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Grenzen, Probleme und Herausforderungen einer europäischen Geschichtsschreibung

Subtitle: Mit einer Betrachtung zum europäischen Gedächtnis

Termpaper, 2006, 26 Pages
Author: Student David Honka
Subject: History - Theory

Details

Category: Termpaper
Year: 2006
Pages: 26
Grade: 1,7
Language: German
Archive No.: V127108
ISBN (E-book): 978-3-640-33544-2
ISBN (Book): 978-3-640-33502-2

Abstract

Die Frage danach, was denn „Europa“ eigentlich sei, gehörte in den letzten Jahren immer wieder zum Bestand eines Fragekatalogs, der in der Beschäftigung mit europäischer Geschichte aufgeworfen wurde. In dieser vermeintlich einfachen Frage verbirgt sich zunächst ein Gefühl der Unsicherheit identitätsrelevanter Bezüge Europas; zudem wird damit auch eine Unklarheit darüber zum Ausdruck gegeben, wie eine europäische Kultur und seine Werte denn überhaupt verstanden und definiert werden sollen. Die vorliegende Darstellung nimmt sich dem Thema „Europa“ an. Dabei erfolgen zunächst einige Annäherungen an eine europäische Historiographie, um deren Grenzen und Probleme auszuloten. Es soll mithin gezeigt werden, dass ein zu eng gefasster Europa-Begriff sich als problematisch erweist und eine Geschichte Europas viele Perspektiven bereit hält (Kap. I). Damit ist zugleich die Vorstellung von vielen, möglichen europäischen Geschichten kenntlich gemacht. Im Weiteren wird der Fokus paradigmatisch auf eine bestimmte europäische Geschichte gelenkt: Die Wiedergeburt Europas seit dem Zweiten Weltkrieg. Hierbei geht es darum, die historischen Bedingungen für das Europabild der Gegenwart aufzuzeigen (Kap. II). Mit diesen Ausführungen ist Vorschub geleistet, einen gedächtnisorientierten Ansatz stärker ins Blickfeld der Betrachtung zu rücken. Es soll argumentiert werden, dass Europa vorrangig eine erinnerungsgeschichtlich bedingte Vorstellung ist. Die Erfahrungen seiner schrecklichen Vergangenheit lasten als Hypothek auf die politische, gesellschaftliche und ideelle Gestaltung des Kontinents. Dieser „Gedächtnisort“ Europas soll Gegenstand theoretischer Reflexion sein – im Spannungsfeld von Gedächtnis und Geschichte (Kap. III). Zum Abschluss wird nach den Herausforderungen einer europäischen Geschichtsschreibung gefragt. Um darüber hinaus die Perspektivwinkel zu erweitern, werden neue Konzepte thematisiert; eine wichtige Rolle spielen hierbei Ansätze einer transnationalen Geschichtsschreibung sowie Verflechtungsgeschichte (Histoire croisée) (Kap. IV).


Excerpt (computer-generated)

Humboldt-Universität zu Berlin

Institut für Geschichtswissenschaften

Hauptseminar: ,,Die Geschichtsschreibung zu Europa im 20. Jahrhundert"

Sommersemester 2006

Hauptseminararbeit

Grenzen, Probleme und Herausforderungen einer europäischen

Geschichtsschreibung.

Mit einer Betrachtung zum europäischen Gedächtnis

Vorgelegt von:

David Honka

Studiengang: Magister



Inhalt

Einleitung 2

I.

Grenzen und Probleme einer europäischen Geschichtsschreibung 3

II. Die Wiedergeburt Europas seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges 7

III. Erinnern und Vergessen: Europa im Spannungsfeld von Gedächtnis und Geschichte 9

IV. Herausforderungen einer europäischen Geschichtsschreibung 16

Schlussbetrachtungen 18

Literatur 21

1


Einleitung

Die Frage danach, was denn ,,Europa" eigentlich sei, gehörte in den letzten Jahren immer

wieder zum Bestand eines Fragekatalogs, der in der Beschäftigung mit europäischer

Geschichte aufgeworfen wurde.

In dieser vermeintlich einfachen Frage verbirgt sich zunächst ein Gefühl der Unsicherheit

identitätsrelevanter Bezüge Europas; zudem wird damit auch eine Unklarheit darüber zum

Ausdruck gegeben, wie eine europäische Kultur und seine Werte denn überhaupt verstanden

und definiert werden sollen.

Die vorliegende Darstellung nimmt sich dem Thema ,,Europa" an.

Dabei erfolgen zunächst einige Annäherungen an eine europäische Historiographie, um deren

Grenzen und Probleme auszuloten. Es soll mithin gezeigt werden, dass ein zu eng gefasster

Europa-Begriff sich als problematisch erweist und eine Geschichte Europas viele

Perspektiven bereit hält (Kap. I).

Damit ist zugleich die Vorstellung von vielen, möglichen europäischen Geschicht

en

kenntlich

gemacht. Im Weiteren wird der Fokus paradigmatisch auf eine bestimmte europäische

Geschichte gelenkt: Die Wiedergeburt Europas seit dem Zweiten Weltkrieg. Hierbei geht es

darum, die historischen Bedingungen für das Europabild der Gegenwart aufzuzeigen (Kap.

II).

Mit diesen Ausführungen ist Vorschub geleistet, einen gedächtnisorientierten Ansatz stärker

ins Blickfeld der Betrachtung zu rücken. Es soll argumentiert werden, dass Europa vorrangig

eine erinnerungsgeschichtlich bedingte Vorstellung ist. Die Erfahrungen seiner schrecklichen

Vergangenheit lasten als Hypothek auf die politische, gesellschaftliche und ideelle Gestaltung

des Kontinents. Dieser ,,Gedächtnisort" Europas soll Gegenstand theoretischer Reflexion sein

­ im Spannungsfeld von Gedächtnis und Geschichte (Kap. III).

Zum Abschluss wird nach den Herausforderungen einer europäischen Geschichtsschreibung

gefragt. Um darüber hinaus die Perspektivwinkel zu erweitern, werden neue Konzepte

thematisiert; eine wichtige Rolle spielen hierbei Ansätze einer transnationalen

Geschichtsschreibung sowie Verflechtungsgeschichte (

Histoire croisée

) (Kap. IV).

2


I.

Grenzen und Probleme einer europäischen Geschichtsschreibung

Seit den letzten 15 Jahren ist ein außerordentlich wachsendes, öffentliche Interesse an

,,Europa" zu erkennen; in der politischen Kultur wie auch in intellektuellen Kreisen wird von

,,kulturellen Werten" gesprochen und darüber diskutiert wie diese im Falle Europas denn

auszumachen seien. Insbesondere die Debatte um den EU-Beitritt der Türkei hat das

Bedürfnis nach der Definition einer europäischen Identität verstärkt. Dies hat auch die

Historiker-Zunft

auf

den

Tagesplan

gerufen,

da

offensichtlich

historische

Argumentationsmuster eine wesentliche Rolle spielen. Und so konnte man eine vehemente

Beteiligung einiger Fachgelehrter in der Presse verfolgen, die mit Namen wie etwa Michael

Borgolte, Jürgen Kocka, Hans-Ulrich Wehler und Heinrich August Winkler verbunden sind.1

Das Bedürfnis, die kulturellen Muster eines oder vieler Europas gleichsam einer kulturellen

Linie auf einer imaginären Landkarte entlang nachzuzeichnen, erfährt vor dem Hintergrund

solch einer politisch-gesellschaftlichen Debatte seine maßgebliche Triebkraft. Eine

Untersuchung zu den ,,kulturellen Werten" Europas ist daher ein außerordentliches

Unterfangen; die breite Themenpalette lässt sich nicht zuletzt an den Beiträgen des von Hans

Joas und Klaus Wiegandt besorgten Sammelbandes ablesen.2

Nicht nur die Frage nach den historischen Bedingungen der Zugehörigkeit der Türkei zu einer

europäischen Wertegemeinschaft ist ein Thema europäischer Geschichtsreflexion.

Insbesondere die Rolle Osteuropas für eine gesamteuropäische Geschichtsschreibung ist in

den letzten Jahren verstärkt diskutiert worden. Oder auch: welche Bedeutung kommt

Russland zu für eine gesamteuropäische Betrachtung? Analog könnte man zudem den Fokus

auf die Geschichte des ,,Nordens" Europas werfen. Und es scheint, als ist eine Auflösung

Europas in verschiedene ,,Räume" ein Unterfangen, dass der Beantwortung der Frage, wo

Europa denn eigentlich liege, mit viel versprechenden Schritten näher kommen will.

Paradigmatisch lässt sich diese übergreifende Zielsetzung an den thematischen Ausrichtungen

1 Borgolte, Michael, War Karl der Große wirklich groß? Europa ist heute nicht mehr die Christenheit, in:

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4.3.1999; Kocka, Jürgen, Wo liegst Du, Europa?, in: Die Zeit, 28.11.2002;

Wehler, Hans-Ulrich, Laßt Amerika stark sein! Europa bleibt eine Mittelmacht: eine Antwort auf Jürgen

Habermas, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.6.2003; Winkler, Heinrich August, Ehehindernisse. Gegen

einen Beitritt der Türkei, in: Süddeutsche Zeitung, 23.-24.11.2002.

2 Joas, Hans/ Wiegandt, Klaus (Hg.), Die kulturellen Werte Europas, Bonn 2005.

3


der Beiträge in Gerald Stourzh′ ,,Annäherungen an eine europäische Geschichtsschreibung"

deutlich machen.3

Doch wie sinnvoll sind solche Konstruktionen wie Ost-, West-, Nord- und Südeuropa? Im

Falle Osteuropas sind zumindest Zweifel anzumelden, handelt es sich doch hierbei um ,,einen

von Westeuropäern imaginierten Raum."4 Zuzustimmen ist dem Gedanken Stourzh′, dass

Europa ,,nicht (allein) der Westen" ist; ,,Europa geht auch über den Westen hinaus."5 Am

Vordringen der osteuropäischen Geschichtsschreibung in den letzten Jahren mitsamt ihrer

wachsenden Bedeutung für die Gesamteuropaforschung wird mitunter deutlich, dass ein

weiter Europabegriff erforderlich ist. Insbesondere am Beispiel der Geschichte Europas seit

dem Zweiten Weltkrieg erfährt dieses Postulat einer Extension ,,Europas" eine Erhärtung,

denn, wie Tony Judt es formuliert: ,,die Nachkriegsgeschichte der beiden Hälften Europas

kann nicht getrennt voneinander erzählt werden."6

Geographisch gesehen ist Europa ein kleines Anhängsel Asiens. Dennoch sind die Grenzen

Europas auf einer geographischen Karte nicht

wirklich

zu zeichnen. Denn, um mit den

Worten von Hagen Schulze zu sprechen: Europa ist keine ,,geographische, sondern eine

kulturelle Wirklichkeit"; vielmehr ist es ein ,,kollektiver imaginierter Entwurf."7

Und welche Kriterien sind es, die etwas als ,,europäisch" deklarieren?

Die Begriffe ,,Identität" und ,,Wert" spielen für das Europabild dabei eine Schlüsselrolle.8 Es

kann sich ohne Zweifel als hilfreich erweisen, nach Ursprüngen europäischer

Identitätsmerkmale in der Geschichte zu suchen; Christian Meier geht etwa dem griechisch-

römischen Erbe Europas nach und verweist damit auf Besonderheiten und markante Züge der

historischen Entwicklung Europas, die gleichsam einem Mosaikstein Teil eines Gesamtbildes

sind.9

3 Stourzh, Gerald (Hg.), Annäherungen an eine europäische Geschichtsschreibung, Wien 2002; zur Bedeutung

Osteuropas vgl. darin der Beitrag von Andreas Kappeler, Die Bedeutung der Geschichte Osteruropas für ein

gesamteuropäisches Geschichtsverständnis, S. 43-55 sowie für einen Blickwinkel auf den ,,Norden" Europas

der Beitrag von Max Engman, "Norden" in European History, S. 15-34.

4 Kappeler, Bedeutung (wie Anm. 3), S. 44.

5 Stourzh, Gerald, Statt eines Vorwortes: Europa, aber wo liegt es, in: Stourzh, Annäherungen (wie Anm. 3), S.

XI, der im Gegenzug hinzufügt, dass auch der Westen über Europa hinausgeht.

6 Judt, Tony, Die Geschichte Europas seit dem Zweiten Weltkrieg, Bonn 2006, S. 20.

7 Schulze, Hagen, Phoenix Europa. Die Moderne. Von 1740 bis heute, Berlin 1998, der jedoch diesem im

Vorwort und im Schluß geäußerte Gedanken in seiner Darstellung nicht ausdrücklich genug Rechnung trägt.

8 Vgl. Joas, Hans, Die kulturellen Werte Europas. Eine Einleitung, in: Joas/ Wiegandt, Werte (wie Anm. 2), S.

11-39.

9 Meier, Christian, Die griechisch-römische Tradition, in: Joas/ Wiegandt, Werte (wie Anm. 2), S. 93-116.

4


Auch eine Kulturgeschichte Europas, welche die Rolle des Christentums für die europäische

Geschichte stärker ins Blickfeld rücken lässt, kann einen viel versprechenden Beitrag leisten.

Problematisch erscheint es jedoch, wenn christliche Werte als Einheit des Kontinents

überbetont werden, das Christentum demnach ausschließlich als

der

europäische Wert kodiert

wird ­ dann ist die Darstellung als zu einseitig gedacht.10 Vielmehr haben im Gegenzug auch

andere Religionen, der Islam und das Judentum etwa, die Geschichte Europas entscheidend

mitgeprägt, wie Michael Borgolte am Beispiel des mittelalterlichen Europas plausibel

aufzeigt und damit dem Gedanken von der Vielfalt europäischer Identitätsmuster Vorschub

leistet.11

Mit der Feststellung von einer Pluralität europäischer Identitäten ist schon viel gewonnen.

Europa manifestiert sich auf dieser Grundlage als Beziehungsgeflecht, was die Forderung

nach einer ,,interkulturell orientierte[n] Geschichtswissenschaft" laut werden lässt.12 Im

Weiteren wird damit entschieden auf die Überwindung nationaler Geschichtsschreibungen

und der Unzulänglichkeit ihrer Addition für eine europäische Geschichtsschreibung

verwiesen.

Vor diesem Hintergrund wird die Maxime ersichtlich, dass es viele europäische Geschicht

en

gibt ­ eine Einsicht, der neben vielen anderen auch Hagen Schulze beipflichtet. Seine

europäische Geschichte schreibt er als eine Erzählung des ,,europäischen Staatensystems und

seiner Bestandteile".13 Für unsere weitere Untersuchung14 hält Schulzes Darstellung insofern

relevante Bezüge bereit, als damit die ,,rationale Staatskunst" gekennzeichnet wird, die ,,den

politischen Emotionen der industriellen Massengesellschaft zum Opfer fiel" und ferner, so

führt Schulze fort, daraus ,,die europäischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, die

Unmündigkeit Europas in den Jahrzehnten des Kalten Kriegs und schließlich die

Neuformierung dieses Staatensystems, die wir derzeit beobachten, [folgten]."15

Dennoch

wäre

es

verkehrt,

Schulzes

Darstellung

als

Addition

einer

Nationalgeschichtsschreibung zu etikettieren. Es sind vor allem auch allgemeineuropäische

Themen, die zur Sprache kommen und die gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle

10 Eine Sicht, welche die Rolle des Christentum für die europäische Kulturgeschichte betont und zum Teil stark

überbewertet bietet: Rietbergen, Peter, Europe. A Cultural History, London/ New York 1998.

11 Borgolte, Michael, Europa entdeckt seine Vielfalt 1050 - 1250, Stuttgart 2002; Ders., Wie Europa seine

Vielfalt fand. Über die mittelalterlichen Wurzeln für die Pluralität der Werte, in: Joas/ Wiegandt, Werte (wie

Anm. 2), S. 117-163; Ders., Christen, Juden, Muselmanen. Die Erben der Antike und der Aufstieg des

Abendlandes 300 bis 1400 n. Chr., München 2006.

12 Borgolte, Europa entdeckt seine Vielfalt (wie Anm. 11), S. 392.

13 Schulze, Phoenix Europa (wie Anm. 7).

14 Vgl. Kap. II.

15 Schulze, Phoenix Europa (wie Anm. 7), S. 10.

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