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Subtitle: Mögliche bildungspolitische Konsequenzen aus den Ergebnissen der PISA-Studie
Scholary Paper (Seminar), 2006, 22 Pages
Author: Christine Beier
Subject: Pedagogy - School Pedagogics
Details
Year: 2006
Pages: 22
Grade: 1
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-34875-6
ISBN (Book): 978-3-640-34827-5
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Abstract
Das „Sitzenbleiben“ ist im deutschen Schulsystem seit mehreren hundert Jahren fest verankert. Die Kritik am Sitzenbleiben ist nach Bekanntwerden der Ergebnisse der PISA-Studie neu entfacht; nachdem die deutschen Schüler bei dieser internationalen Vergleichsstudie so schlecht abschnitten, plädierte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) dafür, eher in vorbeugende Förderung zu investieren, statt bundesweit jährlich etwa 250.000 Schüler eine Jahrgangsstufe wiederholen zu lassen. An die Maßnahme der Wiederholung einer Klassenstufe wird die Erwartung geknüpft, dass dies zu einer Steigerung der Homogenität innerhalb einer Lerngruppe führe und somit zu einem insgesamt besseren Lernerfolg. Für denjenigen, der eine Klasse wiederholt, soll das Sitzenbleiben dazu dienen, dass er in der neuen, weniger anspruchsvollen Lerngruppe wieder Fuß fasst und sich seine Leistung verbessert. In den letzten Jahren ist dieser Zusammenhang jedoch mehrfach in Frage gestellt worden, was sich nicht zuletzt in jüngsten Forderungen der GEW ausdrückt, das Sitzenbleiben doch ganz abzuschaffen. In der vorliegenden Arbeit soll zunächst das Sitzenbleiben als Instrument in das deutsche gegliederte Schulsystem eingeordnet werden. Es soll erläutert werden, welche Erwartungen an die Klassenwiederholung geknüpft werden und welche Funktion das Sitzenbleiben erfüllen soll. Im Anschluss daran wird aufgezeigt, welche geschichtliche Bedeutung die Klassenwiederholung hat und aus welchem Kontext heraus sie vor etwa zweihundert Jahren entstanden ist. Daran schließt sich im zweiten Kapitel eine Diskussion der Frage an, als wie sinnvoll das Sitzenbleiben in der heutigen Zeit angesehen werden kann und welche Probleme damit verbunden sind. Im dritten Kapitel sollen Möglichkeiten diskutiert werden, was Deutschland tun könnte um aus dem Bildungsmittelmaß heraus wieder weiter an die internationale Spitze zu kommen. Anhand des PISA-Siegers Finnland soll gezeigt werden, wie eine ausgeprägte Förderkultur eventuell als Alternative zu einer starken Selektionskultur gesehen werden kann, um die Leistungsfähigkeit der Schüler zu steigern. Daran schließt sich eine Darstellung des derzeitigen Meinungsbildes an, das derzeit in Deutschland zum Thema Sitzenbleiben zu finden ist. Dabei werden sowohl Meinungen des Volkes als auch die Stimmung innerhalb der Politik aufgegriffen.
Excerpt (computer-generated)
Philipps-Universität Marburg
FB 21 Erziehungswissenschaften
Zulassungsarbeit im Fach Pädagogik:
Macht Sitzenbleiben Sinn? Mögliche
bildungspolitische Konsequenzen aus den
Ergebnissen der PISA-Studie
Termin der Abgabe: 1. November 2006
Christine Beier
Deutsch/ Sport L3
Inhalt
Einleitung
2
1
Die Klassenwiederholung. Definition und Historisches
4
1.1
Einordnung des Sitzenbleibens in die Grundstruktur des
deutschen Schulsystems
4
1.2
Geschichte des Sitzenbleibens
5
2
Mit der Klassenwiederholung auftretende Probleme
6
2.1
Homogene Lerngruppen = leistungsstarke Lerngruppen?
6
2.2
Psychologische Aspekte des Sitzenbleibens
8
2.3
Gesellschaftliche Auswirkungen des Sitzenbleibens
10
3
Mögliche Konsequenzen
12
3.1
Was kann Deutschland vom PISA-Sieger Finnland lernen?
12
3.2
Stimmungslage in Deutschland zum Thema Abschaffen des
Sitzenbleibens
15
4
Fazit
17
Literatur
19
Einleitung
Das ,,Sitzenbleiben"1 ist im deutschen Schulsystem seit mehreren hundert Jahren
fest verankert. Die Kritik am Sitzenbleiben ist nach Bekanntwerden der Ergebnisse
der PISA-Studie neu entfacht; nachdem die deutschen Schüler2 bei dieser
internationalen Vergleichsstudie so schlecht abschnitten, plädierte die Gewerkschaft
Erziehung und Wissenschaft (GEW) dafür, eher in vorbeugende Förderung zu
investieren, statt bundesweit jährlich etwa 250.000 Schüler eine Jahrgangsstufe
wiederholen zu lassen. Die Diskussion um den Sinn des Sitzenbleibens ist jedoch
schon sehr alt3. Bereits in den Siebziger- und den Achtzigerjahren wurde am
Sitzenbleiben Kritik geübt4.
An die Maßnahme der Wiederholung einer Klassenstufe wird die Erwartung
geknüpft, dass dies zu einer Steigerung der Homogenität innerhalb einer Lerngruppe
führe und somit zu einem insgesamt besseren Lernerfolg. Für denjenigen, der eine
Klasse wiederholt, sol das Sitzenbleiben dazu dienen, dass er in der neuen, weniger
anspruchsvol en Lerngruppe wieder Fuß fasst und sich seine Leistung verbessert5. In
den letzten Jahren ist dieser Zusammenhang jedoch mehrfach in Frage gestel t
worden, was sich nicht zuletzt in jüngsten Forderungen der GEW ausdrückt, das
Sitzenbleiben doch ganz abzuschaffen.
In der vorliegenden Arbeit sol zunächst das Sitzenbleiben als Instrument in das
deutsche gegliederte Schulsystem eingeordnet werden. Es sol erläutert werden,
welche Erwartungen an die Klassenwiederholung geknüpft werden und welche
Funktion das Sitzenbleiben erfül en sol . Im Anschluss daran wird aufgezeigt, welche
geschichtliche Bedeutung die Klassenwiederholung hat und aus welchem Kontext
heraus sie vor etwa zweihundert Jahren als pädagogische Maßnahme entstanden
ist.
Daran schließt sich im zweiten Kapitel eine Diskussion der Frage an, als wie sinnvol
das Sitzenbleiben in der heutigen Zeit angesehen werden kann und welche
Probleme damit verbunden sind. Dabei werden sowohl psychologische als auch
gesel schaftliche Aspekte berücksichtigt.
1 der Verfasserin ist bewusst, dass ,,Sitzenbleiben" ein umgangssprachlicher Ausdruck ist. Der besseren
Lesbarkeit halber wird er fortan jedoch nicht jedes Mal mit Anführungsstrichen als solcher gekennzeichnet.
2 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Text fast ausschließlich das generische Maskulinum verwendet,
welches weibliche wie männliche Personen gleichermaßen einschließen soll.
3 Krohne/ Meier/ Tillmann, Sitzenbleiben, Geschlecht und Migration, S. 373.
4 vgl. zum Beispiel Ingenkamp 1972, Hurrelmann/ Wolf 1986.
5 vgl. Tillmann, Wenn Unterschiede zwischen Kindern als Ärgernis gelten, S. 20.
2
Im dritten Kapitel sol en Möglichkeiten diskutiert werden, was Deutschland tun könnte
um aus dem Bildungsmittelmaß heraus wieder weiter an die internationale Spitze zu
kommen. Anhand des PISA-Siegers Finnland sol gezeigt werden, wie eine
ausgeprägte Förderkultur eventuel als Alternative zu einer starken Selektionskultur
gesehen werden kann, um die Leistungsfähigkeit der Schüler zu steigern. Es werden
dabei Teilergebnisse der PISA-Studie dieser und anderer Länder gegenübergestel t,
die eine Aussage über die Häufigkeit des Gebrauchs von Klassenwiederholungen
und verzögerten Schul aufbahnen treffen.
Daran schließt sich eine Darstel ung des derzeitigen Meinungsbildes an, das derzeit
in Deutschland zum Thema Sitzenbleiben zu finden ist. Dabei werden sowohl
Meinungen des Volkes als auch die Stimmung innerhalb der Politik aufgegriffen.
3
1
Die Klassenwiederholung. Definition und Historisches
1.1
Einordnung des Sitzenbleibens in die Grundstruktur des deutschen
Schulsystems
Sitzenbleiben ist ,,der umgangssprachliche Begriff für die Wiederholung einer
Jahrgangsstufe, die jeweils am Ende eines Schuljahres angeordnet wird, wenn ein
Kind das im Lehrplan festgelegte Pensum nicht bewältigt hat."6
Mit der Anordnung der Klassenwiederholung sol eine Homogenisierung der Klasse
bewirkt werden. Orientiert wird sich dabei an einem fiktiven Leistungsdurchschnitt,
der in der jeweiligen Klassenstufe zu erwarten ist.7 Das Instrument der
Klassenwiederholung ist in engem Zusammenhang mit dem Aufbau des deutschen
Schulsystems zu sehen. Es handelt sich dabei um ein gegliedertes Schulsystem, bei
dem Schüler sich auf unterschiedliche Schultypen verteilen. Die Zuordnung zu den
verschiedenen Schulformen findet aufgrund diagnostischer Informationen, etwa
Zensuren, Intel igenzquotient oder andere Schul eistungstestergebnisse, statt.
Dieses beschriebene Selektionsverfahren findet in der Gesel schaft nach wie vor
Anerkennung.8 Nach FEND9 gehört die Selektionsfunktion neben einer
Qualifizierungsfunktion und einer Integrations-/ Legitimationsfunktion strukturel zur
Funktion der Schule. Maßnahmen, die das Ziel verfolgen Unterricht klassen- bzw.
lerngruppenübergreifend zu organisieren um so homogene Gruppen herzustel en,
werden unter dem Begriff
äußere Differenzierung
zusammengefasst.10 Ein
herausragendes Kriterium, nach dem im deutschen Schulsystem differenziert wird,
ist das Alter. Es ist heutzutage prinzipiel festgelegt, in welchem Alter ein Kind
eingeschult wird, in welchem Alter es normalerweise die Grundschule beendet, dass
es nach sechs weiteren Jahren auf einer von vier möglichen Schulformen seinen
Abschluss macht usw. Es gibt also Jahrgangsklassen, in denen im Normalfal
gleichaltrige
Kinder
zusammen
unterrichtet
werden.
Die
individuel en
Bildungsverläufe sehen häufig jedoch nicht so geradlinig aus. Wird nach dem
Kriterium der Leistung und nicht nur nach dem des Alters differenziert, kann dieser
idealtypische Schulweg verändert werden. Dies geschieht häufig schon vor der
Einschulung, indem die Kinder aufgrund mangelnder Schulfähigkeit ein Jahr vom
6 Glumpler, Sitzenbleiben, S. 316 f.
7 Vgl. ebd.
8 Keck, Selektion, S. 315.
9 vgl. Fend, H, Gesel schaftliche Bedingungen schulischer Sozialisation, S. 64 ff.
10 vgl. Meyer-Willner, äußere Differenzierung, S. 76.
4
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