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"Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ewger Bund zu flechten"

Subtitle: Das Leben Julius Robert Oppenheimers (1904 - 1967) als real gelebte Variante des mythisch-literarischen Wissenschaftlers Faust

Scholary Paper (Seminar), 2007, 21 Pages
Author: Marco Kunze
Subject: History - Miscellaneous

Details

Event: Naturwissenschaft, Technik und Umwelt in kulturwissenschaftlicher Perspektive
Institution/College: Technical University of Braunschweig (Historisches Seminar )
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2007
Pages: 21
Grade: 2,0
Language: German
Archive No.: V127194
ISBN (E-book): 978-3-640-33955-6
ISBN (Book): 978-3-640-33702-6

Abstract

Am 1. Oktober 2005 hatte die Oper „Doctor Atomic“ von John C. Adams (*1947) und Peter Sellars (*1957) in der San Francisco Opera Welturaufführung. Inhalt des Stücks ist die Lebensgeschichte von Julius Robert Oppenheimer (1904 – 1967), dem schon zu Lebzeiten umstrittenen, so betitelten „Vater der Atombombe“. Episodenhaft werden Szenen seines Lebens, vor allem aus der Zeit der Entwicklung der ersten Atombombe, im so genannten „Manhattan – Projekt“ nachgestellt. Ziel dieser Oper sollte es sein Oppenheimer als eine Art „amerikanischen Faust“ darzustellen, der in einem Konflikt zwischen seiner moralischen Verantwortung und Loyalität zwischen Wissenschaft, Staat und Menschlichkeit gefangen ist, nachdem er als nach Erkenntnis strebender Wissenschaftler für das Projekt Atombombe den sinnbildlichen „Pakt mit dem (mehrdeutigen) Teufel“ eingehen musste. Ausgehend von der nicht erst durch Johann Wolfgang von Goethes (1749 – 1832) berühmt gewordenen literarischem „Faust“ aufgeworfenen Frage, ob nicht jeder Wissenschaftler (oder sogar jeder Mensch) das „faustische“ Motiv des ewig Zweifelnden, nach Erkenntnis Strebenden und mit dem Teufel Paktierenden in sich trägt, sollen in der folgenden Ausarbeitung Biografie und Karriere von J. Robert Oppenheimer in markanten Punkten auf eben jenes Motiv hin untersucht werden. Die Biografie Robert Oppenheimers soll in diesem Zusammenhang als mahnendes Beispiel eines Wissenschaftlers aufgezeigt werden, der wie der mythische Dr. Johann Faust in einem „Teufelskreis“ von Erkenntnisdrang und Selbstzweifeln, Freiheit und Abhängigkeit des Wissenschaftlers und der Wissenschaft, Verantwortung gegenüber der Wissenschaft und der Menschlichkeit, sowie Vertrauen in und Verrat an seinen ureigenen Idealen und Werten gefangen ist und schlussendlich zugrunde geht oder gebracht wird. Hierdurch soll ein Vergleich zwischen Mythos, Literatur und real gelebter Biografie gezogen werden, der vor allem auch auf das Verhältnis zwischen individuellem Menschen und kollektiver Wissenschaft eingehen soll. Im abschließenden Resümee dieser Ausarbeitung soll noch einmal versucht werden, die Ausgangsfrage zu beantworten, anhand welcher spezifischen Merkmale und Ausprägungen J. Robert Oppenheimer als ein wissenschaftlicher „Faust des 20. Jahrhunderts“ charakterisiert werden kann.


Excerpt (computer-generated)

Fakultät 06: Geistes- und Erziehungswissenschaften

Historisches Seminar

Abteilung: Wissenschafts- und Technikgeschichte

Hauptseminar:

,,Naturwissenschaft, Technik und Umwelt in kulturwissenschaftlicher

Perspektive"

(Aufbaumodul 7)

Wintersemester 2006/2007





,,Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ewger Bund

zu flechten

"

Das Leben Julius Robert Oppenheimers

(1904 ­ 1967) als real gelebte Variation des mythisch-

literarischen Wissenschaftlers Faust

___________________________________________________________________________

MARCO KUNZE

2-Fach-B.A. (Geschichte / Germanistik)

5. Fachsemester (Wintersemester 2006/2007)

Abgabedatum: 16. April 2007


Inhaltsverzeichnis

FAKULTÄT 06: GEISTES- UND ERZIEHUNGSWISSENSCHAFTEN 1

WINTERSEMESTER 2006/2007 1

MARCO KUNZE 1

Abgabedatum: 16. April 2007 1

1. EINLEITUNG 1

2. DER MYTHOS VOM WISSENSCHAFTLER DR. JOHANN FAUST 2

3. JULIUS ROBERT OPPENHEIMER (1904 ­ 1967) ­ REALE VARIANTE DES
FAUST-MYTHOS? 4

3.1 ,,DAß ICH ERKENNE, WAS DIE WELT IM INNERSTEN ZUSAMMENHÄLT ­ DER WEG IN DIE

GROßE WISSENSCHAFT 4

3.2 ,,DER PAKT MIT DEM TEUFEL?" ­ LOS ALAMOS UND DAS ,,MANHATTAN ­ PROJEKT" 6

3.3 ,,UND SEHE, DAß WIR NICHTS WISSEN KÖNNEN" ­ ZWEIFEL UND AUFTRAG 9

3.4 ,,DOCH MIT DES GESCHICKES MÄCHTEN IST KEIN EWGER BUND ZU FLECHTEN." ­ DER

FALL J. ROBERT OPPENHEIMER 11

4. MAHNENDES BEISPIEL FÜR DIE WISSENSCHAFT? MENSCH UND
WISSENSCHAFT 13

5. OPPENHEIMER = FAUST? ­ SCHLUSSBETRACHTUNGEN 15

BIBLIOGRAFIE 17

- MONOGRAFIEN - 17

- ZEITSCHRIFTENAUFSÄTZE - 18

- INTERNETQUELLEN (=TITELBILDNACHWEIS) - 18


1. Einleitung

Am 1. Oktober 2005 hatte die Oper ,,Doctor Atomic" von John C. Adams (*1947) und Peter

Sellars (*1957) in der San Francisco Opera Welturaufführung.1 Inhalt des Stücks ist die

Lebensgeschichte von Julius Robert Oppenheimer (1904 ­ 1967), dem schon zu Lebzeiten

umstrittenen, so betitelten ,,Vater der Atombombe". Episodenhaft werden Szenen seines

Lebens, vor allem aus der Zeit der Entwicklung der ersten Atombombe, im so genannten

,,Manhattan ­ Projekt" nachgestellt. Ziel dieser Oper sollte es sein Oppenheimer als eine Art

,,amerikanischen Faust" darzustellen, der in einem Konflikt zwischen seiner moralischen

Verantwortung und Loyalität zwischen Wissenschaft, Staat und Menschlichkeit gefangen ist,

nachdem er als nach Erkenntnis strebender Wissenschaftler für das Projekt Atombombe den

sinnbildlichen ,,Pakt mit dem (mehrdeutigen) Teufel" eingehen musste2.

Ausgehend von der nicht erst durch Johann Wolfgang von Goethes (1749 ­ 1832) berühmt

gewordenen literarischem ,,Faust" aufgeworfenen Frage, ob nicht jeder Wissenschaftler (oder

sogar jeder Mensch) das ,,faustische" Motiv des ewig Zweifelnden, nach Erkenntnis

Strebenden und mit dem Teufel Paktierenden in sich trägt, sollen in der folgenden

Ausarbeitung Biografie und Karriere von J. Robert Oppenheimer in markanten Punkten auf

eben jenes Motiv hin untersucht werden.

Die Biografie Robert Oppenheimers soll in diesem Zusammenhang als mahnendes Beispiel

eines Wissenschaftlers aufgezeigt werden, der wie der mythische Dr. Johann Faust in einem

,,Teufelskreis" von Erkenntnisdrang und Selbstzweifeln, Freiheit und Abhängigkeit des

Wissenschaftlers und der Wissenschaft, Verantwortung gegenüber der Wissenschaft und der

Menschlichkeit, sowie Vertrauen in und Verrat an seinen ureigenen Idealen und Werten

gefangen ist und schlussendlich zugrunde geht oder gebracht wird. Hierdurch soll ein

Vergleich zwischen Mythos, Literatur und real gelebter Biografie gezogen werden, der vor

allem auch auf das Verhältnis zwischen individuellem Menschen und kollektiver

Wissenschaft eingehen soll. Im abschließenden Resümee dieser Ausarbeitung soll noch

einmal versucht werden, die Ausgangsfrage zu beantworten, anhand welcher spezifischen

Merkmale und Ausprägungen J. Robert Oppenheimer als ein wissenschaftlicher ,,Faust des

20. Jahrhunderts" charakterisiert werden kann.

1 http://www.doctor-atomic.com; http://www.exploratorium.edu/doctoratomic

2 http://www.welt.de/print-welt/article168605/Die_Bombe_ueber_der_Wiege.html

1


2. Der Mythos vom Wissenschaftler Dr. Johann Faust

Der Fauststoff, oder etwas verklärender formuliert der Faust-Mythos, hat Generationen von

Menschen, vor allem Literaten und auch Wissenschaftler beschäftigt. Im Kern beruht er auf

der Biografie des Halbgelehrten und Arztes Johann oder Georg Faust, der wahrscheinlich um

1480 in der Gegend um Knittlingen geboren wurde und um 1540 im Breisgau verstarb. Dieser

Johann verdingte sich als herumreisender Scharlatan auf Jahrmärkten, indem er von

Zauberwesen erzählte und die Menschen mit Wahrsagerei und Horoskopen in seinen Bann

zog. Seine überlieferte Biografie vermischte sich auch aufgrund seiner Scharlatanerie und

seiner unheimlichen Wirkung auf seine Zeitgenossen mit kursierenden anekdotenhaften

Geschichten.3

Die schriftliche Grundlage für den Faust-Mythos bildet das anonym verfasste, 1587 bei

Johann Spies in Frankfurt am Main herausgegebene Faustbuch ,,Historia von D. Johann

Fausten". Da sein Leben an der Epochenschwelle zwischen Mittelalter und früher Neuzeit

liegt fließen in den in der Entstehung begriffenen Faust-Mythos ältere und neuere Gedanken

und Ängste um den Themenkomplex ,,Wissenschaft" ein. Der literarische Dr. Faust wird

hierdurch zum Prototypen eines frühneuzeitlichen Wissenschaftlers. In Abkehrung von der

mittelalterlichen Wissenschaft, die der Kirche das Primat in der Wissenschaft zusprach und

wissenschaftlichen Erkenntnisdrang als Eindringen in die Sphäre der göttlichen Gedanken

verurteilte, ist es gerade Faust, der jetzt diesem bisher verschlossenen Erkenntnisdrang folgt.

In Anlehnung an die paracelsische4 Sehnsucht nach Erkenntnis überschreitet Faust so die

religiöse Ebene bis hin zur Pansophie und Allweisheit. Da der Erkenntnisdrang des Faust

jedoch nicht durch die vorhandene Wissenschaft gestillt werden kann und dieser ewig am

bisherigen und sich selbst zweifelt, ist dieser bereit eine Bund oder Pakt mit dem Teufel (in

den ersten Ausgaben ist es noch ein Geist) einzugehen, damit dieser durch sein Wissen und

seine Macht Fausts Drang nach Erkenntnis stillen kann.5

Durch diese Motivkombination wird in der Folgezeit immer wieder die Frage aufgeworfen,

ob der unstillbare Drang nach Erkenntnis, als dem Menschen innewohnende und

vorantreibende Kraft, gut oder böse ist. Durch den Teufelsbund erhält der Mythos aus seiner

Entstehungszeit in der Folgezeit immer wieder eine dunkle und böse Ausprägung, allein auch

dadurch, dass der Wissenschaftler versucht die gottgewollte Ordnung der Welt zu erfassen.

Allerdings war der anonyme Autor der der ,,Historia von D. Johann Fausten", wahrscheinlich

3 Vgl. Doering (2001), S. 7ff., Trutz (2007), S. 470ff., sowie Völker (1999), S. 14f.

4 Theophrastus Bombast von Hohenheim (genannt Paracelsus) (ca. 1493 ­ 1541)

5 Vgl. Henning (1993), S. 11ff.; Schwerte (1962), S. 7ff., sowie Trutz (2007), S. 470ff.

2


ein protestantischer Sitteneiferer und Gegner der neuen Wissenschaft literarisch nicht in der

Lage dem Fauststoff die richtige literarischen Konturen zu verleihen.6

So wurde der Mythos in der Folgezeit immer wieder neu aufgegriffen und erhielt immer

wieder neue Ausprägungen und wurde um inhaltliche und aussagende Elemente erweitert,

wobei der Kern des nach Erkenntnis strebenden, alles anzweifelnden und mit dem Teufel

paktierenden Wissenschaftlers in allen Werken als mythisches und inhaltliches Grundgerüst

beibehalten wurde.

Bereits 1589 schuf der englische Dramatiker Christopher Marlowe (1564 ­ 1593) eine

dramatische Version der Faustgeschichte. Bei Marlowe erhält Faust den Charakter

Shakespearescher Bösewichter: der Geist soll ihm wunderbare Kriegsmaschinen und die

schönsten Frauen liefern und als Magier möchte er zu einem irdischen Gott werden und die

Macht über die Welt erhalten. Sein böses Ende ist damit jedoch vorprogrammiert. Trotzdem

ist es das erste Faust-Werk, das der Figur positive Charakterzüge zueignet. Marlowes Stück

wird von Wandertheatern aufgenommen und somit verbreitet, zuletzt wird es sogar zu einem

komischen Puppenspiel.7

Neben vielen anderen Literaten beschäftigt sich auch Gotthold Ephraim Lessing (1729 ­

1781) 1759 in seinem 17. Literaturbrief mit Faust. In seinem Faustfragment wird das

Erkenntnisstreben im Sinne der Ideen der Aufklärung als positive Charaktereigenschaft

gewertet.8

Die berühmteste literarische Umsetzung des Faustmythos sollten die Faustwerke von Johann

Wolfgang von Goethe (1749 ­ 1832) werden. Nachdem sich Goethe ausführlich mit den

meisten vorher veröffentlichten Faustwerken beschäftigt hatte verfasste Goethe zunächst den

,,Urfaust" (1775), ,,Faust I" (1808) und ,,Faust II" (1832). Er gab dem Faustmythos die

geeignete literarische Form und schuf den bedeutendsten Teil des Faustmythos, indem er sich

60 Jahre lang mit dem Stoff beschäftigt hatte. Auch wenn Goethe den Stoff wiederum um

viele Elemente erweiterte behielt auch er die Grundprägung des faustische Charakters bei.9

Goethes Faustwerke sollten auch den Grundstock für eine besonders deutsche Ideologisierung

des Faustmythos bis in 20. Jahrhundert hinein bilden.10

6 Vgl. Heinning (1993), S.5ff.; Jasper (1998), S. 34ff., sowie Völker (1999), S. 30ff.

7 Vgl. Doering (2001), S. 11; Henning (1993), S. 135ff.;Knust (1983), S. 122f.,

sowie Trutz (2007), S. 473f.

8 Vgl. Trutz (2007), S. 474f.

9 Vgl. Doering (2001), S. 15f.; Scholz (1995), S. 6ff.; Schwerte (1962), S. 42ff.;

Trutz (2007), S.477ff., sowie Weber (2005), S. 126ff.

10 Vgl. Doering (2001), S. 18f.; Henning (1993), S. 229ff.; Jasper (1998), S. 100ff.

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