Please wait
Please install the Adobe Flash Player if no e-book is displayed.
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 27 Pages
Author: Christine Beier
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: University of Marburg
Year: 2005
Pages: 27
Grade: 2
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-34877-0
ISBN (Book): 978-3-640-34829-9
Other users also were interested in the following titles:
Abstract
Kafkas Roman Der Prozeß ist ein Text, der es seinen Rezipienten verbietet, ihn bloß passiv-konsumierend zu lesen. Der Prozeß ist ein Werk, in dem das Thema Angst allgegenwärtig ist und auch der Leser sich dieser dort beschriebenen Angst nicht entziehen kann. In dieser Arbeit soll die Angst im Zusammenhang mit Wissen und Unwissen dargestellt werden. Dabei wird sich der erste Teil der Arbeit mit der Angst der Hauptfigur Josef K., der zweite Teil mit der Angst des Lesers auseinandersetzen und das immer auch im Hinblick darauf, wie sich ein Mangel an Wissen oder das Vorhandensein bestimmter Informationen auf die Angst des Protagonisten und des Lesers auswirkt. Vor einer Untersuchung des Romans unter dem Aspekt der Angst ist zunächst zu klären, wie der Begriff Angst verstanden werden soll. Hier eine klare Definition der Angst voranzustellen, wäre auf den ersten Blick ein sinnvoller Anfang einer solchen Arbeit, erweist sich jedoch als sehr problematisch. Zahlreiche Wissenschaftsdisziplinen haben sich der Untersuchung der Angst angenommen, allen voran natürlich die Psychologie, aber auch die Biologie, Medizin, Philosophie und Medizin beschäftigen sich schon viele Jahre mit den Gründen und Auswirkungen der Angst. Bei meinen Überlegungen will ich aber von einem Angstbegriff ausgehen, der vor allem Angst als Ergebnis von Unsicherheit, Ambivalenz und Orientierungslosigkeit begreift, die wiederum in einem engen Zusammenhang mit Wissen und Unwissen stehen. Dabei soll die Angst Josef K.s zunächst vor dem Hintergrund einer kognitiven Angsttheorie von Martin E. P. Seligman untersucht werden. Im Anschluss daran folgt eine Auseinandersetzung mit einem existenzphilosophischen Ansatz, der Josef K.s Angst als eine Angst vor der eigenen Erkenntnis erscheinen lässt. Die Arbeit schließt damit ab, die Wirkung des Romans auf den Leser näher zu untersuchen. Dabei ist zu zeigen, dass Franz Kafka mit seinem Roman bewusst einen verunsichernden Effekt erzielen wollte, die Wirklichkeitswahrnehmung des Lesers sollte bewusst erschüttert werden. In diesem Aspekt eröffnen sich einige Parallelen zu E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann, auf den deshalb am Ende noch eingegangen und dem Prozeß gegenübergestellt werden soll.
Excerpt (computer-generated)
Philipps-Universität Marburg
FB 09 Germanistik und Kunstwissenschaften
HS Literatur der Angst
Sommersemester 2005
Angst und (Un-) Wissen in Kafkas Der Prozeß
Christine Beier
10. Semester
Deutsch, Sport (Lehramt)
Inhalt
I. Einleitung 3
II. Hauptteil 4
1. Die Angst des Josef K. 4
1.1. Die Benennung der Angst in Kafkas Der Prozeß 4
1.2. Angst und Unwissen Theoretische Grundlagen 7
1.2.1. Psychologischer Ansatz
7
1.2.2. Philosophischer Ansatz
10
2. Die Angst des Lesers 14
2.1. Übertragung der Angst auf den Leser durch personales Erzählen 15
2.2. Angst durch Mehrdeutigkeit und Widersprüchlichkeit des Textes 19
III. Fazit 23
Literaturverzeichnis 25
2
I. Einleitung
Kafkas Roman
Der Prozeß
ist ein Text, der es seinen Rezipienten verbietet, ihn bloß passiv-
konsumierend zu lesen.
Der Prozeß
ist ein Werk, in dem das Thema Angst allgegenwärtig ist
und auch der Leser sich dieser dort beschriebenen Angst nicht entziehen kann. In dieser
Arbeit soll die Angst im Zusammenhang mit Wissen und Unwissen dargestellt werden. Dabei
wird sich der erste Teil der Arbeit mit der Angst der Hauptfigur Josef K., der zweite Teil mit
der Angst des Lesers auseinandersetzen und das immer auch im Hinblick darauf, wie sich ein
Mangel an Wissen oder das Vorhandensein bestimmter Informationen auf die Angst des
Protagonisten und des Lesers auswirkt.
Durch die personale Erzählhaltung hat Kafka eine Erzählstrategie gewählt, die eine Grenze
zwischen Figuren- und Leserangst ein Stück weit verschwimmen lässt. Auf diesen
erzähltechnischen Aspekt wird dabei im zweiten Teil besonders eingegangen und das
Leserwissen dem Figurenwissen gegenübergestellt.
Vor einer Untersuchung des Romans unter dem Aspekt der Angst ist zunächst zu klären, wie
der Begriff Angst verstanden werden soll. Hier eine klare Definition der Angst
voranzustellen, wäre auf den ersten Blick ein sinnvoller Anfang einer solchen Arbeit, erweist
sich jedoch als sehr problematisch. Zahlreiche Wissenschaftsdisziplinen haben sich der
Untersuchung der Angst angenommen, allen voran natürlich die Psychologie, aber auch die
Biologie, Medizin, Philosophie und Medizin beschäftigen sich schon viele Jahre mit den
Gründen und Auswirkungen der Angst. In diesem Zusammenhang erscheint es jedoch wenig
sinnvoll, Angsttheorien aufzugreifen, die sich mit neuro-biologischen Zusammenhängen
beschäftigen. Aber auch unter den psychologischen und philosophischen Ansätzen ist es
schwierig, den Überblick über die Vielfalt der Herangehensweisen an dieses Thema zu
behalten. Wie viele Wissenschaftsdisziplinen sich mit dem Thema Angst beschäftigen, ist zu
erkennen, wenn man exemplarisch die Expertenzusammensetzung bei den Starnberger
Gesprächen 1964 betrachtet, bei denen sich Mediziner, Literaturwissenschaftler, Psychologen
und Philosophen über das Thema Angst austauschten. Bezeichnend ist dabei auch, dass diese
Gruppe von Wissenschaftlern sich nicht auf eine klare Definition einigen konnte. Der
Verhaltensforscher Konrad Lorenz äußert hier über das Thema Angst: ,,[...] aber ich glaube,
wir sollten den Versuch aufgeben, zu einer einheitlichen, abstrahierbaren, in einem einzigen
3
abstrakten Begriff faßbaren Definition der Angst und der Quellen der Angst zu kommen. Ich
halte das beinahe grundsätzlich für ausgeschlossen."1
Bei meinen Überlegungen will ich aber von einem Angstbegriff ausgehen, der vor allem
Angst als Ergebnis von Unsicherheit, Ambivalenz und Orientierungslosigkeit begreift, die
wiederum in einem engen Zusammenhang mit Wissen und Unwissen stehen. Dabei soll die
Angst Josef K.s zunächst vor dem Hintergrund einer kognitiven Angsttheorie von Martin E.
P. Seligman untersucht werden. Im Anschluss daran folgt eine Auseinandersetzung mit einem
existenzphilosophischen Ansatz, der Josef K.s Angst als eine Angst vor der eigenen
Erkenntnis erscheinen lässt.
Die Arbeit schließt damit ab, die Wirkung des Romans auf den Leser näher zu untersuchen.
Dabei ist zu zeigen, dass Franz Kafka mit seinem Roman bewusst einen verunsichernden
Effekt erzielen wollte, die Wirklichkeitswahrnehmung des Lesers sollte bewusst erschüttert
werden. In diesem Aspekt eröffnen sich einige Parallelen zu E. T. A. Hoffmanns
Der
Sandmann
, auf den deshalb am Ende noch eingegangen und dem Prozeß gegenübergestellt
werden soll. Im Zusammenhang mit dieser Absicht der Verunsicherung ist auch danach zu
fragen, inwiefern dies als eine Kritik gegen ein bestimmtes Lesepublikum zu sehen ist.
II. Hauptteil
1. Die Angst des Josef K.
1.1. Die Benennung der Angst in Kafkas Der Prozeß
Eine explizite Benennung der Angst in Bezug auf den Protagonisten Josef K. sucht man in
diesem Roman Kafkas vergeblich, trotzdem ist sie in diesem Werk allgegenwärtig. Jürg Beat
Honegger geht sogar so weit, zu behaupten, dass ,,dieser Roman dasjenige Werk Kafkas [ist],
das stärker als alle andern ganz von unentschiedener Ambivalenz, von der Situation
ungerichteten Zwischenseins und von der Angst geprägt ist."2
Die Situation, mit der sich Josef K. konfrontiert sieht, bietet objektiv gesehen in jedem Fall
Grund sich zu ängstigen: Er wacht morgens auf und anstatt dass seine Vermieterin ihm wie
gewohnt das Frühstück bringt, bekommt er Besuch von drei unbekannten Männern, die sich
als Abgesandte des Gerichts vorstellen. Diese erklären ihm, dass er verhaftet sei. Die
Reaktion K.s darauf ist geprägt von Ambivalenz zwischen Anerkennung der Verhaftung und
Verachtung derselben. Josef K. ist sich offenbar keiner Schuld bewusst und versucht etwas
1 v. Ditfurth, Aspekte der Angst, S. 91.
2 Honegger: Das Phänomen der Angst bei Franz Kafka, S. 264.
4
über den Grund seiner Verhaftung zu erfahren. Er stellt den Wächtern zahlreiche Fragen. Er
möchte von seinem unerwünschten Besuch wissen: ,,Wer sind Sie?", ,,Ja, was wollen Sie
denn?", ,,Wie kann ich denn verhaftet sein? Und gar auf diese Weise?"3 Offenbar leidet Josef
K. darunter, dass man ihm Informationen über die Umstände seiner Verhaftung vorenthält. Es
drängt ihn, endlich ,,Klarheit über seine Lage zu bekommen"4. Jedoch wird der Begriff
,Angst′ oder ,Furcht′ nicht explizit erwähnt. Im Vergleich zu Werken wie
Emilia Galotti
oder
Das Parfum
, in denen konkret davon gesprochen wird, dass z.B. Emilia ,,in einer ängstlichen
Verwirrung" zu ihrer Mutter ins Haus ,,stürzet"5 oder im
Parfum,
wo die Rede davon ist, dass
sich ,,Furcht über das Land [legte]"6, findet der Leser im
Prozeß
solche konkreten
Benennungen nicht. Hinweise darauf, dass Josef K. Angst empfindet
,
gibt es dennoch. Als er
allein in seinem Zimmer ist, weil die Wächter dies von ihm verlangen, denkt er:
Sie mochten jetzt, wenn sie wollten, zusehen, wie er zu einem Wandschränkchen ging, in dem
er einen guten Schnaps aufbewahrte, wie er ein Gläschen erst zum Ersatz des Frühstücks
leerte und wie er ein zweites Gläschen dazu bestimmte, sich Mut zu machen, das letztere nur
aus Vorsicht für den unwahrscheinlichen Fall, daß es nötig sein sollte.7
An dieser Stelle wird zwar auch nicht explizit von Angst gesprochen, jedoch implizit, indem
Josef K. denkt, sich Mut machen zu müssen. Er schränkt dies allerdings sogleich wieder ein,
indem er meint, dass es wohl nicht notwendig sein würde; diese übertriebene Betonung seines
Wohlbefindens und seiner Zuversicht (,,Er fühlte sich wohl und zuversichtlich"8) könnte man
aber auch als Indiz werten, dass es sich gerade umgekehrt verhält und er sich aufgrund seiner
Angst Mut einreden muss. Hier wäre dann ein Verdrängungsprozess aktiv, der nach Freuds
Psychoanalyse zu den Abwehrmechanismen zu zählen ist. Zweck der Verdrängung ist es,
Angst erzeugende Motivationen zu unterdrücken und aus dem bewussten Erleben ins
Unbewusste abzuschieben, in dem sie jedoch für das Verhalten des Menschen wirksam
bleiben.9
Nachdem Josef K. mit ,,[s]chulmäßige[n] Lehren" des Aufsehers konfrontiert wird, ist
immerhin eine Missgestimmtheit zu beobachten:
Er geriet in eine gewisse Aufregung, ging auf und ab, woran ihn niemand hinderte, schob
seine Manschetten zurück, befühlte die Brust, strich sein Haar zurecht [...].10
3 Kafka, Der Prozeß, S. 9, 10, 14.
4 ebd., S. 12.
5 Lessing, Emilia Galotti, 2. Aufzug, 6. Auftritt, S. 31.
6 Süskind, Das Parfum, S. 259.
7 Kafka, Der Prozeß, S. 17f.
8 ebd., S. 17.
9 Joachim Hasebrook: "Verdrängung," Microsoft® Encarta® Online-Enzyklopädie 2005.
10 Kafka, Der Prozeß, S. 22.
5
Auch ohne eine solch konkrete Benennung der Angst wie in
Emilia Galotti
oder
Das Parfum
ging es Kafka aber ohne Zweifel um die Darstellung und Thematisierung der Angst. Dies ist
nicht zuletzt daraus zu schließen, dass die Angst ein zentrales und sein eigenes Leben
bestimmendes Gefühl war. Elias Canetti zitiert Briefe, die Kafka an Felice Bauer verfasst hat,
in denen Kafka äußert, ,,daß nämlich Angst neben Gleichgültigkeit das Grundgefühl sei, das
er gegenüber Menschen habe."11 Gegenüber Milena Jesenská äußert er: ,,Es ist entwürdigend,
aber was soll ich tun, wenn mir statt des Herzens diese Angst im Leibe klopft?"12
Die Schwierigkeit, diese Angst zu greifen und zu artikulieren, kommt in einigen weiteren
Briefen Kafkas an Milena zum Ausdruck. Zum Beispiel, wenn er schreibt:
Den ganzen Tag war ich mit Deinen Briefen beschäftigt ... in ganz unbestimmter Angst vor
Unbestimmten, dessen Unbestimmtheit hauptsächlich darin besteht, daß es maßlos über meine
Kräfte hinausgeht.13
Unbestimmtheit ist also eine bedeutende Quelle der Angst für Kafka. Dieses Unwissen
darüber, welche Gestalt die Angst besitzt und wovor man sie überhaupt empfindet, sieht
Kafka als eine Ursache der Angst. In einem anderen Brief an Milena schreibt er über seine
Angst:
...sie ist...wirklich sonderbar, ihre innern Gesetze kenne ich nicht, nur ihre Hand an meiner
Gurgel kenne ich und das ist wirklich das Schrecklichste, was ich jemals erlebt habe oder
erleben könnte14
Honegger verbindet mit dieser von Kafka geäußerten Unbestimmtheit der Angst auch den
Grund für ihre schlechte Artikulierbarkeit. Er glaubt: ,,Unbestimmtes und Unüberblickbares
bedeutet aber Unartikuliertheit, Chaos, das sich der logischen Ordnung und Gesetzmäßigkeit
der Sprache nicht einordnet und von ihr nicht erfaßt werden kann."15 Wenn die konkreten
Begriffe ,Angst′ oder ,Furcht′ hier von Kafka nicht verwendet werden, heißt dies also nicht,
dass er sie nicht auf einem anderen Weg ausdrückt. Auch in der psychologischen Fachliteratur
wird Angst nicht klar von anderen Emotionen abgegrenzt, sondern wird im Zusammenhang
mit ihnen dargestellt. So sieht z.B. Stanley Rachman Unruhe als ein Symptom der Angst,
ebenso wie er die Erwartung einer gefährlichen oder unangenehmen Situation und einen
allgemeinen Erregungsanstieg als Teil der Angst wertet.16
Fasst man den Begriff Angst also etwas weiter und blickt zudem aufmerksam auf Symptome
der Angst, lassen sich im
Prozeß
doch einige Szenen ausmachen, in denen K. unter massiven
11 Canetti, Der andere Prozeß, S. 54f.
12 Brief an Mielena Jesenská, S. 87.
13 Ebd, S. 209.
14 Ebd., S. 113.
15 Honegger, Das Phänomen der Angst, S. 21.
16 Vgl. Rachman, Angst, S. 12.
6
Comments
No comments yet
Other users also were interested in the following titles:
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit - Formatvorlage / Vorlage für eine Hausarbeit für Microsoft Word
Author: GRIN VerlagPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2005 Download as PDF-file for 6,99 EUR
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit - Formatvorlage / Vorlage für eine Hausarbeit für OpenOffice.org
Author: GRIN VerlagPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2005 Download as PDF-file for 9,99 EUR
Formatvorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit / Vorlage zur Erstellung einer Hausarbeit
Author: Marco FeindlerPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2005 Download as PDF-file for 6,99 EUR
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Author: GRIN VerlagPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2008 Download as PDF-file for 6,99 EUR
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wissenschaftlichen Arbeit
Author: Zoran ZivkovicPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2004 Download as PDF-file for 5,99 EUR
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Author: Claudia NickelPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2006 Download as PDF-file for 4,99 EUR
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Author: Maik PhilippPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2004 Download as PDF-file for 5,99 EUR
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - Hausarbeiten - Seminararbeiten
Author: Mark RichterPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2008
This text can be quoted and accessed from this url: