Subtitle: Die Lebensform Alleinerziehend, ihre sozialen Netzwerke, Zufriedenheit der Betroffenen und was dies für die Kinder- und Jugendhilfe bedeutet
Intermediate Examination Paper, 2007, 40 Pages
Author: Judith Hesselink
Subject: Pedagogy - Family Education
Details
Year: 2007
Pages: 40
Grade: 1,3
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-33945-7
ISBN (Book): 978-3-640-33694-4
Thematisch mussten in dieser Modulabschlussprüfung die Veranstaltungen "Sozialberichterstattung am Beispiel des 11. Jugendberichts" und "Alleinerziehende im Spiegel der empirischen Sozialforschung", sowie -zumindest partiell- "Theoriekonzepte der Sozialen Arbeit" verknüpft werden.
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Abstract
„Familie hat heute viele Formen. Im April 2002 lebten in Deutschland fast 81% der Bevölkerung in Familien, einschließlich Ehepaaren, die keine Kinder (mehr) im Haushalt haben. Rund 54 % der Bevölkerung bildeten Eltern-Kind-Gemeinschaften mit gemeinsamer Haushaltsführung. Zur selben Zeit gab es 2,4 Mio. Alleinerziehende, darunter 87 % allein erziehende Frauen mit minderjährigen Kindern.“ (BMFSFJ 2004: 74) Obgleich nicht von einem allgemeinem Trend zum Single-Dasein ausgegangen werden kann und Untersuchungen belegen, dass Familie und Partnerschaft nach wie vor einen hohen Stellenwert einnehmen, verdeutlichen derlei statistische Werte doch deutlich, dass die Lebensform „Familie“ heute viele Gesichter hat und sowohl „von einer ´Normalisierung` nicht ehelicher Lebensformen gesprochen werden [kann]“ (BMFSFJ 2004: 98), als auch von einer „Entnormalisierung“ von Familienformen und Lebensverläufen (vgl. Brand & Hammer 2002: 13) ausgegangen werden kann. Die vorliegende Arbeit fokussiert die Lebensform „Alleinerziehend“. Sie wird sich nicht nur damit auseinandersetzen, in wie fern sich diese Lebensform etabliert hat und wie weit sie verbreitet ist, sondern will vor Allem die Zufriedenheit der Betroffenen mit ihrer Lebenssituation thematisieren, um so eine Aussage darüber treffen zu könne, in wie fern die Lebenssituation Alleinerziehender ein Themen- und Aufgabenbereich ist, der auch für die Sozialpolitik von Interesse ist. Diese Zufriedenheit soll sich allerdings nicht auf die bereits mehrfach untersuchte Lebenszufriedenheit in Bezug auf die ökonomische und/oder berufliche Situation beziehen, sondern vielmehr hinterfragen, ob sich Aussagen darüber treffen lassen, in wie fern der Entstehungszusammenhang der Lebensform „Alleinerziehend“ und die Unterstützung durch soziale und familiale Netzwerke einhergeht mit einem gewissen Grad an Zufriedenheit. Dazu muss in einem ersten Schritt geklärt werden, was die Lebensform „Alleinerziehend“ ausmacht, also auch, wie sich ihre gesellschaftliche Entwicklung und Anerkennung darstellt. Im weiteren Verlauf der Arbeit werden zwei Studien über die Lebensform „Alleinerziehend“ dargestellt. [...]
Excerpt (computer-generated)
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Die Lebensform ,,Alleinerziehend" 3
2.1 Gesellschaftliche Entwicklung und Akzeptanz 3
3. Die Niepel-Studie 7
3.1 Zur Studie: Aufbau, Durchführung, Untersuchungsziele 7
3.2 Begriffsbestimmungen 9
3.2.1 ,,Soziales Netzwerk" 9
3.2.2 ,,Soziale Unterstützung" 11
3.3 Untersuchungsergebnisse 12
3.3.1 Veränderungen der Netzwerke durch die Einelternschaft 12
3.3.2 Netzwerktypen alleinerziehender Frauen 14
3.3.3 Zufriedenheit der Alleinerziehenden mit ihren Netzwerken 15
3.3.4. Zufriedenheit der Alleinerziehenden mit der erhaltenen sozialen Unterstützung 15
4. Die Schneider-Studie 16
4.1 Der Aufbau der Studie 17
4.2 Entstehungszusammenhänge 19
4.3 Der Selbstbestimmtheitsgrad der Lebensform Alleinerziehend 21
5. Berücksichtigung der Ergebnisse von Seiten der Bundesregierung 22
5.1 Die Lebensform ,,Alleinerziehend" im Achten Kinder- und Jugendbericht 24
5.2 Die Lebensform ,,Alleinerziehend" im Elften Kinder- und Jugendbericht 26
6. Resümee 27
Anlage 1: Darstellung der Netzwerktypen Alleinerziehender 30
1.1 Freundschaftsnetzwerk (Typ 1): 30
1.2.1 Loseres Familien- und Freundschaftsnetzwerk (Typ 2a): 30
1.2.2 Dichtes Familien- und Freundschaftsnetzwerk (Typ 2b): 30
1.3 Familiennetzwerk (Typ 3): 31
Anlage 2: Die Darstellung der einzelnen Gruppen der Lebensform ,,Alleinerziehend" 32
2.1.1 Freiwillig Alleinerziehende 32
2.1.2 Bedingt freiwillig Alleinerziehende 33
2.1.3 Zwangsläufig Alleinerziehende 34
2.1.4 Ungewollt Alleinerziehende 35
2.2 Bilanz der Zuordnungen 36
Literaturverzeichnis: 38
1. Einleitung
,,Familie hat heute viele Formen. Im April 2002 lebten in Deutschland fast 81% der Bevölke-
rung in Familien, einschließlich Ehepaaren, die keine Kinder (mehr) im Haushalt haben. Rund
54 % der Bevölkerung bildeten Eltern-Kind-Gemeinschaften mit gemeinsamer Haushaltsfüh-
rung. Zur selben Zeit gab es 2,4 Mio. Alleinerziehende, darunter 87 % allein erziehende Frau-
en mit minderjährigen Kindern." (BMFSFJ 2004: 74)
Obgleich nicht von einem allgemeinem Trend zum Single-Dasein ausgegangen werden kann
und Untersuchungen belegen, dass Familie und Partnerschaft nach wie vor einen hohen Stel-
lenwert einnehmen, verdeutlichen derlei statistische Werte doch deutlich, dass die Lebens-
form1 ,,Familie" heute viele Gesichter hat und sowohl ,,von einer ´Normalisierung` nicht ehe-
licher Lebensformen gesprochen werden [kann]" (BMFSFJ 2004: 98), als auch von einer
,,Entnormalisierung" von Familienformen und Lebensverläufen (vgl. Brand & Hammer 2002:
13) ausgegangen werden kann.
Die vorliegende Arbeit fokussiert die Lebensform ,,Alleinerziehend"2. Sie wird sich nicht nur
damit auseinandersetzen, in wie fern sich diese Lebensform etabliert hat und wie weit sie ver-
breitet ist, sondern will vor Allem die Zufriedenheit der Betroffenen mit ihrer Lebenssituation
thematisieren, um so eine Aussage darüber treffen zu könne, in wie fern die Lebenssituation
Alleinerziehender ein Themen- und Aufgabenbereich ist, der auch für die Sozialpolitik von
Interesse ist. Diese Zufriedenheit soll sich allerdings nicht auf die bereits mehrfach untersuch-
te Lebenszufriedenheit in Bezug auf die ökonomische und/oder berufliche Situation beziehen,
sondern vielmehr hinterfragen, ob sich Aussagen darüber treffen lassen, in wie fern der Ent-
stehungszusammenhang der Lebensform ,,Alleinerziehend" und die Unterstützung durch so-
ziale und familiale Netzwerke einhergeht mit einem gewissen Grad an Zufriedenheit.
Dazu muss in einem ersten Schritt geklärt werden, was die Lebensform ,,Alleinerziehend"
ausmacht, also auch, wie sich ihre gesellschaftliche Entwicklung und Anerkennung darstellt.
Im weiteren Verlauf der Arbeit werden zwei Studien über die Lebensform ,,Alleinerziehend"
dargestellt. Während die erstere vorrangig den Aspekt der Zufriedenheit der Alleinerziehen-
den, auf dem Hintergrund ihrer sozialen Netzwerke und Unterstützung durch familiale bzw.
1 ,,Unter Lebensformen sind [...] relativ stabile Beziehungsmuster zu verstehen, die allgemein als Formen des
Alleinlebens oder Zusammenlebens, sowohl mit als auch ohne Kinder (familiale versus nichtfamiliale Lebens-
formen) zu beschreiben sind." (Meyer 2002: 402)
2 In der Regel wird im Verlauf dieser Arbeit von der ,,Lebensform ´Alleinerziehend`" bzw. ,,Alleinerziehenden"
die Rede sein. Wenngleich weitere Termina in diesem Kontext bestehen und u.a. in Punkt 2.1 kurz darauf einge-
gangen wird, dass es sich bei ,,Alleinerziehenden" oftmals nicht um tatsächlich Alleinerziehende handelt, wird
dieser Begriff bevorzugt verwendet werden, da er nichts desto trotz am sinnvollsten erscheint. So könnte auch
der Terminus der ,,Ein-Eltern-Familie" nicht ohne Einschränkungen verwendet werden, worauf auch Schneider
hinweist, wenn er bemerkt, dass der Begriff der Ein-Eltern-Familie verschleiert, dass ,,die Mehrzahl der Kinder
Kontakt zu beiden Eltern hat" (Schneider 2002: 125) (vgl. auch Schneider u. a. 2001: 17).
2
soziale Gefüge fokussiert, setzt sich die zweite vorgestellte Studie mit dem Entstehungszu-
sammenhang und damit einhergehend mit dem Selbstbestimmtheitsgrad der Lebensform ,,Al-
leinerziehend" auseinander.
Im anschließenden Abschnitt der Arbeit soll, Bezug nehmend auf die dargestellten Ergebnis-
se, untersucht werden, ob sich auch die Bundesregierung an den bestehenden, aktuellen empi-
rischen Studien-Ergebnissen orientiert. Dazu sollen zwei Sozialberichte, genauer gesagt zwei
Kinder- und Jugendberichte, im Hinblick auf das ihnen zugrunde liegende Bild der Lebens-
form ,,Alleinerziehend" untersucht werden. Abschließend sollen in einem kurzen Resümee
Überlegungen angestellt werden, inwiefern die Sichtweise der Bundesregierung angebracht ist
oder verändert werden muss. Auch auf die Frage, welche Ansprüche sich aus den Ergebnissen
der dargestellten Studien ergeben und wie sich diese für die Praxis nutzen lassen, soll im letz-
ten Abschnitt dieser Arbeit eingegangen werden, bevor schlussendlich die Relevanz der Le-
benssituation Alleinerziehender in der Sozialpolitik thematisiert wird.
2. Die Lebensform ,,Alleinerziehend"
2.1 Gesellschaftliche Entwicklung und Akzeptanz
,,Seit etwa 30 Jahren ist in der Bundesrepublik Deutschland wie auch in den meisten anderen
westlichen Industriestaaten ein tiefgreifender Wandel von Ehe, Familie und Elternschaft zu
beobachten." (Schneider/Krüger/Lasch/Limmer/Matthias-Bleck 2001: 11) So wird unter dem
Begriff Familie, ,,verstanden als Lebensform von Personensorgeberechtigten mit Kind oder
Kindern" (BMFSFJ 2002: 123)3, nicht mehr nur die klassische Mutter-Vater-Kind Konstella-
tion betrachtet, auch ,,Alleinerziehende, Mehrgenerationenhaushalte, homosexuelle Paare mit
Kindern, sog. patchwork-Familien, in denen die Eltern neue Beziehungen und auch neue
´Elternschaften` eingegangen sind, binationale Familien, Familien, die Migrations- oder auch
Fluchterfahrungen haben, u. a. Formen des Zusammenlebens" (BMFSFJ 2002: 122) lassen
sich als Form des familialen Zusammenlebens bezeichnen.
Tatsächlich ist man versucht, der Familie als Gefüge aus Eltern und Kind bzw. Kindern, wo-
bei der Vater als Familienoberhaut galt, bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts
hinein eine Monopolstellung zuzuschreiben. Wenngleich sie diese Monopolstellung tatsäch-
lich innehatte, darf dabei doch nicht außer Acht gelassen werden, dass es sich bei diesem zeit-
lichen Bezugsrahmen, ,,historisch gesehen, [um] eine Ausnahmezeit von relativ kurzer Dauer
3 Nach Meyer lässt sich der Begriff der Familie auch als ,,eine, nach Geschlecht und Generation differenzierte
Kleingruppe mit einem spezifischen Kooperations- und einem wechselseitigen Solidaritätsverhältnis, dessen
Begründung in allen Gesellschaften zeremoniell begangen wird" (Meyer 2002: 401) definieren.
3
[handelt]" (BMFSFJ 2006: 69). So erlitt eben dieses ,,bürgerliche Familienmodell mit finan-
zieller Existenzsicherung der Familie allein durch den Mann, [...] bereits mit dem OPEC-
Schock 1973" (ebd.) eine nicht zu unterschätzende Einschränkung seiner allgemeinen Gültig-
keit. Vor dem Hintergrund, dass schon der Begriff der ,,Familie" historisch betrachtet noch
verhältnismäßig jung ist, erscheint die Monopolstellung der Kleinfamilie dann auch wesent-
lich relativer: Erst mit Beginn der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhun-
derts setzte eine Trennung von beruflicher Produktions- und privater Reproduktionsstätte ein
und erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte sich dieses bürgerliche, emotional-
affektive Familienmodell zunehmend in allen Schichten umsetzen (vgl. Meyer 2002: 402 f.).
Der Zeitraum, in welchem sich das bürgerliche Modell der ,,Normalfamilie" als ,,eine kultu-
relle Selbstverständlichkeit und ein millionenfach fraglos gelebtes Grundmuster [darstellte]"
(ebd.: 403), welches für die ,,große Bevölkerungsmehrheit als die einzig gesellschaftlich
´richtige` und rechtlich legitimierte private Lebensform [...] [galt]" (ebd.), sollte also nicht zu
hoch angesiedelt werden.
Nichts desto trotz ist es eben diese Familienform, die über Jahre hinweg gesellschaftlich die
wohl meiste Akzeptanz erfahren hat, wenngleich sich aktuell ohne weit reichende Einschrän-
kungen behaupten lässt, die bürgerliche ,,Normalfamilie" habe im Verlauf der vergangen
Jahrzehnte einen Großteil ihrer Normalität eingebüsst: ,,Es ist inzwischen im wissenschaftli-
chen Diskurs wie in der öffentlichen Meinung nahezu ein Gemeinplatz geworden, dass Fami-
lienformen und Familienverläufe sich ´entnormalisiert`, differenziert und pluralisiert haben.
Dabei zeichnet sich auch ein wachsender Trend zu Individualisierung und Singularisierung in
Form von Alleinleben und sequenziellen Verläufen von Partnerschaften ab." (Brand/Hammer
2002: 13) Dieser Trend zur Individualisierung und Pluralisierung darf allerdings nicht als
,,Trend zur ´Vereinsamung` und zur ´sozialen Isolierung`" (Arbeitsgemeinschaft "Riedmül-
ler/Glatzer/Infratest" 1991: 26) missgedeutet werden. Vielmehr zeigt sich hier sehr deutlich
die bestehende Schwierigkeit, die unterschiedlichen Formen des Zusammen-, oder eben auch
des Alleinlebens trennscharf voneinander zu differenzieren. Zweifelsohne hat es Auswirkun-
gen auf die soziale Integration und Akzeptanz, ob es sich bei einem Einpersonenhaushalt um
eine verwitwete Frau mit erwachsenen Kindern handelt oder um eine getrennt lebende Frau,
deren Kinder bei dem ehemaligen Partner leben. Insgesamt ist eine sozialstrukturelle Erweite-
rung des Handlungsspielraumes der einzelnen Lebensverläufe und Familienformen zu erken-
nen. Galten Ehe und Familie noch vor wenigen Jahrzehnten als die zu erstrebende Familien-
form, hat ihre Attraktivität ,,sich binnen weniger Jahre aufgelöst und einer bislang unbekann-
ten Pluralität von Privatheitsmustern Raum geschaffen" (Meyer 2002: 412). Im Gegenzug
4
sind die Alternativen der privaten und familialen Lebensentwürfe gestiegen, so dass der Ein-
zelne zwischen verschieden Familienmustern quasi wählen kann. Zwar hat ,,Familie [...] im
Gefolge der gesellschaftlichen Ausdifferenzierungs-, Pluralisierungs-, Migrations- und Indi-
vidualisierungsprozesse und besonders durch die veränderte Frauen- und Mutterrolle der letz-
ten Jahrzehnte ihre typische Kontur verloren und beschreibt deswegen sehr vielfältige Formen
des Zusammenlebens von Eltern und Kindern" (BMFSFJ 2002: 123), eine Dominanz partner-
schaftlichen Zusammenlebens ist dennoch nicht von der Hand zu weisen (vgl. ebd.).
Im Sinne dieser Pluralisierungsprozesse hat sich auch die Lebensform ,,Alleinerziehend" etab-
liert, sie ,,ist in allen sozialen Schichten und in fast jeder Familie anzutreffen" (Internetredak-
tion des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend a). Galt sie ,,in den
50er, 60 er und z. T. auch noch in den 70er Jahren [...] als abweichende, pathogene Lebens-
form" (Niepel 1994 b: 16) und war selbst ,,noch im Dritten Familienbericht der Bundesregie-
rung Ende der 80er Jahre [...] von ´unvollständigen Familien` die Rede" (Schneider 2002:
123), hat sich die Lebensform ,,Alleinerziehend" zu Beginn des 21. Jahrhunderts von der Vor-
stellung der defizitären, unvollständigen Familie zur Option im Lebensverlauf gemausert.
Dabei ist die Lebensform ,,Alleinerziehend" keineswegs ein ausschließlich modernes Phäno-
men. Wenngleich die zu Grunde liegende Definition des Status ,,Alleinerziehend" nicht expli-
zit erläutert und damit nicht eindeutig bestimmbar ist, zeigen Aufzeichnungen, dass bereits
,,Mitte des 17. Jhdts. bis Ende des 18. Jhdts. [...] die Zahl der Alleinerziehenden zwischen
einem Fünftel und einem Viertel der Gesamtzahl aller Familien [pendelte]. Mitte des 18.
Jhdts. wurden in manchen Regionen Deutschlands sogar mehr als die Hälfte der Familien als
´unvollständig` ausgewiesen [...]" (Cromm 1998: 71 f.). Dass es sich bei diesen ,,unvollstän-
digen" Familien nicht um geschiedene Personen in unserem heutigen Verständnis handelt,
liegt auf der Hand, wenn man bedenkt, dass das Scheidungsrecht seine ersten Schritten im
Eherecht von 1900 machte.4 Dennoch weisen derlei Quellen noch einmal sehr deutlich auf die
Problematik, der allgemeingültigen Definition der Lebensform ,,Alleinerziehend" hin. Vor
dem Hintergrund der Verwitwung durch Verlust des Ehepartners durch Krankheit oder Krieg
verwundert eine solche Angabe also nicht, weist aber darauf hin, dass bereits zu dieser Zeit
von einer homogenen Gruppe ,,Alleinerziehender" keineswegs ausgegangen werden kann und
auch hier die soziale Anerkennung in einem hohen Maß vom Entstehungshintergrund abhing
(vgl. ebd.). Auch heute resultiert die Lebensform ,,Alleinerziehend" aus unterschiedlichen
4 Auf diesen Umstand wird auch im achten Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung hingewiesen: ,,Allerdings sollte nicht verkannt
werden, daß innerhalb der Gruppe der Kinder, die mit nur einem Elternteil aufwachsen, ganz erhebliche Verschiebungen insbesondere bei
der Gruppe der Kinder, die mit alleinerziehenden Müttern aufwachsen zu beobachten sind: 1961 war ein großer Prozentsatz alleinerziehender
Mütter verwitwet, während es heute in der Regel geschiedene Mütter sind." (BMJFFG 1990: 37)
5
Umständen, häufig aus einer Trennung oder Scheidung der beiden Elternteile. Parallel dazu
entscheiden sich aber auch immer mehr Menschen ganz bewusst für diese Lebensform. ,,Al-
leinerziehen hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten von einer sozialen Randerscheinung zu
einer weit verbreiteten Lebensform entwickelt." (BMFSFJ 2001: 109) Aktuell leben ,,in
Deutschland [...] fast zwei Millionen Alleinerziehende mit über 2,8 Millionen Kindern unter
18 Jahren" (ebd.). Auch hier zeigt sich die Problematik der Trennschärfe5. So kann keines-
wegs immer davon ausgegangen werden, dass eine getrennt lebende Frau auch tatsächlich
alleinerziehend ist oder dass sich für die Erziehung und Versorgung eines nicht ehelich gebo-
renen Kindes tatsächlich nur ein Elternteil verantwortlich zeigt. Nach Angaben des Bundes-
ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sind ,,etwa 72% der Alleinerziehen-
den mit Kindern unter 18 Jahren [...] Einelternfamilien, also tatsächlich Alleinerziehende.
83% der Alleinerziehenden sind Frauen (einschließlich derjenigen in nicht ehelichen Lebens-
gemeinschaften)." (BMFSFJ 2003: 109)
Unbestritten ist, dass sich mit der Tendenz zur Pluralisierung und Individualisierung auch die
gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber diesen zahlreichen Optionen von Lebensverläufen und
Familienformen verändert hat. Dieser deutlich zu erkennende Wandel lässt sich auch auf poli-
tischer und formaljuristischer Ebene nachzeichnen. Das am 01.August 2001 in Kraft getrete-
ne ,,Gesetz über die eingetragene Lebenspartnerschaft"6 liefert für diese Veränderung einen
stichhaltigen Beweis. Auch das Bundesministerium der Justiz trägt dieser Veränderung ge-
genüber Sorge, die im Januar 2005 publizierte Broschüre ,,´Gemeinsam leben` Eine Infor-
mation für Paare, die ohne Ehe oder eingetragene Partnerschaft zusammenleben" weist darauf
nur allzu deutlich hin. Darüber hinaus trug beispielsweise die Reform des Kindschaftsrechts
1998 dazu bei, auch die Bedingungen für alleinstehende Mütter positiv zu verändern. Wenn-
gleich gerade um einer Benachteiligung und Stigmatisierung der Lebensform ,,Alleinerzie-
hend" entgegenzuwirken noch weitere Maßnahmen ergriffen und Veränderungen angestrebt
werden müssen, zeigen derlei Reformen doch recht deutlich, dass eine dahingehende Bewe-
gung bereits in Gang gesetzt wurde. Schlussendlich lässt sich also sagen, dass ,,Alleinerzie-
hen [...] keine defizitäre Form der Familie und kein moderner Lebensstil, sondern, bei aller
Spezifität, eine familiale Lebensform wie andere [ist]" (Schneider 2002: 135).
5 Auf diese Problematik wird auch von Seiten verschiedener Autoren immer wieder hingewiesen: ,,Allerdings sind bereits sämtliche Zahlen
in diesem Umfeld höchst relativ, das sowohl in den amtlichen Statistiken wie auch in manchen empirischen Untersuchungen die verschiede-
nen nichtehelichen Lebensformen nicht systematisch voneinander getrennt werden. Daher kommt es vor allem bei den Angaben zu in den
Haushalten Alleinerziehender lebenden Kindern oft zu deutlichen Abweichungen." (Brand/Hammer 2002: 13)
6 Kurz: Lebenspartnerschaftsgesetz (LPartG)
6
3. Die Niepel-Studie
Im folgenden Abschnitt soll der Frage nachgegangen werden, in wie fern und wenn ja, wie es
möglich ist, eine gültige Aussage, über die Zufriedenheit Alleinerziehender im Bezug auf die
erhaltene Unterstützung innerhalb ihrer Lebenssituation, zu treffen. Zweifelsohne ist die Le-
bensform ,,Alleinerziehend" verbunden mit einer, im Vergleich zur Elternschaft innerhalb
einer Partnerschaft, höheren Belastung. Alleinerziehende müssen nicht nur alleine für ,,Be-
treuung und Erziehung ihrer Kinder, für den Erwerb des Lebensunterhalts und für die [Erledi-
gung der] Haushaltsaufgaben [sorgen]" (Niepel 1994 b: 19), sie sind in Folge eben dieser
Mehrfach-Belastung auch wesentlich häufiger und in einem höheren Maß Stressoren ausge-
setzt, die sich auch in der Bewertung und Bewältigung ihrer Lebenssituation niederschlagen.
Während die Faktoren, die als Ursache für einen finanziell belastenden Hintergrund recht of-
fenkundig sind und darüber hinaus auch als empirisch untersucht gelten, muss die Daten- und
Untersuchungsbasis im Bezug auf die ,,Lebenszufriedenheit darüber hinaus" doch prekärer-
weise als äußerst dürftig bezeichnet werden.
Erst in den 80er Jahren beginnt man im angloamerikanischen Raum in der Single Parent-
Forschung die Bedeutung und Tragweite sozialer Unterstützung und sozialer Netzwerke zu
erkennen und empirisch zu untersuchen und zu belegen. Für die Hinwendung zu dieser The-
matik lassen im wesentlichen zwei Gründe benennen: zum Einen ließ sich aus einer Vielzahl
von Studien, deren genuiner Forschungsgegenstand nicht die Erforschung des sozialen Netz-
werks und/oder der sozialen Unterstützung war, herauslesen, dass ,,die Verfügbarkeit quanti-
tativ wie qualitativ zufriedenstellender Unterstützung ein wesentlicher Faktor für die Bewälti-
gung der Lebenssituation als Alleinerziehende ist [...]. Zum anderen liegen sie in den Er-
kenntnissen der Lebensereignis-, Streß- und Social Support-Forschung, in denen die zentrale
Bedeutung sozialer Unterstützung als Bewältigungsressource neben dem individuellem
´coping` vielfach empirisch belegt worden ist" (Niepel 1994 b:21 f.). Um aber eben diese Be-
deutung für die Lebenszufriedenheit Alleinerziehender valide darstellen zu können, muss
zudem geklärt werden, was sowohl in der dargestellten Studie, als auch in der weiteren Litera-
tur unter ,,sozialen Netzwerken" und ,,sozialer Unterstützung" verstanden wird.
3.1 Zur Studie: Aufbau, Durchführung, Untersuchungsziele
Die vorgestellte Studie wurde über einen Zeitraum von zwei Jahren (1991/92) im Rahmen
des, an der Universität Bielefeld angesiedelten, Forschungsprojektes ,,Soziale Netzwerke und
soziale Unterstützung bei Alleinerziehenden" durchgeführt. Ein vergleichsweise kleines Sam-
ple (N = 20) wurde im Rahmen von ,,problemzentrierten Intensivinterviews mit relativ offe-
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