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Aby Warburg - Die Mehrdeutigkeit des Schlangenrituals: Zwischen Magie und Logos. close

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Aby Warburg - Die Mehrdeutigkeit des Schlangenrituals: Zwischen Magie und Logos.

Subtitle: Eine Untersuchung über die Grenzen der Kunstgeschichte hinaus

Termpaper, 2006, 42 Pages
Author: Sarah Poppel
Subject: Cultural Studies

Details

Institution/College: University of Tubingen
Category: Termpaper
Year: 2006
Pages: 42
Grade: 1,0
Language: German
Archive No.: V127796
ISBN (E-book): 978-3-640-34922-7
ISBN (Book): 978-3-640-34960-9

Abstract

Es ist ein altes Buch zu blättern, Athen, Oraibi – alles Vettern. Mit diesen Worten – darin zum Ausdruck gebracht ein mutmaßlicher Verwandtschaftsgrad zwischen dem kulturpolitischen Bildungszentrum der Antike und dem am Rande der Zivilisation, in New-Mexico, gelegenen Hopi-Dorf, eröffnete Aby Warburg 1923 in Kreuzlingen seinen Vortrag Bilder aus dem Gebiet der Pueblo-Indianer. Dabei handelt es sich um eine, basierend auf 1895/96 gesammelten Reiseerfahrungen verfasste Abhandlung über die Kultgewohnheiten dieses Stammes, daraus gewonnene Erkenntnisse, was die Psyche des primitiven und dessen Entwicklung zum modernen Menschen betrifft, vor allem, dass zwischen diesen beiden Entwicklungsstufen der symbolschaffende Mensch steht und dieses Entwicklungsphänomen sich gleichermaßen im Denken des Primitiven Amerikas und des heidnischen Griechen Europas zeigt: „Athen, Oraibi – alles Vettern“. Das Schlangenritual – handelt repräsentiert schließlich einen Lebensabschnitt Warburgs, über den „[...] mehr veröffentlicht worden [ist], als über alle anderen Aspekte seines Lebens“(Gombrich,1981:119) – und sehr rasch stellt sich heraus, dass das Schlangenritual weniger ein in sich geschlossenes Forschungsdokument darstellt, sondern vielmehr „[...] ein[en] komplexe[en] Knoten, in dem zahlreiche von Warburg im Laufe seiner Forschungen entwickelte Themen zusammen kommen“. Es wird schnell klar, dass der Vortrag Eines und Vieles zugleich in sich birgt: „[...] ein Höhepunkt seiner Bemühungen [...] dem engen Kreis der Kunstgeschichte“ zu Gunsten der Kulturpsychologie zu entweichen, die Fähigkeit „die europäische Geschichte mit den Augen eines Anthropologen zu sehen“, um zu einem tieferen Verständnis der Bedeutung antiker Formen und ihres Nachlebens in der europäischen Kultur vorzudringen, „eine gedrängte Theorieskizze über kultische Ursprünge der Symbolbildung“ und schließlich „der gelungene Versuch einer Selbstheilung“ – der Erlösungsversuch eines im Inferno Gemarterten. Ersichtlich wird sodann, dass man sich im Vorhaben einer Analyse dieses vielschichtigen „Rätsels der Sphinx“ nur über konkrete Vergleichspunkte nähern sollte, um nicht in einem undurchdringlichen Chaos von Wissensrelationen letztlich den Überblick zu verlieren. Deshalb wird im Folgenden, nach einführendem Resümee der Reiseumstände von 1895 und des Vortrags von 1923, den oben erwähnten Lesarten von Ernst Gombrich, Fritz Saxl, Ulrich Raulff und Karl Königseder als vermittelnde Interpretationsstränge zu folgen.


Excerpt (computer-generated)

Eberhardt-Karls Universität Tübingen

Kunsthistorisches Institut

Seminar:

Aby Warburg. Kunstgeschichte als Kulturwissenschaft.

WS 2004/05

Aby Warburg.

Die Mehrdeutigkeit des

Schlangenrituals

.

Zwischen Magie und Logos.

Eine Untersuchung über die Grenzen der Kunstgeschichte hinaus.

Sarah Poppel

Spanisch (HF: 8), Kunstgeschichte (HF: 5)


Inhaltsverzeichnis.

1.

Einleitung.

2

2. Reiseumstände.

3

3.

Der

Vortrag

von

1923.

5

3.1.

Die

äußeren

Bedingungen.

5

3.2. Zusammenfassung des Vortrags.

6

4.

Gombrich:

Kulturpsychologie.

14

4.1.

Ursprünge

der

Symbolbildung.

14

4.2.

Aufklärung.

15

4.3.

Der

moderne

Mensch.

16

5. Saxl: Anthropologie ­ Nachleben der Symbole.

17

5.1.

Das

Nachleben

der

Antike.

17

5.2. ,,Athen, Oraibi ­ alles Vettern".

18

5.3.

Polarität.

20

6. Raulff: Polyvalenz der Schlange ­ Das Symbol.

21

7.

Königseder:

Selbstheilung.

23

8. Fazit.

24

9.

Bibliographie.

26

10.

Abbildungsteil.

28

11.

Abbildungsverzeichnis.

40






1


1. Einleitung.

Es ist ein altes Buch zu blättern, Athen, Oraibi ­ alles Vettern

.1 Mit diesen Worten ­

darin zum Ausdruck gebracht ein mutmaßlicher Verwandtschaftsgrad zwischen dem

kulturpolitischen Bildungszentrum der Antike und dem am Rande der Zivilisation, in

New-Mexico, gelegenen Hopi-Dorf, eröffnete Aby Warburg (1866-1929) 1923 in

Kreuzlingen seinen Vortrag

Bilder aus dem Gebiet der Pueblo-Indianer

(

Das

Schlangenritual

), dem wiederum die zentrale Stellung in dieser Arbeit gewidmet ist.

Aby Warburg, vielen meist ausschließlich als Begründer der modernen Ikonologie

bekannt2, tritt vor allem wegen seines unkonventionellen Wirkens in der

Kunstgeschichte unter den Gelehrten seiner Zeit hervor: Ein

Bildwissenschaftler3

, der

mit seiner Methode der

Gesamtkultur

4, behaftet mit einer stets gehegten Detailliebe5,

dabei jedoch fernab jeder

grenzpolizeilichen Befangenheit6

, als Grenzgänger zwischen

den Disziplinen, wenn auch ohne fundierte theoretische Ausarbeitung seiner

Kunstwissenschaft, das Ziel einer monistischen Kunst- und Kulturpsychologie

anstrebte7 und darüber hinaus, aus heutiger Sicht, nichts an Aktualität vermissen lässt8.

Bei seinem Vortrag über das Schlangenritual handelt es sich nun ­ soweit ein erster

skizzenhafter Blick offenbart ­ um eine, basierend auf 1895/96 gesammelten

Reiseerfahrungen verfasste Abhandlung über die Kultgewohnheiten der Pueblo-

Indianer, daraus gewonnene Erkenntnisse, was die Psyche des primitiven und dessen

Entwicklung zum modernen Menschen betrifft, vor allem, dass zwischen diesen beiden

Entwicklungsstufen der symbolschaffende Mensch steht und dieses Entwicklungs-

phänomen sich gleichermaßen im Denken des Primitiven Amerikas und des heidnischen

Griechen Europas zeigt: ,,Athen, Oraibi ­ alles Vettern".

Im Zuge einer nachhaltigeren wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem

Schlangenritual

­ handelt es sich schließlich um einen Lebensabschnitt Warburgs, über

1 Warburg, A. (1992)

Das Schlangenritual. Ein Reisebericht

, 9. Weiterer Nachweis des Zitats: Warburg

(1920): Heidnisch-antike Weissagung in Wort und Bild zu Luthers Zeiten. In: Ders. (1979)

Ausgewählte
Schriften und Würdigungen (ASW)

. Wuttke (Hg.), 201. Das Zitat ist abgeleitet aus: Goethe,

Faust II

:

[Mephistopheles:] ,,Hier dacht′ ich lauter Unbekannte und finde leider Nahverwandte; Es ist ein altes

Buch zu Blättern: Vom Harz bis Hellas immer Vettern!"

2 Auf diesen Irrtum verweist Kany, R. (1987)

Mnemosyne als Programm

, 133.

3 So nennt ihn Raulff, U. (2003: 7).

4 vgl. Wind, E. (1931): Warburgs Begriff der Kulturwissenschaft und seine Bedeutung für die Ästhetik.

In: Warburg (1979)

ASW

, 408.

5 vgl. hierzu das Zitat: ,,Der liebe Gott steckt im Detail". Erläuterungen zu diesem in: Warburg (1979)

ASW

, 620-625 (Nachwort von Wuttke).

6 Warburg (1912/ 22): Italienische Kunst und internationale Astrologie im Palazzo Schifanoja zu Ferrara.

In: Ders. (1979)

ASW

, 173-198.

7 vgl. v.a. Gombrich. E. (1970)

Aby Warburg

, 326; Kany (1987)

Mnemosyne als Programm

, 142; Wind

(1931): Warburgs Begriff der Kulturwissenschaft. In: Warburg (1979)

ASW

, 408.

8 vgl. z.B. Raulff (2003)

Wilde Energien

, 4; Bredekamp, H.: ,,Du lebst und thust mir nichts." In: Warburg

(1991)

Akten des internationalen Symposions

, 6.

2


den ,,[...] mehr veröffentlicht worden [ist], als über alle anderen Aspekte seines

Lebens"(Gombrich,1981:119) ­, stellt sich sehr rasch heraus, dass das

Schlangenritual

weniger ein in sich geschlossenes Forschungsdokument darstellt, sondern vielmehr ,,[...]

ein[en] komplexe[en] Knoten, in dem zahlreiche von Warburg im Laufe seiner

Forschungen entwickelte Themen zusammen kommen"9. Ein Grund hierfür ist der

knapp dreißig Jahre umfassende Zeitraum zwischen der endgültigen Ausarbeitung im

Jahre 1923 und Warburgs eigentlicher Reise, verbunden mit dem zeitlichen Rahmen im

Schlangenritual

(annähernd dreitausend Jahre).

Es wird schnell klar, dass der Vortrag Eines und Vieles zugleich in sich birgt: ,,[...] ein

Höhepunkt seiner Bemühungen [...] dem engen Kreis der Kunstgeschichte"10 zu

Gunsten der Kulturpsychologie zu entweichen, die Fähigkeit ,,die europäische

Geschichte mit den Augen eines Anthropologen zu sehen"11, um zu einem tieferen

Verständnis der Bedeutung antiker Formen und ihres Nachlebens in der europäischen

Kultur vorzudringen, ,,eine gedrängte Theorieskizze über kultische Ursprünge der

Symbolbildung"12 und schließlich ,,der gelungene Versuch einer Selbstheilung"13 ­ der

Erlösungsversuch eines im

Inferno

Gemarterten.

Ersichtlich wird sodann, dass man sich im Vorhaben einer Analyse dieses

vielschichtigen ,,Rätsels der Sphinx"14 nur über konkrete Vergleichspunkte nähern

sollte, um nicht in einem undurchdringlichen Chaos von Wissensrelationen letztlich den

Überblick zu verlieren. Deshalb wird im Folgenden vorgeschlagen, nach einführendem

Resümee der Reiseumstände von 1895 und des Vortrags von 1923, den oben erwähnten

Lesarten von Ernst Gombrich, Fritz Saxl, Ulrich Raulff und Karl Königseder als

vermittelnde Interpretationsstränge zu folgen.


2. Reiseumstände.

Im September 1895 bricht Warburg mit seiner Familie nach New York auf, um dort der

Hochzeit seines Bruders Paul beizuwohnen. Abgestoßen von der "Leerheit der

Zivilisation im östlichen Amerika", treibt es den Gelehrten jedoch kurz nach seiner

Ankunft in eine ,,Flucht zum natürlichen Objekt und zur Wissenschaft", die ihn bis in

den äußersten Südwesten der Vereinigten Staaten ­ in das sogenannte

Four-Corner-

9 Michaud, Philippe-Alain (1999): Florenz in New Mexico. In: Castella Guidi/ Mann (Hgs.) (1999)

Grenzerweiterungen

, 62.

10 Gombrich (1981)

Aby Warburg,

120.

11 Saxl, F. (1929): Warburgs Besuch in Neu-Mexico. In: Warburg (1979)

ASW

, 317.

12 Raulff: Die sieben Häute der Schlange. In: Ders. (2003)

Wilde Energien

, 54.

13 a.a.O., 57. Raulff bezieht sich an dieser Stelle auf den Text Königseders: Königseder: Aby Warburg im

,,Bellevue". In: Warburg (1995)

,,Ekstatische Nymphe, trauernder Flussgott"

, 74-98.

14 Raulff (2003)

Wilde Energien

, 55/ 59.

3


Land

­ führen sollte (Abb. 1). Neben einer Art Abenteuerlust sich in der Feldforschung

zu versuchen, sich willentlich ,,etwas mannhafter zu betätigen als es [ihm] bisher

vergönnt war," und mit ,,aufrichtigem Ekel" gegenüber der, zur Zeit des

fin

de

siècle

in

Mode gekommenen "ästhetisierenden Kunstgeschichte", die seiner Meinung nach nicht

mehr als ,,ein steriles Wortgeschäft hervorzurufen" schien, kam die ausschlaggebende

Motivation hinsichtlich einer derart langen, beschwerlichen und ­ laut Warburg ­ auf

,,gut Glück" unternommenen Reise von der

Smithsonian Institution

(1846 gegründet),

die er in Washington besucht hatte. Zu dieser erklärt er:

Sie ist ja das Gehirn und das wissenschaftliche Gewissen des östlichen Amerika

und ich fand in der Tat zunächst in der Person von Cyrus Adler, den Herren Hodge,
Frank Hamilton Cushing und vor allem James Mooney (mit Franz Boas in New York),
Pioniere der Eingeborenen-Forschung, die mir die Augen für die weltumfassende
Bedeutung des prähistorischen Amerika öffneten. So daß ich mich entschloß, das
westliche Amerika sowohl als moderne Schöpfung wie in seinen spanisch-indianischen
Unterschichten zu besichtigen

.15


Von den aufgezählten Persönlichkeiten der, zu jener Zeit noch in den Kinderschuhen

steckenden Anthropologie ist Warburgs Kontakt mit der

Smithsonian Institution

wahrscheinlich Cyrus Adler zu verdanken.16 Der Gelehrte war seit 1892 Bibliothekar

des Instituts, "... lehrte seit 1890 semitische Sprachen an der John Hopkins University

und verband ­ wie Warburg ­ religionshistorische mit anthropologischen Interessen"17.

Allerdings scheint der für Warburg wichtigste Korrespondent in Washington der

erfahrene Frank Hamilton Cushing gewesen zu sein, von welchem Warburg wertvolle

Einblicke in das indianische Denken erhielt, da der autodidaktische Forscher mehrere

Jahre selbst bei den Zuñi in New-Mexico gelebt hatte und als Angestellter des

Bureau

of American Ethnology

(

BAE

, Organ der Smithsonian Institution) bedeutende Artikel

verfasste, von welchen besonders jene über indianische Entstehungsmythen Warburgs

Interesse weckten.

Weitere relevante Anregungen erreichten Warburg von einem Buch über die

Cliff

Dwellers

der

Mesa

Verde

des schwedischen Anthropologen Gustav Nordenskjöld,

dessen Reiseroute genaust zu verfolgen er sich vorgenommen hatte.18 Zuletzt sollte in

dieser Reihe noch der Anthropologe Jesse Walter Fewkes Erwähnung finden, der über

Jahre hinweg eingehendst das zeremonielle und materielle Leben der Hopi studiert, das

15 sowie vorangegangene Zitate Warburgs: zit. nach Gombrich (1981)

Aby Warburg

, 117 f.

16 Gombrich (1981: 117) berichtet, dass Warburg bereits auf der Schifffahrt nach New York einem

Mitarbeiter der Smithsonian Institution begegnet sei: ,,[...] dieser glückliche Umstand mag Warburg darin

bestärkt haben, den Rat dieser berühmten Institution einzuholen."

17 Raulff: Nachwort. In: Warburg, A. (1992)

Das Schlangenritual

, 66f.

18 vgl. Michaud (1999): Florenz in New Mexico, 54.

4


Schlangenritual fotografiert, Indianergesänge mit Hilfe von Wachszylindern

aufgenommen und zwei größere Berichte über das Schlangenritual19 geschrieben hatte,

die Warburg als Vorlage seines eigenen Vortrags zu Hilfe kamen, denn er selbst hatte

nicht die Gelegenheit dieses Ritual persönlich zu erleben (Raulff, Nachwort,

Schlangenritual

,1992: 67f.).

Mit dem ursprünglichen Vorhaben, die Bedeutung indianischer Ornamentik auf

Töpfereien und anderen Schmuckformen zu untersuchen, das sich später auf den

Schwerpunkt der Beobachtung diverser Feste und zeremonieller Handlungen verlagert,

besucht der Wissenschaftler zunächst die 1888 entdeckten

cliff-dwellings

(12)20 im

Gebiet um Santa Fé und Albuquerque

­ Zeugnisse einer noch älteren Kultur, als die der

Pueblos, genannt

Anasazi

. Von dort aus folgt die Besichtigung verschiedener Pueblo-

Siedlungen: San Juan, Laguna (13f.), Acoma (18-22), Cochiti und San Idelfonso (25ff.).

Im Frühjahr 1896, nach einem Ausflug zur Besichtigung neugegründeter Universitäten

in Kalifornien, kehrt er zurück nach Arizona, wo er die Zuñi im westlichen New-

Mexico und, wieder im Gebiet um Albuquerque und Santa Fé, die abgelegenen und

schwer zugänglich, auf der

Black Mesa

­ ein Plateau von Tafelbergen ­ angesiedelten

Hopi-Dörfer, Walpi und Oraibi kennen lernt.

Die Reise endet im Mai 1896 mit Warburgs Rückkehr nach Europa. 1897 kehrt er nach

drei Vorträgen vor Vereinigungen für Fotographie und Anthropologie in Hamburg und

Berlin21 wieder zu seinen kunsthistorischen Forschungen zurück, bis 1923 die

Reiseeindrücke eine entscheidende Rolle im Leben des Gelehrten spielen sollten.



3. Der Vortrag von 1923.

3.1. Die äußeren Bedingungen.

Am 21. April 1923 trug Warburg schließlich die endgültige Ausarbeitung seiner

Reiseerinnerungen in einem Vortrag mit begleitendem Bildmaterial im Sanatorium

Bellevue

, Kreuzlingen, vor. Dies geschah als Beweis für Genesung und wiedererlangte

Arbeitsfähigkeit nach zweijährigem Aufenthalt im ,,Inferno"22, womit die unmittelbare

Relevanz des Vortrags für dessen Verfasser in der damit eingeleiteten Überwindung

19 Fewkes, J. W. (1894/95): Tusayan Snake Ceremonies.

Annual Report of the Bureau of American
Ethnology

, 16; (1897/98): Tusayan Flute and Snake Ceremonies.

Annual Report

... , 19.2. Zu Referenzen

s. Raulff: Nachwort. In: Warburg (1992)

Das Schlangenritual

, Anm. 16.

20 Die in runden Klammern angegebenen Seitenzahlen beziehen sich in der gesamten Arbeit auf:

Warburg (1992)

Das Schlangenritual

.

21 vgl. u.a. Gombrich (1981)

Aby Warburg

, 123; Raulff (2003)

Wilde Energien

, 53.

22 vgl. Diers, M. (1979): Kreuzlinger Passion.

Kritische Berichte

, Jahrgang 7, Heft 4/5, 5-14.

5


seiner Krankheit lag und sozusagen seine persönliche Renaissance initiierte.23 Ihm war

bewusst, welch höchst persönlichen Charakter er diesem Dokument verliehen hatte ­

das er als ,,verzweifelte Bekenntnisse eines Erlösungssuchers" auswies ­ und lehnte

eine Veröffentlichung desselben von vornherein ab. Er wünschte, dass

[...] auch nicht der leiseste Zug blasphemischer Wissenschaftlerei in dieser

vergleichenden Suche nach dem ewig gleichen Indianertum in der hilflosen
menschlichen Seele gefunden wird. Die Bilder und Worte sollen für die
Nachkommenden eine Hilfe sein bei dem Versuch der Selbstbesinnung zur Abwehr der
Tragik der Gespanntheit zwischen triebhafter Magie und auseinandersetzender Logik.
Die Konfession eines (unheilbaren) schizoiden den Seelenärzten ins Archiv gegeben.

24

Die Hintergründe von Warburgs Krankheit, sowie Verbindungen zwischen dieser und

seinen Forschungen sind offensichtlich und werden in der Literatur häufig, wenn auch

mit verschiedenem Nachdruck behandelt, beziehungsweise bewertet. Ein sich diesem

Sachverhalt widmendes Kapitel soll allerdings erst an späterer Stelle folgen, um im

Anschluss mit weitgehender Unvoreingenommenheit jener Erzählung, einer

vergleichenden Suche

, zu begegnen.

3.2. Zusammenfassung des Vortrags.

Bereits in der einleitenden Passage des Vortrags erklärt Warburg die Hindernisse, die

sich ihm auf seiner Forschungsreise stellten und die Mängel die sich bei der

Ausarbeitung des Vortrags ergaben ­ beinhaltend den langen Zeitraum zwischen der

Reise und dem Vortrag, fehlende Kenntnisse der Indianersprachen und die insgesamt

kurze Reisedauer ­ und konstatiert im selben Zuge, dass das

Schlangenritual

deshalb

zwar nicht als ,,eine solide Einführung in das Seelenleben der Indianer"(9) konzipiert

ist, aber in einer Vermittlung von Eindrücken, dem ,,[...] Problem, das für unsere ganze

Kulturgeschichtsschreibung so entscheidend ist [...]" auf den Grund gegangen wird:

,,Worin haben wir hier wesentliche Charakterzüge primitiven heidnischen

Menschentums zu erblicken?" (9)

Das Interesse des ,,Kulturhistorikers" liegt folglich in der Erforschung einer Enklave

primitiven Menschentums inmitten einer technologisch fortgeschrittenen Zivilisation,

eine residuale Insel jahrhundertealter Pueblo-Kultur in den Weiten des fortschrittlichen

Amerikas, wo ,,Aberglaube Hand in Hand mit Lebensaktivität"(10) geht. Das heißt

Magie und Logos existieren hier nebeneinander. Dieses Phänomen zeigt sich nirgends

deutlicher, als in den indianischen Maskentänzen, von welchen ausgehend und mit

23 Allerdings dauerte es nochmals mehr als ein Jahr bis Warburg ,,weitgehendst geheilt" das Bellevue am

12.08.1924 verließ (Königseder, 1995: 96).

24 zit. nach Gombrich (1981)

Aby Warburg

, 304 (Notiz 7)

.

6



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