5)

d
d

i
s
s
t
an

42 35 23

100

t
n

h

60% 49% 39%

n
e
n

Hoc

K

(35)

(35,5)

(29,5)

70 71 59

200

Abb. 6: Zusammenhänge in einer Kontingenztabelle

Der geübte Betrachter erkennt bereits hier einen Zusammenhang. Zusätz-

lich lässt sich jedoch auch ein Korrelationskoefizient berechnen. Die

Dauer des Beratungsgesprächs ist intervallskaliert, der Kenntnisstand des


9

Kunden in diesem Beispiel ordinalskaliert. Deshlab müsste hier der Spe-

armann-Korrelationskoeffizient verwendet werden.18 Im Beispiel könnte

r=0,54 sein, was eine hinreichende Korrelation indiziert.

Könnte es aber nicht trotzdem sein, dass die Variablen stochastisch unab-

hängig sind, der Zusammenhang hier vielmehr Zufallsbedingt entstand?

Dazu soll zusätzlich ein Chiquadrat-Test durchgeführt werden.

Im Beispiel ergibt sich für Chiquadrat der Wert 45,67. Da 45,67 >

16,8119, ist kann bei einem Signifikanzniveau von 1% die These eines

systematischen Zusammenhangs zwischen Vorkenntnissen und Dauer

bestätigt werden.

6.

Kritische Würdigung

6.1.

Reliabilitätsüberlegungen

Die gemessenen Beratungsdauern von Ev1 und Ev2 müssten ungefähr

gleich sein. (Paralleltest-Reliabilität) Variieren sie stark, so lässt dies

einen zufälligen Einfluss vermuten. Solche zufälligen Einflüsse könnten

beispielsweise sein, dass einige zeitmessende Personen zum Beginn der

Thematisierung der Anlagemöglichkeiten des Kunden die Zeitmessung

beginnen, andere bereits im Zeitpunkt der räumlichen Zusammenkunft

von Proband und Berater.

6.2.

Validitätsüberlegungen

6.2.1. Interne Validität

Interne Validität bezieht sich auf den Ausschluss auf den Messvorgang

zurückzuführender Erklärungen.20 Sie ist bei echten Experimenten wei-

testgehend gesichert, nicht jedoch für Designs, die diese Kriterien nicht

erfüllen.21 Die vorgeschlagene Untersuchung bedient sich der kontrollier-

ten Intervention auf die unabhängige Variable Vorkenntnisse sowie der

zufälligen Zuordnung der Probanden zu Versuchs- und Kontrollgruppen.

Damit sind die Merkmale eines Experiments22 erfüllt.

Dennoch könnten Restrisiken verbleiben:

·

Auswahl- und Zuordnungsfehler

Aufgrund der ramdomisierten Zuordnung der Probanden sind

mögliche Zuordnungsfehler reduziert. Eine fehlerhafte Voraus-

wahl der Probanden - insbesondere die Ausnahme von Probanden

mit höherem Kenntnisstand über Wertpapiere - könnte die Gefahr

könnte hier die interne Validität gefährden.

·

Treatment- bzw. Test-Effekt

Zwar wird sich die Untersuchungssituation selbst nicht auf den

Kenntnisstand über Wertpapiere auswirken. Es ist jedoch denkbar,

dass Probanden nach der Vorprüfung durch den Fragebogen

18 Vgl. Zöfel, Statistik verstehen, 2002, S. 126.

19 2(0,990; 6) = 16,81. [d. Verf.].

20 Kuß, Marktforschung, 2007, S. 149.

21 Schnell/Hill/Esser, Methoden der empirischen Sozialforschung, 2008, S. 228.

22 Kuß, Marktforschung, 2007, S. 153.


10

anfangen, für Wertpapiere zu interessieren und selbständige

Recherchen zwischen Vorprüfung und Experiment durchführen.

Deshalb ist es ratsam, den zeitlichen Abstand zwischen Vorprü-

fung und Experiment minimal zu halten.

6.2.2. Externe Validität - Aspekte der Generalisierbarkeit

Sind die Messergebnisse dann aber auch generalisierbar? Ein Blick auf

die Übersicht23 zu Einflussfaktoren auf die Beratungsgesprächsdauer lässt

daran zweifeln. So ist denkbar, dass bei gleicher Vorkenntnis des Kunden

allein aufgrund der unterschiedlichen Präsentationsfähigkeit zweier Bera-

ter unterschiedliche Beratungsdauern messbar sind. Zudem ist die Aus-

wahl der Probanden nicht darauf angelegt, eine repräsentative Stichprobe

der deutschen Kapitalanleger darzustellen, sondern Vorkenntnis und

Informationsverarbeitungsfähigkeit der Probanden homogen zu halten.

Natürlich kommt es dabei zu systematischen Verzerrungen. Allgemeiner

ausgedrückt verhindert gerade der Ausschluss der zusätzlichen Einfluss-

faktoren durch das Laborexperiment die Generalisierbarkeit, da sie in der

Realität wieder wirken. Indem sich die Fragestellung ,,nur" auf einen

Einflussfaktor bezieht, ist die Generalisierbarkeit bereits minimiert.

Wollte man extern valide Ergebnisse messen, so sollte nach den Auswir-

kungen mehrerer Einflussfaktoren auf die Gesprächsdauer gefragt wer-

den. Die Umsetzung würde sich entsprechend komplexer gestalten, zur

Datenanalyse wären multivariate Analyseverfahren erforderlich.

23 Siehe oben S. 3.


LITERATURVERZEICHNIS

Lenenbach, Markus

, Kapitalmarkt- und Börsenrecht, 2002, Freiburg

Creifelds, Carl

, Rechtswörterbuch, 12. Auflage, 1994, München

Clouth, Peter; Lang, Volker

, MiFID Praktikerhandbuch, 2007, Heidelberg

Kuß, Alfred

, Marktforschung, 2. Auflage, 2007, Berlin

Schnell, Rainer; Hill, Paul; Esser, Elke

, Methoden der empirischen Sozialforschung, 8. Auflage,

2008,

Zöfel, Peter

, Statistik verstehen, 2002, München



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