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Subtitle: Versuch einer historischen, linguistischen und sozio-kulturellen Analyse
Termpaper, 2009, 38 Pages
Author: Esther Fischer
Subject: Cultural Studies
Details
Institution/College: University of Hagen (Fakultät für Kulturwissenschaften)
Year: 2009
Pages: 38
Grade: 1,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-35398-9
ISBN (Book): 978-3-640-35361-3
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Abstract
Die japanische Schrift ist eine der –wenn nicht die– komplexeste gebräuchliche Schrift, nicht zuletzt weil sie sich vier verschiedener Schriften bedient, einer logographischen, zwei Silben- und einer Alphabetenschrift. Das wirft natürlich die Frage auf, warum sich ein solches Schriftsystem bis heute gehalten hat und zugleich Bemühungen, die japanische Schrift auf ein Schriftsystem zu beschränken, gescheitert sind. Diese Fragen werde ich anhand dreier Aspekte beantworten: einem historischen, einem linguistischen und einem sozio-kulturellen. Im ersten Teil werde ich darlegen, erstens, wie die chinesische Schrift nach Japan gekommen ist und sich dort verbreitet hat, wobei ich auch Vergleiche zu anderen Verschriftungs- und Verschriftlichungsprozessen ziehen werde; zweitens, mit welchen Adaptionsstrategien diese Schrift an die japanische Sprache angepasst wurde, um die dabei entstandenen Probleme zu lösen; und drittens, wie Missionare die lateinische Schrift nach Japan gebracht haben, wobei ich ebenfalls erklären werde, warum im Gegensatz zu anderen Ländern hier der Versuch, das lateinische Alphabet einzuführen, keine Aussicht auf Erfolg haben konnte. Im zweiten Teil werde ich die vier verschiedenen Schriften und ihre Verwendung im Text vorstellen und dabei anhand ihrer Funktion darlegen, zu welchen Problemen ein Wechsel zu einem anderen Schriftsystem oder die Reduktion auf eines oder zwei führen würde. Hierbei werde ich auch Unterschiede zwischen dem Japanischen und anderen Sprachen und deren Auswirkungen auf die Verschriftung ansprechen. Im dritten Teil werde ich erläutern, welchen Stellenwert die japanische Sprache für ihr Volk hinsichtlich seines kulturellen Selbstverständnisses und seiner nationalen Identität hat. Ebenfalls werde ich darlegen, welche Versuche zu Schriftreformen es gab und warum einige gescheitert sind, während andere erfolgreich waren, wobei ich hier auch die japanische Situation mit der Koreas und Vietnams vergleichen werde. Zuletzt werde ich auf die Bedeutung des lateinischen Alphabets in den Massenmedien eingehen und auf dieser Basis darlegen, wie sich die Japaner in der Weltgemeinschaft sehen und inwieweit diese Sichtweise mit der japanischen Sprache und Schrift verknüpft ist. Am Ende werde ich sämtliche Ergebnisse aus allen drei Teilen zusammenfassen und auf dieser Grundlage die eingangs gestellte Frage, warum sich dieses hochkomplexe Schriftsystem in Japan bis heute bewährt hat, in Bezug auf die drei erwähnten Aspekte beantworten.
Excerpt (computer-generated)
Hausarbeit in:
Modul G2 (Geschichte der Schriftkultur)
Kurs 34202 (Europäische Expansion und außereuropäische Schriftkulturen)
Schrift und Schriftkultur in Japan
Versuch einer historischen, linguistischen und sozio-kulturellen Analyse
Esther Fischer
Studiengang: B.A. Kulturwissenschaften (mit Fachschwerpunkt)
WS 2008/09
Vorbemerkungen
Ein * am Ende eines Wortes bedeutet, dass es zu diesem Begriff eine Erläuterung in
Teil
D Glossar
gibt.
(Abb. #) bedeutet, dass sich zu diesem Thema eine Abbildung unter der
entsprechenden Nummer in Teil
E Anhang: Bilder
befindet. Sämtliche Bilder sind
Eigenaufnahmen.
2
Inhaltsverzeichnis
A Einleitung: Al gemeines zur japanischen Schrift und ihrer Problematik 4
B. I Geschichtlicher Überblick über die Schriftentwicklung 6
B. I. 1 Übernahme der chinesischen Schriftzeichen als Beginn des
Verschriftungsprozesses 6
B. I. 2 Entwicklung der Silbenschriften Katakana und Hiragana 10
B. I. 3 Einführung der lateinischen Schrift 11
B. I. 4 Moderne westliche Einflüsse auf die Schriftentwicklung 12
B. II Linguistische Analyse der verschiedenen Schriftsysteme 14
B. II. 1 Kanji als Bedeutungsträger: logographische Schrift 14
B. II. 2 Kana: phonographische Silbenschrift 16
B. II. 3 Lateinische Buchstaben und Zahlen 18
B. III Sozio-kulturel e Aspekte hinsichtlich der japanischen Sprache und Schrift .. 20
B. III. 1 Die Bedeutung der japanischen Sprache und Schrift für die Japaner 20
B. III. 2 Reformwil en und -unwil en als Spiegel des National-bewusstseins 22
B. III. 3 Der Gebrauch von fremdsprachlichen Ausdrücken und ihre Wirkung ... 26
C Zusammenfassung und Ausblick 29
D Glossar 31
E Anhang: Bilder 35
F Literatur- und Quel enverzeichnis
3
A Einleitung: Allgemeines zur japanischen Schrift und ihrer Problematik
,,Wie viel eicht keine andere Sprache ist das Japanische in seiner Geschichte durch
Einflüsse der Schrift bestimmt worden." 1 schreibt Florian Coulmas über die
japanische Schrift.
Die japanische Schrift ist trotz al er Reformen und Reformversuche eine der, wenn
nicht die komplexeste noch gebräuchliche Schrift, nicht zuletzt weil sie sich vier
verschiedener Schriftsysteme bedient, einer logographischen Schrift, die zudem
noch kontextabhängig ver-schiedene Lesarten beinhaltet, zweier Silbenschriften und
einer Alphabetenschrift2. Japanische Schüler und Studenten verwenden im Vergleich
zum Westen mehr Zeit auf das Lernen und Studieren al ein aufgrund der
Schwierigkeit, die das Erlernen einer solchen Schrift und insbesondere der für jeden
Fachbereich spezifischen Kanji* mit sich bringt. Ferner ist das heute übliche
Schreiben am Computer ungleich zeitraubender für einen Japaner, da dieser jedes
Wort zuerst in Kana*-Schreibweise eingeben muss, um dann aus einer oftmals bis zu
zehn Elemente langen Liste das bzw. die richtige(n) Kanji* auszuwählen.
Al dies wirft natürlich insbesondere von einem europäischen Standpunkt aus
gesehen die Frage auf, warum sich ein solches Schriftsystem bis heute gehalten
hat und warum Versuche, die japanische Schrift auf ein einziges Schriftsystem zu
reduzieren, sei es z.B. auf ein originär japanisches, wie dies vergleichsweise in
Korea mit Einführung der Hangul-Schrift geschehen ist, oder alternativ durch
Übernahme des lateinischen Alphabets wie etwa in Vietnam geschehen, kaum
Chancen auf Erfolg hatten und haben. Die Gründe hierfür werden wir im
nachfolgenden anhand dreier Aspekte betrachten: erstens, anhand einer historischen
Einführung zur Entstehung und Entwicklung al er vier Schriftsysteme, wobei wir auch
stel enweise Vergleiche zu Verschriftungs- und Verschriftlichungsprozessen in
anderen Ländern ziehen werden; zweitens, anhand einer Analyse der einzelnen
Schriftsysteme und ihres jeweiligen Stel enwerts in einem japanischen Text, wobei
wir wiederum Vergleiche mit anderen Sprachen und Schriften anstel en werden;
sowie drittens, anhand einer sozio-kulturel en Analyse der Bedeutung der
1 Zitiert nach: Coulmas 1982, S. 78
2 Klassischerweise spricht man von drei Schriftsystemen unter Ausschluss des Alphabets; diese Ansicht ist
jedoch m.E. überholt. Manchmal wird auch die Romaji*-Schrift als viertes Schriftsystem benannt, dies ist jedoch
ebenfalls nicht richtig (s. hierzu Kapitel
B.II.3
,
B.III.3
und
D Glossar: Romaji
).
4
japanischen Sprache und Schrift für die Japaner und deren Auswirkungen auf
etwaige Reformierungsüberlegungen.
Abschließend werden wir dann auf dieser Basis versuchen, die eingangs gestel te
Frage, warum sich eine derart komplexe Schrift etabliert und bis heute gehalten hat,
beantworten.
5
B. I Geschichtlicher Überblick über die Schriftentwicklung
Um eine Schrift, ihre Funktion und Bedeutung in ihrer heutigen Form verstehen und
beurteilen zu können, muss zual ererst ihre historische Genese betrachtet werden.
Dies ist insbesondere bei einer Schrift wie der japanischen der Fal , deren
Entwicklung so stark mit der japanischen Kultur und nationalen Identität verbunden
ist. Daher werde ich in diesem ersten Kapitel die Entstehung und Entwicklung al er
vier Schriftsysteme vorstel en.
B. I. 1 Übernahme der chinesischen Schriftzeichen als Beginn des
Verschriftungsprozesses
Es kann nicht mit absoluter Sicherheit gesagt werden, wann zum ersten Mal Schrift
in Japan verwendet worden ist. Die ältesten beschrifteten Artefakte, die in Japan
gefunden wurden, sind chinesische Münzen, die zwischen 8 und 25 n.Chr. geprägt
worden sind.3 Ebenfal s gibt es Hinweise auf Schriftelemente in Form von Inschriften
auf Schwertern oder Spiegeln, die vor dem 4. Jh. aus China oder Korea eingeführt
worden sind.4 Gewiss ist jedoch, dass die Japaner keine eigene Schrift hatten, bevor
diese aus China wahrscheinlich über Korea importiert worden ist; dabei wurden
wohl Kopien der Konfuzianischen Klassiker von koreanischen Reisenden im 4./5.5
Jh. nach Japan gebracht.6 Offiziel en Aufzeichnungen zufolge wurden aber erstmals
im Jahr 531 dem japanischen Kaiser Kinmei vom König von Paekche (Teil des
heutigen Korea) buddhistische Schriften und Bilder präsentiert. Von da an strömte
immer mehr Literatur nach Japan und der Buddhismus verbreitete sich in weiten
Teilen des Landes. Die aus China importierten buddhistischen und konfuzianischen
Schriften wurden vervielfältigt und damit wurde auch die damals führende
chinesische Kultur und Schrift adaptiert. 7 In diesem lange währenden Prozess
wurden dieselben Hanzi* teilweise nicht nur einmal, sondern sogar mehrmals zu
verschiedenen Zeitpunkten zwischen dem 5. und 14. Jh. nach Japan importiert.8 Im
5. und 6. Jh. wurden chinesische Bücher sowie chinesische Übersetzungen von
3 Seeley 1991, S. 9
4 Habein 1984, S. 7f
5 Anderen Quel en zufolge geschah dies bereits im 3. Jh. (vgl. Lewald 1997, S. 33f)
6 Hosking 1966, S. 45f, u.a.
7 ebd.
8 Graap 1993, S. 67
6
Sanskrit-Arbeiten zum Buddhismus nach Japan gebracht und dort studiert.9 Im 7. Jh.
finden sich erstmals von Japanern verfasste Schriftzeugnisse, geschrieben in Kabun,
einem chinesischen Schreibstil nach dem Vorbild des klassischen Chinesisch. 10
Ursprünglich war nur der Adel an der Schrift interessiert; die eigentliche Verbreitung
der Schrift unter der Bevölkerung begann um das Jahr 600, nachdem der japanische
Kronprinz Shotoku-taishi den Buddhismus zur Staatsreligion erklärt hatte. Da das
buddhistische Gedankengut jedoch in Hanzi* geschrieben war und so nur einer
Minderheit zugänglich war, mussten diese Hanzi* auf sinngleiche Wörter der eigenen
Sprache übertragen werden. Dieser systematische Prozess der Umwandlung der
Hanzi* in Kanji* wurde etwa um das 8. Jh. abgeschlossen.11
Hierbei sol te erwähnt werden, dass die chinesische Schrift damals ,,einer der
Kristal isationspunkte asiatischer Kultur" 12 war und diese daher aufgrund der
kulturel en und ökonomischen Vorherrschaft Chinas von mehreren ost- und
südostasiatischen Ländern übernommen wurde, wo sie auf keine bestehende
Schrifttradition stieß.13
Es zeigte sich jedoch bald nach der Einführung der Hanzi*, dass diese für die
Niederschrift der japanischen Sprache eher ungeeignet waren, da das Japanische
(ebenso wie das Koreanische und das Vietnamesische, die ebenfal s die chinesische
Schrift übernommen hatten) im Gegensatz zum Chinesischen eine agglutinierende
Sprache ist, wodurch es zu grammatischen Problemen bei der Adaption kam.14
Darüberhinaus war15 das Chinesische eine monosyl abische, das Japanische jedoch
eine polysyl abische Sprache, was eine solche Übernahme ebenfal s erschwerte.16
Aus diesen Gründen wurden die Hanzi* wohl auch anfangs in Japan nur dazu
9 Habein 1984, S. 8
10 ebd.
11 Lewald 1997, S. 33f
12 Zitiert nach: Coulmas 1982, S. 62
13 ebd.
14 ebd.
15 Erst in der Neuzeit, als neue Begriffe, insbesondere aus dem Westen, in die chinesische Sprache einflossen,
entstanden auch zwei- und, seltener, drei- oder mehrsilbige Wörter, die im Wesentlichen Zusammensetzungen
einsilbiger Hanzi* sind.
16 Stalph 1985, S. 8
7
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