Autor: M.A. Frank Nitschke
Fach: Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Details
Institution/Hochschule: Friedrich-Schiller-Universität Jena (Medienwissenschaft)
Tags: Ästhetik Adorno das Nichtidentische
Jahr: 2003
Seiten: 30
Note: 2
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 311 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-18705-3
In diesem Seminar wurden die bestimmenden Theorien und Zugänge zur Ästhetik als Wissenschaft verhandelt. ich gehe in meiner HA auf Adornos Ästhetische Theorie, die posthum veröffentlicht wurde, näher ein und beschäftige mich mit dem teleologischen Moment seiner Arbeit, die seine kritische Theorie (Frankfurter Schule)eigentlich relativiert, und die fatalistische Perspektive dieser, durch einen katharsischen Charakter der Kunst, gewissermaßen aus der Einbahnstraße der bewiesenen Dialektik der Vernunft zu führen weiß.
Textauszug (computergeneriert)
Adorno und der Ozean
Oder: Die Notwendigkeit von Ästhetik
Inhaltsverzeichnis:
Einleitung: S.3
Affirmation S.4
Das Nichtidentische S.5
Kunst und Autonomie S.7
Autonomes Wesen und sozialer Akt S.8
instrumentelle Rationalität S.10
Identität S.11
Angst S.11
Aufklärung S.13
Kritische Ästhetik S.14
Leiden S.15
Ästhetische Identifikation und Genuß S.16
Wahrhaftigkeit in Kunst und Sprache S.18
Mimesis S.20
Das Schöne, Rückblick S.21
Kunstbegriff im Wandel der Zeit: S.23
Adorno und der Ozean S.26
Literaturliste S.28
Adorno und der Ozean
Oder: Die Notwendigkeit von Ästhetik
„Jenes nicht der Fall Seiende an der Kunst zu denken, ist die Nötigung zur Ästhetik“1 Jetzt, wo ich dabei bin diese Hausarbeit bin abzuschließen, das Licht ausmache, die Fenster schließe, stelle ich fest, wie viel Einblick mir Adorno gebracht hat. Ausgerechnet Adorno, dessen kryptische Wahrheiten oft so sehr diffundieren, dass man beim Versuch eines strukturierenden Nachvollziehens schnell zum Sisyphos geriert. Wie oft ist mir der Sinn nach drei Seiten wieder runtergrollt? So ist es weniger Adornos Argumentationskette, die fragmentarisch und aphoristisch bisweilen regelrecht in Wortartistik ausartet, als vielmehr sein Endziel, worauf Kunst zu zielen vermag, was mich begeistert. Das Wesen seiner Teleologie hat mich jedoch am meisten angeregt. Vielleicht sah Adorno sich ein klein wenig selbst als Künstler. Die Wahl seiner sprachlichen Mittel ließen diesen Deutungsversuch durchaus zu, was mich jedoch überzeugt, ist das Ergebnis meiner Lektüre, so wie sie auch nach Kunstkontakt stehen könnte, als Ahnung eines neuen Deutungshorizont. Gerade in heutigen Zeiten fehlender Visionen, völliger Abgeklärtheit und zynischer Gestaltung des „globalen Dorfes“ tut es gut, sich eines kritischen Rüstzeugs zu versichern, aber auch den Fatalismus gegen eine positivere Weitsicht zu tauschen. Ich werde Adornos „Ästhetische Theorie“ im folgenden skizzieren und Parallelen zu anderen transzendental orientierten ästhetischen Theorien2 nachweisen und damit auf die außergewöhnliche Kraft von Kunst und von Schönheit hinweisen, weil ich es für eine wichtige Komponente des eigenen Erfahrungs- und Deutungshorizontes halte und dessen Wirkungsmacht viel größere Beachtung, z.B. in der heutigen Pädagogik, erfahren sollte. Trotz der totalen Bilderoffensive der marktwirtschaftstreibenden Marketingsysteme empfinde ich das Schöne und Kunst immer noch als Anderes3. Sich dieser Tatsache bewusst zu werden, bedeutet auch, den abgestumpften Panzer der Wahrnehmung um sich selbst lüften zu können und den eigenen Erfahrungshorizont zu erweitern.
Affirmation
„Ungewiß, ob Kunst überhaupt noch möglich sei [..].“4 Die Barbarei, welche der Aufklärung folgte und im kalten Krieg, selbst im geschichtlichen Bewußtsein um die beiden großen Kriege dieser Welt, auch nicht wirklich überwunden wurde, ist sicherlich mitbestimmend für Adornos und auch Horkheimers kritischer Einstellung zu dem, was Vernunft wurde und werden sollte. Es lastet nun nicht mehr nur die Enttäuschung jener uneingelösten Ziele der humanistischen Idee, sondern auch ihre „Unnaivität“5 und eine „ästhetische Ungewissheit“ existenzialistischer Natur auf ihr.
Besonders die Unmöglichkeit eines adäquaten (zwangsläufig ästhetischen) Ausdrucks für das erlittene Leid durch die Nazis im Angesicht der Notwendigkeit von Expression, ist unauflösbares Dilemma für Adorno.
Diese Unnaivität6, und da ist Hegel beizupflichten, hat über all die Dekaden7 Kunst auch mitbestimmt: „Was [...] die Würdigkeit der Kunst betrifft [...], so ist es allerdings der Fall, dass die Kunst als ein flüchtiges Spiel gebraucht werden kann, dem Vergnügen und der Unterhaltung zu dienen, unsere Umgebung zu verzieren, dem Äußeren der Lebensverhältnisse Gefälligkeit zu geben und durch Schmuck andere Gegenstände herauszuheben.“8
Adorno legt einen Wesenszug frei, auf dem Kunst fußt, die Affirmation9. Eine Affirmation die nicht mehr sein darf, nachdem was sich abspielte, auch im Beisein der Kunst. Zuspruch und Bejahung, und damit eigentlich wieder jene konservierende Achse, um die Adornos Thesen sich in vielem drehen und auszumachen sind, keine Weltformel, sondern ein Faktor.
Kunst ist stets auch Gedächtnis der Kultur gewesen, Logbuch, oftmals sogar wahrhaftiger als jede Geschichtschronik, Richter und Gewissen (gewesen), freilich Ihre „ästhetische Distanz zur Wirklichkeit“10 lässt Adorno sozusagen die Vertrauensfrage stellen und analysieren, wann Kunst noch ist und was sie noch auszurichten vermag.
Der Zwangscharakter der Aufklärung selbst bestätigt Adorno in seinem Willen zur Dialektik: „Wie die Mythen schon Aufklärung vollziehen, so verstrickt Aufklärung mit jedem ihrer Schritte tiefer sich in Mythologie. Allen Stoff empfängt sie von den Mythen, um sie zu zerstören, und als Richtende gerät sie in den mythischen Bann.“11 Dieser vortreffliche Satz sieht sich z.B. im politischen Tagesgeschehen immer wieder aufs Neue bestätigt.
Das Nichtidentische
[...]
1 T.W. Adorno Ästhetische Theorie, Bd.7, Ges. Schriften, Suhrkamp Ff/M. 1970, S.499 [im folgenden mit ÄT bez.]
2 ohne in Esoterik abzugleiten
3 leider habe ich keine Erfahrung mit Autoerotik und frage mich wie schöne Frauen das aushalten [Bitte um Verzeihung für diesen Exkurs, ist aber ehrlich gemeint]
4 Hrg. L.Wiesing In: philosophische Ästhetik: T.W.Adorno Kunst als Ideologiekritik,, Druckhaus Aschendorff, Münster 1992, S. 234
5 ebd.
6 was ist wirklich das Gegenteil von Naivität? Berechnung?
7 Von einer Vergeistigung der Kunst kann man ab der zweiten Hälfte des 18. Jh. sprechen
8 Hrg. L.Wiesing philosophische Ästhetik: G.W.F.Hegel Ästhetik als Philosophie der Kunst, Druckhaus Aschendorff, Münster 1992, S. 154
9 nicht zuletzt ist Design eine hybride Form, hoch affirmativ aber bisweilen auch dissonant erst im Zuge der Aufklärung dessen bewusst geworden, doch immer schon Einstellungen festhielt.
10 B. Scheer, Einführung in die ästhetische Philosophie, Primus Verlag Darmstadt 1997, S.170 [im folgenden mit EäP bezeichnet] 11 T.W.Adorno Negative Dialektik, Suhrkamp, Ff/M. 1966 S.28
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