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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 31 Pages
Author: Nicolai Bühnemann
Subject: German Studies - Comparative Literature
Details
Year: 2008
Pages: 31
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-35036-0
ISBN (Book): 978-3-640-35008-7
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Abstract
Im ersten Teil der Arbeit, der sich mit Humboldt beschäftigt, werde ich die Kritik der Literaturwissenschaftlerin Mary Louise Pratt zum Ausgangspunkt nehmen, um zunächst zu zeigen, inwieweit Humboldts Blick auf die Ureinwohner Amerikas demjenigen Kolumbus’ ähnelt, aber auch in wie fern Humboldt sich, entgegen der Auffassung Pratts, kritisch mit dem Blick der Imperial Eyes und der mit Kolumbus beginnenden Kolonialgeschichte Amerikas auseinandersetzt. Wo Humboldt den Urwaldbewohnern eine Stimme verleiht und bei ihnen Formen der Weisheit und der Wahrnehmung voraussetzt, die der Europäer nicht kennt, sind sie für den Erzähler der pasos perdidos reine Projektionsfläche für eine Unschuld, die dem Großstadtbewohner des 20. Jahrhunderts verloren gegangen ist und die er nun im Urwald wiederzufinden trachtet. In Deodatos berühmt-berüchtigtem b-movie schließlich ist, wie für Humboldt der Fortschritt immer schon ein koloniales Projekt, bei dem „[h]inter dem Voranschreiten der Forscher [...] die Schritte der Soldaten hörbar“ werden . Und dies in einem Maße, dass es scheint als könne etwa von der durch den Fortschritt möglich gewordenen Erforschung des Weltraums gar nicht anders gesprochen werden als in Termini der Eroberung. Wobei nicht die imperialen Ansprüche an sich, sondern nur deren spezielles timing verwerflich zu sein scheinen, greift man doch nach den Sternen, ehe noch der eigene Hinterhof gründlich gekehrt ist, in dem es immer noch Gegenden gibt, die von wilden Menschenfressern beherrscht werden. Wie der ‚Zivilisierte’ sich den ‚Wilden’ vielmehr schafft als entdeckt und warum, sind die Fragen, die in der Auseinandersetzung mit Cannibal Holocaust geklärt werden sollen. Diese Arbeit beschäftigt sich ausdrücklich nicht mit den Ureinwohnern des amerikanischen Kontinents, es geht nicht darum, die (kolonialen) Visionen Humboldt’s oder Kolumbus’, Carpentier’s oder Deodatos’s zu korrigieren, sondern eben die Blicke der Autoren auf diese Menschen zu untersuchen und die Konsequenzen, die sich aus dieser Art des Blickes ergeben
Excerpt (computer-generated)
Einleitung 2
1. Alexander von Humboldt und seine Ansichten der Natur 4
1.1.
An Ideological Reinvention of América
? Die Kritik Mary Louise Pratts 4
1.2. Die Polyphonie des Urwalds 9
2. Das Schweigen der Urwaldbewohner in Alejo Carpentiers:
Los pasos perdidos
10
3. Cannibals of the Space Age oder: Die Hölle sind wir: Ruggero Deodatos
Cannibal
Holocaust
18
3.1. Zivilisierte vs. Kannibalen? 18
3.2. Opfergesellschaft vs. Massakergesellschaft? 21
3.3. Auflösung: Das kannibalische Begehren des zivilisierten Menschen oder: Wie sich
der Kamera-Phallus der Kastration entzieht 24
Schluss: Neulich im Urwald 26
Literaturverzeichnis 29
1
Einleitung
Die Küsten verhalten sich, von ferne gesehen, wie Wolken, in denen jeder Beobachter die Form
der Gegenstände erblickt, die seine Einbildungskraft beschäftigen. [...] Die eine hielten
Sandhaufen für indianische Hütten [...]; andere sahen die Herden von Ziegen, die in dem dürren
Tal von Santiago so häufig sind: Sie bezeichneten die hohen Berge von Macanao, die ihnen zum
Teil durch Wolken verborgen schienen.1
[Auf den] Hieroglyphen-Gemälden, die [von den Ureinwohnern Mexikos] nach der Eroberung
angefertigt wurden [...] sieht man an Bäumen aufgehängte Eingeborene, die Kreuze in der Hand
halten; Cortés Soldaten zu Pferde, die ein Dorf in Brand setzen; Mönche die unglückliche Indianer
in dem Augenblick taufen, da man sie ins Wasser wirft, um sie zu töten. An diesen Zeichen
erkennt man die Ankunft der Europäer in der neuen Welt.2
Zu keiner anderen Zeit [...] ist [wie im fünfzehnten Jahrhundert] einem Theile des
Menschengeschlechts ein größerer Reichthum von Tatsachen, ein größeres Material zur
Begründung der vergleichenden physischen Erdbeschreibung dargeboten worden. Niemals haben
aber auch Entdeckungen im Raume, in der materiellen Welt, durch Erweiterung des
Gesichtskreises, durch Vervielfältigung der Erzeugnisse und Tauschmittel, durch Colonien von
einem Umfange, wie man sie nie gekannt, außerordentlichere Veränderungen in den Sitten, in den
Zuständen langer Knechtschaft eines Theiles der Menschheit und ihres späten Erwachens zu
politischer Freiheit hervorgerufen.3
In dem ersten der drei Zitate, die ich meiner Arbeit als Mottos voranstelle, beschreibt
Alexander von Humboldt (1769-1859) den Anblick der Küste der Insel Margarita, auf seiner
ersten Reise in die ,Neue Welt′. Die Länder, die er nun erstmals aus der Ferne betrachtet,
erscheinen ihm am Morgen des fünfzehnten Juli 1799, mit äußerst ungenauem Kartenmaterial
ausgestattet, beinahe so fremd, wie drei Jahrhunderte zuvor, den Entdeckern und Eroberern,
auf deren Spuren er wandelt4. So lange das Fremde verschwommen am Horizont liegt, bleibt
es reine Projektionsfläche, sieht jeder dort, was er eben sehen möchte. Der wissenschaftliche
Blick will Klarheit schaffen. Das Fremde soll untersucht, vermessen, aufgezeichnet werden.
Scheint dieses Zitat hier zunächst relativ willkürlich neben einem anderen zu stehen, in dem
Humboldt, der koloniale Herrschaft und Sklaverei stets verurteilte, einen sarkastischen
Kommentar zu dem ,Eindruck′, den die Konquistadoren bei den Ureinwohnern Mexikos und
1 Vgl.: Alexander von Humboldt:
Studienausgabe Band II; Die Forschungsreise in den Tropen Amerikas;
Teilband 1
, Darmstadt 1997, S. 165.
2 Vgl.: Alexander von Humboldt:
Ansichten der Kordilleren und Monumente der eingeborenen Völker Amerikas
;
Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer Ediert und mit einem Nachwort versehen von Oliver Lubrich
und Ottmar Ette, Frankfurt am Main 2004, S. 252.
3 Vgl.: Alexander von Humboldt:
Kosmos; Entwurf einer physischen Weltbeschreibung
; Ediert und mit einem
Nachwort versehen von Oliver Lubrich und Ottmar Ette, Frankfurt am Main 2004, S. 312f.
4 Vgl.: Alexander von Humboldt:
Forschungsreise
, S. 160. Das Schiff auf dem Humboldt reiste trägt den Namen
eines Eroberers: ,Pizarro′ es passiert u. a. das ,,Cabo de Tres Puntas, dem Columbus selbst diesen Namen
gegeben hat". Vgl. auch: Hans-Otto Dill:
Von Alexander bis Alejo: Intertextuelle Begegnungen zwischen
Humboldt und Carpentier
; in: Derselbe:
Zwischen Humboldt und Carpentier; Essays zur kubanischen Literatur
,
Berlin 2005, S. 101. ,,Dieses Werkes wegen [des
Essais politique sur l′ile de Cuba
] nannte ihn [Humboldt] der
kubanische Literat Luz y Caballero den ,,zweiten Entdecker Kubas". Erster war bekanntlich Kolumbus."
2
somit in deren Kunstschaffen hinterlassen haben, abgibt, so scheint das dritte Zitat
gewissermaßen eine Synthese zu schaffen. Im
Kosmos
, seinem unvollendeten Alterswerk,
stellt Humboldt (selbst-)kritisch die Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft.
Meine Arbeit soll ,koloniale Begegnungen′ zwischen Massakern und Projektionen an Hand
von verschiedenen Texten untersuchen, in deren Mittelpunkt Reisen von Europäern oder US-
Amerikanern nach Südamerika stehen5. Neben Alexander von Humboldts
Ansichten der
Natur
, sollen dabei Alejo Carpentiers Roman
Los pasos perdidos
(1953) und Rugero
Deodatos Film
Cannibal Holocaust
(1980) behandelt werden. Gerade bei letzteren beiden
wird dabei auch die Frage aufgeworfen, inwieweit und wiefern der Fortschritt der
okzidentalen Gesellschaft die Wahrnehmung des Anderen prägt.
Im ersten Teil der Arbeit, der sich mit Humboldt beschäftigt, werde ich die Kritik der
Literaturwissenschaftlerin Mary Louise Pratt zum Ausgangspunkt nehmen, um zunächst zu
zeigen, inwieweit Humboldts Blick auf die Ureinwohner Amerikas demjenigen Kolumbus′
ähnelt, aber auch in wie fern Humboldt sich, entgegen der Auffassung Pratts, kritisch mit dem
Blick der
Imperial Eyes
und der mit Kolumbus beginnenden Kolonialgeschichte Amerikas
auseinandersetzt. Wo Humboldt den Urwaldbewohnern eine Stimme verleiht und bei ihnen
Formen der Weisheit und der Wahrnehmung voraussetzt, die der Europäer nicht kennt, sind
sie für den Erzähler der
pasos perdidos
reine Projektionsfläche für eine Unschuld, die dem
Großstadtbewohner des 20. Jahrhunderts verloren gegangen ist und die er nun im Urwald
wiederzufinden trachtet.
In Deodatos berühmt-berüchtigtem
b-movie
schließlich ist, wie für Humboldt der Fortschritt
immer schon ein koloniales Projekt, bei dem ,,[h]inter dem Voranschreiten der Forscher [...]
die Schritte der Soldaten hörbar" werden6. Und dies in einem Maße, dass es scheint als könne
etwa von der durch den Fortschritt möglich gewordenen Erforschung des Weltraums gar nicht
anders gesprochen werden als in Termini der Eroberung. Wobei nicht die imperialen
Ansprüche an sich, sondern nur deren spezielles
timing
verwerflich zu sein scheinen, greift
man doch nach den Sternen, ehe noch der eigene Hinterhof gründlich gekehrt ist, in dem es
immer noch Gegenden gibt, die von wilden Menschenfressern beherrscht werden. Wie der
5 Der Erzähler in Alejo Carpentiers Roman
Los pasos perdidios
ist eigentlich, wie der Autor, in Kuba geboren,
allerdings zu Beginn der Handlung seiner Herkunft vollständig entfremdet und entwickelt eben auf seiner Reise
erst eine Beziehung zu dieser. Vgl. Alejo Carpentier:
Los pasos perdidos
, Buenos Aires 2004, S. 102. Alle Zitate
beziehen sich auf dieses Ausgabe und werden im folgenden mit Klammern im laufenden Text vermerkt (pp).
,,Hasta ahora, el tránsito de la capital a Los Altos había sido, para mi, una suerte de retroceso del tiempo a los
años de mi infancia un remontarme a la adolescencía y a sus albores por el reencuentro con modos de vivir,
sabores, palabras, cosas que me tenían más hondamente marcado de lo que yo mismo creyera." In Humboldts
Ansichten der Natur
, dem Text der mich hier hauptsächlich beschäftigen wird, steht das Motiv der Reise eher im
Hintergrund, seine Reflexion über die südamerikanischen Tropen und deren Einwohner
6 Vgl. das Nachwort von Oliver Lubrich und Ottmar Ette zu: Humboldt:
Kosmos
, S. 910.
3
,Zivilisierte′ sich den ,Wilden′ vielmehr schafft als entdeckt und warum, sind die Fragen, die
in der Auseinandersetzung mit
Cannibal Holocaust
geklärt werden sollen.
Diese Arbeit beschäftigt sich ausdrücklich nicht mit den Ureinwohnern des amerikanischen
Kontinents, es geht nicht darum, die (kolonialen) Visionen Humboldt′s oder Kolumbus′,
Carpentier′s oder Deodatos′s zu korrigieren, sondern eben die Blicke der Autoren auf diese
Menschen zu untersuchen und die Konsequenzen, die sich aus dieser Art des Blickes ergeben.
1. Alexander von Humboldt und seine Ansichten der Natur
1.1. An Ideological Reinvention of América? Die Kritik Mary Louise Pratts
Mary Louise Pratt schreibt in ihrem Essay über
Alexander von Humboldt and the reinvention
of América
Humboldt und Bonpland haben mit ihrer Reise durch ,,what they liked to call the
new continent [...] laid the lines for the ideological reinvention of South America that took
place on both sides of the Atlantic during the momentous first decades of the nineteenth
century."7 Humboldts Erfolg gehe, so Pratt, auf den europäischen Heißhunger nach
Informationen über Südamerika zurück, dessen Geschichte und Geographie damals weitest
gehend unbekannt war. "Spanish America, in Northern Europe, was a virtual
carte blanche
which Humboldt seemed determined to fill completely with his writings, drawings and
maps."8 Den Fokus ihrer Arbeit legt die Autorin auf zwei Texte Humboldts: Die
Ansichten
der Natur
und die
Vues des cordillères
. Die Autorin bezeichnet diese Texte als ,,bold
discursive experiments, in wich [...] Humboldt sought to reinvent popular imaginations of
América, and through América, of the planet itself."9 Wodurch er ,,to Europeans a new kind
of planetary conciousness"10 vermittle. Dieses Amerikabild, das Humboldt in seinen Schriften
schaffe, sei zunächst das Bild einer ,Neuen Welt′ voll unberührter Natur. Sie setzt die
prognostizierte ,,reinvention of America" durch Humboldt und seine Zeitgenossen in eine
Tradition mit den Entdeckern und Eroberern des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts.
Nineteenth-century Europeans
re
invented America as Nature in part because that is how sixteenth-
and seventeenth-century Europeans had invented America for themselves in the first place, and for
many of the same resaons. [...] Humboldt′s seeing-man is also a self-conscious double of the first
European inventors of America, Columbus, Vespucci, Raleigh, and the others. They, too, wrote
America as a primal world of nature, an unclaimed and timeless space occupied of plants and
7 Vgl. Mary Lousie Pratt :
Alexander von Humboldt and the reinvention of América
; in: Dieselbe:
Imperial Eyes;
Travel Writing and Transculturation
, London und New York 1992, S. 112.
8 Vgl. Ebd. S. 117ff.
9 Vgl. Ebd. S. 119. Kursivstellungen, ob zur Markierung von Titeln, wie hier, oder zur Hervorhebung, stammen,
so fern nicht ausdrücklich anders, vermerkt aus den zitierten Texten.
10 Vgl. Ebd. S. 120.
4
creatures (some of them human), but not organized by societys and economies: a world whose
only history was the one about to begin.11
Es sollen nun zunächst Elemente in Humboldts Schreiben untersucht werden, die Pratts Kritik
stützen könnten, allerdings mit dem Ziel zu zeigen, dass diese Kritik letztendlich zu kurz
greift. Ausdrücklich bezieht sich Pratt auf den ersten Essay der
Ansichten der Natur
:
Über die
Steppen und Wüsten
. In der Tat bieten sich in Humboldts Beschreibungen der Bewohner der
südamerikanischen Steppen Vergleiche zu Kolumbus′ Beschreibungen von seiner ersten
Reise an. Humboldt schreibt über die ,,mannigfachen Geschlechter der Menschen", die in der
,,großen und wilden Natur"12 der Steppen leben:
Durch wunderbare Verschiedenheit der Sprachen gesondert, sind einige nomadisch, dem
Ackerbau fremd, Ameisen, Gummi und Erde genießend, ein Auswurf der Menschheit (wie die
Otomaken und Jaruren); andere angesiedelt, von selbsterzielten Früchten genährt (wie die
Maquiritarer und Macos). [...] Wenn aber in der Steppe Tiger und Crocodile mit Pferden und
Rindern kämpfen; so sehen wir an ihrem waldigen Ufer, in den Wildnissen der Guyana, ewig den
Menschen gegen den Menschen gerüstet. Mit unnatürlicher Begier trinken hier einzelne
Völkerstämme das ausgesogene Blut ihrer Feinde; andere würgen, scheinbar waffenlos und doch
zum Morde vorbereitet, mit vergiftetem Daum-Nagel. Die schwächeren Horden, wenn sie das
sandige Ufer betreten, vertilgen sorgsam mit ihren Händen die Spur ihrer schüchternen Tritte.
(AdN36f.)
Wo Humboldt vordergründig die kulturelle und sprachliche Diversität der Ureinwohner
anerkennt, läuft die Unterscheidung letztendlich auf zwei Gruppen heraus: ,Gute′ und ,Böse′.
Zwischen ähnlichen Extremen wandelt auch die Beschreibung der Ureinwohner durch
Kolumbus in seinem
Ersten Brief aus der Neuen Welt
, der in seiner endgültigen Form am 15.
Februar 1493 auf Spanisch verfasst und an den königlichen Schatzmeister Luis de Santángel
adressiert wurde13. Kolumbus liefert zunächst ein positives Bild von der friedfertigen Natur
der Ureinwohner, sie seien ,,temerosos sin remedio"14, ,,sin engaño y [...] liberales de lo que
tienen"15 und ,,no conocían ninguna seta ni idolatría"16. Als Ausnahme bezeichnet er die
Einwohner der Insel Quaris, ,,que tienen en todas las islas por muy feroces, los cuales comen
carne humana.
Estos tienen muchas canoas, con las cuales corren todas las islas de India, y roban y toman cuanto
pueden; ellos no son más diformes que los otros, salvo que tienen costumbre de traer los cabellos
11 Vgl. Ebd. S. 126.
12 Vgl. Alexander von Humboldt:
Ansichten der Natur mit wissenschaftlichen Erläuterungen
, Frankfurt am Main
2004, S. 36. Alle Zitate beziehen sich auf diese Ausgabe und werden im Folgenden in Klammern im laufenden
Text wiedergegeben (AdN).
13 Die größte Verbreitung fand der Brief damals in der lateinischen Übertragung, die bereits Anfang Mai 1493 in
Rom erstmals publiziert wurde. Die im Jahre 2000 im ,,Reclam"-Verlag erschiene Ausgabe beinhaltet eine
überarbeitete lateinische Version, sowie eine Übertragung ins Deutsche und den spanischen Originaltext von
Kolumbus im Anhang, auf den ich mich im weiteren ausschließlich beziehen werde. Vgl. Kolumbus:
Der erste
Brief aus der Neuen Welt
, Stuttgart 2000, S. 44-50.
14 Vgl. Ebd. S. 45.
15 Vgl. Ebd.
16 Vgl. Ebd. S. 46.
5
largos como mujeres, y usan arcos y flechas de las mismas armas de cañas, con un palillo al cabo,
por defecto de hierro que no tienen. Son feroces entre estos otros pueblos que son en demasiado
grado cobardes [...]. Estos son aquellos que tratan con las mujeres de Mantinio, que es la primera
isla, partiendo de España para las Indias, que se halla ; en la cual no hay hombre ninguno. Ellas no
usan ejercicio feminil, salvo arco y flecha como los sobredichos, de cañas, y se arman y cobijan
con launes de arambre, de que tienen mucho.17
Wo die anderen Völker durch ihre Aufrichtigkeit und Gutgläubigkeit ideale Handelspartner
sind, wegen ihre Friedfertigkeit keine große Gegenwehr bei der Besetzung ihrer Länder zu
erwarten ist und sie ferner nicht über einen eigenen Glauben verfügen, der bei ihrer
Bekehrung zum Christentum hinderlich sein könnten, also in allen Punkten prädestiniert
erscheinen für das koloniale Projekt der Spanier, werden die Kariben, von denen sich das
Wort Kannibale herleitet, als ,subversives Element′ charakterisiert. Ihr Umgang mit den
Bewohnerrinnen der Insel Matinino bringt diese ,,mostruos"18, von deren Existenz Kolumbus
ja ausdrücklich nur vom Hörensagen weiß, einerseits durch die Anspielung auf die Amazonen
in die Nähe der Mythologie, andererseits wird ihr subversiver Charakter unterstrichen. Nicht
nur verzehren sie nach ,barbarischem′ Brauch Menschenfleisch, auch entsprechen diese
Männer, die lange Haare wie Frauen tragen und Umgang mit Frauen pflegen, die sich wie
Männer verhalten, nicht den klassischen Geschlechterrollen. Anzumerken bleibt, dass, wie an
vielen Stellen des Briefes, Kolumbus Ausführungen äußerst fragwürdig im Bezug auf seine
,Quellen′ sind, da ja sprachliche Verständigung mit den Inselbewohnern zu diesem Zeitpunkt
weitestgehend unmöglich war19. Wo Kolumbus also die ,guten′ Menschen, die er sah, aber
nicht verstand, wohl äußerst großzügig mit den Eigenschaften ausstattete, die sie im Interesse
der Spanier haben sollten, erscheinen die ,bösen′ Menschen, von deren Existenz ihm eben die
,Guten′ erzählten, die ihm eigentlich gar nichts erzählen konnten, als Produkt seiner eigenen,
an der Mythologie der europäischen Antike geschulten Phantasie. Warum aber, so soll
vorweggreifend auf das Kapitel meiner Arbeit, das sich mit
Cannibal Holocaust
beschäftigen
wird, bereits hier gefragt werden, brauchte Kolumbus die bösen Kannibalen so sehr, dass er
sie (er)finden
musste
?
Auch bei Humboldt gibt es, wie oben gesehen, gutmütige, aber dabei schwache und feige
Indianer auf der einen, grausame Kannibalen auf der anderen Seite. (Und die Vorstellung vom
Verzehr des menschlichen Fleisches, respektive: Blutes, wird auch dann evoziert, wenn man
Humboldts Formulierung nur als Metapher auf die Grausamkeit bestimmter Stämme lesen
möchte.) Wo Kolumbus, wie oben erwähnt, die Kariben als Monster bezeichnet und auch die
17 Vgl. Ebd. S. 48f.
18 Vgl. Ebd. S. 48.
19 Kolumbus Beteuerung, ,,así fue que luego entendieron, y nos a ellos, cuando por lengua o señas" (Ebd. S. 46)
sollte das Misstrauen des Lesers wohl eher schüren, als beseitigen. Eine bruchstückhafte Verständigung durch
Gesten oder einzelne Wörter erscheint als Quelle von Kolumbus detailliertem Brief sehr unwahrscheinlich.
6
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