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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2009, 41 Pages
Author: Nicolai Bühnemann
Subject: Romance Languages - Latin American Studies
Details
Year: 2009
Pages: 41
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-34680-6
ISBN (Book): 978-3-640-34660-8
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Abstract
Die Protagonistin in Laurinis Roman Morena en rojo, die allgemein nur morena genannt wird, und deren richtigen Namen der Leser nie erfährt, versucht als Reporterin die Machenschaften des organisierten Verbrechens im Bereich der Prostitution von Kindern und Jugendlichen aufzudecken. Offensichtlich braucht in der beschriebenen Welt, dem Mexiko der frühen 1990er Jahre, eine Frau, die sich, wie ein Polizist im Roman es einmal mit Drohgebärde formuliert, in „cosas de hombres“ (Mr332) einmischt, dazu zumindest männliche Vorbilder. Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu einem Mann, der als mögliches Vorbild für Laurinis Figur gedient haben mag, wenn es sich auch nicht um einen realen Reporter oder Schriftsteller, sondern um einen fiktiven Privatdetektiv handelt, sollen in dieser Arbeit untersucht werden. Gemeint ist Philip Marlowe, der von 1934 bis 1958 in einigen Kurzgeschichten und sieben Romanen des Autors Raymond Chandler auftrat.
Excerpt (computer-generated)
Einleitung 3
1. Raymond Chandlers
The Little Sister
5
1.1. Inhalt und Erzählsituation 5
1.2. Crime Scene Chandlertown: Marlowe und Los Angeles 6
1.2.1. Das Wachstum L. A.′s und die Konsequenzen in Chandlers Romanen 6
1.2.2. Das Ich und die Stadt: Das dreizehnte Kapitel von
The Little Sister
10
1.3. Von Huren und Schauspielerinnen: Marlowe und die Frauen 12
1.3.1. Die Unschuld vom Lande? Orfamay Quest 13
1.3.2 Die Hure? Dolores Gonzales 14
1.4 ,Allways the wisecrack′- Marlowe und die Sprache 17
2. Myriam Laurinis
Morena en rojo
20
2.1. Inhalt und Erzählsituation 20
2.2. ,Lugar del crimen: México′:
La morena
und Mexiko 21
2.2.1. Ländliches Idyll? Mérida 23
2.2.2. Tropischer Rausch ? Veracruz 25
2.2.3. Tierra árida? DF 25
2.2.4. Die Grenze zum gelobten Land? Der Norden 27
2.3. ,Cosas de hombres′- Geschlechterverhältnisse und machistischer Diskurs im Roman
29
2.3.1. ,Sentar cabeza′? Die
morena
und die Männer 29
2.3.1.1. Der Mann ohne Eigenschaften:
el gringo
29
2.3.1.2. Die Jugendliebe: Der ,flaco′ Hugo 31
2.3.1.3. Lázaro 31
2.3.2. ,Pícale, morena!′ Der machistische Diskurs 33
2.4. Die Sprache in
Morena en rojo
35
Epilog: Die
morena
und die Frauen 37
Literaturverzeichnis 39
1. Primärliteratur 39
a. Chandler 39
b. Laurini 39
2. Sekundärliteratur 39
a. zu Chandler 39
1
b. zu Laurini 39
3. zu Mexiko 39
4. Andere verwendete Literatur 40
5. Sonstiges 40
6. Internet 40
2
Einleitung
Quería ser la Aristegui, la Sanjuana, Rodolfa Walsh, Richarda Kapuscinsky, Normanda Mailer,
Anne Marie Mergier, Goreta Vidal o Guntera Walraff; meterme a fondo como él hizo en
Cabeza
de turco
, narrar como Mailer, entrar en la vida de gente y trasmitir como Kapuscinsky, ir a la
guerra como Peter Arnet.1
Die Protagonistin in Laurinis Roman
Morena en rojo
, die allgemein nur
morena
genannt
wird, und deren richtigen Namen der Leser nie erfährt, versucht als Reporterin die
Machenschaften des organisierten Verbrechens im Bereich der Prostitution von Kindern und
Jugendlichen aufzudecken. Offensichtlich braucht in der beschriebenen Welt, dem Mexiko
der frühen 1990er Jahre, eine Frau, die sich, wie ein Polizist im Roman es einmal mit
Drohgebärde formuliert, in ,,cosas de hombres" (Mr332) einmischt, dazu zumindest
männliche Vorbilder.
Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu einem Mann, der als mögliches Vorbild für
Laurinis Figur gedient haben mag, wenn es sich auch nicht um einen realen Reporter oder
Schriftsteller, sondern um einen fiktiven Privatdetektiv handelt, sollen in dieser Arbeit
untersucht werden. Gemeint ist Philip Marlowe, der von 1934 bis 1958 in einigen
Kurzgeschichten und sieben Romanen des Autors Raymond Chandler auftrat.
Die Gemeinsamkeiten zwischen den Figuren Chandlers und Laurinis sind schnell erläutert:
Beide trinken etwas mehr Alkohol, als gut für sie wäre, beide leiden mitunter unter starken
Selbstzweifeln, beide sind ständig
on the road
, wo Marlowe seine Aufträge kreuz und quer
durch die Los Angeles Metropolitan Area führen, bereist die
morena
ganz Mexiko, was bei
beiden Figuren gleichermaßen Ausdruck ihrer charakterlichen Unbeständigkeit und ihres
Dranges nach Unabhängigkeit ist. Beide werden als gebildete und vor allem belesene Figuren
konstituiert, die in einer Welt ermitteln, die von Korruption, Verbrechen und Gewalt bestimmt
wird, und beide unterscheiden sich vom
status quo
dieser Welt, dadurch, dass ihnen
moralische Prinzipien wichtiger sind als Geld. In beiden Fällen werden durch die Mobilität
der Hauptfiguren, die sich nicht um soziale Hierarchien oder Grenzen scheren, die Orte die
1 Vgl. Myriam Laurini:
Que raro que me llame Guadelupe
/
Morena en rojo
, D.F. (México) 2008, S. 215.
Laurinis 1994 erstveröffentlichter Roman
Morena en rojo
wurde 2008 zusammen mit ihrem Roman
Que raro
que me llame Guadelupe
neu aufgelegt. Letzterer ist mit einem Vorwort,
Noticia
überschrieben, versehen, das
auch für
Morena en rojo
, mit dem sich meine Arbeit hauptsächlich beschäftigen wird, von Bedeutung ist. In
diesem Vorwort erzählt eine Frau, die sich selbst nur
La morena
nennt, Laurini auf einer Flugreise kennen
gelernt und ihr ihre Geschichte erzählt habe. Später habe Laurini sie aufgesucht, um sie zu bitten, diese
Geschichte als Grundlage für zwei Romane verwenden zu dürfen. Was ihr die
morena
, unter der Bedingung,
dass Namen, Orte, etc. zum Schutz der betreffenden Personen geändert würden.
Alle Zitate beziehen sich auf diese Ausgabe und werden im Folgenden im laufenden Text in Klammern
vermerkt. Die Zitate aus
Morena en rojo
werden mit (Mr), die aus
Que raro que me llame Guadelupe
mit (Gua)
und die aus dem Vorwort mit (Not) gekennzeichnet werden. Hervorhebungen in allen Zitaten beziehen sich, so
fern nicht ausdrücklich anders vermerkt, immer auf die jeweiligen Originale.
3
sie, buchstäblich, er-fahren, durch die Sicht der Ich-Erzähler, in ihrer sozialen Fragmentierung
und Widersprüchlichkeit abgebildet.
Frank Leinen sieht den mexikanischen Kriminalroman in einer Tradition mit der US-
amerikanischen
hard-boiled novel
2, für die Chandlers Romane einen Prototypen bilden,
betont aber im Bezug auf
Morena en rojo
gerade den Bruch mit dieser Tradition:
La complejidad y las contradicciones de la realidad exigen demasiado del individuo que ni
siquiera en su ensayo de vencer a su fatiga por un « buen baño » parece como una copia de los
héroes de la
hard-boiled novel
: « Imité a los detectives de novelas policiacas : agua caliente, agua
fría. Detestí, el agua fría agrede demasiado." (Laurini, 1994: 199 [in der von mir zitirten Ausgabe
Mr319])3
Leinen charakterisiert das Buch als ,,una novela social que se sirve de elementos
criminalísticos para trasmitir sin disimulación su mensaje crítico al mayor número posible de
lectores."4 So sollen auch in meiner Arbeit eher die Unterscheide als die Gemeinsamkeiten
der beiden Figuren im Vordergrund stehen. Wo Marlowe lieber alleine ist und sein Umfeld
auf Distanz hält, lässt sich die
morena
schon durch die Art der Fortbewegung auf menschliche
Nähe ein. Ähnliches gilt auch für das Liebesleben der Figuren, wo die
morena
im Verlaufe
der Romanhandlung in drei Liebesbeziehungen scheitert, bedeutet für Marlowe das
Anknüpfen einer Beziehung von vornherein einen Verlust seines unabhängigen
Lebenswandels und seiner moralischen Integrität, dem er durch ,,Keuschheit" vorzubeugen
trachtet. Wo die
morena
sich den sozialen Problemen, die sie umgeben zunächst mit einem
eher naiven Blick nähert (,,Bendita ingenuidad la mía" (Mr160), sagt sie an einer Stelle),
finden wir bei Marlowe einen betont abgebrühten und desillusionierten Blickwinkel.
Ein weiterer Unterschied soll durch den Vergleich der Reflexion über Sprache bei beiden
Autoren aufgezeigt werden. Wo Marlowes charakteristischer
wisecrack
, der coole Spruch in
jeder Lebenslage, belegt, dass die Sprache bei Chandler vor allem ein Machtmittel ist, das
zum Arbeitswerkzeug des Ermittlers gehört, gibt es bei Laurinis Reporterinnenfigur auch eine
hedonistische Dimension derselben, die von der Lebensfreude zeugt, die sich die
morena
,
trotz aller Depression und allen deprimierenden Realitäten, bewahrt.
Meine Ausführungen zu Chandler beziehen sich hauptsächlich auf den Roman
The Little
Sister
. Philip Marlowes fünfter Romanauftritt aus dem Jahre 1949 bietet vor allem zur
Untersuchung des Mobiltiätsmotivs, sowie der
gender
-Thematik reichhaltiges Material.
2 Vgl. Frank Leinen:
Lugar del crimen: México
, S. 520. "Teniendo en cuenta la visión critica de la sociedad
presentada por la
hard-boiled novel
de Dashiell Hammett y Raymond Chandler el lector de novelas policiaicas
mexicanas se encuentra siempre con una realidad deprimente, dominada por la violencia."
3 Vgl. Ebd. S. 531.
4 Vgl. Ebd. S. 530.
4
1. Raymond Chandlers The Little Sister
1.1. Inhalt und Erzählsituation
The peebled glass door panel is lettered in flaked black paint: ,,
Philip Marlowe... Investigations.
"
It is a reasonably shabby corridor in the sort of building that was new about the year the all-tile
bathroom became the basis of civilization. The door is locked, but next to it is another door with
the same legend which is not locked. Come on in there′s nobody in here but me and a big
bluebottle fly. But not if you′re from Manhattan, Kansas.5
Aus Manhattan, Kansas stammt Orfamay Quest, die zu Beginn des Romans
in Marlowes Büro
kommt. Der Name des Ortes im ländlichen Kansas, lässt an eines der größten urbanen Zentren
der USA denken und ist somit der erste Fall trügenden Scheins in Chandlers ,Hollywood
novel′.6 Dass Miss Quest Marlowe nichts als Ärger bringen wird, wird also bereits in diesem
ersten Absatz vorangekündigt. Dieser steht, im Gegensatz zum Rest des Textes, der
durchgehend im Präteritum verfasst ist, im Präsens und versetzt somit in die Gegenwart des
Erzählens, aus der Marlowe als Ich-Erzähler rückblickend berichtet.
Orfamay Quest beauftragt Marlowe mit der Suche nach ihrem Bruder Orrin, der aus
beruflichen Gründen nach Los Angeles gezogen ist und den Kontakt zu Mutter und Schwester
abrupt abgebrochen hat. Bei seinen Recherchen stößt Marlowe zunächst auf Hicks und
Clausen, zwei Gangster, die Orrin kannten und wenig später tot aufgefunden werden,
ermordet mit einem Eispickel. Bei Hicks′ Leiche findet Marlowe den Abholschein für einige
Fotos, die die Hollywoodschauspielerin Mavis Weld, mit bürgerlichem Namen Leila Quest,
Schwester von Orfamay und Orrin, und einen gewissen Steelgrave, einen Gangster aus
Cleveland, beim Mittagessen zeigt. Die Fotos beweisen, dass Steelgrave an einem bestimmten
Tag nicht, wie offiziell angenommen, im Gefängnis war und widerlegt dadurch sein Alibi für
den Mord an einem Kontrahenten namens Stein. Orrin, der die Bilder aufgenommen hat,
wollte sie benutzen, um Steelgrave zu erpressen. Drahtzieher der Erpressung scheint
allerdings ein gewisser Dr. Largardie zu sein. Als Marlowe diesen in seiner Praxis aufsucht
und beschuldigt, wird er durch eine mit Drogen versetzte Zigarette außer Gefecht gesetzt. Als
er zu sich kommt, hört er ein Kratzen an der Tür, verursacht von Orrin Quest, der kurz
nachdem Marlowe ihm öffnet einer Schussverletzung erliegt. In der Hand hält er einen
Eispickel. Dolores Gonzales, ebenfalls Hollywooddarstellerin und mit Mavis Weld bekannt,
führt Marlowe etwas später zu Mavis und dem ermordeten Steelgrave. Marlowe richtet den
Tatort so her, dass es aussieht, als habe er Steelgrave in Notwehr erschossen. Die Polizei lässt
5 Vgl. Raymond Chandler:
The Little Sister
, New York 1988, S. 3. Alle Zitate beziehen sich auf diese Ausgabe
und werden im Folgenden in Klammern im laufenden Text vermerkt (LS).
6 Als solche charakterisiert Peter Freeze
The Little Sister
. Vgl. Peter Freeze:
,America′ Dream or Nightmare?
Reflections on a Composite Image
; 3rd revised and enlarged edition, Essen 1994, S. 293.
5
sich nicht täuschen und verhaftet den Privatdetektiv. Wieder freigekommen, trifft Marlowe
ein letztes Mal auf Orfamay. Er weiß, dass sie von Steelgrave 1000 Dollar erhalten hat, um
Orrins Adresse zu verraten. Als Steelgrave ihr zur Belohnung für den Verrat das blutige
Hemd ihres Bruders gab, erschoss sie ihn im Beisein ihrer Schwester und Miss Gonzales′.
Den Mord an Orrin aber, hat nicht Steelgrave begangen, der sein Gangsterleben hinter sich
lassen wollte, sondern Dolores, die Steelgrave liebte. Als Marlowe den Fahrstuhl des
Appartementhauses, in dem Dolores lebt, verlässt, kommt ihm Dr. Lagardie entgegen.
Marlowe ruft die Polizei, doch diese kommt zu spät, um Dolores zu retten.
Der Roman ist in 34 nicht betitelte Kapitel unterteilt.
1.2. Crime Scene Chandlertown: Marlowe und Los Angeles
1.2.1. Das Wachstum L. A.′s und die Konsequenzen in Chandlers Romanen
,,I used to like this town," sinniert Marlowe auf einer nächtlichen Autofahrt mit Dolores
Gonzales.
,,A long time ago. There were trees along Wilshire Boulevard. Beverly Hills was a country town.
Westwood was bare hills and lots offering at eleven hundered dollars and no takers. Hollywood
was a bunch of frame Houses in the interurban line. Los Angeles was just a big dry sunny place
with ugly homes and no style, but goodhearted and peaceful. It had the climate they just yap about
now. People used to sleep out on porches. Little groups who thought they were intellectual used to
call it the Athens of America. It wasn′t that, but it wasn′t a neon-lighted slum either. [...]
Now we get characters like this Steelgrave owning restaurants. [...] We′ve got the big money, the
sharp shooters, the percentage workers, the fast-dollar boys, the hoodlums out of New York and
Chicago and Detroit and Cleveland. We′ve got the flash restaurants and night clubs they run,
and the hotels and apartment houses they own, and the grifters and con men and female bandits
that live in them. The luxury trades, the pensy decorators, the Lesbian dress designers, the riffraff
of a big hard-boiled city with no more personality than a paper cup. Out in the fancy suburbs dear
old Dad is reading the sports page in front of a picture window, with his shoes off, thinking he is
high class because of his three-car garage. Mom is in front of her princess dresser trying to paint
the suitcases out from under her eyes. And Junior is clamped onto the telephone calling up a
succesion of high school girls that talk pigeon English and carry contraceptives in their make-up
kit."
,,It is the same in all big cities, amigo." [Dolores Gonzales said.]
,,Real cities have something else, some individual bony structure under the muck. Los Angeles has
Hollywood and hates it. Without Hollywood it would be a mail-order city. Everything in the
catalogue you would get better somewhere else." (LS183f.)
Andreas Mahler erläutert unter den verschiedenen Arten, durch die literarische Texte Städte
konstituieren, u. a. die ,,referentielle Stadtkonstitution"7. Hierbei werde der Name einer realen
Stadt etwa schon im Titel eines Werkes genannt, oder diese werde ,,über das abrufen von als
bekannt vorrausgesetzten und vorraussetzbaren Teilelementen" konstituiert. ,,Eine solche
Stadtkonstitution hat man in Anlehung an einen Begriff aus der kognitiven Semantik
7 Vgl. Andreas Mahler:
Stadttexte Textstädte. Formen und Funktionen diskursiver Stadtkonstitution.
In:
Derselbe (Hg.):
Stadt-Bilder: Allegorie, Mimesis, Imagination
. Heidelberg 1999, S. 14ff.
6
,prototypisch′ genannt."8 Die refferentielle Stadtkonsitution habe es zum Ziel, ,,das fiktive
Geschehen in einer ,realen′ Stadt"9 zu situieren, wodurch die ,,explizite Herstellung eines
Text-Welt-Bezuges" erreicht würde10.
Dass Chandler sein Los Angeles gerade in der Form einer prototypischen Stadtkonstitution,
durch die vielfache Nennung realer Straßen-und Stadtteilsnamen entstehen lässt, vermag
wenig Wunder zu nehmen. Die hierdurch erzeugte Authentizität war für ihn maßgebliches
Kriterium literarischen Schaffens, so beginnt er seinen Essay
The Simple Art of Murder
mit
dem Satz: ,,Fiction in any form has allways intented to be realistic."11 Was er den
Detektivgeschichten klassischer Prägung, etwa Agatha Christies, vorwarf, war gerade ihre
,Weltfremde′12. Das Los Angeles, das den Background für Philip Marlowes Kriminalfälle
liefert, ist als realistisches Bild einer wachsenden Metropole und der Probleme, die das
Wachstum mit sich bringt, konzipiert. In
The Big Sleep
bringt Marlowe es auf den Punkt:
,,Some very tough people have checked in here lately. The penalty of growth." 13 Auch wird
,,[d]ieses Wachstum [...] spätestens seit den zwanziger Jahren unübersehbar begleitet von
einer unerhörten, sozialen, kulturellen, politischen und räumlichen Fragmentierung der
Stadt"14: ,,Die neue Metropole mit ihren 1.2 Millionen Einwohnern bot zu Beginn der
Depression 1929 das Bild eines Archipels kultureller, ethnischer und sozialer Inseln"15. Peter
Neumeyer schreibt: ,,Chandlers Werke vermitteln ein authentisches Bild der Stadt in den
dreißiger und vierziger Jahren und haben unsere Sichtweise dieses Raumes entscheidend
mitgeprägt. Los Angeles ist ,Chandlertown′."16
Die von mir eingangs ausführlich zitierte Passage ist exemplarisch sowohl für die historischen
Veränderungen Los Angeles′, die Chandler in seinen Romanen porträtiert, die Entwicklung
von einer ,,fast pastorale[n]"17 Stadt zur brodelnden Metropole und zum Sündenpfuhl des
Verbrechens, als auch für Marlowes konservative Sicht auf diese Entwicklung und die Welt
im Allgemeinen. Der Verslust ,ländlicher Unschuld′, geht für Marlowe einher mit einem
8 Vgl. Ebd. S. 15.
9 Vgl. Ebd. S. 14.
10 Vgl. Ebd.
11 Raymond Chandler:
The Simple Art of Murder
, New York 1988, S. 1.
12 Vgl. Ebd. S. 11. ,,They [all these stories...] are too little aware of what goes on in the world. [...] But if the
writers of this fiction wrote about the murders that really happen, they would have also to write about the
authentic flavor of life as it is lived."
13 Vgl. Raymond Chandler:
The Big Sleep
(1939), New York 1992, S. 73. Alle Zitate beziehen sich auf diese
Ausgabe und werden im Folgenden in Klammern im laufenden Text vermerkt (BS).
14 Vgl. Möllers: A
Paradise populated with Lost Souls : Literarische Auseinandersetzungen mit Los Angeles
,
Essen 1999, S. 86.
15 Vgl. Ebd. S. 85.
16 Vgl. Peter Neumeyers Nachwort zu: Raymond Chandler:
Killer in the Rain
, Stuttgart 2008, S. 116 und
Anmerkung 23. Neumeyer verweist hiermit auf ein Buch von Edward Thorpe:
Chandlertown: The Los Angeles
of Philip Marlowe
, London 1983/ New York 1984.
17 Vgl. Möllers
Paradise populated
S. 238.
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