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Subtitle: Highlife und Hiplife in Ghana seit dem Zweiten Weltkrieg
Thesis (M.A.), 2008, 133 Pages
Author: Daniela Reichel
Subject: African Studies
Details
Year: 2008
Pages: 133
Grade: 1,5
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-39128-8
ISBN (Book): 978-3-640-39143-1
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Abstract
Thema dieser Arbeit ist die Populäre Musik1 Ghanas und ihre Fähigkeit, gesellschaftliche Veränderungsprozesse auszudrücken. Die Entstehung und Entwicklung der beiden Populären Musikstile Highlife und Hiplife werden hierbei fokussiert. Beide Musikformen können als Ergebnis des Aufeinandertreffens von ghanaischer Musikgeschichte und fremdkulturellen musikalischen Einflüssen verstanden werden. Highlife entstand Anfang des 20. Jahrhunderts mit den Militärkapellen des kolonialen Verwaltungsapparates, in denen einheimischen Musiker mit europäischen Instrumenten ausgestattet wurden. Hiplife entwickelte sich zum Ende des 20. Jahrhunderts aus der inzwischen weit verbreiteten ghanaischen Highlifemusik und dem aus den USA importierten HipHop. Highlife und Hiplife stellen neben Gospel, Reggae und R´n B´ u. a. nur zwei Beispiele Populärer Musik in Ghana dar.2 Die Beschäftigung mit Hiplife, als lokaler Repräsentant des globalen Phänomens HipHop basiert auf einem starken Eigeninteresse und war eigentlicher Auslöser für das Verfassen dieser Arbeit. Aufgrund der großen Bedeutung der Highlife-Musik für die Hiplife-Entstehung erklärt sich die thematische Auseinadersetzung mit Highlife in dieser Arbeit von selbst. Denn Highlife und Hiplife können nicht isoliert voneinander betrachtet werden. Zudem sind beide Musikformen auf dem afrikanischen Kontinent entstanden und gründen mehr als der Gospel oder der R´n B´ auf einem kreativem Eigenpotential im Entstehungsprozess, da extrakulturelle Einflüsse selektiv in bestehende ghanaische Musikpraktiken integriert wurden. Die zentrale These dieser Arbeit ist, dass beide Formen Populärer Musik gesellschaftliche Veränderungsprozesse ausdrücken können. Sie konzentriert sich auf einen zeitlichen Rahmen, welcher den Zweiten Weltkrieg bis zum Jahr 2007 umfasst. Dieser Zeitraum ist von besonderem Interesse, da sich in ihm tiefgreifende gesellschaftliche Entwicklungen und Ereignisse, wie die Unabhängigkeit Ghanas, Militärdiktaturen, eine Vielzahl von Putschen und Putschversuchen, Urbanisierungs-,Modernisierungs-3 und Globalisierungsprozesse4 vollzogen haben. Als gesellschaftliche Prozesse werden hier demnach politische, ökonomische und soziale Verläufe verstanden, die sich auf das Leben der Bevölkerung der kolonialisierten Goldküste und des später unabhängigen Ghanas auswirkten und auswirken.
Excerpt (computer-generated)
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
1.1 Thema und Fragestellung 1
1.2 Der Aufbau der Arbeit 5
1.3 Quellenlage 7
1.4 Eigene Forschung 9
1.5 Verständnis von Musik und Terminologien 10
2. Die Entstehung Populärer Musik in Ghana 14
2.1 Die Entstehung der populären Musik Highlife 15
2.1.1 Die Entstehung des Brassband-Highlife 17
2.1.2 Die Entstehung der Palmwine-Gitarren-Bands 19
2.1.3 Die Entstehung der Tanzkapellen 22
2.1.4 Die Entwicklungen nach dem Ende des 2. Weltkrieges 24
2.1.5 Die Krise des Highlife 27
2.2 Die Entstehung der Populären Musik Hiplife 30
2.2.1 US-HipHop als Modell für die Internationalisierung 30
2.2.2 HipHop in Ghana Hiplife 39
2.3 Zusammenfassung 50
3. Populäre Musik als Ausdruck gesellschaftlicher Veränderungsprozesse 53
3.1 Social commentaries in der ghanaischen Musik 54
3.2 Social commentaries in der Populären Musik Highlife 58
3.2.1 Die Entwicklungen bis zur Einführung der indirect rule 1925 59
3.2.1.1 Die Antikoloniale Einstellung in Highlife-Songs am Beispiel Akpeteshie 60
3.2.2 Von der indirect rule bis zu Unabhängigkeit 1957 61
3.2.2.1 Das Nationalgefühl im Highlife 62
3.2.3 Die Ära Kwame Nkrumah (1957 1966) 64
3.2.3.1 Der politische Stimmungswechsel während der Nkrumah-Ära im Highlife 66
3.2.4 Die Zeit der Militärputsche (1966 1981) 68
3.2.4.1 Die politische Instabilität im Highife am Beispiel Nana Kwame Ampadu 70
3.2.5 Die Ära J.J. Rawlings (1981 2000) 73
3.2.5.1 J.J. Rawlings im Highlife 74
3.2.6 Modernisierungsprozesse nach dem Ende des 2. Weltkrieges 76
3.2.6.1 Das Spannungsverhältnis von ,,alter" und ,,neuer" Lebenssituation im 77
Highlife 77
3.3 Social commentaries in der Populären Musik Hiplife 84
3.3.1 Die Themen und das Selbstverständnis der Hiplife - Künstler 85
3.3.2 Der politische Machtwechsel 2001 - von der NDC zur NPP 89
3.3.2.1 Der politische Machtwechsel 2001 im Hiplife Freedom of Speech 90
3.3.3 Politische, ökonomische und soziale Entwicklungen in Ghana unter der 94
NPP-Regierung 94
3.3.3.1 Die Politik der NPP, soziale Stratifikation und Korruption im Hiplife 96
3.3.4 Aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und ihre Auswirkungen in Ghana 100
3.3.4.1 Aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und ihre Thematisierung im 103
Hiplife 103
3.4 Zusammenfassung 113
4. Resümee 117
5. Bibliographie 121
Abkürzungsverzeichnis
APNAC:
African Parliamentarians Network against Corruption
AUCAC:
African Union Convention on Preventing and Combating Corruption
BIP:
Bruttoinlandsprodukt
CPP:
Convention People Party
GCP:
Ghana Congress Party
GII:
Ghana Integrity Initiative
HIPC:
Heavily Indepted Poor Countries
IWF:
Internationaler Währungsfonds
LDC:
Less Developed Countries
LIC:
Low Income Countries
LLDC:
Least Developed Countries
MIC:
Middle Income Countries
MP:
Member of Parliament
NDC:
National Democratic Congress
NLC:
National Liberation Council
NPP:
New Patriotic Party
PNDC:
Provisional National Defence Council
UGCC:
United Gold Coast Convention
UNCAC:
United Nations Convention against Corruption
UNDP:
United Nation Development Programme
UNFPA:
United Nation Population Fund
UNO:
United Nation Organisation
UP:
United Party
USA:
United States of America
USAID:
United States Agency for International Development
Vgl.:
Vergleiche
1. Einleitung
1.1 Thema und Fragestellung
Thema dieser Arbeit ist die Populäre Musik1 Ghanas und ihre Fähigkeit,
gesellschaftliche Veränderungsprozesse auszudrücken. Die Entstehung und
Entwicklung der beiden Populären Musikstile
Highlife
und
Hiplife
werden hierbei
fokussiert. Beide Musikformen können als Ergebnis des Aufeinandertreffens von
ghanaischer Musikgeschichte und fremdkulturellen musikalischen Einflüssen
verstanden werden. Highlife entstand Anfang des 20. Jahrhunderts mit den
Militärkapellen des kolonialen Verwaltungsapparates, in denen einheimischen Musiker
mit europäischen Instrumenten ausgestattet wurden. Hiplife entwickelte sich zum Ende
des 20. Jahrhunderts aus der inzwischen weit verbreiteten ghanaischen Highlifemusik
und dem aus den USA importierten HipHop. Highlife und Hiplife stellen neben Gospel,
Reggae und R´n B´ u. a. nur zwei Beispiele Populärer Musik in Ghana dar.2
Die Beschäftigung mit Hiplife, als lokaler Repräsentant des globalen Phänomens
HipHop basiert auf einem starken Eigeninteresse und war eigentlicher Auslöser für das
Verfassen dieser Arbeit. Aufgrund der großen Bedeutung der Highlife-Musik für die
Hiplife-Entstehung erklärt sich die thematische Auseinadersetzung mit Highlife in
dieser Arbeit von selbst. Denn Highlife und Hiplife können nicht isoliert voneinander
betrachtet werden. Zudem sind beide Musikformen auf dem afrikanischen Kontinent
entstanden und gründen mehr als der Gospel oder der R´n B´ auf einem kreativem
Eigenpotential im Entstehungsprozess, da extrakulturelle Einflüsse selektiv in
bestehende ghanaische Musikpraktiken integriert wurden.
Die zentrale These dieser Arbeit ist, dass beide Formen Populärer Musik
gesellschaftliche Veränderungsprozesse ausdrücken können. Sie konzentriert sich auf
einen zeitlichen Rahmen, welcher den Zweiten Weltkrieg bis zum Jahr 2007 umfasst.
Dieser Zeitraum ist von besonderem Interesse, da sich in ihm tiefgreifende
gesellschaftliche Entwicklungen und Ereignisse, wie die Unabhängigkeit Ghanas,
Militärdiktaturen, eine Vielzahl von Putschen und Putschversuchen, Urbanisierungs-,
1 Populäre Musik wird hier mit Karin Barber und Johannes Fabian als Form kultureller Produktion verstanden, die 1.
weder einer ausschließlich indigenen noch westlichen Inspirationsgrundlage folgt, sondern eine Mischung aus
verschiedensten Einflüssen darstellt und die 2. als Reflexion sozialer Verhältnisse gelesen wird. Barber 1997: 2 und
Fabian 1978: 315.
Das Verständnis, welches dem in dieser Arbeit verwendeten Popularitätsbegriff unterliegt ist unter Punkt 1.5. dieser
Arbeit ausführlicher dargestellt.
2 Gegenwärtig nimmt der Gospel mit 60 Prozent den größten Anteil der Populären Musik ein. Der Hiplife stellt mit 20-30
Prozent die zweitgrößte Sparte Populärer Musik dar. Die restlichen 10 Prozent machen der sogenannte ,,old time-
highlife" und der aktuelle Highlife aus. Interview mit John Collins vom 14.03.2007.
1
Modernisierungs-3 und Globalisierungsprozesse4 vollzogen haben. Als
gesellschaftliche Prozesse werden hier demnach politische, ökonomische und soziale
Verläufe verstanden, die sich auf das Leben der Bevölkerung der kolonialisierten
Goldküste und des später unabhängigen Ghanas auswirkten und auswirken.
Meine These wird in dieser Arbeit primär durch die Analyse der Highlife- und Hiplife-
Texte bewiesen. Wesentliche Ereignisse und Prozesse innerhalb des historischen
Rahmens werden beleuchtet und untersucht, ob und wie diese in den musikalischen
Texten kommentiert werden. Das Nachzeichnen der Entstehung und Entwicklung
beider Musikformen ist dabei notwendige Voraussetzung, untermauert aber auch
gleichzeitig meine These, da auch die Aneignung und Struktur von Musik auf
gesellschaftliche Prozesse verweist. So spiegelt beispielsweise die Entstehung und
Entwicklung des Highlife die Bewahrung indigener Praktiken, Werte und Strukturen bei
einer starken europäischen Präsenz Anfang des 20. Jahrhunderts wider und zeugen
somit vom Erhalt einer gewissen Autonomie und Eigenständigkeit Ghanas. In der
Entstehung und Aneignung von Hiplife finden z. B. Glokalisierungsprozesse5 ihren
Ausdruck, da die globalisierte Kultur des HipHop durch lokale Akteure repräsentiert
wird. Somit werden ökonomische, politische und soziologische
Glokalisierungsprozesse, welche sich in Ghana vollziehen, auf der kulturellen Ebene
sichtbar.
Die Perspektive dieser Arbeit ist eine historische. Erstens gibt die Arbeit einen
Überblick über die musikhistorische, politische und gesellschaftliche Entwicklung
Ghanas im 20. Jahrhundert. Zweites versteht sie Musik als etwas sich ständig
Transformierendes und auf Entwicklungen reagierendes, in welchem die Fähigkeit,
gesellschaftliche Gegebenheiten zu kommentieren, als ein der Musik inhärentes
Kontinuum begriffen wird. Diese Kontinuität gilt es, aus einem historischen Blickwinkel
heraus nachzuweisen. Denn diese Kontinuität ist Voraussetzung dafür, dass an der
Musik Veränderungsprozesse abgelesen werden können. Gleichzeitig ist es von
3 Unter Modernisierungprozesse werden hier Urbanisierung, Aufkommen der Lohnarbeit, Migration, Verbreitung einer
money economy, aufkommenden Afrikanischen Nationalismus, horizontale und vertikale Schichtung, gesteigerte
Mobilität der Bevölkerung verstanden. Vgl. dazu Coplan 1978: 103. Gleichzeitig liegt dem Modernisierungsbegriff ein
Verständnis zugrunde, welches der ghanaische Intellektuelle Kobina Sekyi für Afrika arikulierte: sein Verständnis
umfasst die Übernahme westlicher Systeme, wie Lohnarbeit und Industrialisierung, lehnt aber die Gleichsetzung von
Modernisierung und Zivilisierung ab. Sekyi, Kobina.1917. ,,The Future of Subject Peoples." African Times and Orient
Revies, October-December, 78,94,109-110. in Cole 2001: 6,56,62.
4 Globalisierung wird in dieser Arbeit hauptsächlich im Sinne einer Amerikanisierung und Verwestlichung verstanden,
die sich aus der weltweiten Empfangbarkeit von Kulturgütern speist. Damit verbunden ist die Verbreitung westlicher
Wertvorstellung, Lebens- und Konsumstile, die durch die Medien transportiert werden und somit Erwartungs- und
Verhaltensänderungen, Migrationsanreize und Unzufriedenheit mit den eigenen Lebensbedingungen schafft. Vgl. dazu
Tetzlaff 2000: 202 ff.
5 Der Begriff ,,glocalisation" geht auf den amerikanischen Soziologen Roland Robertson zurück. Vgl. Robertson 1995.
Glokalisierung bedeutet erstens, dass globale Entwicklungen auf die lokale Ebene durchschlagen und das tägliche
Leben in vielfältiger Weise verändern, zweitens als Reaktion auf diese Verunsicherung -, dass sie den Rückzug in
vertraute soziokulturelle Umfelder fördert. Glokalisierung ,,meint also zugleich Zentralisierung und Dezentralisierung,
Universalismus und Parochialismus, Homogenisierung und Fragmentierung, Öffnung und Abschließung, auf jeden Fall
etwas Neues, das die sozial- und kulturwissenschaftliche Fachsprache Hybridisierung nennt." Nuscheler 2005: 58.
2
Interesse zu untersuchen, ob und wie sich die Funktion, das gesellschaftliche Leben zu
kommentieren, innerhalb des Untersuchungszeitraums verändert hat.
Welchen Beitrag leistet die Arbeit dabei für das Forschungsfeld der Afrikanischen
Geschichte? Sie liefert Informationen zur Musikhistorie Ghanas und darüber welchen
internen und externen Einflüssen diese unterlag. Populäre Musik als Medium,
Geschichte und Zeitgeschichte zu dokumentieren, gibt dem Historiker Informationen
darüber, welche Aspekte der Geschichte von besonderer Bedeutung für die
Bevölkerung sind und wie diese von der Bevölkerung bewertet werden. Leerstellen, die
die Geschichtsschreibung aufgrund ihrer Selektivität hinterlässt, können so gefüllt
werden. Karin Barber, die sich tiefgehend mit Popular-Kultur in Afrika beschäftigt,
argumentiert, dass man Geschichte nur verstehen kann, wenn man die Kunst, die sie
verarbeitet, betrachtet. Sie betont des Weiteren, dass Musik soziale, politische und
religiöse Strukturen offenlegen und erklären kann.6
Bezüglich der Populären Musik in Afrika konstituiert sich seit den 1970er Jahren eine
empirische Basis durch eine Vielzahl systematischer Einzelfallstudien. Musikforscher,
wie Gerhard Kubik (Malawi, Angola, Ostafrika), John Collins (Ghana), Christoph A.
Watermann (Nigeria) oder Veit Erlmann (Südafrika), entdecken die Eigenständigkeit
und qualitative Neuartigkeit besonders von städtischen Musikkulturen und
dokumentieren diese. Die in diesen Studien untersuchten Populären Musikkulturen
fungieren, wie der Sozialanthroploge und Autor verschiedener musikethnologischer
Arbeiten, David Coplan auch für den Fall Highlife in Westafrika schreibt, als Symptom
und Symbol akkultureller Prozesse7. Diese Prozesse intensivieren sich mit der
progressiven Globalisierung im kulturellen Bereich, z. B. durch die zunehmende
mediale Vernetzung. Das wissenschaftliche Interesse an Populären Kulturen wächst
seitdem.
Für die 29. Jahreskonferenz der
African Studies Asociation of America
1986 wurde von
der Sozialanthropologin Karin Barber, die selbst viele Jahre im westafrikanischen
Nigeria lebte, um sich dort vertiefend mit der lokalen Populäre Kultur zu beschäftigen,
ein Aufsatz verfasst, welcher sich konstitutiv dem Stand der Wissenschaft zum Thema
Populäre Kunst in Afrika widmet. Ihre 1988 veröffentlichte Arbeit
Popular Arts in Africa8
stellt eine erste Bestandsaufnahme der wissenschaftlichen Wahrnehmung von
Phänomenen Populärer Kultur in Afrika dar. Die Populäre Musik Afrikas findet in Veit
Erlmanns 1991 erschienenen Band
Populäre Musik in Afrika
erstmalig eine
umfassendere Darstellung. Und wenn 1954 der südafrikanische Musikethnologe Hugh
6 Barber 1987.
7 Coplan 1978: 97 f.
8 Barber, Karin. 1988. Popular Arts in Africa. In: African Studies Review Vol. 30 no.3.
3
Tracey noch von einem ,,schäbigen proletarischen Grau"9 in der Populären Musik
spricht, so zeichnet Erlmanns Band ein Bild von der Populären Musik Afrikas, welches
der ganzen Vielfalt und soziokulturellen Dynamik der neuen Musikstile Rechnung trägt.
Zu den Gründen für dieses wachsende akademische Interesse zählen unter anderem
die tiefgreifenden Veränderungen, die die Gesellschaften Afrikas seit dem Ende des
Zweiten Weltkrieges und dem Beginn der Unabhängigkeit in den 1960er Jahren
erfahren haben.10 Diese gesellschaftlichen Veränderungsprozesse sind oft
Gegenstand der Populären Kultur und Populären Musik. In und mit der Populären
Musik findet eine Verarbeitung dieser Prozesse statt. Schwerpunktmäßig stehen dabei
die Auswirkungen des Kolonialismus und Neokolonialismus im Fokus. Aber nicht im
Sinne einer problematischen Thematisierung der Auswirkungen, sondern vielmehr ist
es von wissenschaftlichem Interesse, die kreative Weise darzustellen, mit der die
Menschen in Afrika mit den neuen Verhältnissen umgehen. Das schließt Coplan auch
in seine Definition von Highlife mit ein:
[...] we must recognize highlife as not merely the result of mechanical or passive
acculturation but as a creative, incorporate response to the political and economic
impact and cultural challenge of the West. Highlife is a syncretic form in that it
modifies and integrates both Western and indigenous musical elements into an
organic, qualitatively new style that retains expressive continuity with the traditional
music system.11
Auch HipHop-Texte beschäftigen sich mit Lebenswelten der Akteure und der
Repräsentation dieser, die im andauernden Diskurs stets neu ausgehandelt werden.
Diese Diskurspraxis erkennt die Sprach- und Literaturwissenschaftlerin Monika Sokol,
die sich vertiefend mit der sprachlichen Ebene des Raps auseinandersetzt, als
distinktives Merkmal des HipHop gegenüber anderen Genres der kommerzialisierten
Popularmusik.12 Aus diesem Grund ist HipHop-Musik besonders gut geeignet, die
fortwährenden politischen, sozialen und geschichtlichen Entwicklungen diskursiv zu
dokumentieren. Durch die Repräsentation der Lebenswelten liefert besonders der
Hiplife als ghanaische Variante des HipHops einen großen Beitrag zur
zeitgenössischen Geschichte Ghanas. Gleichzeitig betrachten Akteure Populärer
Musik Geschichte auf ihre eigene Weise und deuten sie somit auch neu und
komplementär zu vorhergehenden Generationen.13 Interessant ist in diesem
Zusammenhang dann beispielsweise die gegenwärtige Betrachtung und
Wahrnehmung des ersten Staatsoberhauptes des unabhängigen Ghanas Kwame
Nkrumahs durch die Künstler.
9 Hugh Tracey 1954 zit. in: Erlmann 1991: 9.
10 Erlmann 1991: 11.
11 Coplan 1978: 97.
12 Sokol 2004.
13 Popper 1992.
4
Durch die Beschäftigung mit dem HipHop schließt die Arbeit an eine weitere große
disziplinäre Bandbreite an: Ethnologie, Soziologie, Literaturwissenschaft,
Musikwissenschaft etc. Diese Bandbreite findet in den Cultural Studies ein
konzeptionelles Fach. HipHop schließt an folgende Schlüsselthemen der Cultural
Studies an: die Herausbildung jugendlicher Subkulturen, die Rolle der Medien in der
kulturellen Entwicklung und das Verhältnis von Globalisierung und Lokalisierung. In
dieser Arbeit wird mit dem Nachzeichnen des lokalen Aneignungsprozesses Populärer
Musik in Ghana, besonders der des Hiplifes, ganz im Sinne Stuart Halls14 den
lebensweltlichen Handlungszusammenhängen der Akteure mehr Macht zugewiesen.
Der lokalspezifische Aneignungsprozess von Hiplife wird beleuchtet und damit dessen
lokalspezifische Besonderheiten hervorgehoben. Dadurch widerlegt diese Arbeit die
Kulturindustriethesen Adornos und Horkheimers, die lokale Musik-Kulturen nur als
konforme Repräsentanten einer globalen Musikkultur begreifen und nach denen sich
Kultur anstatt über ihren ästhetischen Wert nur über ihren ökonomischen Wert
definiert.15
1.2 Der Aufbau der Arbeit
Die Arbeit gliedert sich in zwei Hauptteile mit jeweils drei Unterpunkten. Der erste
Hauptteil widmet sich der Entstehung der Populären Musiken Highlife und Hiplife in
Ghana. Einleitend wird unter Punkt 2.1. das dieser Arbeit zugrunde liegende
Verständnis von Musik als etwas sich ständig Transformierendes, im Fluss befindliches
dargestellt. Ebenso wird dargestellt, was sich hinter dem Popularitäts-Begriff verbirgt
und wie er in dieser Arbeit verstanden wird. Die Ausführungen werden zeigen, dass ein
wesentliches Merkmal von Populärer Musik ihre Funktion ist, gesellschaftliche
Verhältnisse zu reflektieren, da sie auf soziale, politische und ökonomische
Veränderungen reagiert.
Diesen Ausführungen folgend, möchte ich unter Punkt 2.2. die Entstehungsprozesse
des Highlife nachzeichnen. Ausgehend von der Etablierung europäischer Militär-
Blaskapellen Ende des 19. Jahrhunderts bis hin zu einer Krise des Highlife in den
1980er Jahren, werden die wesentlichen Stufen sowie die internen und externen
Einflüsse skizziert.
Punkt 2.3. widmet sich der Entstehung und Aneignung von Hiplife in Ghana. Alle
Stufen im Aneignungsprozess, beginnend von einem anfänglichen Kopieren des US-
14Stuart Hall ist ein britischer Soziologe, der als Begründer der cultural studies gilt; er hat das sogenannte
Encoding/Decoding-Modell aufgestellt, welches die These unterstützt, ,,dass erst in der performativen Aushandlung im
Feld des Lokalen die global zirkulierenden popkulturellen Symbole und Images ´wirklich´werden, indem sie
lebensweltlich verankert werden" zit. In: Klein und Friedrich 2003: 84.
15 Horkheimer und Adorno 1986: 139 ff. und Behrens 2002: 66 f
5
amerikanischen Vorbildes bis hin zur Ausdifferenzierung eines lokal typischen
Musikstils, werden hier beleuchtet. In diesem Unterpunkt kommt aufgrund eines
starken Eigeninteresses der Internationalisierung des US-HipHops besondere
Aufmerksamkeit zu. Im Gegensatz zu anderen Jugendkulturen stellt HipHop kein
reines jugend- oder popkulturelles Phänomen dar, sondern muss vielmehr als glokales
Kulturphänomen verstanden werden; die Ausführungen werden die Gründe dafür
aufzeigen.
Der zweite Hauptteil widmet sich der textlichen Gestaltung der Musik. Fokussiert
werden hierbei die Kommentare zu gesellschaftlichen Ereignissen und Prozessen.
Diese Kommentare werden in der Arbeit als social commentaries bezeichnet und
beziehen sich auf soziale, politische, ökonomische oder auch historische Ereignisse
und Prozesse.
Einleitend wird unter Punkt 3.1. dargestellt, dass social commentaries fester
Bestandteil ghanaischer Musik und somit kein neues Phänomen der Populären Musik
sind. Die Ausführungen zeigen aber nicht nur, dass Musik Auskünfte über das
Alltagsleben, Traditionen, Werte oder wichtige Personen gibt, sondern auch die Art und
Weise, wie sie dies tut.
Anschließend werden die Ausführungen unter Punkt 3.2. zeigen, dass sich die
,,Tradition" der social commentaries im Highlife fortsetzt. Ich konzentriere mich hier
hauptsächlich auf die Entwicklungen und Ereignisse seit dem 2. Weltkrieg bis zur
Regierungszeit J.J. Rawlings seit den 1980er Jahren. Diese Zeit ist nicht nur aufgrund
der politischen Ereignisse von großem Interesse, sondern ist zudem wegen der
einsetzenden Modernisierungs- und Urbanisierungsprozesse und ihren Auswirkungen
auf das Leben der Bevölkerung für die Untersuchung von besonderem Reiz. In diesem
Punkt wird vor allem deutlich, dass die social commentaries primär indirekt durch die
Verwendung allusiven Materials (Volkserzählungen, Parabeln, Proverben) erfolgen.
Unter Punkt 3.3. wird schließlich untersucht, wie auch Hiplife-Künstler die Funktionen
als social commentators erfüllen. Dazu wird einleitend das Selbstverständnis der
Künstler dargestellt. Daran anschließend werden in diesem Kapitel wesentliche
Entwicklungen Ghanas seit der Jahrtausendwende thematisiert. 2001 fand nach einer
20-jährigen Amtszeit J.J. Rawlings ein politischer Machtwechsel von der NDC zur NPP
statt, dessen Wahrnehmung und Bewertung im Hiplife untersucht werden. Ebenso sind
die Entwicklungen unter Kufours NPP-Regierung seit diesem Machtwechsel von
besonderem Interesse. Die Ausführungen zum Hiplife knüpfen an die zum Highlife an,
da auch geprüft wird, ob und wie die Regierungsperiode Rawlings textlich kommentiert
wird. Neben den politischen werden auch die weiteren gesellschaftlichen
Entwicklungen der letzten Jahre fokussiert. Besonders die voranschreitende
6
Urbanisierung und die Auswirkungen der Globalisierung sind hier schwerpunktmäßig
von besonderer Bedeutung.
Ausführungen, die sich auf die Zeit vor dem 2. Weltkrieg beziehen, dienen der
Darstellung, dass die Praxis der social commentaries nicht plötzlich exisistierte,
sondern ein fester Bestandteil der ghanaischen Musikhistorie ist.
1.3 Quellenlage
Für Westafrika von großer Bedeutung ist besonders der Musikethnologe Prof. Joseph
H. Kwabena Nketia, der als einer der ersten versuchte, die Musikkulturen Westafrikas
historisch zu betrachten. In
History and organisation of music in West Africa
wandte er
sich gegen die damals in der Literatur verbreitete Annahme, dass die Musik des
subsaharanischen Afrikas Musik von statischen und isolierten Gesellschaften sei und
dass sie früheste Musikformen der Menschheit repräsentiere. Er versuchte deshalb,
das Problem des Wandels in afrikanischen Musiktraditionen im größeren Rahmen der
afrikanischen Geschichte neu zu betrachten, indem er in einer historisch orientierten
afrikanischen Musikforschung von der Gegenwart ausgeht, wobei die Daten nicht nur
aus der strukturellen Analyse der Musik selbst gezogen werden, sondern auch aus der
Untersuchung der Interrelation von Musik und anderen Aspekten der Kultur.16 So
untersucht er im 1974 erschienenen Band
Die Musik Afrikas
auch deren soziale und
kulturelle Hintergründe sowie die Funktion von Musik und Texten, die musikalischen
Aktivitäten und daneben, wie Musik als soziale Kontrolle und als
social commentator
agiert. Neben Westafrika im Allgemeinen beschäftigte sich Nketia auch vertiefend mit
der Musik Ghanas und veröffentlichte interessante und grundlegende Arbeiten zum
Thema (1963, 1974).
Andere wichtige Arbeiten zur Musik in Ghana entstammen der Feder des ghanaischen
Musikprofessors John Collins, der die Musikabteilung der Universität Legon in Accra
leitet. Der gebürtige Engländer hat den größten Teil seines Lebens in Ghana verbracht,
gilt als der Experte für Highlife und Afrobeat und unterhält ein privates Museum für
afrikanische Popmusik. Collins veröffentlicht seit 1973 zahlreiche Werke und Artikel
zum Thema Highlife und
concert parties
. Die meisten seiner Werke werden von der
These getragen, dass sich die Musik Ghanas über einen Re-Import ihrer eigenen
Wurzeln aus Amerika und Westindien transformiert. Einen geschichtlichen Abriss zur
Entstehung von Highlife stellt insbesondere
Highlife Time
(1996) dar, welches nur
nachrangig eine musikwissenschaftliche Bearbeitung ist. Außerdem verfasste Collins
mehrere Aufsätze zur Sozialgeschichte des Highlife (
Ghanaian Highlife
1976,
Jazz
16 Kubik 1989: 16.
7
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