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Analyse von Phone-In Sendungen als Orte der unmittelbaren Selbstoffenbarung am Beispiel der Radio- und Fernsehsendung "Domian"

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 29 Pages
Author: Kristina Hötte
Subject: Communications: Mass Media

Details

Event: Im Beichtstuhl der Medien: Geständnispraktiken und Bekenntnisrituale
Institution/College: University of Paderborn
Tags: Exhibitionismus, Voyeurismus, Domian, Talkshow, Beichte, Öffentlichkeit, Privatheit
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2007
Pages: 29
Grade: 2,0
Language: German
Archive No.: V127973
ISBN (E-book): 978-3-640-34530-4
ISBN (Book): 978-3-640-34514-4

Abstract

"Der angewachsene Fernseher lässt sich kollektiv nicht mehr abschalten, ohne dass wir fürchten müssen, halbblind zu werden. Denn: heute gibt es Segmente von Wirklichkeit, die nur deshalb wirklich (und wahr) sind, weil sie auf dem Bildschirm des Fernsehens erscheinen. Die wirkliche Wirklichkeit findet im Fernsehen statt." (Christopher Tholen: Talkshow als Selbstbekenntnis) Jeden Tag laufen in Deutschland unzählige Talkshows, angefangen bei dem morgendlichen „Frühstücksfernsehen“ über die mittägliche „Oliver Geißen“ Show bis zum Late Night Talker „Beckmann“. Alle haben sie eines gemeinsam, sie wollen dem Publikum, zum Zwecke der Befriedigung voyeuristischer Begierden, das Innenleben unserer Mitmenschen, egal ob prominent oder nicht, auf dem Präsentierteller anrichten, auf das sich jeder den Sensationshappen rauspicke, der ihn interessiert. Das klingt so, als wenn das Publikum an seinem Ruf schuld sei, indem es den Moderator als seinen Vertreter aussendet, den Gast dazu zubringen, sich für die Zuschauer zu prostituieren. Doch ganz so einfach ist es nicht, denn auch wenn dem Geständigen das Ausmaß seiner Offenbarung vielleicht nicht so bewusst ist, haben die Menschen heute ein starkes Interesse daran, Details aus ihrem Privatleben preiszugeben, ihr Inneres nach Außen zu kehren. Und die Zuschauer lassen die Flut der alltäglichen Probleme, mit denen sie medial konfrontiert werden, bereitwillig über sich zusammenbrechen. Lieber beim Konsumieren fremden Lebens untergehen, als sich aus dem Meer der Geständnisse ans Ufer der eigenen Identität zu retten. Im Rahmen dieser Abhandlung habe ich mich mit dem Format Domian auseinandergesetzt, das bis auf sonntags täglich bimedial im WDR und auf 1Live gesendet wird. Hingegen vieler anderer Talkshows hat sich Domian seit der Erstausstrahlung 1995 zu einer festen Institution etabliert mit konstant guten Einschaltquoten. Durchschnittlich rufen zu jeder Sendung, sei es mit thematischer Festlegung oder nicht, 40 bis 60.000 Menschen an, von denen etwa einhundert bis zu den Rechercheuren weitergeleitet werden, die wiederum die zehn interessantesten und geprüften Fälle zu Domian ins Studio durchstellen, damit sie sich ihre Sorgen von der Seele reden können.


Excerpt (computer-generated)

Universität Paderborn

Hauptseminar: ,,Im Beichtstuhl der Medien: Geständnispraktiken und Bekenntnisrituale"

Sommersemester 2007

"In the future, everyone will be famous for 15 minutes."

(Andy Warhol, 1986)

,,Exhibitionismus"

,,Voyeurismus"

(Thema 24.11.2006)

(Thema 17.11.2006)

Analyse von Phone-In Sendungen als Orte der unmittelbaren

Selbstoffenbarung am Beispiel der Radio- und Fernsehsendung

Domian

Kristina Hötte

6. Semester Magister

Hauptfach: Neuere deutsche Literaturwissenschaften

Nebenfächer: Pädagogik und Medienwissenschaften


Inhaltsangabe

1. Selbstoffenbarung bei Domian ­ Austausch von

Intimitäten zwischen Exhibitionisten und Voyeuren

S. 3 - 22

a.) Einleitung

S. 3

b.) Talkshow Genres und ihre Charakteristika

S. 4 - 6

c.)

Domian

­ das Talk-Radio

S. 7 - 8

d.) Seelenstriptease am Telefon - Exhibitionisten S. 9 - 12

e.) Der Blick durch das Schlüsselloch ­ Voyeure

S. 13 - 15

f.) Therapie oder Bloßstellung

S. 16

g.) Die Rolle des Moderators ­ Domian als

Spielleiter und Therapeut

S. 17 - 19

h.) Kirchliche Beichte vs. mediale Bekenntnisse

oder: das Verhältnis von Innen und Außen

S. 20 - 22

2. Das Talk-Radio ­ Privatheit im öffentlichen Raum

Zusammenfassung

S

.

2

3 - 25

3. Quellenangaben

S. 26 - 28

2


Einleitung

Der angewachsene Fernseher lässt sich kollektiv nicht mehr

abschalten, ohne dass wir fürchten müssen, halbblind zu

werden. Denn: heute gibt es Segmente von Wirklichkeit,

die nur deshalb wirklich (und wahr) sind, weil sie auf dem

Bildschirm des Fernsehens erscheinen. Die wirkliche

Wirklichkeit findet im Fernsehen statt.1

Jeden Tag laufen in Deutschland unzählige Talkshows, angefangen bei dem morgendlichen

,,Frühstücksfernsehen" über die mittägliche ,,Oliver Geißen" Show bis zum Late Night Talker

,,Beckmann". Alle haben sie eines gemeinsam, sie wollen dem Publikum, zum Zwecke der

Befriedigung voyeuristischer Begierden, das Innenleben unserer Mitmenschen, egal ob

prominent oder nicht, auf dem Präsentierteller anrichten, auf das sich jeder den

Sensationshappen rauspicke, der ihn interessiert.

Das klingt so, als wenn das Publikum an seinem Ruf schuld sei, indem es den Moderator als

seinen Vertreter aussendet, den Gast dazu zubringen, sich für die Zuschauer zu prostituieren.

Doch ganz so einfach ist es nicht, denn auch wenn dem Geständigen das Ausmaß seiner

Offenbarung vielleicht nicht so bewusst ist, haben die Menschen heute ein starkes Interesse

daran, Details aus ihrem Privatleben preiszugeben, ihr Inneres nach Außen zu kehren. Und die

Zuschauer lassen die Flut der alltäglichen Probleme, mit denen sie medial konfrontiert

werden, bereitwillig über sich zusammenbrechen. Lieber beim Konsumieren fremden Lebens

untergehen, als sich aus dem Meer der Geständnisse ans Ufer der eigenen Identität zu retten.

Im Rahmen dieser Abhandlung habe ich mich mit dem Format

Domian

auseinandergesetzt,

das bis auf sonntags täglich bimedial im WDR und auf 1Live gesendet wird.

Hingegen vieler anderer Talkshows hat sich

Domian

seit der Erstausstrahlung 1995 zu einer

festen Institution etabliert mit konstant guten Einschaltquoten. Durchschnittlich rufen zu jeder

Sendung, sei es mit thematischer Festlegung oder nicht, 40 bis 60.000 Menschen an, von

denen etwa einhundert bis zu den Rechercheuren weitergeleitet werden, die wiederum die

zehn interessantesten und geprüften Fälle zu Domian ins Studio durchstellen, damit sie sich

ihre Sorgen von der Seele reden können.

1 Tholen, Christoph: Talkshow als Selbstbekenntnis. Zur Diskursanalyse der ,Affekt-Talks′ im Fernsehen.

Veränderte Fassung eines Artikels. In: Flach, Sabine / Grisko, Michael: Fernsehperspektiven. Aspekte

zeitgenössischer Medienkultur. München 2000. Seite 3.

3


Talkshow Genres und ihre Charakteristika

Jeder Daily Talk weist sich aus durch die Verknüpfung

eines Moderatornamens mit einer Themenformel, durch die

definiert wird, wer als Betroffener gelten kann. Den

Betroffenen wächst damit zugleich die Aufgabe zu, sich als

Betroffene nur im Hinblick auf dieses Thema zu

performieren.2

Im deutschen Fernsehprogramm gibt es eine Vielfalt an unterschiedlichen Talkshowformaten.

In nahezu jeder Sendung, die keinen dokumentarischen, fiktionalen oder Nachrichten-

Charakter hat, finden Gespräche zwischen Moderatoren, Zuschauern, Gästen, Experten und

dem Publikum im Studio statt. Dabei sind die Typen genauso verschieden wie ihre jeweiligen

Themen. So kann man Kochprofis und solchen, die es werden wollen, bei einer Unterhaltung

am Herd zuschauen, während zur gleichen Zeit auf einem anderen Kanal darüber debattiert

wird, ob sich 13jährige Mädchen als Mütter eignen.

Der additive Wechsel der Gesprächseinheiten und Themenschwerpunkte erhöht das Empathiepotenzial.

Unterschiedliche Charaktere bilden eine weitere Fläche an Identifikationsmöglichkeiten und erhöhen so

auch die Sendungsbindung des Zuschauers.3

Im Allgemeinen geht es bei jeder Talkshow darum, etwas über sich und seine Erfahrungen zu

erzählen, entweder damit sich die heimischen Zuschauer darin bestätigt sehen oder um sie aus

Neugier an der für sie fremden Erfahrung an die Sendung zu binden. ,,Mit der Übernahme der

Kommunikationsform des zwischenmenschlichen Gesprächs in die Sendungsinszenierung ist

die Talkshow schon in ihrer Sendungsstruktur auf die Medialisierung von Privatheit

ausgerichtet."4 Was den Menschen am meisten interessiert, ist die Person des Gegenübers

mitsamt seinem Gefühlsleben.

Die beiden wichtigsten Genres mit der größten Resonanz bilden im deutschen Fernsehen die

Daily Talkshows und die Late Night Talkshows. Erstgenannte sind nahezu alle nach dem

gleichen Schema aufgebaut. Zu einem bestimmten Thema, das sich in leicht abgewandelter

Form regelmäßig wiederholt, werden Vertreter kontroverser Parteien eingeladen, um lautstark

ihre Meinung zu äußern. Dabei geht es weniger darum, sich am Ende auf ein

allgemeingültiges Fazit zu einigen, als sich gegenseitig emotionale Vorwürfe zu machen und

2 Niehaus, Michael:

Action talking

und

Talking cure

. Der Spielleiter als Therapeut. In: Parr, Rolf / Thiele,

Matthias: Gottschalk, Kerner & Co.. Funktionen der Telefigur ,Spielleiter′ zwischen Exzeptionalität und

Normalität. F. a. M. 2001 Seite 146.

3 Bleicher, Joan Kristin: Formatiertes Privatleben: Muster der Inszenierung von Privatem in der

Programmgeschichte des deutschen Fernsehens. In: Weiß, Ralph / Groebel, Jo (Hrsg.): Privatheit im öffentlichen

Raum. Medienhandeln zwischen Individualisierung und Entgrenzung. Opladen 2002. Seite 221.

4 Bleicher, Joan Kristin: Formatiertes Privatleben. Seite 221.

4


sich in peinlichen Äußerungen zu übertrumpfen. So lässt sich der Daily Talk, zu dem

beispielsweise Formate wie ,,Britt ­ Entscheidung am Nachmittag" oder ,,Oliver Geißen"

gezählt werden können, dem ,,confessional talk" zuordnen, da hier ,,die Empfindungen der

Gäste wichtiger sind als ihre Meinungen."5

Demgegenüber stehen die Late Night Talkshows, wie ,,Johannes B. Kerner", ,,Beckmann"

oder ,,Riverboat", in denen mit Gästen auf humoristische oder ernste Weise über

biographische oder aktuelle Themen aus Kultur und Politik gefachsimpelt wird. ,,Im

,confrontational talk′ stehen dagegen Inhalte von Aussagen, Meinungen und kontroverse

Beiträge im Zentrum."6

In diesem Zusammenhang lässt sich die Sendung

Domian

weder dem confessional noch dem

confrontational talk zuordnen. Einerseits können sich die Anrufer zu verschiedenen Themen

äußern oder z.B. an vorherige Aussagen anknüpfen und diese mit Domian diskutieren,

andererseits findet diese Auseinandersetzung an thematisch festgelegten oder offenen

Abenden oft auf der Basis des momentanen Gefühlschaos statt. Einmal angefangen, taucht der

Anrufer, auf Nachfragen von Domian, immer weiter in seine Gefühlswelt ein, was zur Folge

hat, dass immer delikatere Informationen an die Öffentlichkeit dringen, deren Anwesenheit

dem Anrufer wohlmöglich irgendwann nicht mehr bewusst ist, worauf ich später noch näher

eingehen werde. Für den Anrufer ist Domian der primäre Gesprächspartner, so als wenn er

mit einem Bekannten ein vertrauliches Gespräch über das Telefon führen würde. Für den

Zuschauer hingegen macht gerade diese Redseligkeit, die meist von der anfänglich

zurückhaltenden Themennennung und ­ausführung eine dramatische Steigerung erfährt,

mitsamt der charakteristischen technischen Qualität des Telefongesprächs den Reiz der

Sendung aus. Beim Radio-Talk ,,wirkt die schlechte akustische Qualität, sofern sie nicht viel

schlechter ist als die alltäglicher Telefonate, nicht störend, sondern transportiert eine eigene

Qualität: die Authentizität des O-Tons mit seinen vielfältigen Funktionen."7

Hingegen vieler anderer Talk-Formate kann Domian nicht aufgezeichnet werden, da sonst die

Möglichkeit der unmittelbaren Partizipation der Zuschauer natürlich nicht gegeben wäre. Der

Anrufer kann seine Sorgen und Probleme live schildern und erhält eine direkt daran

anknüpfende Reaktion seitens Domians, ,,live ist dann verknüpft mit Unvorhersehbarkeit,

Unkalkulierbarkeit, und daraus folgt: mit Risiko und mit Spannung."8 Demnach muss Domian

spontan auf Äußerungen reagieren, die sich der Anrufer zuvor überlegt hat oder zu denen er

5 http://www.textmachina.unizh.ch/ds/documents/document1625.rtf

6 http://www.textmachina.unizh.ch/ds/documents/document1625.rtf

7 Burger, Harald: Das Gespräch in den Massenmedien. Berlin 1991. Seite 46.

8 Burger, Harald: Das Gespräch in den Massenmedien. Seite 414.

5


sich im Laufe des Gesprächs verleiten lässt. Allerdings hat der Anrufer nur solange das Ruder

in der Hand, wie er die Nummer gewählt und sein Problem genannt hat. Ab diesem Zeitpunkt

dominiert Domian den weiteren Verlauf der Unterhaltung.

Aufgrund der angebotenen und oft genutzten Möglichkeit der Beteiligung und

Sendungsgestaltung via Telefon, wird

Domian

auch als Phone-In-Show bezeichnet. Hier ist

täglich die Interaktion mit den Zuschauern möglich, was sonst nur selten in Talkshow-

Formaten gegeben ist.

Die Phone-In-Show ist ein Extremfall und hat Minimalformen der medialen Kommunikation

ausgebildet. Ein Raum, eine Person im Spot, nichts geschieht: Eine spartanischere Ausstattung einer

Fernsehsendung als die der Phone-In-Shows ist kaum noch denkbar. Man zeige jemanden, der

telefoniert, sonst nichts. Keine dramatische Aktion, keine lebhafte Interaktion außerhalb des Gesprächs,

selbst das Mienenspiel des Angerufenen ist ruhig und kontrolliert.9

Damit wird die Aufmerksamkeit des Zuschauers nicht von unwesentlichen Dingen, wie

beispielsweise der Studio-Dekoration, abgelenkt. Man fühlt sich, als würde man ein

persönliches und vertrauliches Gespräch mit Domian führen oder zumindest bei besagtem

heimlich anwesend sein.

9 Wulff, Hans Jürgen: Phone-In-Shows und Therapie-Talks. Kommunikationstheoretische Überlegungen. In:

Tenscher, Jens / Schicha, Jens (Hrsg.): Talk auf allen Kanälen. Angebote, Akteure und Nutzer von

Fernsehsendungen. Wiesbaden 2002. Seite 183.

6



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