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Subtitle: Mythische Darstellung und verschleierte Gesellschaftskritik
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 19 Pages
Author: Jascha Walter
Subject: Russian / Slavic Languages
Details
Year: 2008
Pages: 19
Grade: 2,3
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-34686-8
ISBN (Book): 978-3-640-34707-0
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Abstract
Der ornamentale Stil der Kurzgeschichte Drakon ermöglicht durch die mythische Darstellung des Drachen die kritischen Ansichten des Autors zu verschleiern. Da eine direkte Kritisierung der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung fatale Folgen gehabt haben könnte, stellt sich die stilistisch eigensinnige Entwicklung des Autors als vorteilhaft für sein persönliches Schicksal heraus. Im vorliegenden Referat soll somit durch eine Analyse stilistischer und inhaltlicher Auffälligkeiten sowie der politischen und gesellschaftlichen Ansichten des Autors erörtert werden, inwiefern der ornamentale Stil und der gesellschaftskritische Inhalt der Erzählung Drakon miteinander verknüpft sind. Darüber hinaus bezieht sich der Begriff der Archaik auch auf das von primitiven, ursprünglichen Bedürfnissen geleitete menschliche Handeln und bildet damit eine Opposition zum rationalen Denken und modernen Ideologien der Gegenwart. Dieser Gegensatz wird bereits in der zum früheren Werk Zamjatins zählenden Kurzgeschichte Drakon deutlich, findet allerdings noch stärkeren Ausdruck in späteren Geschichten wie Attila, My oder Peščera. Auch in Ostrovitjane und Lovec čelovekov wird eine archaische, also vorrationale und triebhafte Existenz als eine Art Gegenmodell zur rationalen Welt dargestellt. Die vorliegende Arbeit berücksichtigt diesen Aspekt im Rahmen des für die Kurzgeschichte Drakon relevanten Umfangs. Zur Recherche nach relevanter Sekundärliteratur wurde der Campuskatalog der Universität Hamburg, die online Bibliographie MLA und die im Rahmen des Seminars von Herrn Professor Schmid zur Verfügung gestellte Zamjatin Bibliographie berücksichtigt.
Excerpt (computer-generated)
Universität Hamburg - Institut für Slavistik
Semester: WiSe
2007/2008
Seminar II: Russische Prosa der zwanziger Jahre
Student:
Jascha Walter
Fachsemester: 6
Archaik und Gegenwart in Evgenij Zamjatins Drakon
Mythische Darstellung und verschleierte Gesellschaftskritik
Gliederung
1. Einleitung 2
2. Archaik, Mythos und Ornamentalismus 2
2.1. Archaische Elemente der Erzählung 4
2.2. Die mythenhafte Darstellung des Rotgardisten 5
3. Bezüge zur Gegenwart des Autors 7
3.1. Zamjatins gesellschaftskritischer Anspruch 8
3.2. Der Rotgardist als Verkörperung des Unberechenbaren 11
3.3. Das revolutionäre St. Petersburg 12
3.4. Die Straßenbahn als Verkörperung von Mechanik und Urbanität 13
4. Zusammenfassung 14
Primärliteratur 16
Sekundärliteratur 16
Nachschlagewerke 17
1
1. Einleitung
Der ornamentale Stil der Kurzgeschichte
Drakon
ermöglicht durch die mythische
Darstellung des Drachen die kritischen Ansichten des Autors zu verschleiern. Da eine
direkte Kritisierung der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung fatale Folgen
gehabt haben könnte, stellt sich die stilistisch eigensinnige Entwicklung des Autors als
vorteilhaft für sein persönliches Schicksal heraus. Im vorliegenden Referat soll somit
durch eine Analyse stilistischer und inhaltlicher Auffälligkeiten sowie der politischen
und gesellschaftlichen Ansichten des Autors erörtert werden, inwiefern der ornamentale
Stil und der gesellschaftskritische Inhalt der Erzählung
Drakon
miteinander verknüpft
sind.
Darüber hinaus bezieht sich der Begriff der Archaik auch auf das von primitiven,
ursprünglichen Bedürfnissen geleitete menschliche Handeln und bildet damit eine
Opposition zum rationalen Denken und modernen Ideologien der Gegenwart. Dieser
Gegensatz wird bereits in der zum früheren Werk Zamjatins zählenden Kurzgeschichte
Drakon
deutlich, findet allerdings noch stärkeren Ausdruck in späteren Geschichten wie
Attila
,
My
oder
Pescera
.1 Auch in
Ostrovitjane
und
Lovec celovekov
wird eine
archaische, also vorrationale und triebhafte Existenz als eine Art Gegenmodell zur
rationalen Welt dargestellt.2 Die vorliegende Arbeit berücksichtigt diesen Aspekt im
Rahmen des für die Kurzgeschichte
Drakon
relevanten Umfangs. Zur Recherche nach
relevanter Sekundärliteratur wurde der Campuskatalog der Universität Hamburg, die
online Bibliographie MLA und die im Rahmen des Seminars von Herrn Professor
Schmid zur Verfügung gestellte Zamjatin Bibliographie berücksichtigt.
2. Archaik, Mythos und Ornamentalismus
Der Begriff der Archaik steht in engem Zusammenhang mit den mythopoetischen
Darstellungsverfahren des Ornamentalismus und ist sowohl auf den Inhalt als auch auf
die Form der Geschichte
Drakon
anwendbar. Das Verfahren der Ornamentalisierung
enthält eine Reaktivierung mythischen Denkens, bei der sich die lineare und zyklische
Weltordnung durch Interferenzen überschneiden. Diese mit Filigranarbeit zu
vergleichende Technik der ornamentalen Prosa wandte Zamjatin in seinen Erzählungen
1 E. Brown, 1963 S.31.
2 S. Veselov, 1988 S.4.
2
bis etwa 1918 an. Das Kunststück ergibt sich dabei aus der Komposition einzelner
Details, komplizierten Vokabulars, Bildern und Vergleichen, ungewöhnlicher Syntax
und besonders strukturierter Wortmusik.3 Darüber hinaus wird im Gesamtwerk
Zamjatins eine Tendenz zum Primitiven und Prärationalen deutlich, eine Vermeidung
rationaler Aussagen zugunsten von Eindrücken, Andeutungen und Bildern, die in einer
möglichst einfachen Sprache frei von syntaktischer Komplexität übertragen werden.4
Den Essays Zamjatins ist zu entnehmen, dass in der neuen Epoche auch die Darstellung
der Wirklichkeit neu definiert werden müsse. Wirklichkeit sei demnach weder mit dem
Realismus eines Tolstoj noch mit der spekulativen Träumerei der Symbolisten zu
erfassen. So fordert er den ,,Neorealismus" als neuen Stil der Epoche, unter dem er eine
Mischung aus Realismus und Phantastik versteht.5 Im resultierenden Stil des
Ornamentalismus unternimmt Zamjatin den Versuch der Darstellung einer
"realistischeren" Realität durch Phantasie und Verzerrung, neigt zu einem
impressionistischen Stil und dem Gebrauch volksdialektaler Sprache.6 Letzteres
verdeutlicht den Gegenwartsbezug, der trotz des stilistischen Widerspruchs zu
ungewohnt poetischen Verfahren des Ornamentalismus erfolgreich in die Geschichten
eingebettet wird.
Ein deutliches Charakteristikum der russischen Moderne ist die Abkehr vom Realismus
und der damit verbundenen rationalen Erfassung der Realität. Die nachsymbolistische
Avantgarde, zu der auch Zamjatin gezählt wird, zeichnet sich dementsprechend durch
ein vorrationales, triebhaftes Weltmodell aus, das starke Bezüge zum mythischen
Denken deutlich macht: die archaische Existenz des primitiven Menschen, mit all seinen
körperlich-triebhaften Bedürfnissen und einem vorzeitlich-naiven Weltbild. Die
mythischen Elemente der Avantgarde zielen jedoch nicht auf Heldensagen oder
ähnliches, sondern in erster Linie auf eine archaische Bewusstseinsstruktur, die eine
Opposition zum rationalen Denken bildet. Eine parallele Erscheinung der
Mythifizierung ist die ikonartige Auffassung des Wortes, die völlige
Deckungsgleichheit von Wort und Inhalt, die das Wort in der avantgardistischen
Wortkunst als "objektive Realität mit selbständigem Eigenwert" (Veselov S. 2)
erscheinen lässt. In häufig auftretenden Klangwiederholungen, Rythmisierungen,
Leitmotiven, Metaphern und Äquivalenzen findet diese Poetik starken Ausdruck und
3 G. Leech-Anspach, 1976 S.97.
4 E. Brown, 1963 S.33.
5 G. Leech-Anspach, 1976 S.32.
6E. Brown, 1963 S.32.
3
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